Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 23 (1962)
- Issue
- 1986 (16.11.1962)
- Date
- 1962-11-16
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
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f \ Viernes, 16 de Noviembre de 1962 JÜDISCHE WOCHENSCHAU AS« XX11I. — No. 1986 — 9 Theodor PUEYRREDON 21901. St. Zur zehnten Jahrzeit von Cha*m Weizmann ♦♦♦♦*♦♦♦♦♦♦•• ' -1 * * «««♦««• < #»»«»»»»»«*»*»*»*»»»»*»»'»’ ' »TTTTTTTTTTT»»-.. ” *-- - - - ---- _ Der Visionaer und der Staatsmann Dem GTStGR PrSCSidGütGIl iSrSCiS von JOSEF FRAENKEL von CURT WILK Theodor Herzl (1860—1904) verliess im Alter von 18 Jahren Budapest, um an der Wiener Universität zu studieren. Wenn immer von einer Idee erfasst, musste er ■; zur Feder greifen. Er wur i de Verfasser mehrerer Dramen, und im Jahre 1891 erhielt' er den Posten als Pariser Berichterstatter der „Neuen Freien Presse“. ■ Noch vor der Veröffentli chung seiner Schrift „Der .Judenstaat“ gab ihm Moritz; Benedikt, Chefredakteur der - „Neuen Freien Presse“ den Rat, London aufzusuchen, wo er den ersten zionistischen Vortrag gehalten und : den erst?n zionistischen Ar- ■ tikel veröffentlicht hatte. Chaim Weizmann (1874 — ■ 1952), geboren in Motol, l nicht weit von Pinsk, kam im Alter von 18 Jahren nach; Deutschland, studierte in Darmstadt, Berlin, Freiburg ■ und kam dann nach Genf. : Sein Hauptinteresse galt der j Chemie und dem Zionismus, : Man schlug ihm eine Anstellung in Jerusalem, Berlin und Paris vor, aber ermuntert durch Chacham Moses i Gaster, besuchte er Eng-; land, und eine Woche nach i dem Tode Herzls liess er sich in Manchester nieder. Noch im selben Monat hatte er Unterredungen mit Lord Percy und Sir Clement Hill vom Foreign Office. Herzl formulierte die zio- , nistische Politik auf dem i IV. Zionistenkongress in Lon- : don (1900) wie folgt: „Engi land. das grosse England,; das freie England, das über , alle Meere blickt, wird uns ■ und unsere Bestrebungen; verstehen. Von hier aus wird \ die zionistische Idee ihren S’ Flug noch weiter und höher I nehmen, dessen dürfen wir! sicher sein.“ Weizmann lernte das ABC i der zionistischen Politik auf [ den Zionistenkongressen, und auch er verknüpfte das . Schicksal des Zionismus mit | England. Seine Verhandlun- ‘ gen mit England beruhten j auf dem Prinzip des Vertrauens. Schon Herzl verhandelte mit Joseph Chamberlain, . dem Kolonialminister, mit * Lansdowne, dem Minister | für Auswärtige Angelegen- : beiten, und er hatte Lloyd t George veranlasst, einen ’ Chai't.er Entwurf vorzubereiten. Als Chamberlain zuerst El Arisch und dann Uganda für jüdische Kolonisation vorgeschlagen hatte, war Arthur J. Balfour Ministerpräsident. James Malcolm veröffentlichte noch im Jahre 1896 einen ausführlichen Brief, in dem er für Herzls Aktionen eintrat, und Her bert Samuel beantwortete meine Anfrage, dass sein Interesse für den Zionismus durch die Lektüre der Broschüre „Der Judenstaat“ erwacht wäre. Weizmann hatte seine erste Unterredung mit Bai four noch im Jahre 1906. Weizmann, Balfour und Lloyd George wurden Freunde. Als der erste Weltkrieg ausbrach, war es Herbert Samuel, der der Regierung ein Memorandum zur Scnaffung eines Judenstaates übergeben hatte. In entscheidender Stunde meldete sich James Malcolm, um W'eizmann zu helfen, die