Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 26 (1965)
- Issue
- 2135 (24.9.1965)
- Date
- 1965-09-24
- Page
- [Seite 11] (sequence 11)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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...Arter.nes, 24, äq> SéÿMembre 'Ae 19S5 S E, M A S- A I S R A E L I T A Ano XXVL —r N» 8135 —Ï1 uns das JLehen? von MEIR FAERBER anderen ' Betern und damit Verfolgung und Untergang Der Monat Tischri, der Monat der Hohen Feiertage, ist für den Juden die Zeit des Gebetes. Selbst wer während des Jahres nicht einmal an Schabbat- und Feiertagen die Synagoge besucht, pflegt, wenn er den Kontakt mit den religiösen und traditionellen Aspekten seines Judentums nicht ganz verlieren will, an Rosch Haschana und an Jom Hakippurim von dem “Pünktchen Jude’’ in seiner Seele getrieben, eine Synagoge aufzusuchen — und bald fühlt er, wie ihn die gehobene Stimmung in ihren Bann zieht und auch den des Bete ns ungewohnten Juden dazu veranlasst, die durch Jahrhunderte ge. heiligten Texte mitzusagen. Das sind die “Drei-Tage- Juden”, die nur an den beiden Rosoh-Haschana-Tagen und am Jom Kippur in den Tempel gehen. Das Judensein ist von der Einhaltung der religiösen Bräuche und Vorschriften bekanntlich nicht abhängig: wer aber noch einen Rest eines lebendigen religiösen Gefühles ir. sich hat, den drängt es doch von Zeit zu Zeit zum Gebet;;1 ' Dem besonderen nationalen Charakter unserer Religion entspricht - auch sowohl die Form wie der Inhalt unserer Gebete. Mit den anderen Religionen hat die jüdische die Kategorie des Gebetes gemeinsam, das der Meditation dient, der Selbstbesinnung, der Verinnerlichung und Läuterung der Ablenkung der Gedanken vom Alltag mit seinen Sorgen und Problemen und ihrer Hinlenkung auf die ewigen moralischen Werte. Daneben aber nehmen in unseren Gebeten besonders die Pflege des jüdischen Solidaritätsgefühls, der Sehnsucht nach der nationalen Renaissance im Heiligen Lande und der Verbundenheit der Geschlechter von der Zeit unserer Stammes-Väter und -Mütter bis in die messianische Zukunft . bedeutenden Raum ein. Dem Solidaritätsgefühl dienen nicht nur viele Stellen in unseren Gebeten, solidem ihm entspricht auch die Vorschrift, das Mdnjan aufzusuchen und gemeinsam mit noch mindestens neun Juden zu beten. Der Jude kennt kaum das Alleingebet in der Synagoge, wie etwa der Christ abgesondert zu einem stillen Gebet in der Kirche niederkniet. Es ist weniger der Saal der Synagoge als vielmehr die Gemeinsamkeit, die er sucht. Der tägliche Synagogenbesuch von Vater und Sohn stellt eine besondere innige Gemeinschaft zwischen den beiden her, schreibt Dr. Wilhelm Freyhan in seinem Buche ‘Der Weg zum Judentum”. Welch grosse Bedeutung die Tradition dem gemeinsamen Gebet zuerkennt, kann man schon daraus ersehen, dass die Mischna, die älteste Tradition, diese Vorschrift in die Mitte zwischen die rein moralischen Gebote der Eltern- Verehrung, der Wohltätigkeit, der Gastfreundschaft, der Krankenpflege der Ausstattung armer Bräute u.a.m. gestellt hat für deren Erfüllung dem Menschen bereits eine Glücksverheissung -auf dieser Welt zugesichert ist. Es geht aber beim Gemeinsshaftsgebet nicht nur darum, dass es in der Synagoge leichter ist, sich zu konzentrieren und zu verinnerlichen, da man im Gotteshaus eine geeignete Atmosphäre für die Meditation und die Konzentration auf religiöse Gedanken hat, als in der eigenen Wohnung wo zu viel vom Gebet ablenkt. E5s ist auch die