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Jüdische Wochenschau · 1963-08-18 · 2034 (18.8.1963) · p. [Seite 6]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
24 (1963)
Issue
2034 (18.8.1963)
Date
1963-08-18
Page
[Seite 6] (sequence 6)
Language
German, Spanish
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Aufstand der Intellektuellen von SCHALOM BEN CHORIN Die zweite Dialog Konferenz, die der American Jewish Congress in den heissesten Sommertagen in Jerusalem und Tel Aviv veranstaltete, ist eigentlich alß ein Aufstand der Intellektuellen gegen gewisse Tabus der jüdischen Gesellschaft und als ihr „Unbehagen in der Kultur“ eines organisierten. inhaltsech wachen und bekenntnisleeren Judentums unserer Zeit zu kennzeichnen. Diese zweite Konf?renz trug einen ganz anderen Charakter als die vorjährige. Diese, die erste, galt dem gegenseitigen ' Sich- Kennen-Lernen, wobei sich freilich sehr Tasch heraußstellte, dass man wenig gemeinsame Sprache hatte, obwohl beide Teile Englisch sprachen (von Hebräisch war zwar die Rede, aber man redete eben englisch). Diesmal ging es mehr um die spezifischen Probleme des jüdischen Intellektuellen. Der Dialog war, was den Jerusalemer Teil anlangt. den ich miterlebte, mehr ein amerikanischer .Monolog, denn die spezifischen Probleme des amerikanisch - jüdischen Intellektuellen sind nicht ohne weiteres für den israelischen Intellektuellen miterlebbar, nachvollziehbar. Worum ging es eigentlich primär? Der sympathischoffene Präsident der ..National Foundation for Jewish Culture“ in Philadelphia, der Bibliothekar Edwin Wolf (ID, hat es rundweg ausgesprochen: die amerikanisch-jüdischen Intellektuellen machen bei dem ganzen Betrieb ei.es organisierten und überorganirierten Judentums, in den Gemeinden (Congregations) und Vereinen, kaum mehr mit. Man beklagt, dass auch der Intellektuelle in Israel sich von der Gemeinde entfernt hat, soweit es hier so etwas überhaupt gibt, und bestimmt — von der Synagoge. Aber das Kt ein ganz anderes Problem; denn in Israel verliert er ja dadurch nicht seine jüdische Identität, von der auf dieser Zwiesprachetagung so viel und eo vernebelt die Rede war. Mr. Wolf, dessen Referat sicher zum wichtigsten gehörte. was dieses Jahr hier gesagt wurde, analysierte die Situation sehr klar. Er meinte, dass der sektiererische Pluralismus der USA auch der Bildung von jüdischen Gruppen und Griippchen sehr entgegengekommen ist. Es gibt keine ,,Staatskirche“ in den USA, also auch kein Oberrabbinat. Es gibt alles und daher ist nichts verbindlich. Es muss immer ein Ar.ßtoss von aussen kommen, um das in zahllose Organisationen und „Denominationen“ aufgespaltene amerikanische Judentum zu einigen: 1933 bis 1945 war es die namenlose Tragödie des europäischen Judentums, die das USA-Judentum zusammenschloss. 1948 war es die Errichtung des Staates Israel. Aber man kam nicht immer auf welthistorische Ereignisse angewiesen eein. An Stelle der Bewegung tratt dann der Betrieb. Wolf formulierte es scharf, überscharf: „An die Stelle des Priesters trat der .Fundraiser*.” Wie übersetzt man das: der „Sehaliach“ (hebräisch)? Nicht ganz, denn er, kann auch ein Einheimischer sein. Also der Direktor einer der gewaltigen „Drives“, der grossen Sammelaktionen. In der Tat, er ist der „HohepriEster“ des amerikanischen Judentums geworden, das kein kämpfendes und kein bekennendee, sondern ein zahlendes Judentum wurde. So wie der Priester einst die Opfergaben des Volkes entgegennahm, so nimmt heute der Direktor der UJA (Einheitskampagne) die Spenden entgegen. Aber der Priester brachte die Opfer des Volkes auf dem Altar Gottes dar, das Volk mit seinem himmlischen König verßöh nend. Der Direktor bnngt das Opfer den diversen Organisationen dar. die den Juden mit sich selbst versöhnen, ihm das gute jüdische Gewissen liefern, den israelischen „Fern-Patriotismus“ vermittelnd, der von der Einkommensteuer