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Jüdische Wochenschau · 1968-11-15 · 2294 (15.11.1968) · p. [Seite 5]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
29 (1968)
Issue
2294 (15.11.1968)
Date
1968-11-15
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German, Spanish
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In der Stadt Oude Pekela wurden von etwa 100 Grabsteinen dreissig zerschlagen oder umgeworfen. Die Stadtverwaltung wird die Kosten der Reparaturen tragen. Seit der Okkupation Hollands durch die Deutschen lebten keine Juden mehr in dieser Stadt. An ihre jüdischen Bürger, die deportiert wurden und umkamen, erinnert ein auf dem Friedhof errichtetes Denkmal. In den kleinen Städten und Dörfern Hollands, deren Jüdische Einwohner Opfer nazistischer Verfolgungen wurden, gibt es etwa 225 jüdische Friedhöfe, die grösstenteils von den Behörden instand gehalten werden. (JCNS) Heime fuer Netieinwaitderer Haifa. — Ein Studentenheim ist neben einem Wohnblock für Neueinwanderer in der Entwicklungsstadt Carmiel im Galil eröffnet worden. Zwei Drittel der Räume sind schon von Ehepaaren mit insgesamt 60 Kindern und 48 Einzelpersonen bewohnt. Während ihres auf 5 Monate vorgesehenen Aufenthalts in diesem Zentrum werden sie Hebräisch erlernen und sich auf ihr Leben in Israel vorbereiten. Die meisten der Immigranten sind Akademiker, darunter ein Atomphysiker und ein Arzt, die schon eine Anstellung gefunden haben. (JCNS) Militaerisclaes Geleit Rio de Janeiro. — Als die Synagoge im jüdischen Klub Monte Sinai in Rio de Janeiro kurz vor Rosch Haschana eingeweiht wurde, stellte die brasilianische Militärpolizei eine motorisierte Eskorte für die Ueberführung eines Sefer Thora in das neue Gotteshaus. Militärpolizisten auf Motorrädern Hessen Sirenen ertönen, als sie dem Militärjeep den Weg durch die Strassen bahnten, in dem der Rabbiner von Rio in Begleitung von einigen Mitgliedern der Gemeinde die Thorarolle beförderten, deren Ankunft in der Synagoge von über 2000 jüdischen Jugendlichen mit Gesängen und Tänzen begrüsst wurde. (JCNS) Jugendzentrum Antwerpen. — Israel-Botschafter E. Najar war unter den Rednern bei der Grundsteinlegung für das neue jüdische Jugendzentrum, das in Antwerpen für 50 Millionen belgische Franken gebaut wird. Die Kosten werden von der Romi-Goldmunth-Stiftung und der Claims Conference aufgebracht. Dies war Botschafter Najars letzte offizielle Handlung in Belgien, denn er ist inzwischen zum Botschafter in Italien ernannt worden. (JCNS) Juden aus England London. — Die jüdische Auswanderung nach England erreichte in den ersten Monaten dieses Jahre die Rekordziffer von 758 und war somit um 70 Prozent höher als in der gleichen Periode im Vorjahr. Im September wanderten 121 Juden aus; im September 1967 waren es 86. Diese* Gruppe schloss 22 Familien «in, die 73 Personen zählten, sowie 14 Junggesellen und 34 unverheiratete Frauen. (JCNS) Hardi Swarsensky: Pogrom (Zu nssen >2. Fortsetzung) II. Als am 30. Januar 1933 Hitler sein Amt als Reichskanzler antrat, hegten die Juden schwere Befürchtungen und zitterten um ihre Sicherheit. Niemand jedoch glaubte daran, dass dieses Regime, von Racheakten abgesehen, die wohlverbrieften Rechte der deutschen Staatsbürger antasten oder die Bestimmungen der Verfassung ändern würde. Nach dem bekannten Volkswort: „Es wird nichts so heiss gegessen, wie es gekocht wird“ rechnete man allgemein mit Repressalien, aber nicht mit permanentem Terror. Die ersten Wochen ih rer Herrschaft benutzte die Hitler-Regierung, die nicht nur aus Ministern bestand, die zur NSDAP gehörten, zur Verfolgung ihrer politischen Gegner, vor allem der Kommunisten und Sozialisten. Soweit hiervon Juden betroffen wurden, fand ihre Verfolgung, Verschickung in die soeben errichteten Konzentrationslager oder ihre Beseitigung nicht statt, weil sie Juden, sondern weil sie politische