Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 26 (1965)
- Issue
- 2135 (24.9.1965)
- Date
- 1965-09-24
- Page
- [Seite 12] (sequence 12)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Nelly Sachs als Dramatikerin ROSCH RASCA Us im Rahmen der . Wo- .... d um rtn iimid r> i i pi . . . . _ .--.j. Als im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ am 14. März 1962, in deir Inszenierung und Einrichtung von I. Willimzig und mit der Musik von Moses Pergament das Legendenspiel vom Leiden Israels „Eli“ von Nelly Sachs im Dort»runder Schauspielhaus uraufgeführt wurde, da wusste vom anwesenden Bundespräsidenten bis Bum Korrespondenten ausländischer Blätter, von den Darstellern bis zum Theaterfachmann, vom Regisseur und Zuschauer jeder, der an diesem Ereignis teilnahm, dass an diesem Abend Besonderes, Aussergewühnliches für das Theater, für die Uteratur geschah. Aus Zeitungsberichten, von Artikeln in Literaturblättern (vor allem den verdienstvollen Kommentaren des in der Hitler zeit über Dänemark nach Schweden emigrierten Hamburger Strindberg-Forschers Walter A. Berendeohn) wusste man von Nelly Sachs, der schon damals über siebzigjährigen deutschjüdischen Dichterin, die in einem jener heute legendären jüdischen Bürgerhäuser des alten Berlin aufgewachsen war, eine Jugend unter dem Eindruck väterlicher Kunst- und Musikpflege, in einer aus romantischer Weltanschauung sich herleitenden Kunst- und Tanzbegoisterung verbracht hatte, am 15. Geburtstag unter ihren Geschenken Salma Lagerlöfs Roman „Gösta Berlings Saga“ fand, der ihr in vielerlei Hinblick Aufgabe und Schicksal werden sollte. Unter dem Eindruck der Werke der grossen schwedischen Sagen- und Legenden. Erzählerin schrieb Nelly Bachs von ihrem siebz iihnten Lebensjahr an Gedichte, die von den ersten Versuchen an die besondere Sprachbegabung dieser Dichterin erkennen Hessen. Vieles aus dieser frühen Produktion ist verloren vergangen, im Sumpf der Hitlerjahre vernichtet worden. von P. WALTER JACOB, Generalintendant a. 0. Die Nacht des Dritten Rei_ eh es war lange über Deutschland hereingebrochen, als Nelly Sachs im Juni 1940 mit ihrer schwer kranken Mutter auf Grund der Befürwortung der inzwischen bereits versterbe:'en Dichterin Selma Lagerlöf in Schweden einreisen konnte. Sieb-'n Jahre hatte Nelly Sachs das unverstellbare Leben des Juden in Hitlers Wahnsinnsreich geführt. Keines ihrer Jugendgerichte spricht von Deutschtum und Judentum, nichts in der Produktion ihrer Jugendjahre deutet darauf hin, dass in dieser Nelly Sachs die grosse Gestalterin des deutsch - jüdischen Leides heranreifen sollte. Das grau, same, dem normalen menschlichen Denken und Empfinden unfassbare, heute — leider — immer mehr aus der Eirinnerung verdrängte Grauen der Schandjahre, das „Leben unter Bedrohung“, unter Lebens _ Bedrohung, liess dieses Thema vom unvorstellbaren Leid des jüdischen Menschen unter den Schergen und Henkern des Eiritten Reiches zum Inhalt ihrer Dichtung, ihrer Lyrik, vor allem aber Dramatik in der — in letzter Minute vollzogenen — Emigration werden. Nelly Sachs ist damit zugleich eine der ganz Wenigen, ja die dazu berufene Jüdin, die — um ein Wort Hans Magnus Enzenbergers zu zitieren — das Wort des Philosophen Theodor W. Adorno, Dach Auschwitz sei es nicht mehr möglich, ein Gedicht zu schreiben, durch ihr Schaffen widerlegen kann: Lhr Werk — vor allem auch das dramatische — zeigt, dass es Dichtung auch nach der Apokalypse des Hitlerredches in deutscher Sprache gibt, dramatische Dichtung sogar, von einer jüdischen Dichterin deutscher Sprache