Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 25 (1964)
- Issue
- 2065 (22.5.1964)
- Date
- 1964-05-22
- Page
- [Seite 4] (sequence 4)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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4 — Viernr*, ¡Et de Mayo de 1964 LA SEMANA ISRAELITA A*« XXV. — N*. ¡R*#5 Ein weiblicher Wunderrabbi Die jüdische Geschichte ist reich an interessanten j Frauengestalten. und wenn es such in ihren Annalen; keine ,,Jungfrau von Or_ leans“ gibt, so ist immerhin Ersatz auf einer ganz ande- reu Ebene vorhanden: „Die , Jungfrau von Ludmir“. Ob. I vohl kaum 150 Jahre verflossen sind, seit Chanah-! Rachel Webermacher so lau. : tete standesamtlich ihr Naj me) im Marktflecken Lud- 1 mir. Gouvernement Wladi- ' mir Wolhinsk, Wolhynien, im j Hause des begüterten Chasj 6id Reb Munisch daß Licht! der Welt erblickt hatte, er.; scheint ihr Bild nebelhaft i im Labyrinth des Sagenge-; webes, welches um sie gei Eponnen wurde. Die fünfzig j Jahre, welche sie auf Erden j •wandelte, waren überreich an ungewöhnlichen Vori kommnissen, welche ganz I aus der Art schlugen und j danach angetan waren, fa- ( beifreudige Phantasien leb. j toaft anzuregen. Ihr Lebenswandel mit all seineu ver- , echlungenen und seltsamen Serpentinen gab geradezu j einen idealen Stoff ab, um j »us ihm Romane und Schau- | spiele, Anekdoten und Couplets und was nicht sonst zu gestalten, wobei die Wahr, beit allenfalls zu kurz, zuweilen sogar sehr zu kurz kam. TI Immerhin gibt es eine Reihe von einwandfreien Tatsachen, die von nüchternen und objektiven Zeitgenossen festgehalten wurden, und von ihnen soll weiter die j Rede sein. Chana . Ruchei i wuchs in einem Hause her- ’ an, wo eine Atmosphäre herrschte, die von Mystik lind von Wirklichkeit gleiehermassan getränkt war. ‘ Ihr Vater, der reichste Mann im Orte, war zugleich auch ein gründlicher Kenner der alten Lehre, stockfromm und ein heisser Adept des Wunderrabbis Mordechai von Tschernobil. Er pflegte eich nie in ein Geschäft ein. aulassen oder etwas Wichtiges zu unternehmen, ohne den Rat des heiligen Mannes einzuholen und sich strikt danach zu richten. Einziges Kind ihrer Eltern, sehöngestaltet und geistig friihentwiekelt, ver. wohnt und verhätschelt, fasste Chana Ruchei schon im frühesten Alter — sie war kaum 10 —, eine besondere Vorliebe für das Studium der Thora und setzte es durch, dass sie im Cheder den gleichen Unterricht wie die Knaben genoss, allerdings gesondert von ihnen und allein auf einer Bank sitzend. Sie verschlang allen Geschriebene und Gehörte mit Heisshunger, gleich, ob es biblische Geschichten oder komplizierte Talmudauslegungen, Rechtsparagraphen oder ethieche Lebensregeln, mystische Sagen oder rätselhafte Kabbalaformeln waren. Besonderes Interesse bekundete sie für die Biographien der wundertätigen Rabbis eeit dem Erstehen der chassidisehen Bewegung. Scheu als Kind offenbarte sich ihr fester Wille und ihre Unablenkbarkeit von gesteckten Zielen — eine EL genschaft. die ihr bis zum Lebensende innewohnte und ihren Schickßalslauf entscheidend bestimmte. Sie hatte auch Spielkameraden, mit welchen sie ihre knappe Freizeit — sie klebte geradezu an der Schulbank und riss sich höchstens für eine Stunde im Tag von ihr lcc —, verbrachte. Es waren dies die drei Kinder eines Nachbarn, welcher auf einer tiefen sozialen Stufe stand, jener ihres reichen und hochgeachteten Vaters diametral entgegengesetzt: er war nämlich Kaminfeger. Die ungleiche Gesellschaft pasßte wohl nicht dem standesbewussten Vater, aber er vermied es, sein vergöttertes Töchterchen zu kränken und legte kein Veto ein. Unter den Kindern des Schornsteinfegers gab es auch ei neu gleichaltrigen Knaben. Schulemke, der schon damals im Städtchen als „Hui“ (Wunderknabe) galt, dank