Balfour-Deklaration zu erhalten. Warum hatte England El Arisch und Uganda angeboten und dann die Balfour- Deklaration gegeben? Ohne El Arisch wäre es nicht zu Uganda, und ohne Uganda nicht zur Balfour Deklaration gekommen. Es war nicht nur Englands Selbstinteresse, seine Liebe zur Bibel oder um die Sympathien des jüdischen Volkes zu ge j winnen, sondern auch der ’ wohlwollende Wille Englands, den Juden zu helfen. Herzl erkannte dies und ebenso Weizmann, und deshalb verhandelten beide mit britischen Staatsmännern. Herzl hatte keine tehrer, die ihn inspirieren sollten. Er kannte weder „Rom und Jerusalem“ von Moses Hess, noch „Autoemanzipation“ von Leon Pinsker. Mit seinem Auftreten in zionistischer Sache wurde er Lehrer einer neuen Generation. Weizmann dagegen kannte die Werke der zionistischen Vorläufer, und in gewisser Hinsicht betrachtete er Achad Haam als seinen Lehrer. Aehad Haam glaubte nicht an einen Judenstaat, sondern an ein Palästina als geistiges Zentrum der Juden. Aber Weizmann war kein Schüler, der nur zuhör te. Er hatte sein Laboratorium, wo er eine Synthese der verschiedenen Strömungen im Zionismus herslellen wollte. Herzl war in den Jahren 1880-1883 Mitglied der Wiener Burschenschaft „Albia“. Als der Albe Hermann Bahr im März 1883 eine antisemitische Rede hielt, trat Herzl aus der „Albia“ aus. Nach j diesem Erlebnis beschäftigte er sich fortgesetzt mit der Lösung der Judenfrage. Zu I den ersten und treuesten j Anhängern Herzls gehörten die Studenten der „Kadimah“, “Ivria“, „Libanonia“, „Unitas“ und anderer jüdischer Verbindungen und Vereine des alten Oesterreichs. Sie zählten zu den ersten Pionieren des modernen Zionismus und zu den aktivsten Mitarbeitern Theodor Herzls. Weizmann w’ar besonders , in Studentenkreisen Berlins ■ und Genfs tätig. Er wollte \ eine internationale Konfe-! renz der jüdischen Studen-! ten einberufen und einen j Weltverband der Akademi ker schaffen. Zur Zeit der Balfour-Deklaration fand er in der „Manchester-Schule“ eine Gruppe von Freunden, die ihm ergeben waren. Fast alle waren junge Akademiker. Da Weizmann sie zur zionistischen Arbeit heran gezogen hatte, sind sie in der zionistischen Geschichte verewigt. Herzl liebte politische Lö- | sungen. Mit dem Basler-Programm vereinigte er Juden aller Richtungen aus dem Westen und Osten, um ge meinsam für die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina zu arbeiten. Weizmann dagegen war kein Freund von Formulierungen und Resolutionen, um das zionistische Endziel zu verkünden. Herzl war in erster Reihe politischer Zionist. Er erstrebte eine Charter, aber gleichzeitig bereitete er alle Werkzeuge für praktische Arbeit vor. Weizmann war gegen den Zionismus der Diplomatie, gegen den Charter-Zionismus, aber zur richtigen Zeit hatte er erkannt, dass nur die Politik der Charter zum Ziel führen Vor nunmehr zehn Janren erfüllte Trauer die gesamte jüdische Welt und, darüber hinaus, nichtjüdische Persönlichkeiten und weite Kreise, als die seit längerer Zeit befürchtete Nachricht vom Ableben Prof. Dr. Chaim Weizmanns, des ersten Prä sidenten von Medinat Israel, durch das Radio Verbreitung fand. Man beklagte nicht nur den Heimgang des grossen Staatsmannes, den die junge Republik vier Jahre zuvor an ihre Spitze berufen hatte, sondern auch