abzuziehen ist. Aber, so sagte Mr. Wolf sehr zugespitzt: „Die Zukunft gehört den Denkern — nicht den Spendern und Sammlern“. Ein amerikanisch-jüdischer Maimcnides ist freilich noch nicht geboren, auch kein Leo Baeck, Martin Buber, Franz Rosenzweig oder Hermann Cohen. Aber ets gibt hervorragende jüdische Gelehrte in den USA. Sie sind im allgemeinen Fachwissenschaftler. Ein jüngerer Professor an einem der nichtorthodoxen amerikanischen Rabbinersaminare klagte im Gespräch mit mir darüber, dass es auch im amerikanißchen Reformjudentum keine wirkliche Theologie, keine philosophische Systematik gibt. Das entspricht offenbar garnieht dem amerikanischen und damit dem amerikanisch-jüdischen Wesen, das pragmatisch ist. Edwin Wolf klagt oder stellt fest, dass der amerikanisch-g Rabbi ein Psychiater, ein “Händeschüttler“, ein Zsremonienmaister, ein Teilnehmer an hundert Veranstaltungen, ein Buchrazensent und ein Besucher der Kranken geworden ist. Hier fehlen zwei Funktionen, die man für die hervorragendsten halten möchte: der Prediger und der Lehrer. Es ist ganz klar, warum der amerikanische Rabbi daß nicht mehr sein kann. Es fehlt ihm die Kehilla, die wirklich religiöse Botschaft empfangen und jüdische Belehrung aufnehmen will. Wir allerdings müssen da ganz schweigen. Unser Rabbinat in Israel ist eine hochpolitische Institution geworden. Die kleinen Ortsrabbiner sind leidermeist nur noch Standesbeamte und Koscherwächter. Von Verkündigung und Belehrung kann da kaum mehr die Rede sein. Aber die israelischen Intellektuellen empfinden das garnicht. da sie vom Rabbinat überhaupt nichts erwarten, mit dem Rabbiner nicht in dem gesellschaftlichen Kontakt etehen, den der jüdische Intellektuelle in Amerika doch noch öfters hat. Edwin Wolf hat an die „Tabus“ der amerikanischjüdischen Gesellschaft gerührt. Sein Gesprächspartner Oberrichter Chaim Cohen (Jerusalem) hat es nicht weniger getan. Ihr gemeinsames Thema war: „Wie ißt man ein Jude in Israel und ih Amerika?“ Das führt natürlich wieder zu der alten ungelösten Frage: „Wer ist ein Jude?, mit der sich Oberrichter, Chaim Cohen ja ex officio zu befassen hatte, z. B. ii^j Falle des katholischen Paters Daniel, der zugleich der Jude Oswald Rufeisen ist. Der Fall ißt ein Stück ,.unbewältigter Vergangenheit“, wie man heute „bundesrepublikanisch“ sagen würde. Chaim Cohen, immerhin Mitglied des Obersten Ge-, richtshofes, ging die israelischen „Tabus“ mit sehr scharfen, sehr offenen Worten an. Er warnte davor, dass wir Israelis sozusagen eine hebräischs Ausgabe von Nürnberger Gesetzen bei uns zulassen, eine Rassenbestimmung des Judentums: Nur wer von einer jüdischen Mutter geboren ist, der ist Jude. Anstelle der „arischen Grossmutter“ tritt hier die jüdische Mutter. Cohen bezeichnete diese Haltung als eine „bittere Ironie“ unseres Schicksals. Für ihn ist Jude, das war klar zu verstehen, wer sich zum Judentum bekennt, sieh im Akt der jüdisch:n Selbstidentifikation. was immer das ist, zur Schicksalsgemeinschaft dieses jüdischen Volkes bekennt. Cohen warnte vor einer Diskriminierung .,exotischer Juden“ (er dachte hier offenbar an die ,Bens-Israel“, die vor israelischen Rabbinaien ihre jüdische Reinrassigkeit so schwer unter Beweis zu stellen haben). In weiser Abwägung von Idee und Wirklichkeit sprach er von einem objektiven und subjektiven Judentum und schloss mit der talmudischen Formulierung: „Ejlu iwa'ejlu divrej Elohim — ehajim“. Diese und jene sind Worte des lebendigen Gottes. Objektives Judentum ist das der Halakha. des Religionsgesetzes, das von der jüdischen Mutter ausgeht, w-ofcei man natürlich wieder fragen kann: und was war das Kriterium der Jäidischkeit dieser Mutter? Nicht zu beantwortende Frage, wenn man genauer hinsieht. Subjektives Judentum ist das des eigenen Empfindens, des eigenen Bekennens. Geh kenne z. B. den Fall ienes Intellektuellen, der von einer katholischen Mutter und einem jüdischen