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Jüdische Wochenschau · 1968-12-06 · 2297 (6.12.1968) · p. [Seite 5]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
29 (1968)
Issue
2297 (6.12.1968)
Date
1968-12-06
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German, Spanish
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Vhww, 9 de fXeiembve de WÎS JÜDISCH'*: WOCHENSCHA« h* mi — 5 Ereignisse (Fortsetzung der Ereignisse der Woche von Seite 4) ien haben. Sicherlich hat jeder Politiker das Recht, seine eigenen Meinungen zu formulieren, und jeder andere kann ihm widersprechen. Deswegen waren die Ausführungen kl „posieiön“ auch für diejenigen interesaant, die sie nicht teilen. — Leo Schenkolewski s. A Unsere Gemeinschaft hat mit Herrn Leo Schenkolewski s. A. wiederum einen Menschen verloren, der für ihren Aufbau von unseren Anfängen an wichtig gewesen ist. Dieser tieffromme Mann, der mit Energie Wd einem grossen Wissen seinen religiösen Standpunkt überall vertrat, hat auch über den Rahmen seiner eigenen Gemeinde und seines unmittelbaren Wir. kungskreises auf die Entwicklung unserer Gemeinschaft Einfluss genommen, die ihm stets ein ehrendes und dankbares Gedenken bewahren wird. — Von der Centra Ueber den letzten CEN- TRA-Kongress, der Anfang November in Porto Alegre (Brasilien stattgefunden hat, berichteten einige der Kongressteilnehmer auf einer Veranstaltung die von den Centra-Organisationen in Buenos Aires gemeinsam durchgeführt worden ist. Trotz unerträglicher Hitze waren zahlreiche Interessierte erschienen, die von Herrn Robert Frank, dem Vorsitzenden von Bet Israel, begruss* worden sind. V Die Heren Manfred AifP pach, Präsident der ACIBA, Curt Wilk Referent für das Leo Baeck-Institut_ Hans Leschnitzer aus Montevideo, der Vizepräsident der Centra, und Manfred Lewin gaben eine anschauliche und lebhafte Schilderung des Ablaufs des Kongresses, seiner Referate, Debatten und Auseinandersetzungen, wobei die Haltung der Jugend als besonders erfreulich dargestell ■ und hervorgehoben wurde. — Manfred Lewin zeigte von ihm aufgenommene Bilder, die eine anschauliche Ergänzung zu den Berichten darstellen, wofür besonders gedankt sek — Von der AMIÂ Die DAIA hat auf ihrer letzten Generalversammlung wichtige Beschlüsse angenommen, die sich mit der Lage der Juden in den arabischen Ländern und in der Sowjetunion befassen. Ausserdem wurde die polnische Regierung aufgefordert, ihre antisemitische Politik aufzugeben, die durch nichts grechtfertig ist. Der Generalsekretär der UN wurde durch ein Schreiben ersucht, dafür zu sorgen, dass die Bestimmungen der Konvention für Menschenrechte auf die Juden in den arabischen Ländern zur Anwendung gelangen. Neuwahlen Schliesslich schritt die Generalversammlung der DAIA zu Neuwahlen. Nach vieljähriger Präsidentschaft schied Dr. Jizchak Goldenberg aus dem Amt, nachdem er sich hervorragende Verdienste um die argentinische Judenheit erworben hat. Auch der langjährige Generalsekretär Herzl Gesang legte sein Amt nieder. Zum Präsidenten wurde der bisherige Vizepräsident Ing. Gregorio Faigön gewählt, der grosse Erfahrung in der Arbeit hat. Generalsekretär ist für die nächste Amtspericde Dr. José Kestelman> der ebenfalls bereits seit Jahren an führender stelle in der DAIA gewirkt hat. Hardi Swarsensky; Pogrom über Deutschland (Zu den Ereignissen im November 1938) Fortsetzung) Am 15. September erschien völlig unerwartet das Reichsbürgergesetz. Mit diesem Gesetz wurden die Juden, die^ deutsche Staatsbürger gewesen sind und als solche geboren waren, zu Bürgern zweiter Klasse. Die Juden waren von jetzt ab nur „Staatsangehörige", während die „Arier“ Reichsbürger wurden. Am gleichen Tag erging das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, das Eheschliessungen zwischen Deutschen und Juden verbot. Aber nicht nur Eheschliessungen wurden verboten, sondern auch ausserehelicher Geschlechtsverkehr. Schwerste Strafen wurden für den Verstoss gegen diese Vorschriften angedroht. Der Vorwurf oder Verdacht der „Rassenschande“ wurde zu einem Schreckgespenst. Die Folgen dieses Gesetzes waren schwerwiegend, weil die Sicherheit der Familien bedroht war, viele Racheakte verübt und viele Unschuldige verdächtigt und verfolgt worden