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Jüdische Wochenschau · 1963-06-07 · 2015 (7.6.1963) · p. [Seite 6]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
24 (1963)
Issue
2015 (7.6.1963)
Date
1963-06-07
Page
[Seite 6] (sequence 6)
Language
German, Spanish
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Ein Dramatiker klagt an ERLEBNISSE UND ERKENNTNISSE EINER REISE Pr (4. Fortsetzung) H. Sw.: — Ate Dalberg am 13. Januar 1782 im Mannheimer Hoftheater das Schauspiel ,,Die Räuber“ des bis dahin unbekannten jungen Dramatikers Friedrich Schillers aufführte, ei griff eine tiefe Unruh?, und Erregung die führenden Geister seiner Zeit. Dalberg hatte den Mut gehabt, vom Herkömmlichen abzuweichen und dem Genius Schiller den Weg zu bereiten. Mit dieser Räuber-Premiere aber wurde, was weder Schüler selbst noch Dalberg ahnen konnten, eine neue Zeit eingeleitet. Eine geistige Revolution wurde angebahnt, das Lied der Freiheit angestimmt, jener Freiheit des Denkens und des Schaffens, um die auch heute noch von den besten Köpfen des Jahrhunderts gerungen wird. Der unbeugsame Willen zur Freiheit, ein freies Leben füh. ren zu können und die sichtbaren wie unsichtbaren Ketten jeder Sklaverei zu zer brechen, strahlt aus Schillere Lebenswerk hervor und macht ihn unsterblich. Das unbedingte Kämpfen für eine neue Lebensform der Gesellschaft, iif cer die echten und bleibenden Werte zur Grundlage der Existenz gemacht werden, zeich net den Humanisten und Idealisten Friedrich Schiller aus' und hebt ihn aus der langen Reihe der grossen Klassiner hervor Deswegen sind seine Werke auch heute noch „aktuell“, zumal seine Gedanken und Forderungen unerfüllt blieben. Bezeichnend war es, dass selbst das Theaterpublikum im Dritten Reich den Worten „Geben Sie Gedanken freiheü“ frenetisch Beifall zollte Die Sehnsucht, die tief in der Menschen Brußt schlummert, wurde entfacht. Das Stück verschwend in der Folge von den Bühnen. Einen noch tieferen Sinn haben Schillers Worte im Don Carlos behalten, die sich in der ursprünglichen Fassung dieses Werkes finden, später aber ,um der dramatißchen Konzentration willen' gestrichen worden sind: „Der Staat, dem ich sie (die Erfüllung von Pflichten) schuldig war, ist nicht mehr. Ehemals Gab’s einen Herrn, weil ihn Gesetze brauchten, Jetzt gibt’s Gesetze,- weil der Herr sie braucht“.— Diese Ueberiegungen sollten vorangestellt werden, wenn nunmehr über daß Schauspiel „Der Stellvertreter“ des jungen Dramati kers Rolf Hochhuth berichtet werden soll, das in Berlin unter der Regie von Erwin Piscator aufgeführt wird. Piscator hat der Buchausgabe. die übrigens zeitweise bereits vergriffen war, ein Vorwort beigefügt, in welchem er dieses Stück „ein Geschichte-Drama im Schillerschen Sinne“ nennt, wo der Mensch als Handelnder dargestellt wird, als der Stellvertreter einer Idee: „frei in der Erfüllung die ser Idee, frei in der Einsicht in die Notwendigkeit .kategorischen“, das heisst: sittlichen, menschenwürdigen Handelns. Von dieser Freiheit, die jeder besitzt, die jeder besass auch unter dem Nazi Regime, müssen wir ausgehen, wenn wir unsere Vergangenheit bewältigen wollen“. — Hochhuth stellt die Frage, ob Papst Pius XII., der frühere Staatssekretär Pacelli, seiner Berufung gerecht geworden eei, diese Freiheit des sittlichen Handelns zu verteidigen, als die Geschichte dies von ihm verlangte. Das Problem des Schweigens der vielen zu dem, was unter dem Hitler- Reich möglich war, haben bereits andere vor Hochhuth aufgeworfen. Der Dichter aber hat die Kühnheit, nicht von dem allgemeinen Schweigen zu sprachen, sondern den Papst ate einen der für die Menschheitsgeschicke Verantwortlichen vor die künstlerischen Schranken seines Zeitdramas zu rufen und auf die Bühne zu stellen. Piscator, den man für einen Kommunisten und Juden hält, der aber weder das eine noch das andere tet, beweist einmal mehr seine grosse Begabung und unbestrittene Kunst als Meister der Inszenierung. Auf dem Programmzettel der Uraufführung im Berliner Theater am Kurfürstendamm heisst es: Der Stellvertreter. — Ein christliches Trauerspiel. — Dieser Untertitel fehlt in der Buchausgabe. Das Echo, das dieses Stück gefunden hat, zeigt aber die Richtigkeit der Bezeichnung als eines „christlichen“ Trauerspiele, das sich inmitten der jüdischen Tragödie