Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 3 (1877)
- Issue
- 2 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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159 bem Wege müde stehen bleiben und wie in seinen Gedanken Alles bereits fertig war, hat er am Ende wenig oder nichts gethan. Als Beweis hierfür nehmen wir das heute bereits vielfach erwähnte Beispiel. Man hat in neuerer Zeit den Fortschritt gekündet. Natürlich hat ihn der bessere Theil der Judenschaft freudig begrüßt. Aber die sonst so berechnenden Menschen haben hier zu rechnen vergessen, daß nicht Alle/ die sich Juden nennen, für den Fortschritt reif sind, und daß, wenn man die Gesammtheit des Judenthums für ihn Hütte gewinnen wollen, man langsam Schritt für Schritt hätte vorwärts gehen müssen. Das hat man nicht gethan. Die Einen rannten mit Sturmeseile dem Fortschritt in die Arme, die Andern blieben träge zurück, bis ihnen von gewisser Seite Furcht und Schrecken eingejagt wurde und man zu prophezeihen anfing: der erste Schritt nach vorwärts, sei der sichere Tod des Judenthums. Die Prophezeihung hat sich bis heute nicht erfüllt, wird sich auch nicht erfüllen; aber der Fortschritt ist durch den Uebereifer halb geblieben und da, wo er besteht, muß man wachsam sein, daß man ihn am Leben erhalte. Denn der erste Uebereifer kühlt bald ab, Abfpannung tritt ein, Gleichgültigkeit folgt ihr. Ein am Uebereiser gescheitertes Werk habt auch ihr, m. A., in eurem Gemeindeleben zu verzeichnen. Vor Jahren seit ihr nach vielen langen Reden und nach der vollkommenen Ueberzeugung von der Nothwendigkeit an den Tempelbau gegangen. Da kam wohl in der löblichen Absicht der Uebereifer, der Alles besser als gut macherl wollte und entwarf riesige unausführbare Pläne und — der Tempel ward zerstört, bevor noch ein Stein zu seinem Grunde gelegt worden war. Diese Stärke und diese Schwäche im jüdischen Charakter, mögen für diejenigen, die die Göttlichkeit der Offenbarung leugnen die Ursache abgeben, warum gerade dieses Volk Israel sich bereit erklärt hat, die Thora mit ihren Gesetzen und Geboten zu übernehnren, warum dieses Volk zuerst die Erkenntniß eines Gottes, zuerst eine vernüllftige Religion hatte. Es liegt das in der Raschheit seines Geistes, in der schnellen Empfang-