geschaffen, die das . Grauen des Dritten Reiches erlebt hat, die nichts verges. sen konnte, die das grosse „Trotzdem“ gesprochen hat, die vor allem „die Verfolgten um keinen Preis zu Verfolgern“ machen will, die dem unvorstellbaren Leid des jüdischen Menschen in jüngster Vergangenheit den zutiefst jüdischen Sinn der menschlichen Läuterung, des Weitergehens in Menschen. BESTSELLERS Retrato de un Judío Por Albert Memmi El libro que más apasionada controversia ha desatado en Europa y Estados Unidos. Ubica* ción del judío moderno en la era espacial. Humorismo Judío Por el Dr. Theodor Reik Ameno estudio psicoanalítico sobre el anecdotario humorístico judío. Polvo Por Yael Bayan Otro relato de la celebrada novelista israelí que gira en tomo a los dilemas que afrontan los jóvenes de hoy. Arca de Noé - Clase Turista Por Ephraim Kishon Cuentos cortos humorísticos de efecto desopilante. Novedades de: EDITORIAL CANDELABRO PASTEUR 341 T. E. 47-0159 Buenos Aires J 180 anerkennung aus eigener menschlicher Ueberlegung und Ueberwindung zu geben sucht. Das ist der eigentliche Sinn djr tief symbolischen dramatischen Werke von Nelly Sachs, der sinn, den d:ese Dramen höchster sprach - künstlerischer Prägung selber anbieten, den die Worte der Dichterin in jedem ihrer Kommentare bestät'gt. E>er Verlag Suhrkamp hat nicht nur die Lyrik dieser Dichterin henausgegeben, er Hat durch eine Buchausgabe auch die „Zeichen im Sand“, das gesamte bis heute vor. liegende und erhaltene dramatsche Werk von Nelly Sachs der breiteren Oeffentlichkeit zugänglich gemacht Einmal mehr hat er damit sich für ein nur schwer erschüessbares, wahrscheinlich auf lange Jahre noch nur der Lektüre überaniwortetes Bühnenwerk, eine Avantgarde . Schöpfung besonderer Art eingesetzt. Am Anfang dieser Gesamtausgabe steht das Drama „Eli“, von der Dichterin selbst als ein „Mysterienspiel vom Leiden Israels“ bezeichnet. Aber nicht nur diesas auch zeitlich von allen dramatischen Arbeiten zuerst erschienene — Werk handelt vom Leid, vcm Martyrium Israels gerade in unserem „humanen“ zwanzigsten Jahrhundert, sondern eigentlich auf jeder Seite der - dramatischen Werke wird diees Leid, dieses Grauen sichtbar, fühlbar, selbst in Werken, in denen der musikalische, der tänzerische Sinn den Ausschlag zu geben scheint. Das Leid dieser Zeit das Leid des Juden, des von Hitler banden Gemarterten, des Zerschundenen, mit kaum vorstellbarer Qua] Getöteten, des Flüchtling des Emigranten, dis Suchers im Nichts — es ist und bleibt das Grundmotiv, das Unvergessliche, Unüberhörbare in diesen Dichtungen, diesen Sprach-Kunstwerken für und durch die Bühne, denen die unverkennbare und unverwechselbare Gestaltungskraft dieser einsamen, leidgezeich neten. weisen Dichterin eingeprägt ist. Ob im kultischen Urzeitdrama „Abram im Salz“, dem „Spiel für Wort — Mimus — Musik“, sich wie im uns so vertrauten „epischen Theater“ aus den Händen eines Ausgräbers urzeitlicher Altertümer gobelinartig die Szenen zu einzelnen in sich geschlossenen Dramen.Akten entwickeln, die „erfüllte Zeit“ durch eine „neue“ abgelöst wird, das „ewige Spiel auf Erden von Jägern und Gejagten“ neu und albdruckartig auf uns eindringt, ob in der „Nachtwache“ (von der Dichterin selber als ein „Albtraum in neun Bildern“ charakterisiert) die Natur selbst den Hintergrund für die sinnlose Zerstörungswut und Quälsucht entmenschter Machtanbeter stellt, indem Baum und Zweig sich zu Galgenabbildern formen, ob im „kaleidoskopartigen Marionettenspiel“ der Zir kus-Szene die Häscher in rol ®a Trikots mit schwarzen Masken in