Feinde des NS-Regimes gewesen’ sind. Die Juden als solche wurden „nur“ beschimpft und bedroht. Die „Nacht der langen Messer“, von der die Nazis jahrelang gesprochen und gesungen hatten, blieb aus. Das „Judenblut spritzte“ nicht vom Messer oder noch nicht, wie es in einem der Lieder der SA-Horden hiess. Aber die Atmosphäre war aufs höchste gespannt. Berüchtigte Judenhetzer, wie Goebbels und Streicher, die jahrelang das Volk in der niedrigsten Form aufgepeitscht und ihre pornographischen Artikel geschrieben hatten, rückten in Staatsämter ein. — (Goebbels wurde am 13. März 1933 zum Minister des neu geschaffenen Propagandaministeriums ernannt, Julius Streicher, der Herausgeber des übelbeleumdeten „Stürmer“ war Gauleiter geworden.) — Nach dem Reichtagsbrand, dem Verbot der linken Parteien und der Annahme des Ermächtigungsgesetzes sollte sich aber auch die Lage der Juden sehr schnell ändern. Dabei wählte Hitler den Weg der Scheinlegalität. Er ging durch Gesetze und Rechtsverordnungen gegen die Juden vor, die nicht auf verfassungsmässigem Weg zustande kamen, sondern durch Regierungs- und Verwaltungsmassnahmen, meist unter Hinweis auf die ihm erteilte Berechtigung durch das Ermächtigungsgesetz, dessen Erlass bereits gegen die Verfassung und gegen jedes Recht durch die angewandten Methoden verstossen hatte. Die von dem Hitler-Regime erlassenen Gesetze, Verordnungen, Erlasse und Anordnungen, die Bestimmungen gegen die Juden enthalten, wurden von Brune Blau „Das Ausnahmerecht für die Juden in Deutschland, 1933-1945“ gesammelt. Blau begann mit dieser Arbeit bereits, als er in Berlin Gefangener der Gestapo war und in der Polizeistation des Berliner Jüdischen Krankenhauses lag, weil er infolge seines Krankheitszustandes nicht mehr in ein KZ deportiert werden konnte. Er überlebte die Schreckenszeit und starb im Jahre 1954, nachdem er bereits eine zweite Auflage seines kleinen Werkes fertig gestellt hatte. Seinen Plan, die antijüdischen Verordnungen ausserhalb Deutschlands ebenfalls zusammenzustellen, konnte er nicht mehr ausführen, seine Arbeit erstreckt sich nur auf die Massnahmen der NS-Regierung, die im Gebiete des Deutschen Reiches in seinen Grenzen vom 1. Januar 1937 (besser gesagt vom 31. Dezember 1937) erlassen worden sind. Insgesamt wurden 430 derartige Verordnungen und Gesetze von Blau zusammengestellt, die letzte ist eine im Amtsblatt der Stadt Berlin erschienene Anordnung vom 13. November 1944, durch welche den Juden die Benutzung von Wärmehallen (der Stadt Berlin) verboten wird... Die erste „Rundverfügung des Reichskommissars für die Preussische Justiz“ vom 1. April 1933 verbietet die Amtstätigkeit der Juden als Notare in Preussen. Damit begann der Angriff der Naziregierung gegen die Rechte der Juden — oder besser gesagt — gegen die Rechte derjenigen Deutschen, die nach der Doktrin der Nazis als Juden anzusehen waren. Wenige Tage später erfolgte eine ähnliche Anordnung gegen die Tätigkeit der jüdischen Rechtsanwälte. Die erste antijüdische Bestimmung fällt auf den Tag, an welchem die Nazis im gesamten Reichsgebiet den Boykott gegen die jüdischen Geschäfte, Fabriken, Büros und sonstige Unternehmungen durchgeführt haben und der als Boykott-Tag in der ganzen jüdischen Welt und darüber hinaus in allen freien Ländern grosses Aufsehen erregt und entschiedene Entrüstung hervorgerufen hat. Auf diese erste, von den Nazis durchgeführte Massenaktion gegen die Juden muss aus vielen Gründen hingewiesen werden, wenn man den Ablauf der späteren Ereignisse verstehen will. Es ist interessant, dass die Vorgänge vom 1. April 1933 in den Standardwerken über das NS-Regime nicht oder nur mit wenigen Worten erwähnt werim November 1938) Vor 30 Jahren von KURT KAISER BLUETH lag der Schande und Nacht voll Grauen, Da standen die iahenden Henker nackc, lind die Weit, von Entsetzen und Abscheu gepackt, Sah die Furie des Hasses in