Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 24 (1963)
- Issue
- 2006 (5.4.1963)
- Date
- 1963-04-05
- Page
- [Seite 6] (sequence 6)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9616703-9613667-9613811--2695-9613817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sie sangen das Lied Es gibt ein Nachtleben in Tel Aviv, genau so unerfreulich wie in anderen Gressstädten. Man erfährt gelegentlich aus Polizeiberichten davon. Aber es gibt auch ein erfreulichem Nachtleben, und sogar mit religiösem Anstrich, wenn auch nur selten im Jahre. So kommen als Auftakt und Vorbereitung zu Rosch Haschana die Frommen am Ausgang des letzten Schabbat im Jahre gegen Mitternacht in den Synagogen zusammen und besinnen mit den Bussgebeten. Beim Nachhaueegehen hört man dann im Radio aus geöffnete« Fenstern die Stimme des Vorbeters, der in der grossen Synagoge in Tel Aviv die Slichot sagt, und ergreifend ist es zu sehen, wie im Ausland alte jüdische Frauen und Männer am Radio sitzen und durch die Slichot des Vorbetere in Tel Aviv sich mit Israel verbunden fühlen. Es gibt auch zwei Nächte, j-n denen man fast bis zum Morgengrauen in den Synagogen und in manchen Privathäusern aus der Bibel von Rabbiner und späteren Schriften liest, in der Nacht von Schawuot und in der Nacht von Hoschana Raba. Aber warn jetzt hier in Tel Aviv erneuert oder, richtiger gesagt, neu eingeführt wird, das scheint ein Versuch, in modernerer Form religiöse Werte den Jungen und den Alten nahezubringen. Die Stadt Tel Aviv lud im vergangenen Jahr selbst dazu ein. und die Anregjng ging vom Religionsministerium aus. dass die Bevölkerung und die zahlreichen Touristen in der Nacht des siebenten Pessachtages am Meeresstrand von Tel Aviv das Lied am Meer, die Schira, singen sollten. Trotz meiner Jahre entschloss ich mich zu dieeer Anstrengung, allerdings in Begleitung meines Sohnes, und ein Teil meiner übrigen Familie schloss sich an, darunter auch einige Enkelkinder. Wir gingen den weiten Weg zur schönsten Stelle des Strandes, dem Herbert Samuel-Square Dort, wo die Dr. JSRI FELD Massen sich stauten, die vom Norden und vom Süden kamen, hatte die Stadt rechtzeitig und umsichtig Vorsorge getroffen, und es waren genügend Polizisten da zur Regelung des Fußs gängerverkehrs. Wenn sich trotz des Verbots bisweilen ein Motorrad oder ein Radfahrer in die Nähe'wagte, gab es Unwillen und Aufregung vonseiten der orthodoxen Kreise. Bis zur Trumpeldor Strasse auf der einen Seite und bic zur Jona Hanavi-Strasse auf der anderen Seite war der ganze Strand hell erleuchtet. Wir waren wohl zu früh gekommen, denn vor IG Uhr waren zwar Menschenmassen da, aber man sang noch nicht. Ermüdet setzte ich mich südlich der Geulah-Strasse auf eine einsame Bank am Meer, freute mich des hohen Wellenganges. sah die Lichter der Schiffe in den Häfen von Jaffa und Tel Aviv und dachte ein wenig zurück. Schon manchmal hatte ich Das Leo Baeck - Institut sucht DOKUMENTE-URKUNDEN CHRONIKEN BILDER über die Geschichte des ehemaligen deutschen Judentums sammelt das LEO BAECK-INSTITUT PUBLIKATIONEN DES IEO BAECK INSTITUTES SCHRIFTENREIHE WISSENSCHAFTLICHER ABHANDLUNGEN DES LEO BAECK INSTITUTES J. C. B. MOHR (PAUL SIEBECK) TUEBINGEN ★ YEAR BOOK VI (960 — VOM LB.