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Israelitisches Predigt-Magazin · 1876-05-01 · 8-9 (5.1876) Mai-Juni · p. Seite 254

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Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
2 (1875-1876)
Issue
8-9 (5.1876) Mai-Juni
Date
1876-05-01
Page
Seite 254 (sequence 42)
Language
German
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mm — 254 — scheu der Erde". — Bescheidenheit — wer wollte dies noch bezweifeln?— ist ein gar köstlich Gut. Ist sie es doch, welche uns von der Vergötterung unserer Kräfte und Fähigkeiten zurückhült, lehrt sie uns doch mit eindringlicher Stimme, daß wir uns vor Ueberschätzung unserer Gaben und Leistungen zu hüten haben, macht sie uns doch mit der ersten großen Bedingung vertraut, welche zur Erkenntniß der Wahrheit führt. Willst du die Wahrheit erkennen, o Mensch — so ruft sie uns zu — dann mußt du dich vor Allem von Verblendung und Selbstüberhebung frei machen. Denn nur so kannst du die Leiter erklimmen, welche zu den lichten Höhen der Wahrheit führt, nur so kann dir Verständniß zufließen für den gewichtigen Satz: Mensch, erkenne dich selbst!" Schön und sinnig haben unsere Weisen die Bescheidenheit gepriesen. Zwei köstliche Güter — so ungefähr drücken sie sich aus — zwei Güter adeln vorzugsweise den Menschen, sie heißen: Weisheit und Bescheidenheit. Wie steht es aber um den Werth dieser Güter, in welchem Verhältnisse stehen sie zu einander? Von der Weisheit heißt es: ראשית הכמה יראת ה׳ ״Das Haupt der Weisheit, ihre vorzüglichste Wirkung, ihr höchster Grad besteht in der Gottesfurcht." (Ps. 109, 10.) Von der Bescheidenheit heißt es dagegen: ״ עקב ענוה יראת ה׳Schon die Fers e der Bescheidenheit, schon ihre geringfügigste Wirkung, schon ihr niedrigster Grad führt zu Gottesfurcht, führt zum höchsten Grade der Erkenntniß, führt zum Haupte der Weisheit." (Prov. XXII, 10.) Wenn es demnach feinem Zweifel mehr unterliegen kann, daß Bescheidenheit uns frommet, daß wir alles Ernstes der Bescheidenheit uns befleißigen müssen; tritt nunmehr die Frage in den Vordergrund unserer Betrachtung: ״Wie und in welcher Weise frommet uns Bescheidenheit? Dürfen wir uns ihr ganz unbedingt und ohne jeglichen Rückhalt hingeben? Oder hat sie vielleicht auch ihre Grenzen?" — So wir unseres hohen Zieles!licht verfehlen wollen, so wir in Wahrheit unsere größtmögliche geistige und sittliche Vervollkommnung auf Erden anstreben; dürfen wir uns nicht unbedingt und rückhaltlos ihr überlassen. Auch sie hat ihre Grenzen, ihre genau abgemessenen Grenzen, so fern wir uns vor dem Fehler sichern wollen, unsere Kräfte und Fähigkeiten zu unterschätzen. Es hat Menschen gegeben, m. F., und die Geschichte hat sie gerichtet, welche der Bescheidenheit, vielleicht von ihrer Schönheit angelockt, einen zu hohen Werth beimaßen, welche sich ihr blindlings in die Arme war- ״:JU.- ׳•''-■/'*י!

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