seiner überragenden geistigen Qualitäten. Zunächst war es Freundschaft, welche hana - Ruchei und Schulemke verband, später aber begann schüchtern ei. ne sentimentale Zuneigung hervorzuspriessen. Schliess lieh offenbarte Chana-Ruchel das Geheimnis ihrer Mutter, damit sie beim Vater ein warmes Wort für die Mesalliance einlegte. Der Vater geriet zunächst in Zorn, doch liess er sich erweichen. als sein Liebling eich die Haare zu raufen begann und den Kopf gegen die Wand schlug. Es wurde Verlobung gefeiert, doch sollte erst nach zwei Jahren geheiratet werden. sobald Schulemke aus der Jeschiwa von Woloschin mit dem Rabbiner-Diplom in der Tasche zurückkehren werde. Die Wartezeit war wohl f lang, doch nutzte eie Chana- I Ruchei auf ihre Art aus. Sie I schloss sich in ihre Stube I ein, umringt von dicken Fo-! lianten, und studierte Tag . und Nacht, wie es nur ein I angehender Rabbiner zu tun | pflegt. Es war ungestillter | Wissensdurst, gepaart mit dem Drang, es an Gelehr- I samkeit mit ihrem zukünftigen Gatten aufnehmen zu können. Die Stubenluft bewirkte es, dass ihr schönes Gesicht vorzeitig zu welken j begann und der. zarte Hauch | ihrer Wangen verblasste. ' Der Ruf ihrer Gelehrsamj keit begann sich zu verbrei- ten. und nicht selten kamen j gewiegte Sehriftkenner zu ihr, um schwere Stellen sieh deuten zu lassen. ( Endlich waren die zwei Jahre um und Schulemke kehrte mit dem ersehnten Diplom in der Tasche zurück. Als er aber dae abge-; härmte und blutleere Ge. | sicht seiner Braut erblickte j und die Ursache der Veränderung erfuhr, erklärte er . kategorisch, er werde Chana-Ruchel nur dann ehelichen, wenn sie ihre Lebens. I weise gründlich ändere, das j Thorastudium den Männern ■ überlaste und sich ganz den ) Frauenpfliehten zu widmen i gedenke. Das Ultimatum j verletzte tief den Stolz des ■ begüterten Mädchens und sie löste die Verlobung. Die! Liebe zu ihrem Jugendi freund zehrte aber an ihr, j und sie verbrachte Tage am . Grabe ihrer Mutter, sehluchj zend und verzweifelt sich j die Haare raufend. Einmal j kam es soweit, dass sie dort j in Ohnmacht fiel und erst nach Stunden vom Fried- ] hofswächter gefunden und j nach Hause gebracht wur- | de. Ein schweres Nervenfie. I ber folgte, und die Aerzte i sagten ihr baldiges Ende voraus. Eines Nachte erwachte sie, weckte ihren Vater und verkündete ihm, nun werde sie gesunden, denn ihre tote Mutter habe ihr im Traum eine neue Seele ein geblasen, die Seele eines Tanaiten aus alter Zeit. Ihre Mission auf Erden sei nun, Thora zu studieren, die Lehre zu verbreiten und als Wunderrabbi den Menschen zu helfen. Tatsächlich ge. nass sie bald, und kurz darauf starb ihr Vater und hinterliess ihr ein immenses Vermögen. Sie verwendete den grössten Teil des Geldes für den Bau einer prunkvollen Synagoge und liess für sich ein Kämmerchen dort eihbau. JUEDISCHES LEHRHAUS THG - BET ISRAEL - WIZO BIBELKURS (VIERZEHNTAEGIG) Leitung: Rabb. Dr. MEIR ROSENBERG 3. ABEND: MONTAG, DEN I. JUNI, UM 20.30 UHR HEBRAEISCHE KURSE ANMELDUNGEN UND INFORMATIONEN: CRAMER 2070 Tel: 73-8922 (Bürozeit: Montag. Dienstag. Donnerstag von 15—19 Uhr) en, wo sie sich wohnlich einriehtete und studierte. Zugleich aber übte sie Wohltätigkeit in verschwenderischer Weiee, veranstaltete Freitische für die Stadtarmen, besuchte Kranke in ihren Heimen, schenkte armen Mädchen Heiratsgut und überschüttete verschämte Notleidende mit milden Gaben. Nun aber tat sie etwas, was keine Frau vor ihr jemals getan hatte: sie legte sich freiwillig die religiösen Pflichten eines Mannes auf, sass in den Morgenstunden im Gebettueh („talith“) gehüllt, legte Gebetriemen („Tefillin“), an und sagte täglich in der Synagoge das Kaddißch-Gebet nach ihrem verstorbenen Vater. Allmählich verbreitete sich in der Gegend die Kunde