Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 25 (1964)
- Issue
- 2064 (15.5.1964)
- Date
- 1964-05-15
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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2 — Viernes, 15 de Mayo de 1964 LA SEMANA ISRAELITA Año XXV. — No. 2064 UT UND KRAFT ZUM GLAUBEN (Schluss von Seite 1) Masstäben des Strafrechts gemessen werden kann. Wir können auch niemandem das Recht einräumen, dieses Geschehen zu vergessen. Denn auf Vergessen kann man nicht die Zukunft eines Menschen oder eines Volkes aufbauen, ■wie vor kurzem einer unserer bedeutenden, führenden Männer gesagt hat. Und wer hat. te einen Anspruch darauf, mit der Forderung auf Vergessen an die Oeffentlichkeit zu treten, wo es sich um ein Leid und ein Unrecht handelt, das an Millionen Menschen begangen worden ist, die nur deshalb starben, weil sie Juden gewesen sind! Dass wir heute noch nicht beurteilen können, ob die Durchführung der Kriegsver. brecherprozesse eine aufwühlende, mahnende, abschrekkende und pädagogische Wirkung haben werden, ändert nichts an der Notwendigkeit, sie vor den Augen einer ent. setzten Oeffentlichkeit abzuwickeln. Wenn man darauf verweisen wollte, dass diese Verfahren auch politischen Zwecken dienen würden, so wäre selbst dann hiergegen nichts einzuwenden, wenn diese Behauptung zutrifft. Man kann sogar mitunter beobachten, wie überwunden geglaubte Gesinnungen, Meinungen und Anschauungen in solchen Prozessen mit einer ersclueckenden Deutlichkeit aufblitzen. In diesem Zusam menhang ist auf die Haltung der Verteidiger oder einiger von ihnen im grossen Auschwitz-Prozess aufmerksam zu machen, der jetzt in Frank, furt abläuft. Mitunter muss man sich fragen, wenn man die Tätigkeit dieser Verteidiger beobachtet, wie es selbst heute noch möglich ist. dass derartige Auffassungen geäussert und derartiges Verhalten an den Tag gelegt werden. Wie können nur rechtskundige Advokaten in vollem Wissen dessen, was sich dort in der Hölle von Dr. FREY ABOGADO PüEYRREDON 2190 1’ izq. nachm. 16—19 Uhr Telefon: 80-6930 REAL PEN Füllhalter REPARATUREN Spezialgeschaeft CORRIENTES 569 T. E. 49-5850 Auschwitz abspielte, sich dazu hergeben, die Verbrechen zu bagatellisieren, die Mör der zu schützen und das Rechtsempfinden einer demokratischen Weit herauszufordern oder gar zu verhöh nen? Man muss bei diesen Fest Stellungen nicht allein den Eindruck oder die Gewissheit erhalten, dass die deutschnazistische Vergangenheit keineswegs überwunden worden ist, sondern dass auch erhebliche Ki'äfte am Werk sind, um diese schrecklichen Tage, dieses verabscheuungs würdige Regime sowie seine Träger und Vollstrecker zu rehabilitieren oder erneut erstehen zu lassen. Insoweit handelt es sich tatsächlich um ein Politikum ersten Ranges, um eine Gefahr, die aufgedeckt wird, um eine sich in fernen Umrissen zeigende, neue politische WTirklichkeit, die eine Mahnung für das deutsche Volk und eine Warnung-für die freie Welt sein sollte. Die Erbärmlichkit der Mörder tritt täglich zutage; denn sie bestreiten ihre Verbrechen, obwohl sie von allen Ueberlebenden bestätigt wer. den! sie leugnen ihre Verantwortlichkeit, indem sie sich auf höhere Befehle berufen, sie schieben ihre eigene Schuld auf diejenigen Kumpane, die inzwischen gestorben oder bisher nicht auf findbar sind. Hierin offenbart sich nicht allein eine verächtliche Feigheit und ein Mangel an Zivilcourage, die in einem krassen 'Widerspruch zur einstigen Machtfülle und ihren Ansprüchen auf den von ihnen einst be sungenen ,Männer‘-Staat, auf ihre angebliche ,Herren-Rasse“ und zu den Parolen stehen, dass ihnen morgen die ganze Welt gehören würde. Hinter dieser Haltung der Angeklagten und der von aussen gelenkten Verteidigung steht eine organisierte neue (oder alte) politische Kraft. Im Auschwitz-Prozess kamen vor kurzem die entsetz, liehen Morde an den Kindern zur Sprache, die keine Parallele in der Geschichte haben. Mit welcher Grausamkeit selbst gegen Kinder vorgegangen