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Jüdische Wochenschau · 1964-12-18 · 2095 (18.12.1964) · p. [Seite 5]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
25 (1964)
Issue
2095 (18.12.1964)
Date
1964-12-18
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German, Spanish
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Viernes, 18 de Diciembre de 1964 LA SEMANA ISRAELITA Aftc XXV. N° 2695 Kein anderes Am 17. April 1961 stand in schwarzer Robe im Jerusalemer Volkslwus der General. Staatsanwalt und Rechtsberater der Regierung Gideon Hausner vor den Richtern Landau, Halevi und Raveh und erhob die Anklage gegen Adolf Eichmann: „An dieser Stelle, an der ich vor Sie trete, Richter in Israel, stehe ich nicht allein. Mit mir treten zu dieser Stunde sechs Millionen Kläger auf!“ Im Jahre 1964 erklärte derselbe Gideon Hausner, der heute nicht mehr Generalstaatsanwalt und nicht mehr Rechtsberater der Regierung ist, sondern wieder ein jerusalemer Rechtsanwalt, aber als der kommende Mann der Liberalen Partei anzusehen ist, bei einer Kundgebung seiner Partei in Ramat Aviv: „Wer behauptet dass es heute ein anderes Deutschland gibt, der täuscht entweder sich selbst oder die anderen.“ Da ich anderer Ansicht, aber bereit bin, mich eines Besseren oder hier eines Schlechteren belehren zu lassen, zumal von einem Manne wie Gideon Hausner, der ein riesenhaftes Material durch, studiert hat, um sein berühmtes Eröffnungs-Plädoyer im Prozess von Jerusalem halten zu können, das zu den bedeutendsten Dokumentationen über die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen gehört, deshalb suchte ich Adv. Gideon Hausner in seiner jerusalemer Kanzlei auf, um mit ihm über die Frage zu sprechen, die heute so viele Menschen, auch in Israel, bewegt: „Gibt es ein anderes Deutschland?“ Herr Hausner, sagte ich, ich war sechsmal in der Bundesrepublik Deutschland. Ich habe in Dutzenden von deutschen Städten Vorträge über Israel und das Judentum gehalten. Ich habe im vergangenen Herbst die erste israelische Jugendgruppe nach Deutschland geführt und mit Hunderten von Deutschen, vor allem jungen Menschen, gesprochen und Briefe gewechselt. Und wie oft waren Sie in Deutschland? Hausner: „Ich war nicht dort und würde nicht dorthin gehen selbst wenn mich Gespmech mit Gideon Hausner von SCHALOM BEN CHORUS die Regierung oder die Zionistische Organisation in irgendeiner Aufgabe dorthin schicken würde. Ich würde eine Mission die mich nach Deutschland führt, ablehnen. Aber ich stehe mit vielen Deutschen in Briefwechsel und ich bekomme ständig Zeitungsausschnitte z.B. über den Auschwitz - Prozess in Frankfurt.“ Hausner holt aus einer Mappe den Brief einer jungen Deutschen, die ihm mitteilt, dass sie zum Judentum übertreten will, um so einen deutlichen Trennungsstrich zwischen sich, der deutschen Vergangenheit und (darauf kommt es an!) der deutschen Gegenwart zu ziehen. Der Brief setzt mich nicht in Erstaunen. Ich erzähle Hausner von ähnlichen Briefen, die mich seit Jahr und Tag erreichen, von dem bereits zweiten Besuch einer jungen Deutschen in Israel, die sich auf ihren Uebertritt zum Judentum fleissig vorbereitet. Hausner hört gespannt zu. Auch zu ihm kommen oft und oft (er ist durch den Prozess von Jerusalem ja in Deutschland, das er nicht betritt, ein bekannter Mann, dessen ausdrucksvolle Züge auf dem Bildschirm monatelang erschienen waren) Jugendliche aus Deutschland und sprechen mit ihm über das so schwer lösbare Problem: Deutschland — Israel. Diese Jugendlichen, so betont Gideon Hausner, fühlen sich als eine Minderheit auch unter ihren Generationsgenossen. Ich wende ein, dass idealistische junge Menschen, die ein Ziel vor Augen haben, das weit über ihre eigene Existenz hinaus weist, die von einem wachen, moralischen Empfinden in das Land getrieben werden, an dessen Volk sich ihre Eltern, oder doch die Generation ihrer Eltern, beispiellos versündigt haben, notwendig eine Minderheit sein müssen. In welchem Volke wären solche Menschen keine Minderheit? DEINE SPARKASSE DEIN HOBBY Y9 sF « & « STAMPS CENTER 94 Allenby Rd. TEL AVIV P. O B. 4444 JUAN JULIUSBURG MALERARBEITEN 73*1148 BLANCO ENCALADA 1646 AUTO - REPARATUR - WERKSTATT „BEÑO” BEÑO HUTSCHNECKER Avda. CONSTITUYENTES 4902 (Ecke Monroe) T. E. 51 - 2205 Aber auf diese Minderheiten der moralisch wachen Jugend kommt es an. Hier stimmt mir Gideon Hausner bereits zu und meint: „Diese Jugend ist die Hoffnung Deutschlands und Europas und ,;eser Jugend sollen auch \..r helfen.