Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 25 (1964)
- Issue
- 2080 (4.9.1964)
- Date
- 1964-09-04
- Page
- [Seite 17] (sequence 17)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Die Feierstunde, an der sich die höchsten Persönlichkeiten des Staates beteiligten, war ein Bekenntnis zu den schönsten und edelsten Idealen der Menschheit. Der Mann, dessen Denkmal auf einem der grössten Plätze dieser Millionenstadt steht, ist Juan B. Alberdi, der geniale Schöpfer der argentinischen Verfassung, eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der argentinischen Geschichte. Er symbolisiert den unbeugsamen Freiheitswillen einer Nation und ihien Respekt vor dem Recht als sol chen Verfassung als gleich- , ob es in Argentinien immer berechtigte Bürger aufwach-; sen und ihren Fähigkeiten und Leistungen entsprechend ein eigenes Leben aufbauen. | Dies alles geschah zur gleichen Zeit, als Hass und Wahnsinn in Europa Tod und Zerstörung verbreiteten. Wenige Tage vor der Krii stallnacht wurde der Grund. * stein für das Denkmal Aiberdis gelegt, der zu jenen groi ssen Männern cier Welt ge- ' hört, die von Recht und schon einen Antisemitismus gegeben habe. Sicherlich war dies der Fall, wie man dies auch nicht anders in einem Land erwarten kann, in welchem die Religion oder die Kirche einen entscheidenden Einfluss ausübt. Aber dieser Antisemitismus war ein ge sellschaftlicher, religiös gefärbter, der gewisse Schranken schuf, aber der persönlichen Entfaltungsmöglichkeit des einzelnen kaum Grenzen und ihr Leben diesen ewigen Idealen der Menschheit geweiht haben. Vielleicht sind sich nicht alle und nicht im. mer dieses Kontrastes bechern. Der Grundstein für j Wusst gewesen. Manche mödieses Denkmal wurde am 5. ' November 1938 gelegt; die I feierliche Zeremonie vollzog ’ sich unter dem Vorsitz des , damaligen Präsidenten, Dr. ' Roberto M. Ortiz. gen auch durch persönliches Versagen, Enttäuschungen oder unter dem Einfluss jüngster Ereignisse vergessen haben, was nicht nur die nackte Lebensrettung bedeu- Inzwischen sind beinahe 26 ¡ tet, sondern die Aufnahme schicksalsschwere Jahre verflossen. Zwischen der Grundsteinlegung zu diesem Denk, mal und seiner Enthüllung liegt ein grosser Abschnitt argentinischer Geschichte, den die meisten Juden aus Mitteleuropa miterlebt haben. Die Welt, das Land und auch wir haben eine Ent. Wicklung durchgemacht, in deren Folge sich vieles grundlegend geändert hat. Wer Sinn für Symbolik hat, mag die äusseren Tatsachen gegenüberstellen und nach sei. nem Verstehen interpretieren: Mit dem Ende der Regierung Ortiz begannen auch für Argentinien gewaltige Schwierigkeiten, die zu einer völligen .Aenderung der Situation führten, mit der Regierung des Präsidenten Dr. Illia verbinden viele die Hoffnung auf Normalisierung der Verhältnisse. In den Jahren um 1938 kamen die meisten zentraleuropäischen Juden nach Argentinien. Sie retteten nicht nur ihr Leben vor den vernichtenden Verfolgungen, sondern kamen in ein freies Land, das allen Arbeits¬ und Entwieklungsmöglichkeiten gewährte. Sie fanden zunächst jenen äusseren Frieden, auf den sie so lange haben verzichten müssen. Ihre Kinder konnten unter dem Schutz einer freiheitli. neuer Eindrücke, wie sie nur durch ein freies Leben vermittelt werden. Zu objektiven Erkenntnissen zu gelangen, ist schwer; vielleicht ist dies sogar einem Menschen unmöglich, der durch die tausenden kleinen Dingen des Alltags ständigen Einflüssen ausgesetzt ist. Wer sich aber darum bemüht, über seinen eigenen, begrenzten Horizont hinaus das Ganze zu sehen, der wird begreifen, dass Argentinien und viele andere südamerikanische Länder uns allen mehr geboten haben, als wir jemals in Europa erwarten konnten. Die von Seume bereits zitierte zivilisatorische Tünche Europas