von der ,,Jungfrau von Ludmir“, der wundertätige Kräfte angedichtet wurden, und Scharen von Anhängern begannen in das Städtchen aus Wolhynien und Weissrussland zu ziehen, um ihr das Leid zu klagen und um himmlische Fürsprache zu erbitten. Die „Jungfrau von Lud. mir“ gefiel sich in der Rolle des Wunderrabbi, empfing die Hilfesuchenden, tröstete sie und — zum Unterschied vom üblichen Brauch unter den „Zadikkim“ — verweigerte sie die Annahme jedweder Gabe, ja sie beschenkte die Besucher. Am Schabbat liess sie nach chassidischem Brauch ein Festmahl für die Chassidim richten und hielt gelehrte Vorträge vom Fenuterehen ihres Stübchens. Einmal kam der Zadik von Tßchernabil ins Städtchen, und als er vom seltsamen Gehaben der „Jungfrau von Ludmir“ erfuhr, befahl er ihr ihr Tun zu unterbrechen und einen Mann zu heiraten den er für sie aussuchen werde. Sie fügte sich, heiratete, doch war die Ehe kinderlos und unglücklich. Sie liess sich von ihrem Mann scheiden und wanderte ins Heilige Land. Bald starb sie, doch weiss man nicht genau, ob sich ihr Grab in Jerusalem oder in Sfad befindet. Literarische Notizen Akt der Solidarität Prof. Schwartz aus Paris wurde in sein Amt als Professor für Analytische Mathematik wieder eingesetzt, das er 1960 hatte verlassen müssen, als er mit vielen französischen Intellektuellen das sogenannte „Manifest der 121“ unterzeichnet hatte, das sich gegen den Kriegsdienst im Algerischen Krieg wandte. Als der Lehrstuhl frei wurde, weigerten sich alle Kandidaten, ihn einzunehmen, da er Professor Schwartz zuetehe. Dokumente aus einem Nachlass Dokumente, Schriften und Insignien dee verßtorbenen Viscount Herbert Samuel gelangten durch den Testamentsvollstrecker zur Verteilung an öffentliche und wissenschaftliche Institutionen. Empfänger waren die Jüdisch- Historische Gesellschaft in England, die Moccatta-Bibliothek. das Museum der Universität London. die parlamentarischen Archive des Oberhauses und die Universität Jerusalem. Nach Jerusalem kamen alle Dokumente, die Palästina betreffen, die mit der Zeit der Balfour-Deklaration zusammenhägen. sowie mit der vierjährigen Tätigkeit Samuels als Hochkommissar. WIE VIELE JUDEN LEBEN IN POLEN! Kn« offizielle Statistik über die Zahl der- Juden in Polen gibt es nicht; man ist I vielmehr auf Schätzungen I angewiesen. Allgemein nimmt ] man an, dass zwischen 25.000 I und 30.000 Juden in Polen j leben; die grosse Mehrheit ist; über 60 Jahre alt. Dazu gibt I es eine Anzahl Juden, die pol-! nische Namen angenommen! haben und nichts mit Juden zu tun haben wollen, als dass; sie zu Kol Nidre in die Svn. j agoge kommen oder bei der j Gemeinde Mazzot für Pes- | sach erwerben. Viele von ih_ i nen haben in der Kriegszeit polnische Frauen geheiratet : und führen ein nichtjiidi 1 sches Leben, und die Kinder werden niehtjiidisch erzogen. Die „Marranen“ haben oft! hohe Posten in der Regierung, in den Fabriken und in | den Behörden und wollen sie ' nicht aufs Spiel setzen. Von den jungen Leuten , zwischen 18 und 20 Jahren,! die in der Kriegs, und Nachj kriegszeit geboren wurden, j haben nur die wenigsten ei-! ne Verbindung mit dem Judentum und kein Verlangen,! in die jüdische Welt zurückzukehren, wo sie keine Freunde besitzen. Trotzdem kommt es hin und wieder vor, dass sich jemand nach den frühe, ren Zeiten zurücksehnt und wieder der jüdischen Gemeinde beitritt. Gespräche haben ergeben, dass etwa die Hälfte her ..offenen Juden" auswandern würde, wenn nicht die Schwierigkeiten der neuen Einordnung für die über 60 Jahre alten Leute wären Ausreisepässe zu erhalten, ist nicht schwer. Die Alten haben jetzt schon oder bald Ansprüche auf die Alterspensionen, mit denen man zwar nicht gut leben, sich aber doch durchbringen kann. Ein Teil erhält auch Zuschüsse vom