rhythmischer Bewegung Angelhaken für die unglückliche, ihnen ausgelieferte Kreatur auswerfen und JUEDISCHE BUCHHANDLUNG TALESSIM, MACHSO¬ RIM (.span, Uebeisetzg., LUACH 5726, Neujahrs- Glückwunschkarten G. KAPLANSKY Pueyrredón 451 T. E. 89 3431 dabei im Tanzschritt gehen, ob ein Altar, der Menschenopfer schluckt, sein Behagen durch Lautsprecher kundtut, ob Henker singen: „Wollte sehen, wie lange es dauert, bis das Opfer Henker wird“ und zwischen diesen Mahnbildern des Grauens die Geschichte dreier Flüchtlinge behandelt wird — lebender? toter? oder halblebender? — denn es sind Erschossene, Angjschossene, Halbgetötete, die diese vielleicht bitterste Tragödie unserer Dramenkenntnis spielen, abhandeln, deuten — wie immer das Thema und der Handlungsgang der Nelly Saehs’schen Bühnenwerke sein mag, immer wieder taucht es aufdas Grauen über die Unmenschlichkeit, die alle Phantasie übersteigende verbrecherische Menschenquälsucht eines Regimes und einer Menschenart, die diese Dichterin Jahre hindurch in aller Nähe, in aller Not miterleben, miterleiden musste. Prof. Berendsohn hat in seiner biographischen Studie über Nelly Sachs geschildert, wie der Lebensinhalt dieser Frau nach ihrer geglückten Flucht aus dem Hitlerre'.ch Jahre hindurch die Pflege ihrer schwerkranken Mutter war. Und in den Jahren des Zusammenlebens und Zusammenseins mit dieser von ihr übsr alles geliebten kranken Frau müssen die Toten des Hitlerreiches, Nahe- und Fernstehende, eine merkwürdige, beklemmende Wiederauferstehung gefeiert haben. Sie müssen gegenwärtig gewesen sein wie Wesen aus Fleisch und Blut. Ehe Gespräche der beiden lassen sie Wiedererstehen, und wenn die Mutter schlief, hatte Nelly Sachs ihre stillen, furchtbaren, begnadeten Nächte: Die Wosein der Vergangenheit erschienen ihr, ganze Szenen mit ihnen standen plötzlich lebendig vor ihr, sie prägte sie sich ein, um die geliebte, mit ihr auf engstem Raum zusammenlebende Mutter nicht durch Licht und Arbeit zu wecken... am nächsten Morgen schrieben sich die Szenen dann wie von selber nieder... I * 4l mm Schofarblasen am Rosch Haschana in der portugiesischen Syn .(Nach einem Kupfers In jedem der dramatischen Werke von Nelly Sachs sind diese Traum-, diese Schmerzgestalten aus einer die menschlichen Gefühle und Gedanken verratenden Zeit lebendig. So abwegig, so seltsam diese dramatischen Werke beim ersten Lesen den Unvorbereiteten anmuten mögen, in jedem dieser glasklaren, ausgewogenen Bühnen . Sprach - Kunstwerke drängt an irgendeiner Stelle — oft unerwartet und überraschend — dieses Grunderlebnis der Verfolgung, der Todesangst, der Qual der Flucht an die Oberfläche, nicht als Anklage, nicht als Aufruf oder gar als Racheforderung, sondern als Feststellung, Aussage Schilderung einer Tatsache, der gerade eine Dichterin wie diese — auch bei sich vergTö. ssernder zeitlicher Distanz — nicht entrinnen kann. So nur sind die Gesichte und Erscheinungem des die Samson-Dalila-Tragödie erneuernden und ganz heutig variierenden dramatischen Geschehens in vierzehn Bildern „Simson fällt durch die Jahrtausende“ zu erklären. Wenn hier durch ein Schattenspiel die Distanz der Zeiten angedeutet, in einem .Zwischenreich“ die Stimme eines Toten vernehmbar wird: „Welche Lust im Blut bis auf der Zunge Verwesungsgeschmack des Verrates geboren war Gehörte seinem eigenen Volk — welche Lust gab der Verrat? so wird es klar, dass auch und gerade hier, im modernen Gleichnisspiel Nelly Sachs niemals von den Bildern der Bedrohung, der Angst, der Flucht loskommt, die ihr eigenes Leben geprägt und umgestaltet haben. Dabei