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Jüdische Wochenschau · 1966-12-09 · 2197 (9.12.1966) · p. [Seite 4]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
27 (1966)
Issue
2197 (9.12.1966)
Date
1966-12-09
Page
[Seite 4] (sequence 4)
Language
German, Spanish
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JÜDISCHE WOCHENSCHAU 4 — VimiMi, |- dt- Dici«*nr>4<«> de 1966 An© XXVII. N* 219» ■1 Der „Wunderrabbi“ von Detroit Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch auf jüdisch-religiösem Gebiet. So hat die Stadt Detroit nunmehr einen neuen Wunderrabbi aufzuweisen: Dr. Sherwin T. Wine, dei insofern ein Wunderrabbi ist als sich alle Welt wundert dass er ein Rabbi ist oder es geblieben ist. Dr. Sherwin T. Wine hat das merkwürdige Verdienst, der erste erklärt atheistische Rabbi zu sein, der eine atheistische Gemeinde gegründet hat, die «ich als ..Gesellschaft für jüdischen Humanismus“ be- «eichnet, aber durchaus nicht auf Gottesdienste mit eigener Liturgie, Predigt und Gesang verachtet. Atheistische Juden gibt es ja bekanntlich nicht nur in Detroit; in Israel herrecht kein Mangel an Juden, die den Glauben an den Gott unserer Väter längst über Bord gehen lassen und an Karl Marx und den historischen Materialismus, an Freud und die Psychoanalyse oder an den.. Dollarkurs glauben, aber diese glaubenslosen Juden gründen bestenfalls politische Parteien, keineswegs jedoch Synagogengemeinden. Nicht so in Amerika. In den USA gehört es zum amerikanischen Lebensstil einer Ge meinde anzugehören; einer jüdischen oder christlichen aber irgendeiner Gemeinde mit einer Kirche. Synagoge oder einem ,,Tempel“ Als Jude hatte man bisher die Auswahl zwischen orthodoxen, konservativen oder Reform-Gemeinden ninzu kam in den letzten Jahren noch die vierte Möglichkeit, die amerikanischste. die der „Reconstructionists“, die formell zwar zum konservativen Flügel gehören, aber innerhalb dessen eine ideologische Gruppe eigener Art bildeten, die man bereits als Vorstufe zum atheistischen Tempel von Detroit bezeichnen kann. Eän amerikanisch-jüdischer Witz beleuchtet die Situation; „Die Orthodoxen beten zum „Ribono schel von SCHALOM BEN CHORIN Olam“; die Konservativen zum „Gott unserer Väter“, die Reform zum „King of the Universe“ und die Reconstructionists ..To whom it may concern“ (wen immer es betreffen mag). Ernst gesproenen: die „Reconstructionists“ unter der geistigeil Führung von Rabbi Mordeeai M. Kaplan naben theologisch eine Entpersönlichung Gottes vollzogen. Sie bekennen nicht mehr den personhaften Gott der Bibel, sondern anerkennen Gott nur als die genetische und ethische Kraft in der Welt, für die in der jüdischen Geschichte und Zivilisation die' Metapher Gott historisch gewordene Wirklichkeit bedeutet. Rabbi Wine ging einen Schritt weiter und sieht in Gott nur die Idee des Menschen, wie er sein soll und werden kann, wenn er das Sittlich - Historische in sich entwickelt, wenn er seine Existenz bewusst zum Masstab aller Dinge macht, in einer letztlichen Mündigkeit, die keine Ausflucht mehr gestattet. Wo Juden aller Richtungen eine Beracha beten und den Ewigen, den König der Welt, als unseren Gott verherrlichen, da spricht man in Detroit; „Lasset das Heldische in uns verehren und verherrlichen, was wir werden sollen.“ Eine Selbstanbetung des Menschen also — die durchaus an das erinnert, was der hebräische Dichter Chaim Brenner schon in den zwanziger Jahren formulierte: „Gelobt sei der jüdische Bauer, der das Brot aus der Erde hervorbringt.