sind. (In einem Fall, der während des Krieges verhandelt wurde, ist ein über 70 Jahre alter Jude vom Landgericht Nürnberg wegen Rassenschande und anderer erfundener Delikte zum Tode verurteilt und hingerichtet worden) Schwerwiegender noch als die tatsächlichen Gefahren, die aus diesem Gesetz erwuchsen, war die gezielte Beleidigung und Erniedrigung der jüdischen Bevölkerung, die hiermit zu Ausgestossenen der Gesellschaft gestempelt und isoliert wurde. Durch die Separierung wurde ein späteres Ziel erreicht, die Juden, vor allem in den Grosstädten, leichter zu erkennen und zu kontrollieren, um sie schliesslich ausplündern, verhaften und ermorden zu können. Nach Erlass dieser „Nürnberger Gesetze“ verschlechterte sich die Lage der Juden zusehends, wenn auch die Monate vor und nach den Olympischen Spielen in Berlin 1936 eine wesentliche Erleichterung brachten. Aber die Welt hat an den Hasstiraden Hitlers gegen Juden und Neger keinen Anstoss genommen und trotz aller Einwandungen die Reichshauptstadt als Schauplatz der Olympischen Spiele gewählt, nachdem man das Versprechen der Deutschen erhalten hatte, dass Juden und Neger ungehindert mitwirken dürften. Trotz dieser Zusage wurden die jüdischen Athleten in Deutschland ausgeschlossen, und Hitler weigerte sich, einem vielfachen Olympiasieger, dem amerikanischen Neger Jessie Owens, auch nur die Hand zu reichen. Die Amerikaner reisten nicht ab, sie steckten diese Provokation wie viele andere und schwerere schweigend ein... Bereits 1937 und zu Beginn des Jahres 1938 setzte eine weitere spürbare Verschlechterung der jüdischen Lage durch die langsam vorschreitende, aber systematische Zertrümmerung der jüdischen Handels- und Industrie-Unternehmungen ein, die meist unter Ausschluss öffentlicher Bekanntmachungen im Verwaltungswege vorgenommen wurde. Schliesslich gingen die Nazis durch die „Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ vom 26. April 1938 dazu über, sich eine Uebersicht über jene Vermögenswerte zu verschaffen, die sie eines Tages beschlagnahmen konnten. Hiervon wurden alle jüdischen Vermögen im Werte von über RM 5.000 betroffen. Als nächstes folgten die jüdischen Gewerbebetriebe, die durch eine Reihe von gesetzlichen Bestimmungen neu geregelt, besser gesagt, stranguliert und Kontroilie. j wurden Neben einer ganzen Anzahl von Verordnungen, durch die das wirtschaftliche, gewerbliche und berufliche Leben der Juden eingeengt, wenn nicht völlig unmöglich oder eindeutig verboten wurde, begann die Gestapo immer tiefer in das Leben der einzelnen Juden wie der Gemeinschaft einzugreifen. Der Ausgangspunkt hierfür waren die allgemeinen jud.enfeindlichen Richtlinien, die sich nur aus den vielen Reden der Naziführer ergaben, und die Nürnberger Gesetze, die den Nazis die „rechtliche“ Grundlage für ihr Unrecht geschaffen hatten. Ausbürgerung, Kennkartenzwang, eine Verordnung über die Aenderung von Familien- und Vornamen sollten noch stärker als bisher die Kennzeichnung der Juden und ihre Isolierung von der übrigen Bevölkerung herbeiführen. Am 5. Oktober 1938 wurde bestimmt, dass die deutschen Reisepässe der Juden mit einem J versehen werden müssen, was auf den Vorschlag eines schweizerischen Polizeibeamten zurückging und von den Nazis sofort akzeptiert wurde. Seit September 1938 prasselten täglich neue entwürdigende, die Freiheit und die Tätigkeit der Juden begrenzende und einengende Bestimmungen auf die immer ängstlicher nach Hilfe Ausschau haltende jüdische Gemeinschaft im Dritten Reich ein. In dieser Atmosphäre setzten die direkten Veriolgungsmassnahmen gegen die Juden in Deutschland ein, die bisher nur vereinzelt und als Individuen, niemals aber als Gruppe den Arm, die Faust oder die Mordlust der Gestapo kennen gelernt hatten, — wenn man von dem schon langsam in Vergessenheit geratenen Boykott-Tag absehen will. Das Praeludium Mitte des Jahres 1938 wurde plötzlich eine grosse Verhaftungsaktion durchgeführt, von der eine grössere Anzahl Juden betroffen wurde. Ohne Angabe von Gründen drang die Gestapo in den frühen Morgenstunden in die Wohnungen ein, holte die von ihr Gesuchten aus ihren Betten, brachte sie zu bestimmten Sammelstellen und verschleppte sie direkt in eines der KZ. Zunächst war nicht zu erfahren, aus