“ In diesem rückhaltlosen Bekenntnis zu einer deutschen Jugend, die mit den Sünden der Väter nichts mehr gemeinsam haben will, die eine furchtbare unbewältigte Vergangenheit aufzuarbeiten bereit ist, die einen Weg nach Israel und zu einem tiefen Verständnis des Judentums sucht, darf ich mich mit dem Ankläger im Eiehmann-Prozess einig wissen. Aber wir beurteilen dieses Faktum verschieden. An der Oberfläche ist alles anders geworden, meint Gideon Hausner, aber unter dieser glatten Oberfläche lauert weiter der deutsche Bazillus des aggressiven Nationalismus der jederzeit ausbrechen kann. Es herrscht ganz allgemein in Deutschland die Tendenz vor, das Kapitel der Verbrechen der NS-Gewaltherrschaft auf einen möglichst kleinen Kreis von schuldigen Personen zu beschränken: also Hitler und seine „Paladine", die SS und die Gestapo. Hand in Hand mit diesem Reduktionsverf.'ihren geht der Versuch, die Wehrmacht reinzuwaschen, ebenso das Auswärtige Amt und das Reichsinnenministerium, in dem ein Mann wie Dr. Hans Globke als getreuer Sachwalter der Judenpolitik der Nazis wirkte um dann in der Bundesrepublik als Staatssekretär unter Bundeskanzler Dr Konrad Adenauer bis zu dessen Amtsrücktritt weiterwirken zu können. Nach Hausner ist es aber eine historische Lüge, die NS-Ge. walt'verbrechen auf einen relativ kleinen Personenkreis reduzieren zu wollen. Jeder deutsche Soldat wusste, was gespielt wurde. Gideon Hausner ist nicht nur ein hervorragender Ju rist, er ist — seiner Betrach tungsweise nach — ein Historiker. Er geht nicht von der Zeitgeschichte, er geht von der Geschichte aus. Er hat sich mit der Vorgeschichte des Nationalsozialismus eingehend beschäftigt und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass man den Nazis, mus nur verstehen kann wenn man ihn im Lichte von mindestens 130 Jahren neuerer deutscher Geschichte sieht. „Nehmen Sie die Universitäten“. ruft er leidenschaftlich aus, „sie waren in den fortschrittlichen Ländern Europas stets der Hort der Demokratie und des Humanis mus, in Deutschland aber Ihr Begleiter im Beruf, für die Reise und bei Festlichkeiten Carlton-Kleidung ★ MASSKLEIDUNG ★ FERTIGKLEIDUNG ★ LOHNANFERTIGUNG €a\£icn Ernst Koppel Maipu 982 TeL 31-7845 die Brutstätte nationalistischer Reaktion.“ Ich erinnere an die „Göttinger Sieben“, sieben Professoren der Universität Göttinsen, die 1837 gegen den Verfassungsbruch des hannoverschen Königs protestierten, abgesetzt wurden und ins Exil gehen mussten. Hausner: „Und wie viele deutsche Universitätsprofessoren protestierten gegen den Verfassungsbruch Hitlers? Selbst ein Philosoph wie Karl Jaspers tat — trotz seiner jüdischen Frau — den Mund nicht auf.“ Der Jurist Hausner wech. seit wieder ins Historische: „Es ist nicht wahr, dass der Versailler Friedensvertrag von 1919 sozusagen die Urzeile des Nationalsozialismus war. Ohne Versailles wäre es ebenso zu Hitler gekommen. Es lag einfach in den Deutschen.“ Hier gestatte ich mir, anderer Meinung zu sein. Versailles hat zur Arbeitslosigkeit in Deutschland geführt. Hier trat zum ersten Mal die gespenstische Zahl von sechs Millionen auf. Sechs Millionen Arbeitslose. Eine leichte Beute für einen hemmungslosen Demagogen wie Hitler. Gewiss, man kann nicht das ganze Wahngebilde der nazistischen Mordmaschine auf Versailles zurückführen, aber wenn die 26 Siegermächte 1919 dieselbe ökonomisch-politische Weisheit an den Tag gelegt hätten deren sich die Sieger 1945 befleissigten, dann wäre dem. wüstesten nationalsozialisti. sehen Radikalismus der Wind aus den Segeln genommen worden. Wenn.... ich gebe offen zu, dass man so Geschichte nicht sehen kann, aber dennoch scheinen mir hier Ursache und Wirkung erkennbar. Hausner hält an seiner Theorie fest: der Nationalsozialismus entsprach der inneren Veranlagung des deutschen Volkscharakters, der immer wieder, wenn es die Umstände gestatten, zum Durchbruch kommen kann. Hier schweige ich — sehr, sehr nachdenklich. Ist das nicht letzten Endes eine Art Rassentheorie mit umgekehrten Vorzeichen? Hausner: „Sind die Antifaschisten heute die Elite in Deutschland, die wirklich herrscht? Selbst die Familien der Helden des 20. Juli bekennen offen, dass sie gesellschaftlich boykottiert werden.