“ Wir sollen uns also über unsere Brüder in den USA nicht allzusehr wundern, die über vierzig Jahre später zu ähnlichen Formulierungen gelangt sind. Allerdings schrieb Brenner kein neues Gebetbuch wie Rabbi Wine, der eine eigene Liturgie für seine Gemeinde geschaffen hat. Dieser Liturgie liegt LÜACH —(KALENDER) Donnerstag, den 15. Dezember 2. Tevet 8. Tag Chanukka Freitag, den 16. Dezember 3 Tevet Sonnabend den 17. Dezember 4. Tevet Schabbat WAJIGASH fGen. 44, 18) Haftara Ezechiel 37, 15—18) Sonntag, den 18. Dezember Montag, den 19. Dezember Dienstag, den 20. Dezember 5. Tevet 6. Tevet 7. Tevet 8. Tevet Freitag, den 9. Dezember 2. Tag Chanukka 26. Kislew Sonnabend, den 10. Dezember 27. Kislew Schabbat MIKETS (Gen. 41, 1 u. Num. Haftara; Zacharias Rosch Ohodesch-Benschen 7, 24) Sonntag, den li. Dezember 4. Tag Chanukka 28. Kislew Montag, den 12. Dezember 5. Tag Chanukka 29. Kislew Dienstag, den 13. Dezember 6. Tag Chanukka 30. Kislew Mittwoch, den 14. Dezember?. Tag Chanukka L Tevet zwar da« Einheitsgebetbuch der Zentralkonferenz der USA - Rabbiner zugrunde, aber jede direkte Anrede Gottes ißt vermieden. Anstelle des Kaddisch für die Verstorbenen tritt das Bekenntnis: „Isiael in Ewigkeit: das jüdische Volk lebt von Aeon zu Aeon!“ Hier haben nun allerdings einige Gemeindemitglieder revoltiert, denn das Kaddisch-Sagen ist eben eine so tief eingewurzelte jüdische Uebung. dast man sogar in Detroit nicht darauf j verzichten will: es gehört zu | den jüdischen Tabus, vor de- 1 nen die existentialistische i Ratio halt macht. Die Detroit-Gemeinde, der | vorwiegende Intellektuelle aus College-Kreisen angehören, formierte sich bereits vor zwei Jahren im Jahre 1964 und berief Rabbi Dr Sberwin T. Wine, der vorher als Rabbiner in Windsor, Ontario amtierte, in Detroit aber von sein :m ersten Amt als Zweiter Rabbiner an einem dortigen Reform-Tempel als hervorragender Kanzelredner bekannt war, dessen Predigten ein intellektuelles Ereignis darstellten. was man von Predigten wohl nicht allzuoft behaupten kann. Rabbi Wine und die Seine« fühlen sich einig in der intellektuellen Unmöglichkeit, an einen lebendigen persönlichen Gott zu glauben mit ihren nichtjüdischen ungläubigen Zeitgenossen, und sie versuchen, einen jüdischen Weg zu finden, der ihnen jüdische Identität erlaubt, ohne Geist und Gewissen zu vergewaltigen. Für den Israeli ergibt sich natürlich stets die Möglichkeit einer rein-nationalen Konzeption seines Judentums, selbst für die noch jiddisch sprechende Minderheit im nordamerikanischen Judentum. In Kreisen der „Bundisten ‘ bietet sich diese Form des nichtreligiösen ..Volksjudentums“ an, aber in der Gemeinde von Detroit handelt es sich um assimilierte USA-Juden dritter Generation, die meist weder Hebräisch noch Jiddisch verstehen, glaubensmässig nicht mehr an das Judentum gebunden sind und dennoch Juden bleiben wollen, wie eine ernste soziologischpsychologische Untersuchung dieser Gemeinde nunmehr erwiesen hat. Diese Untersuchung wurde durchgeführt von Prof. B. Z. Sobel von der Brandeis- Universität und Rabbi Norman Mirsky von der Tufts- Universität. Diese beiden Soziologen haben ihre Forschungsergebnisse in der Zeitschrift ..Midstream“ publiziert, und erst dadurch kann man sich ein Bild von dieser seltsamen Gemeinde machen. Die Gemeinde ist sehr rasch gewachsen, umfasste »ftLöSÄ f Obt*. bald 148 Familien, vpn