abspielte. Die Textfassung des Werkes ist ausserordentlich umfangreich. Piscator hat es es sehr erheblich zusammengestrichen. Von den 43 Pereonen des Stückes werden r.ur 17 auf die Bühne ge-' stellt, unter ihnen der Papst. So wirkt das Stück tief auf alle Zuhörer, die bewegengs- und atemlos der Aufführung folgen. De; Beifall wird nicht nur den hervorragenden Schauspielern gezollt. Er gilt auch der Uebêrzeugungskraft des jungen Autors, der den Pajjst Pius XII, anklagt, angesichts der ungeheuren Tragödie des jiidiechen Volkes in einem unverständlichen und nicht zu rechtfertigenden Schweigen bis zum Schluss verharrt zu haben. Das Stück hat zu wütenden Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik geführt. Es wäre völlig ungerecht und sinnentstellend zu behaupten, dasß es sich um einen Angriff gegen die Kirche oder gar gegen den Katholizismus handeln würde. Denn einer der Helden des Stückes ist ein junger römischer Priester, der die Opfer des Rassenhasses und der hemmungßlosen Verfol- . gungen auf ihrem Wege nach Auschwitz begleitet, naendem er vergeblich versucht hat, den Papst zu einem Eingreifen zu veranlassen, das gewiss für Hunderttausende die Rettung bedeutet haben würde. Schliesslich dürfte man auch nicht vergessen, dasß der Dichter mit seinem Werk zur wirkli t-hen Uebenvindung der Ver. gangenheit aufruft, indem alle Deutschen durch das Bekenntnis ihrer Schuld jene Umkehr halten, die ein religiöses Gebot ist. Sicherlich dürfte es auch dem Autor bewusst gewesen eein, dass die .Verbrechen Das Leo Baeck - Institut sucht DOKUMENTE-URKUNDEN CHRONIKEN BILDER über die Geschichte des ehemaligen deutschen Judentums sammelt das LEO BAECK-INSTITUT PUBLIKATIONEN DES I.FO BAECK INSTITUTES SCHRIFTEN REIHE WISSENSCHAFTLICHER ABHANDLUNGEN DES LEO BAECK INSTITUTES J. C. B. MOHR (PAUL SIEBECK) TUEBINGEN ★ YEAR BOOK VI I960 — VOM LB.-INSTITUT KERAUSGEGEBEN: BY THE EAST AND WEST LIBRARY, LONDON mit einer Fülle hervorragender Beitrage in englischer und deutscher Sprache. (416 Seiten) WERDE AUCH DU des Leo Baeck-Instituts '■ Anmeldungen bei Herrn CURT WILK, Moreno 2256, und im Büro der ' JUEDISCHEN WOCHENSCHAU, Pueywedon 2190, 1, izq. (83/2613) LITERATUR » „ Traum ist Während Bertold Brecht auf fast allen Bühnen des Abendlandes gespielt wird, ist es um seinen am 10. November 1962 75 Jahre alt gewordenen Genossen Arnold Zweig recht still geworden, obwohl er der „alten Gar. de“ angehört und doch wohl einer der bedeutendsten lebenden Romanciers deutscher Sprache ist. Schon ate wir in München zusammen Germanistik studierten, war er der begabteste unter den Beiträgern zum Musenalmanach der Freien Studentenschaft. Mir widmete er Weihnachten 1908 einen bezaubernden Sonettenkranz mit dem Titel „Der Englische Garten“. Wenige Jahre später bedeuteten seine „Novellen um Claudia“ (1912) viel für die persönliche Kultur unserer Generation. Aber sein Hauptwerk ist doch der Romanzyklus um da« Zeitalter des ersten Weltkrieges, eingeleitet 1927 mit dem „Streit um den Sergeanten Grischa“, der jetzt sieben Bände umfasst, während der abschliessende achte noch zu erwarten ist. Diese Romane stellen das einzige deutsche Werk dar, das. ebenbürtig neben den groesen französischen Romanzyklen steht, die ein ganzes Zeitalter charakterisieren. Die Münchener Epoche hat Zweig in „Versunkene Tage“ )1937) geschildert, und diese unsere völlig unpolitische Welt, der Literatur und der Kunst zugewandt. bei ihm durch Zio. n!~ bei mir durch Sozi Interessen ergänzt, noc„ einmal lebendig gemacht. Inzwischen ist der Aesthet Zweig zu einem scharfäugigen, geschulten Gesellschaftskritiker gereift, der nicht redet, sondern seine Der neue Roman Ârn von WALTER A. BEHENDSOHI Einsicht hineingestaitet in eine psychologisch vertiefte Schilderung der Menschen Schicksale im Rahmen der Landschaften, der Milieus und der grossen internationalen Zusammenhänge, die in Uebersichten. und Gesprächen immer wieder durchleuchtet werden. Schon in seinem in Hamburg spielenden Roman „Das Beil von Wandßbeck“ (1947) schilderte Zweig eimu Kleinbürger, der sich in der Zeit des Dritten Reiches als Henker verdingt und sich am Ende selber erhängt, um an diesem Fall das ganze Naziunwesen von innen zu erhellen. In seinem soeben erschienenen neuen Roman „Traum ißt teuer“ (Aufbau-Verlag, Berlin 