“ Ben-Chorin: Aber der 20. Juli wird in Deutschland wie ein Staatsfeiertag als Tag des Gedenkens an den Oberst von Stauffenberg und seine Mitverschworenen begangen. Hausner: „Das ist nur offizielle Oberfläche: Gesellschaftlich werden die Nachkommen dieser Widerstandskämpfer boykottiert, während die Familien der deutschen Wissenschaftler in Aegeypten, die Nasser bei seiner Rüstung gegen Israel helfen, unangefochten in Deutschland leben können Propst Griiber sagte mir in Jerusalem, dass ihm ein Gestapo-Beamter im Dritten Reich bei der Rettung von Juden geholfen habe Aber Propst Griiber wagte nicht, den Namen dieses Mannes preiszugeben, weil das diesem stillen Helfer heute noch in Deutschland schaden könne. Das spricht Bände“. Ich wechselte das Thema: Machen Sie einen Unterschied zwischen der Bundes repubiik. der Deutschen Demokratischen Republik und Oesterreich? Hausner: „Eigentlich nicht. In Ostdeutschland schreibt man zwar — in den' Lehrbüchern — eine deutlichere Sprache. Aber die DDR hat sich aller Verpflichtungen ZAI.MAN SHAZAR, Israels Präsident, und der stellvertretende Ministerpräsident Abba Eba.n trinken auf das Wohl des neuen russischen Botschafters in Israel, M. Chuvakin, der seine Kredent-ialien übergab. entzogen, während die Bundesrepublik sich um mate rielle Wiedergutmachung wirklich bemüht hat. In Oesterreich hat nicht einmal die Kirche Widerstand geleistet, während es in Deutschland innerhalb der Bekennenden Kirche moralischgrossartige Einzelne wie Propst Griiber oder Prälat Hermann Maas gegeben hat i und auf katholischer Seite den Bischof von Münster Graf Gahlen, der (nicht in der Judenfrage) eine offene Sprache gegn Hitler führte. In Oesterreich schw'ieg die Kirche... Kein anderes Volk ist moralisch so tief gesunken wie das deutsche — und hier gibt es keinen Unterschied zwischen West, und Ost-Deutschland und Oesterreich. Hausner kommt abschliessend zur unbewältigten Ge gemvart: Ist es nicht beschämend. dass wir von diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland sprechen müssen, während es die historische Situation doch geböte, dass die Deut sehen um diese Beziehungen uns direkt bitten müssten?“ Hausner zeigt mir ein Bündel Zeitungs-Ausschnitte über den Auschwitz Prozess in Frankfurt: „Fällt Ih. nen die unverschämte Haltung der Angeklagten gegenüber Richtern und Zeugen nicht auf? Der Grund für dieses skandalöse Benehmen ist ganz einfach darin zu suchen, dass diese Unmenschen wissen, wo sie sich befinden. Inmitten eines Volkes, das als ganzes schuldig geworden ist. Sie denken: Wir waren doch alle so, was greift ihr jetzt gerade uns heraus? Nein: es gibt kein anderes Deutschland. Die Deutschen haben sich nicht geändert." Noch einmal erwähne ich die Jugend: Fs gibt vielleicht wirklich noch kein anderes Deutschland, aber es gibt wirklich eine andere deutsche Jugend, und sie scheint mir die Chance für ein von Grund auf gewandeltes Deutschland von Morgen zu sein. Helfen wir dieser Jugend! „Ja“, sagte Gideon Hausner, Generals^aatsanwalt im Prozess von Jerusalem: „Hel. fen wir dieser Jugend.“ SPEZIALPREISE fuer FLUGPASSAGEN mich BARILOCHE zu erfragen bei: VIA WIND 25 DE MÄYO 189 T. E. 34.6919 HOTEL LAGO "IP3 Inhaber: Leo Kahn RIO CEBALLOS — SIERRAS DE CORDOBA CASILLA CORREO 34 Auskunft in Buenos Aires: 76.2009 v. 8—10 Uhr BEKANNT DURCH AUFMERKSAME BEDIENUNG UND HERRLICHE LAGE ALFREDO STERN MALERARBEITEN ALLER ART Departamentos — Büros — Haeuser — Fabriken Unverbindliche Kostenvoranschläge für jede Arbeit T.E. 76-7281 y 76-9088 Virrey dei Pino 2639 DEPOSITO: V. de 1a Plaza 171t EPHRAIM K1SH0N: ARCA DE N0E Ein geeignetes Geschenk für jeden Freund ist dieses neue Buch des anerkannten israelischen Humoristen. 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