nähert sich dieser ,Simson“ sicher der Art bekannter moderner Dramatik am stärksten unter allen Werken, in der objeki ven Gestaltung der ohne jede Verzerrung gestalteten dramatischen Charaktere, die nur an einem leiden, „an diesem Martarpfahl der Leben heisst“, in der Anwendung höchst modernistischer Mittel, dem Aufklingen moderner Tanzrhythmen, der Einbeziehung von Stimmen aus dem Zuschauerhaus — und doch wenn nach der magisch-einprägsamen Kulisse und Mimus-Szene der nordischen Fischauktion, nach den Publikumsstimmen vom höchsten Rang des Theatersaals der verwandelte moderne Simson, der Schuldiener Manes, sich vernehmen lässt: und ihr die Stimme antwortet: „die einmal einem Fürsten gehörte“, „Die ganze Geschichte war eigentlich eine eine grosse Spielerei. Wir stöhn uns gegenüber niemals zusammen —denn wir sind ja Feinde. Die Sonne hat uns einmal so ausgebrütet mit den Hahnenkämmen aus Verrat — Einer muss fort Da ich nicht will — musst du... “ „O ich habe ein feines Gefühl Unsichtbar soll die Folterung bleiben Höchstens ihr Blut in schwarze Zeitungsbuchstaben verfärben — dann ists zu ertragen — dann ist das Bild aller Bilder bei Nelly Sachs wieder vor schier unlöd&re me stellt. Dam zu lösen wen $e Probleme nur sein ner besonderen, dei che und dem unver chen Sprachgefühl d: seitigen Dichteiin werdenden Wertei] aus einer Kenntnis i sen, was mit den Mimus, Tanz und sich für eine moderi nen Einstellung' v< schliesslich aus ein« haltlosen, liebevollen kung in den Worts: die Wortpoesie dieses tischen Gesamtwert Nelly Sachs. Vom Dramolett („Verzaul „Viermal Galaswinte Stimme und die Möi ne Scheidelinie wirt hinausgezogen“) üi szenische Studie (d such eines Ausbruc twei Menschen un Marionetten: „Der n Tänzer“, das Delirr Einsamkeit: „Verst mit Emanuel“, das S] da Freiheit: „Vergel finem Scheiterhaufe „Was ist ein mit den Leitversen , der muss jedermanns **' und ,jmm< buchstabieren dm rücklings in den T *nen aus der Le ^fchte der ^e. wht in der Nacht» und »jeder Alphabet'') bis h Wenn in der Sandebene eine St kn me vernehmbar wird: „Die Welt ist voller Zeichen Dazwischen fliehen Menschen, jagen Menschen, werden gejagt.“ Wenn der Lastträger, der „einen Alton trägt“, sich dann vernehmen lässt: „Erst gaben sie mir Geld damit ich ihr Hab und Gut retten sollte, dann hatten sie kein Geld mehr und keine Habe. Nun trage ich die Leiber. Aber etwas in mir ist schwerer zu tragen als eine Last Steine...“ ein Kindetrchor ruft: „Wir brauchen keine Schule mehr. Wir schreiben mit unserem Schatten die neue Schrift in den Sand“ es schliesslich aus dem Munde des Landmessers tönt: „Die Ferne ist erreicht — Der Mensch ist ausserhalb des Todes“, gegenwärtig, der Bezug aui unsere Vergangenheit, die Qual, vor der sie — noch eben rechtzeitig — fliehen konnte, die andere — Millionen leider — erreichte und als Gefolterte, als KZ-Häftlinge, als Gastote dahinge, mäht hat. Man hat gesagt, dass die Dramen von Nelly Sachs, abseits uni jenseits aller herkömmlichen Dramatik, die Experimente der Avantgarde an Kühnheit in den Schatten stellen. Man darf dar. über hinaus feststellen, dass dieses dramatische Gesamtwerk der deutsch-jüdischer Dichterin, das der Verlag Suhrkamp durch seinen Leseband vor Jahren bereits zur Ehskussion gestellt hat auf lange Zeit Theaterfachleute, vor allem Regisseure, ^beuten Draffla „Aüram‘< %, **** - über alle p< fleit der anoint Worte hin, Jamadle* »•D' ile «ich nur u iU kümmert ” un SÄ*1»«' tow?!fUtecilen \ böTErehtl.Un^ Ro ten reife CnjÜdischer llsiaus, Äsn“e *uq ja n. st Ln Dt “^bekannt, Mart) ** 15