denen sich aber wieder 20 entfernten. als es klar wurde, dass keine der bestehenden Gemeindeorganisationen den Anschluss dieser Existentiali6ten-Synagoge dulden wollte. Rabbi Wine kommt von der jüdischen Reformbewegung her und wollte ihr seine Gemeinde anschliessen, was aber abgelehnt wurde. In einem rabbinischen Gutachten erklärte der führende Theologe der amerikanischen Reformbewegung Rabbi Dr. Solomon B. Freehof vom „Rodef Shalom Temple“ in Pittsburg, dass zwar jeder Mensch und auch jeder Jude das Recht haben müsse, sich als Atheist zu bekennen, dass er dann abei nicht den Titel und das Amt eines Rabbiners führen und ausüben dürfe. Wenn sich eine Gruppe von Atheisten zusammenschliesst. so kann sie sich als ethische Gesellschaft konstituieren; wenn sie sich aber als Synagogengemeinde ausgibt, so stellt "das eine bewusste Irreführung der Oeffentlichkeit dar. Das sind klare Worte. Die Gemeinde verfügt noch über keinen eigenen Kult-Raum und war bei den Freimaurern zu Gast. Diese aber haben, nachdem die Reform-Synagogen in Detroit sich eindeutig distanziert hatten, ihre Räume nicht weiter an die neue Gemeinde vergeben, und diese ist nun, bis auf weiteres in einer Unitarischen Kirche zu Gast. Handelt es sich nur in der Gemeinde von Detroit nur um ein Unikum, oder ist hier eine typische Ersehei-, nung zu verzeichnen? Das ist die Frage, die sich Sobel und Mirsky stellen. 120 Familien sind natürlich quantitativ kein Gradmesser für ca. 5 Millionen Juden, die irgendwie von jüdischen Gemeinden in den USA erfasst werden. Und doch zeichnet sich hier etwas Typisches ab. Ein Professor an einem rabbinischen Seminar der USA erklärte dem Schreiber dieser Zeilen, dass es heute durchaus nicht mehr selten ist, dass jüdische Theologiestudenten sich mehr oder minder offen als Agnostiker oder Atheisten bekennen und dennoch den Rabbiner-Beruf anstreben, um so dem jüdischen Volk als Lehrer und Erzieher und als Vermittler jüdisch-kultureller Werte zu dienen. In Israel keunt man diesen Typus des hebräischen Humanisten durchaus, aber hier werden Menschen dieser Art Lehrer und Madrichim (Ju gendleiter) und denken nicht an eine ratooinische Laufbahn. In Amerika ¡st das anders: ,, Rabbi“ ist dort oft gleichbedeutend mit jüdischer Funktionär, und dieser Ti Ul eines Rabbi besagt, dass sein Träger sich jüdische Kenntnisse erworben hat. In Israel hat man bestimmt kein Recht, ein säkularisiertes Judentum zu verketzern; befremdlich ist nur, dass es in den USA in Form von Rabbinern und Synagogengemeinden auftritt. Di mimmmssiiiiiiiiiiifiiiiuii LA FORESTA /ud Antijüdische Attentate London. — Meldungen aus Holland berichten von einer Welle von Schändungen jüdischer Friedhöfe. Auf dem Friedhof in Venlo wurden 50 Grabsteine zerstört und Hakenkreuze sowie die Inschrift „Heil Satan“ angeschmiert. Aus Südholland werden ähnliche Vorfälle gemeldet. So wurden auf dem jüdischen Friedhof in Blerick in der Provinz Limburg nahe der belgischen Grenze 200 Grabsteine geschändet. Die Polizei glaubt, heisst es. dass die Attentate das Werkzeug eines Geisteskranken sind, der unter nazistischen Wahnvorstellungen leidet;; Literarische Notizen Schauspiel um Kaflta Der an der kanadischen Theaterakademie in Montreal wirkende Franzose Jean- Pierre Ronfard schrieb ein Schauspiel um Fränz Kafka, das besondere Anerkennung und Beifall fand. Er verwendet dazu Franz Kafkas „Bericht an eine Akademie“ und Textstellen aus Kafkas Roman „Der