lässt verkennen, dass das freie Leben in allen Amerikas wichtiger ist als manche .Gewohnheiten“, mit denen sich ein Europäer schwer abfindet. Jeder Mensch muss ständig bemüht sein, sich nicht in Aeu. sserlichkeiten zu verlieren. Die dem Europäer fehlenden Aschbecher in den Cafehäusern und andere auf dieser i steUunmahme Linie liegende .Mängel“ sind ’ i nicht Gegenstand ernster Kritik. Man kann sich daran gewöhnen. Aber an Sklaverei darf und soll und wird sich, ein Mensch, der diese Bezeichnung zu tragen verdient, niemals gewöhnen. Es ist eine müssige Frage, 9 J. P. LANDSBERG VERSICHERUNGEN JEDER ART Bme. MITRE 430 V. Of, 550 T.E.: 30-1474 CATECA S. A. Directorio 5555 Buenos Aires? T. E. 68 - 1017/18 y 1264 SUAVANDAR el calzado legítimo de espuma de goma Menschenwürde geträumt i setzte. Heute begegnen wir einem organisierten Antisemitismus, der politischen Charakter trägt und von landfremden Elementen lan. ziert worden ist. Niemals hat man das von Argentinien behaupten können, was man von anderen Völkern sagen muss; das Volk sei antisemitisch. Auch heut« ist das nicht der Fall. Wenn wir von dieser Grund. Position ausgehen, können und dürfen wir uns als Gemeinschaft nicht mit diesen beruhigenden Feststellungen zufrieden geebn. Denn wir leben nicht mehr in jenen relativ ruhigen und guten Jahren, in denen wir ins Land kamen. Weltkrieg und Wirtschaftskrisen, die Auswirkungen der unseligen internationalen Spannungen haben die Lage des Landes _ und aller Staaten, Völker und Länder — grundlegend geändert. Es wäre geradezu sträflich leichtfertig, wenn wir das übersehen wollten. Argentinien ist nicht mehr das grosse, reiche Land am Rande des Weltgeschehens Nicht durch seinen Willen wurde das Land in die grossen politischen Auseinan. dersetzungen hineingezogen. Wie das geflügelte Wort sagt, dass der Frömmste nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt, so wurde auch Südamerika als Ganzes in das internationale Spannungsfeld einbezogen und zur veranlasst. Das geschah und geschieht mit denselben Begleiterscheinungen, die überall zu beobachten waren. Neue Fronten öffneten sich, neue Pro bleme und Fragestellungen traten auf, bisher unbekannte Auseinandersetzungen erschütterten den inneren Frieden. Als neues Argument wurde seit einiger Zeit die Judenfrage in der Debatte benutzt. Geflüchtete Naziverbrecher, Nazipublikatio. neu, arabische Hetzer und Interessenvertreter versuchten ihre europäische und vorderorientalische Praxis einzuführen. Die Folgen sind beleidigende Pamphlete, Bombenattentate, systematische antisemitische Kampagnen, Verleumdungen, politische Winkelzüge und Unruhestif. tung. ,Man“ weiss, dass Unruhe und Unzufriedenheit wesentliche Voraussetzungen für antijüdische Unterneh men und innerpolitische Zielsetzungen sind. Denn über die antisemitisch verseuch, ten Massen kam einst Hitler zur Macht. Vielleicht gelingt das wieder einmal. Einige Skandale, an denen Juden wahrscheinlich beteiligt sind — ganz sicher ist dies in einigen behaupteten Fällen nicht —, bieten den willkommenen Anlass zu Ver. allgemeinerungen primitivster Art. Aber das haben sie von den Nazis gelerntje unkomplizierter und plumper die Behauptungen sind, desto grössere Chancen bestehen, dass sie geglaubt werden. Man muss sie nur oft genug wiederholen. Dass Juden niemals stärker an irgendwelchen Delikten beteiligt sind, als dies ihrem Bevölkerungs. anteil entspricht, ist eine alte Tatsache. Aber wenn ein Jude Kommunist ist, sind es alle, wenn einer stiehlt, sind es alle. Das ist eine alte traurige Erfahrung. Die Juden in Argentinien sind schon deswegen in einei gefährdeten Position, weil man über sie spricht. Solange man die Judenfrage hier nicht erörterte, war alles ir: Ordnung. Dass solche antisemitische Aktionen vörkom. men und