1962) aber lässt er die weit ausgreifende Er zählerkunst des grossen Romanwerks von neuem spielen, ja,, er gibt über Struktur und Stil hinaus auch noch verwandte Züge des Gehalts. Es ist zwar nicht mehr der Armierungcsoldat und spätere Gerichtsschrei ber Bertin, der den Dichter handelnd und redend vertritt, sondern jetzt berichtet in der Ich-Erzählung der Lazarettgehilfe Dick Cardhouse (eigentlich der Oberarzt und Psychoanalytiker feichard Karthaus) vom Ausbruch des Dritten Reiches und, nach einem Sprung von 9 Jahren, vom Krieg in Nordafrika. Zweig mischt wiederum Dichtung und Wahrheit und lässt in seinem Stellvertreter viel Autobiographteches erkennen. Mit offenen Sinnen und bewegter Seele gibt er die persönlichen Erinneruneen Preisfrisch und **rn MittetaeerfaM1 .einem japanisc nendampferrUi bernd rekte , vor Auf Pälästu Ziel des Zionist« letzten T«1 el lichter; Zweig ha seinem Roman, kehrt heim“ g geschildert. Die Wahl des aus dem zwmki liefert ungeheur, gen Im Herbst te ¿e Schrecken Hitlers vom -N zur kretischen _ vom Atlantik hi kau and Staling kan die grosse der Schlacht v mein ao der Westgrenze, der eine ganzen An lingrad und de der Amerikaner. li dieses br vom Teppich We wird nun wieder geriebtsfall wie Roman eiugewet George Noe! Got lides ist ein j Freikitskämpfei griechischen 0 feig und deshal verurteilt werde er aber bei eine ne schwere Gehi rung erlitten ha der .Vervenarzt i zeitweilig unzui hig eventuell'ret Analyse des K ein grosser Traum eingefüc tet. Steig huldigt von ihm stets vi mund Freud t von allen begangen worden sind, gleich welchem der christlichen Bekenntnisse sie angehörten, dass die Mehrheit ees Volkes nicht katholisch war, und dass hunderte katholische Priester ebenfalte verfolgt und ermordet wurden, ohne dass der Papst zu ihren Gunsten eingegriffen hätte. Hochhuth ist nicht, was man ihm später vorgeworfen hat, von Hass gegen einen Menschen, den Stellvertreter, erfüllt, wohl aber von dessen Schuld zutiefst und ehrlich überzeugt. Der Dichter hat gewusst, dass er den Zorn weiter Kreise auf sich ziehen wird. Er hat sich seine Arbeit nicht leicht gemacht, sondern ausserordentlich umfangreiche. Studien betrieben, um seinen Stoff zu erforschen (auch hierin seinem greßsen Vorbild Friedrich Schiller nicht unähnlich), Nicht wenigen als 44 Seiten im Kleindruck sind als „Historische Streiflichter“ beigefügt worden, die se. viel interessantes, teil weise unbekanntes und wichtiges Material enthalten. Der im Stück auftrrtende SS - Obersturmbannführer Kurt Gerstsin, der den Juden geholfen hat und vergeblich versuchte, durch die Kirche dem Moiren Einhalt zu gebieten, wird aus Briefen als ein Mann vorgestellt, der durch ungeheuren Mut wichtigste Informationen dem Vatikan und den Alliierten zukommen lless. Hochhuth schreibt: „Historisch gesehen kennte Gerstein dem Vatikan ohnehin nur detaillierte Angaben über die Verfahrungsweise der Opfer machen. D2ßS es Mordfabriken gab, war dem Vatikan schon bekannt, der Heilige Stuhl hatte zahlreiche Informationen; offiziell hat ihn am eifrigsten und zuerst die polnische Exilsregierung auf den verschiedensten Wegen mit Nachrichten versehen“. — Durch zahlreiche Beispiels, die alle in den „Histori scheu Streiflichtern“ nachgelesen werden können, beweist Hochhuth, dacs eine Intervention des bis in die letzten Einzelheiten unterrichteten Vatikans von gro ssem Erfolg gewesen wäre, da alle Naziführer einen ausserordentlichen Respekt vor der Kirche und ihrer, politischen Einflussmöglichkeiten hatten, auch wenn oder gerade weil ßie bedingungslose Gegner Roms gewesen sind. In diesem Zusammenhang zitiert der Autor das Buch des Monsignore Giovanetti „Der Vatikan und der Krieg“, in welchem viele Beispiele über „die Bedeutung“ gegeben werden, die „man während des Krieges von ien Seiten dem Heiligen Stuhl beimass“. — Ueber die interessanten Darstellungen Hochhuths, die sich mit Krupp und den Krupp-Werken beschäftigen, soll in diesem Zusammenhang nicht berichtet werden. Hier ist aber eine schwere Anklage gegen die Bundesregierung und den Altbundespräsidenten Heuss enthalten, die einer Untersuchung wert ist. — Von den vielen Veröffentlichungen und aus der umfangreichen Pclr-¡;k eeien hier nur einige Eruchstükder Mörder und die Zahl

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