Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 3 (1877)
- Issue
- 3 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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187 ,A Ja, m. a. Z., ׳גמילות חסדים Wohlthätigkeit, das ist das dritte und letzte, aber auch das Hauptglied in der Reihenfolge der Säulen, die das Baugefüge unseres Glaubens stützen. Die ersten beiden Säulen konnten wohl zuweilen wanken und schwanken, das Lrcht der Lehre und Erkenntniß konnte wohl eine kurze Zeit verdunkelt werden, der Gottesdienst konnte wohl mit der Einäscherung des heiligen Tempels eine kurze Störung erleiden, — die dntte Säule aber konnte nimmer wanken in der Mitte Israels. הלא זה אוד מצל מאש ״Siehe, hier ist das Scheit, gerettet aus dem Feuer!"*) Aus den Flammen des rauchenden Tempels, mit dem die Stützen des alten Gottesdienstes zusammenstürzten, hat sich Israel die Menschenliebe gerettet, und mit dieser Menschenliebe, die in den Flammen des Altars nicht mitverbrannt, sondern erst recht gehärtet und gestählt worden ist, ist die Lehre und Erkenntniß erst recht im Volke lebendig geworden, ist ein neuer Gottesdienst in Israel erstanden, auf dem die Flamme nie ausgeht, sondern wie ein reiner, lieblicher Opferduft zum Herrn emporsteigt. Diese Menschenliebe, ich rede hier nicht vom Wohlthun der Einzelnen, sondern von der gemeinsamen Wohlthätigkeit, wie sie in jüdischen Gemeinden zu allen Zeiten heimisch war, — diese Menschenliebe hat es bewirkt, daß das Israel in der Zerstreuung, auf der Wanderung über die ganze Erde, überall, wo es nur seinen Fuß hinsetzen konnte, nicht blos sofort eine Gemeinde bildete, nicht nur Kanzeln errichtete zur Verbreitung seiner Lehre und Erkenntniß, nicht nur Gotteshäuser baute zur Abhaltung seines Gottesdienstes, — sondern auch sofort gemeinnützige und wohlthätige Anstalten für Armen- und Krankenliebe, für Versorgung der Wittwen und Erziehung der Waisen in seinem Schooße ins Leben rief. Ja, m. a. Z., die Geschichte der dunkelsten Verfolgungszeit Israels ist zugleich auch die Geschichte seiner hellstrahlenden Menschenliebe, — und wenn heutzutage auch der finstere Geist der Unduldsamkeit und Lieblosigkeit gegen Js- *) Sachar. 3, 2.