wurde, berichtete ein ehemaliger polnischer Berufsoffizier, der als politischer Häftling in Auschwitz war und heute über 70 Jahre alt ist. Er hat dort die Liquidierung des sogenannten Theresienstädter Lagers — eines jüdischen Familienlagers — und des Zigeunerlagers miterlebt. Die Erinnerung an das furchtbare Geschehen iibermannte den Berufsoffizier, er w'einte zwei, mal und konnte nicht weiter. sprechen. Der Zeuge erklärte: „Es war etwa drei bis vier Wochen nach den Ereignissen im Tschechenlager (The resienstädter Lager) „Die Kinder kamen oft an den Draht, und wir steckten ihnen etwas zu. Als dann eines Tages die Autos kamen, gab es eine grosse Aufregung im Lager, denn die Zigeuner wussten jetzt, dass sie vergast würden. Sie hatten einen guten Nachrichtendienst, denn die SS.Leute hatten hübsche Zigeunerinnen als Freundinnen. Sie erzählten ihnen vieles.“ Der Zeuge beno-itete ”.nn, wie er sich aus Angst in einem Gebüsch versteckte und mitansah, wie die Zigeuner unter Schlägen auf die Lastwagen getrieben und zur Ver. gasung fortgebracht wurden. Dann durchsuchten die SS- Leute die Baracken und schleppten noch etwa ein halbes Dutzend Kinder, sie wa. ren vier bis sieben Jahre alt, hinaus zu dem Angeklagten Boger. „Sie wurden zu Boger gebracht, der zunächst nach den Kindern trat, sie dann an den Beinchen fasste und mit dem Kopf an die Wand schleuderte.“ — „Dies hat noch keiner berichtet. Sie waren Offizier! Sahen Sie das mit eigenen Augen?“ will der Vorsitzen, de wissen. „Ja, es waren fünf, sechs, sogar sieben. Es war schrecklich.“ „Waren sie tot?“ „Ich denke, ja!“ „Wie alt waren die Kinder?“ „Vier, fünf, bis sieben Jahre.“ „Sind Sie sicher, dass Sie Boger nicht mit einem anderen SS-Mann verwechseln?“ fragt einer der Richter „Ich weiss es ganz genau, weil ich fast jeden Tag an der Politischen Abteilung Vorbeigehen musste. Manchmal traf ich Herrn Boger, wenn er auf dem Fahrrad fuhr und einen Häftling an einer Schnur wie ein Hünd. chen hinterher zur Politischen Abteilung zog. Ich habe ihn in Erinnerung behal. ten, weil er das schlimmste Leid stiftete: Er liquidierte Kinder“. Zuvor hatte der Zeuge geschildert, dass einige Wochen vorher das Theresienstädter Lager unter Mitwirkung von Boger ebenfalls auf diesefurchtbare Weise geräumt und seine Insassen in die Gaskammern getrieben worden waren. Auch diese Ar. men seien entsetzlich geschlagen worden, und es hätten sich erschütternde Szenen abgespielt, weil sich die Frauen nicht von ihren Kindern trennen und lieber mit ihnen sterben wollten, anstatt in ein Arbeitskommando zu kommen. Der Zeuge hatte in diesem Familienlager ein Magazin zu verwalten, und er betonte immer wieder, dass die Kinder sehr oft zu ihm gekommen seien. Es seien sehr net. te Kinder gewesen, zwei bis drei Jahre alt. Die in diesem Lager untergebrachten Tschechen hätten es zunächst noch gut gehabt. Aber dann seien eines Tages die Lastwagen mit den SSMännern gekommen und hätten sie alle mit furchtbaren Schlägen davongetrieben. Man habe noch zahlreiche junge, kräftige Mütter überreden wollen, sich von ihren Kindern zu trennen, weil man die Frau, en noch als Arbeitskräfte verwenden wollte. „Es waren viele junge, kräftige Frauen, die sehr geschlagen wurden, aber keine Mutter liess ihr Kind allein. Sie gingen alle mit“, sagte der Zeuge mit Tränen in den Augen. Dann bittet er um eine kurze Pause, da er sich erst wieder beruhigen müsse. .. Der beschuldigte SS-Mann hatte keine Antwort; er leugnete, bei der Liquidierung des zigeuner-Lagers dabei gewesen zu sein. Und zu dieser Bemerkung bequemte er sich erst, als der Vorsitzende ihn eindringlich mahnte. Aber vorher hatte ein anderer polnischer Zeuge, der ebenfalls als politischer Gefangener in Auschwitz gewesen ist, schreckliche Untaten desselben SS.Mannes und einiger seiner Mitangeklagten dargestellt. Er berichtete wie 12 Mitglieder eines Vermessungskommandee als Geiseln für die Flucht eines Kameraden erhängt wurden; die mit Namen genannten Ange. klagten