den ge nialen Forscher und Wissenschaftler, den hervorragenden Juden und Weltbürger, Heute, zehn Jahre danach, I könnte. Ohne Balfour Deklaration wäre das grosse Aufbauwerk Palästinas nicht möglich gewesen. Mit der Charter (Balfour-Deklaration) konnte Weizmann die Synthese des politischen, praktischen und kulturellen Zionismus realisieren, über die er und andere zehn Jahre vorher, auf dem VIII. Zionistenkongress des Jahres 1907 gesprochen haften. Herzl hatt3 viele zionistische Gegner. Auch W'eiz mann, der zum ersten Mal Delegierter des II. Zionistenkongresses (1898) war, opponierte. Als er dann Präsident der Zionistischen Organisation wurde, ist seine Tätigkeit von Radikalen Zionisten, Revisionisten und von der Judenstaatspartei kriti siert worden. Wir wissen nicht, welche Wege die zionistische Geschichte ohne zionistische Opposition eingeschlagen hätte. Am Ende siegten alle Richtungen, denn Gegensätze ergänzen sich und bilden eine Einheit Als Herzl, der erste Präsi dent der Zionistischen Organisation, starb, war er kaum 44 Jahre alt. Als Weizmann die Balfour-Deklaration er unauslöschlich im Gedäch nis des jüdischen Volki eingeprägt, lebt dieser Mar in der Erinnerung fort a einer derjenigen ganz Gr ssen, die durch ihr Lebe und Wirken, durch Sendur und Leistung, den jüdische Staat entscheidend mitg schaffen, die nationale R naissance des Volkes ve wirklicht haben. Mit der b deutendsten Tat seines a Arbeit und Erfolgen zu re chen Lebens, der Erlangur der historischen „Balfou Deklaration“ vom 2 N< vember 1917, war Chaii Weizmann bereits zu jene: Zeitpunkt in die ruhmreict Geschichte des jüdische Volkes eingegangen. Es war ein weiter Wej halten hatte, wurde er ii selben Monat 43 Jahre alt Was Herzl, der grosse V sionär des jüdischen Vc kes, träumte, das erleb Weizmann, der im Alter vc 75 Jahren der erste Präs dent des Staates Israel wu de. Der Kampf um den jüd sehen S*iat begann m Herzl und endete mit Wei mann. den der Sohn eines schlichten Juden des kleinen russischen Städtchens zurück zulegen hatte, bis er in die Kultur- und Gesellschaftskreise Westeuropas eintreten, mit Königen, Ministern und Botschaftern verhan dein, mit den Grossen der Welt über das Schicksal seines jüdischen Volkes sprechen konnte als ein Gleicher unter Gleichen. In seinen Lebenserinnerungen erzählt er: „Motol lag in einem der dunkelsten Winkel des An siedlungs-Rayons, jenes grossen Gefängnisses, das die zaristische Regierung für den grössten Teil ihrer jüdischen Bevölkerung geschaffen hatte. Der Vater war ein „Transportierer“ von Holz, das er fällte, und für dessen Vei’flössung nach Danzig er sorgte, ein Stil ler, wissenschaftlicher Geist verloren in die Welt des Geschäftes, aber beseelt von tiefen Ambitionen für seine Kinder.“ Der äussere Ablauf dieses Lebens ist bekannt: Das Studium in Deutschland und in der Schweiz (schon die Gymnasialausbildung in Pinsk hatten sich die Eltern vom Munde abringen müssen), der Beginn der Universitätskarriere in Manchester (1901), die Heirat mit der Medizinstudentin Vera Kaz mann, die eine so grossartige Lebensgefährtin und wissenschaftliche Mitarbeiterin werden sollte, die sehr wichtige Gewinnung von Azeton (im ersten Weltkrieg für den Munitionsbedarf der Entente), die Anerkennung durch die dankbare britische