Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 3 (1877)
- Issue
- 3 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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236 Wenn ich einen Zug nennen soll, der den Grundzug seines Wesens bildete und der alle übrigen erklärt, so ist dies jene höchste menschliche Tugend, die Wahrhaftigkeit. Er gab sich wie er war, und er war ehrlich durch und durch, er war ein Freund der Wahrheit, und er haßte die Lüge. Er haßte sie so sehr, daß er darum oft die glatte, trügerische Form verschmähte, welche die Gesellschaft fordert. Kein Wunder, wenn er dadurch zuweilen befremdete, kein Wunder, das in einer Zeit, der das Compliment und die Rücksicht über die Wahrheit steht. Ihm stand die Wahrheit höher und er lieh ihr nicht bloß überall Worte, sondern was mehr ist, auch Gehör. Und wer da meint, daß diese scheinbare Gleichgültigkeit mehr als bloß die Außenseüe seines Wesens bedeutete, der hat ihn schlecht gekannt. Rein, hinter dieser Außenseite barg er ein empfindungsvolles Gemüth, ein Herz voll Liebe und Innigkeit. Ein Herz voll Liebe und Innigkeit, das trug er der Gattin entgegen, die ihm vorausgegangen in die Seligkeit und deren Andenken unsere Gemeinde segnet; ein Herz voll Liebe und Innigkeit, das schenkte er dem wackern Sohne, der edlen Schwiegertochter, dem Schwiegersöhne und den Enkelkindern, die in ihm den zärtlichsten Vater und Großvater verlieren; ein Herz voll Liebe und Innigkeit, das verband ihn selbst nach jahrelanger Trennung noch enge mit den Brüdern und Verwandten. Und wie Vielen war er Vater und Bruder, denen er es nicht durch Geburt, aber durch seine Theilnahme, durch seine Wohlthätigkeit war! Seinen Rath, den vielbegehrten, den gab er gern und willig; aber er fand sich damit nicht ab bei der Welt, er theilte auch von seinen Schätzen, womit ihn Gott gesegnet, gern und mit vollen Händen aus. Ich sage nichts von einzelnen Stiftungen, die er gemacht, — sie bezeichnen fast Jahr für Jahr seines Lebens, — keine Wohlthätigkeitsanftalt kann seinen Namen je vergessen, überall wo die Stadt und die Gemeinde ihre Mitglieder zur Mildthätigkeit aufriefen, da folgte er dem Rufe einer der Ersten, ja in dieser Richtung ist sein Name sprichwörtlich geworden, als den Wohl-