hätten sogar noch diese Opfer misshandelt, als sie bereits starben. Sie hätten sich über die bereits hängenden Männer geworfen, sie mit Fusstritten traktiert und ihnen Ohrfeigen gegeben, bevor sie die Holzklötze w’eg. gezogen hätten, auf denen die Unglücklichen standen... Das und viele andere Verbrechen haben Deutsche, die Nazis waren, getan. Man kann doch nicht übersehen, dass nur ein Ausschnitt des wirklichen Geschehens vor dem Gericht enthüllt wird. Denn die meisten Opfer dieser unerhörten Verbrechen leben nicht mehr; sie sind nur die stummen Zeugen und die schweigenden Ankläger. Und die meisten Täter stehen nicht vor ihren Richtern, weil sie nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden können oder untertau. chen konnten. In welchem unvereinbaren Gegensatz stand das Verhalten der Opfer zu dem Auftreten ihrer Mörder. Der Zeu ge, der die Exekution an den 12 Mitgliedern des Vermessungskommandos schilderte, berichtete, wie diese Männer mannhaft starben. „Die Po- Keine Pension ] München. — Der ehemali ge SS-Obersturmführer und frühere zweite Schatzmei- : ster der CSU, Dr. Max | Frauendorfer, wird keine Pension für seine Tätigkeit j während des Dritten Reiches erhalten. Das Verwal. | tungsgericht in München hat jetzt eine Klage des Rechtsanwalts abgewiesen! len riefen; „Es lebe Polen, es lebe der Sozialismus!“ Die deutschen und Österreich!. sehen Opfer: „Weg mit der braunen Mordbande, es lebe die Rote Armee, es lebe der Kommunismus.“ Die Rufe hörte man noch, als die Häftlinge schon hingen!...“ Wie Juden starben, wurde an einem anderen Verhandlungstage geschildert. Ein tschechischer Zeuge berich. tete von der Liquidierung (welch“ ein schreckliches Wort!) des ersten Transportes aus Theresienstadt in Auschwitz, der am 7. März 1944 vergast worden ist. Von 5007 Menschen blieben 14 am Leben. Wie üblich hatte man die Opfer über ihren letzten Weg getäuscht und sprach von einer Verlegung in ein anderes Lager. In Wirklichkeit seien sie an der berücntigten Verladerampe vorbei zu den Gaskammern getrie. ben worden. Zu späte hätten sie das Ende erkannt. „Sie wehrten sich mit ’Tanker Hand, aber die SS-Leute schlugen mit den Gewehrkolben über die Köpfe. Die Häftlinge sangen noch in der Gaskammer hebräische Lieder“ ... Diese Episode des Schrek. kens kann auch als ein Beitrag zum jüdischen Widerstand betrachtet werden. Wehrlos standen die Juden den bis an die Zähne gepanzerten SS.Leuten gegenüber. Aber wie die Helden im Warschauer Ghetto im Angesicht des Todes den Widerstand organisierten und der deut- LA SEMANA ISRAELITA Semanario — aparee« los Viernes. Editado por Estrellas Editorial Ltda. Verantwortlich: Dr. tlardi Swarsensky Pueyrredón 2190 1? izq. T. E. 83-2613 Abono-Preise: Argentinien: $ 100.— pro Quarta] Ausl. $ 600.— jährl. . sehen Wehrmacht länger als ' Polen und länger als Frank, reich Widerstand leisteten, so versuchten es selbst noch '! die Juden aus dem KZ Thej resienstadt in Auschwitz, als; sie bemerkten, dass sie ver- ] gast werden sollten, die ausgehungerten, ausgemergelten, ‘ gepeinigten Juden. Sie star. : ben, weil sie Mut und Kraft zum Glauben hatten, an eine 1 andere Welt, an eine bessere Zukrfnft, an der sie selbst keinen Anteil mehr nehmen konnten, die sie aber durch ihren Tod mit vorbereiten wollten. Warum sonst sangen sie hebräische Lieder, wie der! nicht jüdische Tscheche berichtete? j Der Mut und die Kraft zum Glauben, an die das jü- , dische Volk in diesen Tagen des .Schawuot . Festes gemahnt w’ird, soll den Lebenden Hoffnung, Zuversicht und Bereitschaft verleihen, ■gegen die Mächte der Finsternis zu kämpfen und auf : diese Weise den heiligen Bund zu erneuern, um nicht allein die Einheit von jüdischem Volkstum und Glau. , ben zu manifestieren, sondern die Verpflichtung zu begreifen, die dem einzelnen : Juden wie unserem Volk auferlegt ist, für die ewigen i Menschheitsideale einzutre. ten, die am Sinai verkündet wurden. 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