-INSTITUT HERAUSGEGEBEN: BY THE EAST AND WEST LIBRARY, LONDON mit einer Fülle hervorragender Beitrage in englischer und deutscher Sprache. (416 Seiten) i j WERDE AUCH DU MITGLIED des Leo Baeck-Instituls Anmeldungen bei Herrn CURT WELK, Moreno 2256, und im Büro der JUEDISCHEN WOCHENSCHAU, Pueyrredon 2190» 1, izq. (83/2613) m Meer Aehnlichec erlebt, aber es waren nicht unsere jüdischen Feste. Noch vor 30 Jahren waren wir so verblendet, als der VDA (Verein für das Deutschtum im Auslande) in unserem früheren Wohnort tagte, an der festlichen Stadtbeleuchtung teilzunehmen, uns an den erleuchteten Schiffen und an der Illuminierung des Rathauses zu freuen, und wir glaubten, dass wir mit dazu gehörten. Im Mittelpunkt des Festspiels, welches für die Deutschen ausgerechnet in Brasilien warb, stand ein jüdischen Mädchen. Heute ist sie Mutter von drei Kindern in Emek Cbefer, nahe von Chedera. Auch hier am Mittelmeer haben wir schon öfter gestanden, aber wir haben nicht das Lied am Meer ge sungen. Es ist das Meer, auf dem fast alle Einwanderer aus Europa hierher gekommen eind. Heute fahren sie zumeist nicht mehr mit Schiffen, sondern fliegen durch die Lüfte. Dieses Meer ist eigentlich nicht die historische Stätte, wo das Lied zu singen ist. Am Scbilfmeer sagen es in der Pessachnacht unsere Väter vor 3.000 Jahren, und vor 7 Jahren sangen es unsere Söhne wieder, als sie den Suez-Kanal erreichten. Wenn wir es heute in derselben Nacht, in der unsere Väter durchs Rote Meer zogen, hier am Mittelmeer eingen. so ist diese Stätte eigentlich nur ein Ersatz. Lange, lange sass ich dort in Gedanken versunken, versunken, dann endlich begannen die traditionellen Gesänge. Die Menschen, die man am Strande sah, waren aus allen Ländern gekommen. Jugendliche und auch sehr Alte. Manche hatten das siebente Jahrzehnt überschritten, zum Teil waren es patriarchalische Gestalten, die bis vor kurzem im Jemen gelebt hatten. Greise mit wallenden weissen Bärten, zum Teil sogar mit Streimel. wie früher in Krakau; neben ihnen standen ganz junge Jeschiwa-Bachurim mit Pajes, langen seide nen Röcken und schwarzen Hüten, und dann erfreulicherweise auch Jugend von heute. Benei Akiwa, Jungen und Mädchen, die zusammen tanzten, während bei den Alten nur die Männer tanzten und keine Frau dabei sein durfte. Dass Israel geeint war in seinen Stämmen, konnte man leider nicht feststellen; jede Gruppe blieb für sich, aus Osteuropa und aus dem Nahen Orient, auch Jugend aus Deutschland, vom religiösen Jugendkreis Chug Hanoar Hadati. geführt von Raw B. S. Jakobson aus Hamburg, der vorher in ihrem Betraum, im Bet Zeirot Mißrachi, eine Ansprache über die Bedeutung dieses Brauches gehalten hat. 1e. Vor 25 Jahren hatte er an der Talmud-Thora-Schule in Hamburg die Eltern dieser Jugendlichen für jüdische Werte begeistert, und vielleicht war er damals mit ihnen am Rosch Haschana nachmittags zum Taschlich zur Elbe oder wenigstenß vom jüdischen Viertel, dem Grindelberg, zur Ise gegangen. Heute fand er mit denen, die ihm gefolgt sind, den Weg zum Mitteimeer in Tel Aviv. Hier also begann es am späten Abend. Die einzelnen Gruppen sangen, jede fiir sich und jede in ihrem Nigun, sie sangen das Lied am Meer, und dort, wo die Wogen dee 'Meeres eine deutliche Sprache sprachen, kam ihnen wohl der tiefere Sinn zum Bewusstsein: Gott half an diesem Tage Israel aus der Hand Aegyptens, Israel sah die grosse Hand und fürchtet Gott, und sie glaubten an Gott und an seinen Diener Mosche. Damals sangen Mosche und die Kinder Israels dieses Lied, und sie sprachen: Kein Bildnis, doch viele ..Könnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen“ (Goethe, Faust II.) Hier sei zunächst — bevor der Bericht zu gewissen Schlussfolgerungen aus An lass des Pessach-Festes erweitert wird — von einem bedeutenden Buch gesprochen, in dem Gerschom Scholem. der hochangesehene jerusalemer Univerßitäts professor, der führende Wiederentdecker der Kabbala, von seinen Forschungen Zeugnis abgelegt hat. Einer früheren, gleichfalls in deutscher Sprache erfolgten Buchveröffentlichung, „Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen“, liesß er dann, wieder im Züricher Rhein-Verlag, als zweites Standardwerk fünf Abhandlungen „zur Kabbala und ihrer Symbolik“ folgen (303 Seiten, mit Anmerkungen und Register, 1060). Von den neuesten, inz.wisehen noch publizierten Untersuchungen Prof. Scho. lems sei das in New York unter den Auspizien dee „Jewish Theological Seminary" erschienene „Jewish Gnosticism, Merkabah Mysticism and Talmudic Tradition" ergänzend genannt; es sei erwähnt, weil es weitere Ergebnisße der Lebensarbeit des Verfassers zutage gefördert hat, um seinen Beweis noch zu erhärten, dass die Bewegung der jüdischen Mystik, in deren Mittelpunkt die kabbalistischen Lehren stehen, viel weiter hinter das frühe Mit telalter zurückreicht, als man vorher angenommen hatte. Aber auch in G. Scholems „Kabbala und ihrer Symbolik“ wird an verschiedensten Stelle» schon auf die erstaunliche Länge dieser Bewegung hingewiesen. Hier stellt er zunächst, im ersten Kapitel, im wesentlichen dar, wie es um die Verbindung. aber auch das Gegeneinander der Mystik und religiöser Autorität im herkömmlichen Sinn des Wortes bestellt ist, ob es sich um ,,religiöse Autorität“ allgemeinen Charakters, über die Grenzen der Glaubensbekenntnisse hinaus, handelt oder speziell um die alten, und zum guten Teil im Re ligionsgesetz bis zur Unwi derruflichkeit verankerten religiösen Ueberlieferungen unseres jüdischen Glaubens. Zwei weitere Abschnitt — ..Der Sinn der Thora in der jüdischen Mystik“ und „Kabbala und Mythos“ — vertiefen diese Fragestellung noch. Und von ihr sei hier vor allem gesprochen, statt dass def wohl aussichtslose Versuch unternommen werde, dem mit dem Thema unvertrauten Leser ein auch nur einigermassen angemessenes Bild von der hervorragenden Vielverästelung der Scho- Singen will ich Gott, denn Er ist hoch erhaben, Rees und Reiter stürzt er ins Meer. Mein Stolz und mein Sang ist Gott, Er ward mir zum Heil. Dies'ist mein Gott, ich will Ihn schmücken, der Gott meines Vaters, ich will Ihn erheben... Wer ist wie Du unter den Mächten, wer wie Du, erhaben in Heiligkeit... Gott wird herrschen für immer und ewig. Der Glaube, der Berge versetzt und Meereswogen glättet, er dürfte den Massen in dieser Stunde zum Bewusstsein gekommen sein. Der Glaube, der klar zum Ausdruck kommt in den Worten; sie glaubten an Gott, und dann erst eangen sie das Lied. . ... ..... lemschen Gedankengänge und Beweisführungen zu schaffen. JUEDISCHE MYSTIKER Ja, aus dem wissenschaftlichen Universum, das sich in diesem Buch spiegelt, sei die Frage herausgehoben: wie es sich mit den Erleuchtungen und Offenbarungen der jüdischen Mystiker rund um die Kabbala vertrug, daes fast alle diese Grübler und Träumer mit unbeirrbarer Treue zugleich am überlieferten Gesetz unserer Religion festgehalten haben, an den 613 Vorschriften und Verboten, am Schulehan