Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 3 (1877)
- Issue
- 1 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9616701-9617072-9616729--0834-9616804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
75 genügte ihm nicht, uns vom Katheder herab die Schätze seines Wissens mitzutheilen, nein! er nahm uns wie Freunde, wie Kinder seines Hauses aus, er lebte mit uns. An seinem Tische, an seiner Seite, da sand sich noch mehr Gelegenheitz uns an den Strahlen seines Geistes zu erwärmen, hier öffneten sich die Herzen seiner Schüler, um mit unauslöschlichen % Zügen das Bild seines großen Charakters in sich aufzunehmen. Hier ward uns klar, die Bedeutung jenes alten Spruches: כל הנהנה מסעודה שתלמיד הכם ובי כאילו נהנה'מזיו השבעה ״wer von dem Mahle genießt, an dem ein Weiser Theil nimmt, ihm ist zu Muthe, als hätte er sich am Abglanze der Herrlichkeit des Ewigen gelabt." Und welche Richtung hat uns Frankel im Glauben gegeben? Keine, die sich durch ein beliebtes Schlagwort bezeichnen ließe. Wie er selbst verschiedene Richtungen des Denkens und Lebens harmonisch vereirügte, so warnte er auch seine Jünger vor jeder Einseitigkeit. Er hat uns durch Lehre und Beispiel Liebe zum Judenthum, zu dem Judenthum, das den Vätern heilig gewesen, eingeflößt, er hat uns aber auch, wenn es die Zeit erforderte, durch Einführung in die Quellen unserer Religion in den Stand gesetzt, auf den Grundlagen des historischen und positiven Indenthunis fortzubauerr. War er doch selbst dem besonnenen religiöser: Fortschritt nicht abgeneigt, nur wollte er, daß seine Jünger wie er selbst die Forderungen der Zeit gewissenhaft prüften, daß sie sich benrühten, ihre Zeit bis auf den Grund zu erkennen, um an der Hand ihrer eigenen Lebenserfahrungen, wie ans dem, was Geschichte und Wissenschaft des Judenthurns für alle Zeiten lehrt, den Ausgleich zwischen dem Leben und dem religiösen Herkommen zu treffen. Und wenn der Jünger von ihm schied, wenn ec hinauszog in's praktische Leben, sein Geist begleitete ihn auch dahin mit väterlicher Sorge, aus der Ferne noch war er bemüht, mit Rath und That beizustehen, darun: besaß auch Frankel in hohem Grade die Liebe seiner Schüler. Was sage ich: er besaß sie? Er besitzt sie noch. Heilig, unauslöschlich ist uns sein Andenken. Nicht bedarf es des ehernen 4