Vater ab stammt, aber sein ganzes Leben als Jude aktiv war, in Organisationen und im Lehrfach. als jüdischer Wissenschaftler und Hebraist und längst einen hebräischen Namen trägt. Ist dieser Mann kein Jude?) „Objektiv“ sind bekanntlich die Enkel Ben Gurions keine Juden, aber die Krutschews sind Juden. „Ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode“. Chaim Cohen meinte emphatisch. dass der Monotheismus als das Herz des Judentums angesehen werden müsse. Wer sich nur im „Schma Israel" zu dem Ei nen Gotte Israels bekennt — wahrlich, der ist Jude. Sehr schön — aber (so meint der Oberrichter), zu ihrem grösseren Teil sind unsere Intellektuellen (sofern sie eben nicht orthodox oder wenigstens praktizierende Juden sind, die die Mizwot Maassiot, das Ritualgesetz, in ihrem Leben befolgen). Agnostiker, vielleicht sogar Atheisten. Sind sie keine Juden? In der letzten Reihe des Wise Auditoriums sassen zwei katholische Ordens-Schwestern (vermutlich Amerikanerinnen), die diecen Ausführungen mit gespanntem Interesse folgten. In diesen Kreisen hört man solche Bekenntnisse mit sehr wacher Aufmerksamkeit und fragt: der atheistische Jude ist alßo voll akzeptiert, aber der katholische Jude (Pater Daniel) ist nicht akzeptiert. Warum eigentlich? Cohen gab darauf keine Antwort. Er erinnerte daran, dass Ben Gurion sich vor einigen Jahren an viele jüdische Intellektuelle in aller Welt gewandt habe, um Aufklärung über die Frage: „Wer ist Jude?“ zu erhalten. Die meisten antworteten im Sinne der Halakha. Das bedauerte Oberrichter Cohen, indem er nüchtern feststellte, darß die Halakha nicht mehr die formativen Funktionen in unserem Leben hat, die sie einstmals hatte, als „die Ghettomauern uns vor Sünde bewahrten“, wie er sich ausdrückte. Prof. Fiedler meinte in der Diskussion, dass der Jude eigentlich dadurch bestimmt ist. dass er immer der Outsider bleibt. (Das erinnerte mich an Leo Baecks Wort: „Wir Juden sind die Nonkonformisten der Weltgeschichte!“) Ja, aber für Israel trifft dfß kaum mehr zu.. Oder doch? Ein bekennender Jude, der nicht orthodox ist, der sich keiner der sog. religiösen Parteien angeschlossen hat, wird allerdings auch hier im Lande zum Outsider. Nach der Definition Prof. Fiedlers wird er dann sozusagen zum „Juden hoch zwei“, zum „Juden in der Potenz“, und zu einem dreifach jiidißchen. Juden gar, wenn er ein Intellektueller ist, sich reflektierend also — wie ich irgendwo gelesen habe — „mit Problemen auseinandersetzt, die nicht unmittelbar seine eigenen, persönlichen sein müssen“. Der jüdische Intellektuelle setzt ßich aber in Amerika und sogar bei uns in Israel sehr oft mit Problemen dieser Art auseinander, lässt aber das jüdische Problem, oder die jüdischen Probleme unangerührt, obwohl er gerade als Intellektueller eie aus einer gewissen Distanz heraus analytisch ins Auge fassen sollte. Irgendwie musste ich immer an Kurt Blumenfeld denken, an ceine ,.Erlebte Judenfrage“, die jetzt auch hebräisch vorliegt und hoffentlich bald auch in englischer Uebersetzung unseren Freunden in den USA zugänglich wird. Hier können junge Intellektuelle lernen, wie diese Frage aus der Distanz in die Existenz hereingeholt werden kann, um bewältigt zu werden. Professor Low, Käppchen- JETZT AUCH Kindler-T aschenbücher IN DEN LETZTEN WOCHEN SIND DIE FOLGENDEN BAENDE ERSCHIENEN: 15 Charles Morgan: DER REIHER 16 Kasimir Edschmid: DIE GESPENSTIGEN ' ABENTEUER DES HOFRAT BRUESTLEIN 17 John Steinbeck: LOGBUCH DES LEBENS 18 M Y. Ben-gavriel: DAS HAUS IN DER KARPFENGASSE 19 André Maurois: CLAIRE ODER LAND DER VERHEISSUNG 20/21 Max Brod: STREITBARES LEBEN Es kosten: Einfachband DM 2.50 Doppelband DM 3,80, Dreifachband DM 4,80. Bestellungen durch alle Buchandlungen Kindler Verlag G.m.b.H., München LITERATUR» g^ffp J 'm&M \ * , ~r^' f* : W0êk Die prophetischen Visionen des SACHARJA, Gemldevonl Juedischen Illustritrten,duess NEUE BUECHER M John Steinbeck: Logbuch des Lebens. Geschichte einer Expedition (Kindler-Taschenbuch, Band 17), München 1963. — Andre Maurois: Claire oder Land der Verheissung, Roman, (Taschenbuch Band 19, Kindler München 1963). Kasimir Edschmid: Die gespensiigen Abenteuer des Hofrat Brüstlein. Kindler- Tasehenbuch Band 16, München 1963. — Auf die eehr handlichen Taschenbücher des Verlages Kindler in München ist bereits verschiedentlich aufträger, war. soweit ich sehe, der einzige amerikanische Orthodoxe (ßehr gemässigt), der hier allerdings als neugebackener Israeli sprach und schlicht und einfach bekannte dass für den Observanten Juden weder in USA noch in Israel ein Problem jüdischer Identität besteht. Das stimmt — fraglcr. Aber was tun wir eben mit den Millionen, die diesen Kontakt verloren haben? Das ist die Frage, die nicht gelöst wurde. Der Spiritus reetor des amerikanisch - jüdischen Dialoges mit. Israel, unser alter Freund Rabbiner Dr." Joachim Prinz, nahm diesmal nicht teil. Gesundheitsgründe verhinderten ihn zu koinmen, aber diese Institution des Dialoges, der unbedingt fortgeführt werden muss, ist sein Werk. In Israel fühlt man allerdingß. keineswegs allgemein, dass der Dialog fortgeführt werden muss. Ein bekannter hebräischer Publizist meinte: Dieser ganze Dialog ist nur Ersatz und Ausrede dafür, dass diese Leute nicht nach Ißrael kommen wollen. Mag sein. Ater wir sollten erkennen, dass die Probleme, die hier angeschnitten wurden, auch nicht durch Alija als Allheilmittel zu lösen sind. Man kann nach Israel einwandern und hebräisch sprechen... und trotzdem sehr wenig „Jüdischkeit“ in ßeinem Leben realisieren. Auch das will bedacht werden — und das wurde hier bedacht und beredet, . .. merksam gemacht worden. Anerkannt und neue Schriftsteller werden dem Publikum durch diese relativ billigen Ausgaben, die dennoch geschmackvoll und drucktechnisch einwandfrei hergestellt eind, zugänglich gemacht. Nobelpreisträger Steinbeek berichtet von einer Expedition, gibt aber mehr als einen interessanten Bericht über diese Reise und die gemachten Erfahrungen, er berichtet von sich und seinem Leben. So wird diese Schilderung zu einer Art Seibstbiographie. — Maurois seit langem einer der bedeutendsten Romanciers in französischer Sprache, dessen historische Romane und Darstellungen stets Beifall fanden, schrieb einen Roman. ..reich an seelischen Erfahrung en und Entdeckungen“, wie die Nationalzeitung in Basel sagte. — Kasimir Edschmid, dessen Italienbücher auch hier besprochen worden sind, gehört zu den grossen deutschen expressionistischen Schriftstellern. Mit Tiefsir.n und Ironie ist der Roman des Hofrats Brüstlein geschrieben, der vielleicht nicht „persönlich“ gemeint ist, sondern für eine grosse Mehrheit von Zeitgenossen geschildert wird, die Aeusseren, statt in der Verinnerlichung des Lebens Heldentum suchen. Alizia Raje! Hadar en colaboración con Aubwy Kaufman: La Princesa Elnasari, Editorial Candelabro, Buenos Aires 163. — Diesec Buch hat mit gutem Recht im vergangenen Jahr bei der Veröffentlichung seiner englischer, Ausgabe Aufsehen erregt. Es ist eine romanhafte und doch sehr reale Darstellung jüdißchen Lebens und Erlebens in schwerer Zeit, es ist die Geschichte einer jüdischen Frau, die sich beim Ausbruch des Krieges zufällig in Polen aufhält. Die Frau hat einen türkischen Pass, denn eie ist in Palästina geboren. Durch die Io Gegen’ sterpräsider fe Kness Kadiscb L\ Edmond d< Botschaftei Englands, Philippiner Präsidente Dari, Prof, vielen and< Gästen fa Garten de inoriais in in einer fei nie die di lung der statt Die drei nen: Prof, Abraham 'Emeritus) sehen Univ Soziologie der Hebrä;£ bmis Gatt Prof. Mar 'jmTeehni Kbeelogie i Biegung lerien), °er in m Frank *r sog. M< ^nann, *orfc, ist ““'h ihm Anstände Sehicksais ¡ Sj*»* i ß widir Sí “»'hen di< “er nicht ' Irians Breie heit 'ognis. f J u,e von, BüE

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