Regierung von Lloyd George und Balfour. Daneben läuft vom 2. Zionistenkongress (1898) her zionistische Akti vität, die ihn zwar in der Epoche vor 1914 noch nicht an die Spitze der Bewegung brachte, wohl aber seine Persönlichkeit von Kongress zu Kongress stärker in den Mittelpunkt der Probleme des praktischen Palästina- Aufbaus und der geistigen Erneuerung (Hebräische Universität) stellte. Chaim Weizmann, de jure Präsident der Zionistischen Weltorganisation von 1920 bis 1931 und von 1935 bis 1946. hat dieser von ihm so bewunderten Organisation, dem Erbe Theodor Herzls. den besten Teil seiner Zeit und seiner Mühen gewidmet. Er hatte die unendlich schwierige Aufgabe zu bewältigen, der englischen Re gierung gegenüber die Ungeduld und Unzufriedenheit der Zionistenkongresse zu vertreten und die zionistische und jüdische Oeff-entlichkeit darauf hinzuweisen, dass uns Juden nichts ge schenkt werde, sondern jeder Fortschritt von uns schwer zu erkämpfen sei, dass wir Grossbritannien die Mandatarmacht, durch konstruktive Leistungen beeindrucken müssten. Weizmanns jüdisches Herz und sein jüdisches Gewissen zwangen ihn oftmals dazu nachzugeben, Forderungen zurückzustellen, wenn politische Klugheit dies ratsam erscheinen liess, auf einen günstigeren Augenblick zu warten. Doch mit geradezu prophetischem Weitblick erkannte er, dass die Anstrengungen des jüdischen Volkes in der Welt zugunsten der nationalen Fonds in einem solchen Umfang zunehmen müssten, dass die Heranziehung weitester Kreise ausserhalb der zionistischen Bewegung sich ais notwendig ergeben würde, weil „die Zeit gegen uns arbeitet.“ So erklärt sich sein leidenschaftlicher Kampf um die Erweiterung der „Jewish Agency“, den er 1929 glücklich beendete, wozu ihm seine erfolgreichen Schritt? vor allem in den Vereinigten Staaten und in Deutschland halfen. Es darf in diesem Zusammenhang wiederholt daran erinnert werden, dass es einige grosse jüdische Organisationen im vorhjtleristischen Deutschland wie der „Hilfsverein der deutschen Juden“, die „Grossloge B‘ne Brith“, der „Allg. Deutsche Rabbinerverband“ und die jüdischen Jugend bünde gewesen sind, sowie einige hervorragende Menschen wie Direktor Oscar Wassermann, Rabb. Dr. Leo Baeck, Generalkonsul Eugen Landau, Dr. Friedrich Brodnitz, Dr. Ludwig Tietz, Justizrat Blau u. a., die begeisterte Mitarbeiter Weizmanns bei der Schaffung des neuen Bündnisses zwischen Zionisten und Freunden von Erez Israel wurden. W'eizmann hat sein Leben lang Wissenschaft und Poli tik in sich vereinigt. Der gelehrte Chemiker machte sich nichts aus den materiellen Vorteilen, die ihm seine wissenschaftlichen Entdeckungen einbrachten; er stellte alles in den Dienst der jüdischen, der nationalen Sache seines Volkes. Er wurde ein bewunderter Diplomat, ohne diesen Beruf erlernt zu haben. Der Siaat Israel ist zu einem lebendigen Denkmal für ihn gewor den, und das Weizmann-Institut zu Rechowot verewigt seinen wissenschaftlichen Namen für alle Zukunft Er trug, so sagte Ben Gurion einmal von Weizmann, beide Kronen, die das jüdische Volk zu vergeben hat, die Krone der Gelehrsamkeit und diejenige der Herrschaft. Sein Name wird im jüdischen Volke für alle Zei ten verankert beiben. und es wird wohl niemals wieder seinesgleichen geben. Werbt und werdet Mitglieder der