Intensivierung des Solidaritätsgefühls mit den mit dem. Judentum, die die Gemeinsamkeit des Gebetes erfordert. Kommt die jüdische Gemeinde im Bethaus zusammen, so fällt es dem Gast aus der Fremde leicht, dort Kontakt mit seinen Glaubens- und Volks-Genossen zu finden. Dies ist besonders in der Diaspora von grosser nationaler und sozialer Bedeutung. Wenn beispielsweise der jüdische Tourist oder Reisende in einer fremden Stadt weiss, dass er in der Synagoge Glaubensbrüder versammelt findet, so braucht er nur hinzugehen, um Bekanntschaften mit Menschen zu schliessen, auf deren Hilfsbereitschaft Und Aufrichtigkeit er sich von vornherein verlassen kajin. Unzählig sind die Berichte darüber wie Auswanderer ln ihrem neuen Wohnland fremd und hilflos waren, bis sie die Synagoge besuchten und dort Bekanntschaft mit anderen Juden schlossen, die ihnen die Einordnung in dem fremden Lande erleichte- - ten. Eine ähnuiche Aufgabe erfüllt übrigens auch das ri. tuelle Restaurant, in dem Juden der verschiedenen Herkunftsländer einander kennenlemen können. Das Bewusstsein des Juden, dass sich gleichzeitig mit ihm ungezählte andere Juden in allen Ländern mit dem gleichen durch Jahrhunderte geheiligten Gebet- Text auf die gleichen Wünsche und Sehnsüchte konzentrieren, vertieft sein Solidaritätsgefühl mit seinem Volk. Die ständige Wiederholung gewisser Gebete nicht nur um sein und seiner Familiengehörigen Wohl,- sondern auch um das Wohl seiner Volks- und Stammesgenossen und darüber hinaus um den Weltfrieden und um das Wohl der Menschheit — richtet den Gedanken des Beters auf die Geistesverfassung auf die Prinzipien, die den Charakter des Judentums formen. Neben dem gegenwartsbezogenen Solidaritätsgefühl mit der Judenheit in aller Welt, zu dem sich in unserer Zeit besonders auch die Betonung der Gemeinsamkeit zwischen dem Volk im Staate Israel und dem Volk in den Diaspora-Ländern gesellt hat. — vertieft das Gebet auch das Gefühl der Solidarität unserer Generation mit unseren Vor-Vätern und -Müttern von der biblischen Zeit bis ins zwanzigste Jahrhundert und mit den kommenden Geschlechtern bis in die fernste Zukunft. Im Gebet fühlt sich der Jude als Glied in der Kette, die aus der Vorzeit bis zum Ende der Tage reicht. Er erzieht sich durchs Gebet zur Demut, denn er fühlt seine Kleinheit gegenüber der Grösse der Welt, in die er hineingestellt ist, gleichzeitig aber fühlt er, der ja nur eine zur Vergänglichkeit vierurteilte, schwindende Welle in der Brandung des Meeres ist, dass er eine individuelle Aufgabe erfüllt, die nur er erfüllen kann in der ihn niemand anderer zu vertreten imstande ist, nämlich die Aufgabe, als eines der unzählbar vielen Glieder in der endlosen Kette das Glied vor und das Glied nach ihm zusammenzuhalten. Versagt der einzelne Mensch in seiner Sendung und erfüllt er seine Bestimmung nicht, die übernommene Tradition ln die Zukunft weiterzuleiten, so hat er seine Aufgabe nicht nur als Jude, sondern auch als Mensch nicht erfüllt. Eis ist nun einmal so, dass sich die Menschheit aus Völkern und die Kulturleistung der Welt sich aus den Kulturschöpfungen der Völker zusammensetzt. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass das Gebet eine veraltete Einrichtung sei. Gerade in unserer materiellen, technologischen Zeit, die den Menschen durch seine Lebensjahre hetzt und ihn kaum zur Besinnung kommen lässt, braucht der Mensch das Gebet mehr denn je. Für Momente hebt es ihn aus dem Strome der Zeit und gibt ihm die Möglichkeit zur Sammlung, damit er sich auf sich selbst und seine höheren Aufgaben und Ziele konzentrieren kön. ne. Und was für den Menschen im allgemeinen gilt, das gilt doppelt und dreifach für den Juden, dem sein Gebet neben den allgemein menschlichen auch noch zusätzlich die jüdisentraditionellen Werte immer aufs neue in Bewusstsein ruft. Tm Judentum steht unter keinen Umständen und m keiner Hinsicht das Gebet und der Glaube an der stelle des praktischen Lebens, denn unsere Religion ist eine Diesseitsreligion und wir erstreben, wie es Max Brod ausdrückte, das Diesseitswunder. Unser Gebet hat die Aufgabe, unsere moralische Kraft und Fähigkeit;u zu steigern, unsere Aufgabe im tagtägüohen Leben und unsere Pflichten gegenüber unserer Umwelt und Gesellschaft zu erfüllen. Die historische Aufgabe, die unsere Liturgie darin erfüllte, dass sie die Zionssehnsucht im Volk durch die Generationen lebendig er- Unter dem Titel „Untergang* hat der niederländische Professor für moderne Geschichte an der Amsterdamer Universität, Dr. J. Presser, im Auftrag der niederländischen Regierung ein enthüllendes Werk über die Verfolgung und Ausrottung des niederländischen Judentums im Zweiten Weltkrieg verfasst. Die Niederlande sind das einzige Land in Europa, in dem vonseiten der Regierung ein solcher Auftrag erteilt worden ist. Presser arbeitete an dem Werk fünfzehn Jahre lang. Eis wurde in der niederländischen Presse ausführlich gewürdigt und stiess bei der breiten Oeffentlichkeit auf ein gewaltiges, alle Erwartungen übertreffendes Interesse, so dass die erste Auflage von 11.000 Elxemplaren innerhalb einer Woche ausverkauft war, obwohl die beiden Bände nicht weniger als dreissig Gulden kosten. Die Buchhandlungen in den grossen Städten wurden geradezu gestürmt. Inzwischen ist die zweite Auflage in Vorbereitung. Das erste Exemplar des Buches überreichte der niederländische Minister für kulturelle Angelegenheiten, Dr. Vrolijk, dem Amsterdamer Bürgermeister Van Hall als dem ersten Bürger der Stadt, die am meisten unter den Judenverfolgungen zu leiden hatte. Der Minister verrichtete damit seine erste Amtshandlung als Mitglied des neuen niederländischen Kabinetts. Dies geschah im Rahmen einer schlichten Feier im Gebäude der ehemaligen „Hollandse Schouwburg“ in Amsterdam, das als ein Ort des Schreckens in die Geschichte eingegangen ist. Hier hatte man die eingefangenen Juden zusammengepfercht, bevor sie in das Lager Westerbork verschickt und von dort zur Vernichtung in die Gaskammern nach Polen deportiert wurden. Ueber hunderttausend Juden aus den . Niederlanden gingen diesen Weg. Minister Vrolijk sagte in einer kurzen Ansprache, niemand, der sich in äusserster Aufrichtigkeit Rechenschaft über seine Haltung während der deutschen Besetzung ablegen wolle, könne das Argument als Freispruch gelten lassen: „Ich wusste nichts von Auschwitz und Sobibor“. Jedermann habe wissen können — wenn er diesem Wissen zugänglich sein wollte —, dass man es mit einem Feind zu tun gehabt habe, der seine brutale Rücksichtslosig-1 keit immer wieder bewiesen habe. Das Buch von Professor Presser stelle jeden einzelnen vor die Frage, ob die Niederländer als Volk den Verfolgten allen Schutz haben eingedeihen lassen, der in ihrer Macht lag. Bürgermeister Van Hall erinnerte an seinen kürzlichen Besuch in Lsnael, wo man ihm' gegenüber Bewunderung für den Proteststreik in Amsterdam gegen die Judenverfolgungen im Jahre 1941 zum Ausdruck gebracht