welchem Anlass die Unglücklichen, die man aufgegriffen hatte, ohne jeden Kontakt mit ihren Familien und völlig der Willkür der NS-Schergen preisgegeben, in einem Schreckenslager schmachteten. Dann wurde bekanntgegeben, dass es sich um eine Aktion gegen die „Vorbestraften“ handeln würde. Mit abstossendem Zynismus wurde erklärt, dass sich die Gesellschaft auf diese Weise gegen die „asozialen Elemente“ wehren müsse, denen im übrigen Gelegenheit zur Besserung gegeben werde. Dieses Vorgehen der Gestapo, das ohne jede Rechtsgrundlage erfolgte, stellte einen unerhörten Angriff auf die allgemeine Rechtssicherheit dar und unterstrich mit Nachdruck, dass die Juden bereits zu diesem Zeitpunkt vogelfrei, rechtlos und ohne Verteidigungsmöglichkeit waren. Die Verhaftungen erfolgten aufgrund von Listen, die sorgfältig nach langen Vorbereitungen zusammengestellt worden waren und die Durchführung der Verhaftungen in ganz wenigen Stunden ermöglichten. Da aber nur derjenige als „vorbestraft“ im Register erscheint, der rechtskräftig verurteilt war und seine Strafe verbüsst hatte, musste es sich zwangsweise um erledigte Fälle handeln, die weder von einem Gericht noch weniger durch polizeiliche Massnahmen nochmals aufgerollt werden durften, ohne die allgemeine Rechtssicherheit zu erschüttern. Zusätzliche „.Polizei- oder Erziehungsmassnahmen“ sind nach Abschluss eines Verfahrens selbstverständlich unzulässig. Die Gestapo war trotzdem schon seit einiger Zeit dazu übergegangen, Verurteilte, die ihre Zuchthausstrafen abgesessen hatten, bei ihrer Entlassung am Ausgangsportal der Strafanstalt zu erwarten und sie sofort in ein KZ zu schicken. Hierzu wie zur Aktion gegen die „Vorbestraften“ schwieg die deutsche Justiz, wie sie zu allen Unrechtsmassnahmen des Dritten Reiches schwieg. Aber nicht nur durch Schweigen machte sich die deutsche Justiz — von Ausnahmefällen abgesehen — zum Mittäter des NS-Unrechts, sondern auch durch direkte Rechtsbeugungen, worüber in diesem Zusammenhang nicht im einzelnen gesprochen werden kann. Nach allen offiziellen Statistiken lag die Beteiligung der Juden an Kapital- und allen Arten von schweren Verbrechen unter dem Prozentsatz des jüdischen Bevölkerungsanteils. Selbst an solchen Straftaten, die Verstösse gegen die Gesetze in den Berufen ahnden, in denen die Juden über ihren Bevölkerungsanteil tätig waren, z.B. in Handel und Wirtschaft, waren die Juden proportioneil geringer beteiligt. Aus diesem Grunde genügte der Gestapo der kleine Kreis von jüdischen Vorbestraften nicht. Sie dehnten diesen Begriff willkürlich aus, denn nicht alle Verstösse gegen Gesetze und Ver. Ordnungen gelten als Vorstrafen. Deswegen verhaftete die Gestapo auch solche Juden als „Vorbestrafte“, die vor langen Jahren eine Steuer- oder Polizeistrafe erhalten hatten, die längst bezahlt war. Darunter waren „Verbrecher“, die eine Ordnungsstrafe wegen falschen Parkens oder wegen anderer Verkehrssünden und Uebertretungen erhalten hatten... Auch sie wurden als „Vorbestrafte“ verhaftet. Als diese Aktion bekannt wurde, wuchs die Empörung und Erregung der jüdischen Bevölkerung. Man begriff, dass diese Aktion gegen die angeblich Vorbestraften nur eine Vorübung für andere grössere Polizeimassnahmen ist, die nicht lange auf sich warten Hessen. Denn die Nazis gingen plötzlich dazu über, Juden in Caf6häusern unter irgendeinem Vorwand ohne jeden Grund zu verhaften, mitzunehmen und ins KZ zu schikken. Derartige Verhaftungen wurden auch an Strassenkreuzungen vorgenommen, wenn der Verkehr sich staute und ein jüdisch aussehender Fussgänger nicht lange genug auf den Lichtwechsel wartete. Ich erinnere mich nur zu gut daran, als ich eines Abends zu Fuss von meinem Büro in der Reichsvertretung in meine nicht weitab gelegene Wohnung ging und plötzlich auf etwa 60 bis 80 Meter Entfernung an der bekannten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche einen grossen Menschenauflauf und viele Polizisten sah. Geistesgegenwärtig sprang ich auf eine vorbeikommende Strassenbahn, fuhr an der Menschenmenge vorbei und stieg an der nächsten Haltestelle wieder aus. Auf diese Weise war ich allen möglichen Unannehmlichkeiten entgangen... (wird fortgesetzt)

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