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Israelitisches Predigt-Magazin · 1877-01-01 · 2 (1877) · p. Seite 155

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Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
3 (1877)
Issue
2 (1877)
Date
1877-01-01
Page
Seite 155 (sequence 67)
Language
German
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155 zu erklären. Würden wir heute zu denen sprechen, denen Religion und Glaube noch heilig sind, wir würden sagen: Seht, wir finden für die genannten Thalsachen keinen für uns begreifiichen Grund, sie müssen auf übernatürlichem Wege, also hier durch unmittelbare Einwirkung Gottes zu Stande gekommen sein, — aber zu denen sprechen wir jetzt nicht, und die Menge von Zweiflern und Leugnern giebt sich damit nicht zufrieden. Darum wollen wir es versuchen, in dem Charakter des jüdischen Volkes, in seiner natürlichen Geistesanlage den Grund hierfür zu suchen. — In dem Charakter des jüdischen Volkes liegt ein Gemisch von S t är k e und S ch w ä ch e. In seinem Geiste herrscht eine Art von Festigkeit, Zähigkeit, Unnachgiebigkeit und dennoch wieder eine Art von Weichheit, Gleichgiltigkeit, Leichtsinn. Der Jude ist ein strenger Kritiker, er urtheilt scharf, er ist überlegt, berechnet. Er ist so berechnet, daß man manchmal glaubt, er sei vom Scheitel bis zur Zehe aus lauter Einmaleins, aus lauter Zahlen zusammengesetzt, und daß jeder Gedanke, jede Miene, jeder Blick eine Ziffer sei. Bei diesem kalten, berechneten Wesen, bei dieser Vorliebe für Ziffer sollte man meinen, er habe kein Interesse für all' das, was um ihn Her vorgeht, nämlich für all' das, was er in seiner Rechnung nicht unterbringen kann; man sollte meinen, er stehe theilnahmslos da und habe nicht Sinn, nicht für die Schönheit der Natur, nicht für das rege Schaffen und Treiben des Menschengeistes, man sollte meinen, es fehle ihm der ästhetische Sinn, daß Geschmack ihm abgehe, daß er kein Gefühl für Geistesschönheit habe-das Alles ist falsch. Es scheint manchmal bei dem Juden, wie wenn er zwei Seelen, zwei Menschen in sich trüge. Der eine Mensch ist hart, streng, unnachgiebig, kühl, kalt, verschloffen, der andere für Alles empfänglich, gefühlvoll, warm, nachgiebig, voll Erbarmen, voll des Mitleids. Man kann das alle Tage beobachten. Während der Jude seine Verhältniffe kennt, seine Lage prüft, der Noth des Lebens mit allen möglichen Mitteln abzuhelsen sucht, hält er anderseits Augen und Ohren offen, um zu hören, was es, trotz Salomo, Neues unter der Sonne gebe,

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