hatte. Aber auch der Bürgermeister stellte die kritische Frage, ob wohl genug zum Schutze der jüdischen Mitbürger getan worden sei. „Untergang“ — die Verfolgung und Ausrottung des niederländischen Judentums in den Jahren 1940—1945 ist ein halten hat, was schliesslich die nationale Renaissance ermöglichte, wird heute von niemandem mehr bezweifelt. Da mit der Gründung des Staates Israel die Aufgabe des Volkes und die Sendung des Judentums noch nicht erfüllt ist, bleibt das Gebet auch weiterhin eine Funktion unseres Volkes, welcher sich niemand entziehen dar! der sein’ Zugehörigkeit zum Judentum aufrechterhalti"i will. Werk das eines der dunkelsten Kapitel der niederländischen Geschichte behandelt. Kein anderes Buch gibt so kompakt und so genau wieder, wie grauenhaft dieser Krieg gewesen ist. Presser, der selbst ein Opfer der Judenverfolgungen gewesen war, hat den umfassenden Stoff übersichtlich, nüchtern und vielleicht geradezu deshalb so ergreifend zu Papier gebracht. Das Buch stützt sich unter anderem auf Briefe, Tagebücher und Interviews. Es will eüie Chronik sein, aber es ist zugleich eine Anklage, die ein allgemeines Versagen ins Licht rückt. Der Judenrat wird heftig kritisiert. Aber auch andere Kreise und sogar die alliierten Regierungen haben versagt weil sie sich im kritischen Augenblick nicht genügend um das Schicksal der Juden kümmerten. , Literarische Notizen „Der Stellvertreter Gottes" Ih Madrid wurde ein Stück des spanischen Autors Alberto de Laiglesia unter dem Titel “Der Stellvertreter Gottes” auf geführt, das sich mit dem gleichen Thema wie Rolf Hochhuths “Der Stellvertreter” beschäftigt. Es ist als eine Entgegnung 'auf das Stück von Hochhuth gedacht. Die Aufnahme der Aufführung durch das spanische Publikum war lau. Ein „Unsterblicher" Als Mitglied der Französischen Akademie wurde der französisch - jüdische Wirtschaftswissenschaftler Jaques Rueff eingeführt, der im vergangenen Jahre als Nachfolger des Dichters Jean Cocteau unter die 40 “Unsterblichen” gewählt worden war. Die Einführungsrede hielt der französisch - jüdische Schriftsteller André Maurois in Anwesenheit einer Reihe von Ministern, darunter des Aussenministers, sowie der Botschafter von Grossbritannien, Rumänien und Israel. Französische Gäste Während der letzten Pessachtage weilten Gäste aus Frankreich bei der Jüdischen Gemeinde in Erfurt. Zwei Gemälde Marc Chagall erhielt den Auftrag für zwei Wandgemälde für das neue Opernhaus im New Yorker Lincoln Centre, das im Herbst 1966 eröffnet werden soll. Die beiden Gemälde, jedes 10 mal 12 Meter gross, sollen den Eingang des Opernhauses flankieren. Preis für Ernst Deutsch Zu den diesjährigen Kunstpreisträgern der Stadt Berlin gehört Ernst Deutsch. In einer Feierstunde in der Evhengalerie des Charlottenburger Schlosses würdigte die Schauspielerin Elsa Wagner als Mitglied des Preisrichter - Ausschusses die Verdienste ihres Kollegen um die Entwicklung des deutschen Theaters. Literarischer Nachlass Der berliner Akademie der Künste wurde als 34. Sammu lung der Nachlass des Dichters Alfred Wolfenstein aus Anlass seines 20. Todestages eingegliedert. Witwe und Sohn des Dichters stellten das Material zur Verfügung. Die Ausstellung soll den Dichter und sein Werk der Vergessenheit entreisson, ebenso wie die in Vorbereitung befindliche textkritische Werkausgabe. Rosch Haschana in vergangener Zeit (Nach Bodenschatz „Aufrichtig teutsch redender Hebräer, Bamberg 1756) 1 * Milli H pH irasssraiirq