Joint. Hierüber liegen Angaben vor. 6.570 erhielten Altersgeld vom Joint und 3.495 Invaliden- oder Krankenbeihilfe. Etwa 12.000 Juden erhalten Pakete und Geschenke aus dem Ausland. Eine weitere Auswanderung ist daher wenig wahrscheinlich. Die Wünsche gehen auf die Verbesserung des kulturellen Lebens. In jeder Stadt, wo noch Juden wohnen, kommt man regelmässig in der Synagoge zusammen, es gibt jüdische Schulen für die Kinder und Vorträge, die zwar kommunistischen Inhalts, aber doch immerhin in Jiddisch sind. Von Zeit zu Zeit geht man ins jiddische Theater; man begeht die jüdischen Feste und schreibt Briefe : n die Freunde und Familienangehörigen im Aus. Jand. um so die Verbindung mit der jüdischen Welt herzustellen. In Warschau wurde mit Hilfe des Joint und des Central British Found 'ein Altersheim für 100 Personen eröff. net. das eine koschere Küche und andere religiöse Einrichtungen hat, und die Regierung ist bereit, jüdische Ferienlager zu subventionieren. In Wroclaw soll eine jüdische Schule mit Regie, rungshilfe errichtet werden. Vorgesehen, ist ebenfalls der Bau eines jüdischen Kultur, hauses in Warschau, das vom Joint subventioniert wird und von allen jüdischen Organisationen betrieben werden soll. Rabbiner Dr. ESCHELBACHER s. A. Soeben kommt aus London i die Nachricht, dass dort in seinem 85. Lebensjahre der j langjährige Rabbiner der Synagogengemeinde Düsseldorf, Dr. Max Eschelbacher, j dahingegangen ist. Wenige Wochen zuvor hatte er am Pessachfeste als Prediger in Hamburg gewirkt, wohin er in den letzten Jahren des öfteren gereist war. auch in Berlin amtierte er in den Jahren 1960—62 an den Hohen Feiertagen. Max Eschelbacher war im j Jahre 1912 als Nachfolger j von Rabb. Leo Baeck, a's die. \ ser nach Berlin ging, an die | Düsseldorfer Gemeinde beru- feu worden, wo er sehr sej gensreich bis zum November 1938 amtieren konnte. Dann ging er nach England, nahm seinen Wohnsitz zunächst in Cambridge, wo er noch eine Reihe von Jahren rabbini. sehe Funktionen ausüben durfte, und siidelte später nach London über. Ueberaus vielseitig tätig, hat er noch in der Emigratriu 'iterarisch gearbeitet und am jüdischen Geschehen in der VV* 1t lebendigen Anteil genommen. Vor zwei Jahren war eine sehr kluge und schöne Würdigung des grossen orthodoxen Rabbiners Samson Raphael Hirsch aus seiner Feder erschienen, dem Eschelbacher, als liberaler Rabbiner, die höchste Wertschätzung und Bewunderung darzubringen pflegte. Der Verewigte stammte aus einem Rabbiner hause; sein Vater, Dr. Joseph Eschelba. eher (1848—19161, ursprünglich Rabbiner in Bruchsal, war dann viele Jahre lang als einziger konservativer Gemeinderabbiner jener Epoche in Berlin tätig gewesen. Auch widmete er viel Mühe der Wissenschaft des Judentums, Der Vater ist trotz seines Konservativismus auch einer der Mitbegründer (neben Rabb. Samson Weisse) der „Religiösen Mittelpartei'1 gewesen. In seiner Mutter, Ernestine Eschelbacher, besnss der jetzt Verstorbene ein wunderbares Vorbild sozialer Hilfstätigkeit und echt jüdischer Nächstenliebe. C. W. Herzliche Glückwünsche den Eltern JUAN und AIDA SILBER STEIN und seiner Grosamutter TAUBE WAL¬ LACH, anlässlich der BAR MIZWA ihres Sohnes EDUARDO ISRAEL die morgen Sonnabend, den 23. Mai. stattfindet. Comisión Directiva y Socios de la Sinagoga Bet Jaacow, Bermudez 249 LU«CH - (KALENDER) Freitag, den 22. Mai H- Siwan Sonnabend, den 23. Mai 12. Siwan Parechat NASO 4. B. M. IV. 21 — VII. 89 Haftara Richter XIII 2—25 Sonntag, den 24. Mai 13. Siwan Montag, den 25. Mai 14. Siwan Dienstag, den 26. Mai 15. Siwan Mittwoch, den 27. Mai 16- Siwan Donnerstag, den 28. Mai H- Siwan Freitag, den 29. Mai 18. Siwan Sonnabend, den 30. Mai 19- Siwan Parechat BEHA’ALOTCHA 4. B. M. VIII 1 — XII 16 Haftara Secharia 11 14 — IV 7