Prozess“. T odesnachricht In Paris ist im Alter von 73 Jahren der Historiker und Schriftsteller Dr. Jacob Zineman gestorben. Er ist in Libauen geboren, hat seine Ausbildung in Wien erhalten und war dann viele Jahre Geschichtslehrer an der hebräischen Schule von Bialystock. Später war er in Warschau; die Kriegsjahre verbrachte er im asiatischen Russland. Nach dem Kriege war er wieder kurze Zeit in Warschau und übersiedelte dann nach Paris, wo er eine „Geschichte des Zionismus“ herausgab. Kostbare Bilder Der „Edmund de Rothschild Memorial Fund“ hat. dem Israel-Museum in Jerusalem fünf kostbare Bilder von Gauguin, Cézanne und Van Gogh geschenkt Gauguins Bilder stammen aus der Tahiti-Periode, von Cézanne tet das Bild .Landhaus am Flussufer“ und von Van Gögh sind eine Landschaft aus der Provence und ein Erntebild unter den das Museum bereichernden Geben. Ein 75-Jähriger Arthur Hay Sulzberger, Präsident der New York Times Company und lang-' jähriger Herausgeber der „New York Times“, leierte seinen 75. Geburtstag. Wenn die bedeutende Zeitung das geworden ist, als was sie heute in der Welt gilt, so ist das vorwiegend dem Jubilar zu zuschreiben, für den eine unparteiische und objektive Information oberstes Gesetz war und ist. Aufgeschlossenheit und Vielseitigkeit waren seine Stärke. Sehr früh erkannte er die Gefahr, die von Hitler drohte Sulzberger, der zuerst studierte, bevor er sich dazu entschloss, Journalismus zu lernen, heiratete 1917 die Tochter des Gründers der Newr York Times, Adolf s. Ochs. Bei dessen Ableben übernahm er die Zeitung und machte aus ihr, was sie heute ist. Heute zeichnet sein Sohn Arthur Ochs Sulzberger für die Zeitung verantwortlich. Der Jubilar ist auch im Vorstand vieler jüdischer und nicht jüdischer Organisationen tätig. BERT0LD0 GIESBERG LUCY G'ESBERG geb. SCHWARTZMAN VERMAEHLTE Die Trauung findet am Dienstag, den 13. XII. 1963 im Hotel Frank, Aliya 4, Naharia, statt. Cables; Giesberg — Naharia STATT KARTEN -j „ «j Jie VERMAEHLUNG ihrer Tochter ESTHER mit Herrn MAURICI0 BORENSTEIN beehren sich anzuzeigen MAX FLAMM UND FRAU und laden gleichzeitig alle Freunde und Bekannten zu der am Sonntag, den 18. Dezember, um 17 Uhr stattfindenden Trauung in der Synagoge Achdus Jisroel, Moldes 2449, ein. Obligado 2660, Dto. 4 ' Neuerscheinungen des Verlages „OLAMENU“ in TEL AVIV. POB 3002, ISRAEL Dr. E. J. GOERLICH (Wien); RUTH. — Geschichte eines 'jüdischen Mädchens. Ein Wiener Roman aus der Nazizeit. — Kart. $ 5.—. Prof. Dr HARRY ZOHN (Waltham); Wiener Juden in der deutschen Literatur. Reich illustriert. Halbleinen $ 3.50. ZEITSCHRIFT FUER DIE GESCHICHTE DER JUDEN Herausgegeben und redigiert von HUGO GOLD Abonna.rent nur ganzjährig $ 8.50. DEMNAECHST ERSCHEINT: HUGO GOLD; GESCHICHTE DER JUDEN IN WIEN. Das Standardwerk der jüdischen Geschichte Wiens. Hunderte Illustrationen. Ermässigter Subskriptionspreis vor Erscheinen $ 20.—, nach Erscheinen $ 35.— IN VORBEREITUNG: .HISTORY OF THE JEWS IN AUSTRIA“. Ein Jahrbuch In deutscher und englischer Sprache. Herausgegeben und redigiert von HUGO GOLD. GEDENKBUCH DER UNTERGEGANGENEN JUDEN- GEMEINDEN DER TSCHECHOSLOWAKEI. Her- \ ausgegeben und redigiert von HUGO GOLD. Er. * scheint in zwei Bänden. L Band Böhmen, Mähren j und Schlesien. — II. Band Slowakei und Karpa- ,, torus. ■ Alle diese Publikationen erscheinen im Rahmen des im j Entstehen begriffenen CHAJES-INSTITUTS

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