Aruch und wenn nur irgend möglich sogar an den rationalistischen Deutungen, die der messerscharfe Verstand des greßsen Maimonides der schriftlichen und mündlichen Ueberlieferung gegeben hatte. Um Prof. Scholem zu Worte kommen zu lassen: „Der religiöse Urantrieb des Judentums, der in dem ethischen Monotheismus der israelitischen Propheten seinen gültigen Ausdruck ... erhalten hat, ist von jeher als ein Gegenschlag gegen die Welt des Mythos angesehen worden. Die bilderlose Gottesverehrung des Judentums enthielt eben in ih rer Bilderlcßigkeit die Absage, ja die polemische Verwerfung der Welt der Bilder und Symbole, in denen die mystische Welt zur Sprache kommt,“ Und nun nehme man dagegen — statt vieler anderer Beispiele, die Gerschom Scholem häuft — nur das wahrscheinlich berühmteste kabbalistische System Isaak Limas, der um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Safed lebte und lehrte, bezw. das grosse klassische Werk der Kabbala, den Sohar, mit seiner faßt unfassbar komplizierten Lehre, die an die Seite oder gar an die Stelle der uns allen bekannten biblischen Sehöpfungs - Geschichte in mystischer Verklärung ein zweites Ganzes vom Urcprung der Beziehungen zwischen Gott und der Welt setzt, 'zwischen Gott und der Menschheit, die ER geschaffen hat. and die von Adam an nach dieser Lehrmeinung im Grunde nur in Ausstrahlungen Gottes besteht, seinen „Sefirot“. Die Menschheit steht IHM nicht gegenüber; sie ist ein Innenteil des göttlichen Organismus, seines überirdischen „Leibes“. Kein Bildnis des göttlichen Wesens machte sich der „Ari“, der Meister in Safed. aber in vielerlei Gestalt sah er diese „Sefirot“. Gott zog sich, lehrte Luria etwa, in irgendeinem mystischen Augenblick von seiner eigenen Schöpfung „auf sich selber“ zurück: er verhüllt sich seitdem, coli das wohl bedeuten, und der etwas besser orientierte Gebildete denkt an ganz ähn liehe Ideen des christlichen Religionsphilosophen Pascal. Wie das im einzelnen geschah, und was dann werter, und immer auf einer ganz anderen, schwärmerisch er höhten Ebene als der Ebene der biblischen Erzählung erfolgt ist — hier sei es nicht dargestellt. Schon dieser eine Hinweis, Lurias Lehre von jenem Sichzuriickziehen Gottes, dem Akt deo „Zimzum“, zwingt zur Frage, was die labbinischen Autoritäten zu derartigen Eingebungen gesagt haben und sagen mussten. Und zur Schlussfolge, rung, dass die innerjüdische Geschichte des Disputs, nein des Konflikts zwischen dem überkommenen Religionsgesetz und einer solchen Mystik all ien« durchzogen « zende von «et nnruhigt habe hat uns ja "ai erster vom Gi seben dem Rap dem Chassidii Kunde g^e den Kabbaliste den Trägem i sehen Bewegun Gründer, dem offenbar zablre: DER „GEHEN DER TORA“ Nun jedoch: nahmen die M Kabbala, um flikt nach Mögl federn? Alles, Scholem ausfüh auf schliessen: ununterbrochen jener Ekststik den strikten Vo: serer Tradition genen Eingel Brücke zu sch sie unablässig bend rührende zu beweisen dass eben das, t kam. im Tenacl net sei, wenn n nach nur richtij man es mit de: nicht genug sei sich letzten Ent der Bar Mizwa-, nen kann, son den Worten gehi men hänge sucht diese Worte in i ben auflöse un staben in unenc binalionen zusa nach ihrem Za! rechne - kun, die GeWeimscW zu entziffern v Gott habe se Sinai nicht nur klärten sie Gott sei mit schlechthin ide hinreichend ei den überkomm Sinn eine Ahnu: EINE N’0Tn Einwand erl“' fiÜECHj