sogar schon zu Debatten im Parlament führ, ten, beweist, dass unsere Lage problematisch wird, also nicht als sicher angesehen werden kann. Nachdem Vertreter des American jewish Committee und angeschlossener Gruppierungen erst vor kurzem bestritten haben, dass es einen Antisemitismus in Argentinien gäbe, wurde jetzt von der Delegation dieses nordamerikanischen Comités, die Argentinien besuchte, eine lange Erklärung erlassen, dass der Antisemitismus in Argentinien eine Gefahr sei. Wir brauchen solche Feststellungen nicht, obwohl je. der das Recht zur freien Meinungsäusserung hat. Aber Freiheit hat auch ihre Grenzen, nämlich dort, wo eine disziplinierte Gemeinschaft ihre Interessen zu verteidigen hat. Was wir in dieser Stunde unserer Gefährdung in erster Linie gebrauchen, ist in. nere Einheit und Geschlossenheit. Alle Juden, die in Argentinien leben und sich organisiert haben, sind durch die DAIA repräsentiert. Nur diese zentrale Organisation, aus freien Wahlen hervorgegangen, hat das Recht im Namen der argentinischen Juden zu sprechen. Auch dann, wenn die Meinung des einzelnen manchesmal von der .offiziellen“ Stellungnahme der DAIA differieren sollte, hat niemand das Recht die Autorität der DAIA zu erschüttern. Wenn dies im eigenen Kreise geschieht, was können wir dann von den anderen, die gegen uns sind, erwarten? Niemandem wird das Redit bestritten, seine Meinung zu sagen: diese aber muss in. nerhalb unserer selbstgewählten zentralen Instanz geschehen. Denn die Einheitlichkeit unseres Auftretens hat uns bisher vor Weiterungen bewahrt, die für i alle unangenehm sein kön. nen. Die innere Front zu; schliessen und zu stärken, | auch wenn man nicht alles . genau so sagen oder machen | würde, ist ein Zeichen mo- | ralischer Reife und innerer j Kraft. Für uns ist es eine! Genugtuung, dass sogar die Delegation des American | Jewish Committee im Angesicht der Tatsachen die Linie der DATA respektiert und sich eingefügt hat. Heute wirken in Argentinien viele Faktoren, die sich; antijüdischer Parolen bedienen, um innenpolitische Frj folge zu erheischen. Uns in-; teressieren in diesem Zusam- . menhang nur diejenigen Vorj gänge, die sich auf unsere! Position als Juden beziehen. In bald 25jähi iger periodi. . stischer Tätigkeit hat die Jüdische Wochenschau niemals Veranlassung genorn-; men, in inner.argenlinischen : Fragen Stellungen zu bezie- . hen. Wir sind aber hierzu gezwungen, wenn unsere jii. j disehe Sache auf dem Spiel i steht. I Wir wissen, dass uns schwierige Stunden bevorstehen. Wir werden aber solche Krisen überwinden, wenn wir als Bürger dieses Landes auch unsere Pflicht als Juden erfüllen. Die Einheitlichkeit unserer Aktion ist eine Voraussetzung für unseren Erfolg bei den uns auf. Einwanderer-Quoten in USA Atlantic City. — Der na. tionale Kirchenrat ersuchte die Programm-Kommission der Demokrat! sehen Partei, in das Partei-Programm das Ver. sprechen aufzunehmen, dass die diskriminatorischen Bestimmungen des amerikanischen Einwan. derungs - Gesetzes abgeschafft werden sollen. Als Begründung für die. se Aufforderung wurde angeführt, ciass „jedes Sy. stem, das drei Ländern (Deutschland, Irland und Grossbritannien) 70 Prozent der verfügbaren Quo. ten sichert, während 102 Landern sich in die restlichen 30 Prozent teilen müssen, ein Schimpf für die Völker der Welt ist.“ gezwungenen Auseinandersetzungen. Wir vertrauen daraui, dass der Geist des Rechtes, der Menschenrechte und der Würde einer Nation, wie er durch Juan B. Alberdi repräsentiert und von der Regierung gefeiert wurde, eine lebendige Kraft ist, die stark genug sein wird, um alle diejenigen auszuschalten, die gegen diese hohen argentinischen und Menscheitsideale verstossen. INDUSTRIAS YUVENA S. 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