Deutschlands Gauen, Die Fratze des Dämons war nicht mehr abstrakt- Tag der Vernichtung und Nacht der Phantome — Gott selbst traf der Frevel in seinem Haus, Sie traten die Lichter der Thora aus, Die Flammen .schlugen zum Himmelsdome Und forderten frech die Allmacht heraus —. Tag der Verdammten und Nacht ohne Ende — Der blutige Trommler ging durch das Land, Die Fahne des Mordes in seiner Hand. Doch aus der Orgie stieg schon das Ende Als Menetekel an rauchender Wand . . . Tag der Entmenschten und Nacht toter Herzen, Vor dreissig Jahren, vergesst es nicht, Zertraten die Frevler endgültig das Licht, Begann das Golgatha der Opfer, der Schmerzen, Verlor der Mensch sein Mensche ngesicht —! den. Eine Analyse dieser Boykott-Aktion wird zeigen, dass hier bereits die gleichen Massnahmen praktiziert worden sind, wie wir sie mehr als fünf Jahre später in der sogenannten Kristallnacht wieder erleben mussten. Aus diesem Grunde ist der Hinweis auf den Boykott-Tag an dieser Stelle von Bedeutung. Um die eigenen Schandtaten und Verbrechen hinter einem Rauchschleier zu verbergen und um zu verhindern, dass die Wahrheit über das in seinen Anfängen befindliche Terrorsystem in die Weltöffentlichkeit dringt, hatte die NS- Regierung sofort Massnahmen eingeleitet, durch welche eine scharfe Zensur der Nachrichten erfolgte. Der „Umbruch“ des Regimes und der „Anbruch“ einer „neuen Zeit“, die von den Nazis verkündet wurde, hatte eine kaum übersehbare Schar von Journalisten, Beobachtern und sonstigen Weltenbummlern nach Deutschland gelockt, die nun aus nächster Nähe die Dinge mitansehen wollten, deren Kommen man allgemein erwartete. Das Geheimhalten von Nachrichten und Verbrechen war ausgeschlossen. Musste die bis dahin freie Presse vorsichtig sein, um einem Verbot zu entgehen, so galten solche Rücksichten nicht für die Auslandsreporter. Die Publikation der Wahrheit wurde von den Nazis als „Greuelpropaganda der verjudeten Weltpresse“ bezeichnet. Hierfür wurden aber „die Juden“, die innerhalb der Reicnsgrerwsen i«*o ten, ohne jeden Unterschied verantwortlich gemacht. Um sie zu bestrafen, die selbstverständlich nicht den geringsten Einfluss darauf hatten, was die Zeitungen in anderen Ländern veröffentlichten, wurde beschlossen, am Sonnaoend. den 1. April 1933, im ganzen Reichsgebiet einen Boykott der jüdischen Unternehmungen zu veranstalten, der gleichzeitig der „Volksaufklärung“ dienen sollte, um die „Wirtschaftsmacht der Juden zu brechen.“ Eine der Parolen, die damals mit grösstem Nachdruck verfochten wurden, war die Aufforderung ans breite Publikum, nicht in jüdischen Geschäften zu kaufen, nicht jüdische Rechtsanwälte aufzusuchen und nicht die Hilfe jüdischer Aerzte in Anspruch zu nehmen. Es hat viele Jahre gedauert, bis das „Kauft nicht bei Juden“ vom breiten Publikum beachtet worden ist, wenigstens in den Industrie- und Grosstädten. Jedenfalls wurde die Aktion des Boykotts gegen die Juden zur festgelegten Stunde im ganzen Reich mit grösstem Aufwand und unter der einheitlichen Leitung des berüchtigten Judenhassers Streicher durchgeführt. Bereits seine Ernennung war eine unerhörte Provokation und eine deutliche Drohung. In den Morgenstunden wurden vor allen oder beinahe allen Geschäften und Betrieben SA-Leute als Wachtposten mit Plakaten „Kauft nicht bei Juden“ oder „Jüdisches Geschäft“ aufgestellt. Ihre Aufgabe war es, das Kaufpublikum darauf aufmerksam zu machen, dass es sich um ein jüdisches Unternehmen handele, wo Deutsche nicht kaufen sollten oder dürften. Fensterscheiben wurden beschmiert, auf denen dann zu lesen war: „Jude!“ oder „Kauft nicht bei Juden“ und ähnliche Slogans. Hakenkreuze wurden angemalt oder die Schaufenster einfach mit Farbenstrichen undurchsichtig gemacht. Auf diese Weise wurden die meisten Schilder der Anwälte und Aerzte beschmutzt (wird fortgesetzt)

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