Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 23 (1962)
- Issue
- 1966 (29.6.1962)
- Date
- 1962-06-29
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9616703-9612947-9613302--2188-9613310- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
i?.-' 8 — Viernes, 29 de Junio de 1962 SEMANA ISRAELITA Año XXIII. — No. 19«« PUEYRREDON 21901. St. ] + * * T. E. 83 - 2613 SO Jahre Stosvh-Mnna ns chas rosen ,,Der Stein, den die Bauleute verworfen, ist zum Eckstein geworden.“ Psalm CXVIII. 22. O Rosch-Pinna feiert seinen 80. Geburtstag. In herrlicher Lage im nördlichen Galiläa, mit seinen rotgedeckten Hau sern, die in üppigen, alten Gärten verborgen liegen, ist Rosch-Pinna bis auf den heutigen Tag eine typische, altmodische ,, Kolonie“ geblieben, mit schwerfälligem eintönigem Lebensrhythmus, Lokalinteressen, eine engverbundene, geschwätzige Gemeinde. Aber es kann mit Stolz darauf hinweisen, ein ruhmreiches Kapitel in der Geschichte des Zionismus und mutigen, standhaften Pioniertums gespielt zu haben. Die ersten Siedler waren im Jahre 1878 aus Safed gekommen. Ihr Siedlungsversuch war ein trauriges Kapitel von Irrtümern, Leiden, Verzweiflung und Verzicht. Sie waren von der Idee beseelt, den Boden des Heiligen Landes zu bearbeiten, taten sich zusammen und erwarben ein Stück Land von den Arabern von Jaw’uni,! in einiger Entfernung von; Safed. Siebzehn Familien , nahmen die Häuser in Besitz. die auf diesem Land j standen und begannen mit j landwirtschaftlicher Arbeit; von der sie nichts verstan- . den. Der Boden war un- I fruchtbar, steinig und un- \ eben, es gab kein Wasser zur Bewässerung, die Araber waren nicht sehr freundlich und manchmal geradezu feindlich. Die Siedler hatten das Gefühl, von den Juden und der Zivilisation abgeschnitten zu sein. Dürre, Viehseuchen und vollständige Unkenntnis der Landwirtschaft machten diesen naiven Enthusiasten das Leben sauer. Vier Jahre hielten sie aus, dann kehrte im Jahre 1882 eine Familie nach der andern, durch Misserfolg entmutigt, nach Safed zurück. PIONIERE AUS RUMAENIEN Im gleichen Jahr beschloss eine Gruppe von rumänischen Chow'ewe Zion, nach Erez Israel zu gehen und ihr eigenes Land zu be stellen. Sie sandten ihren Führer voraus, dem sie Vollmacht gaben, irgendein Stück Boden zu erwerben, das er für geeignet hiet. In Safed hörte er die Geschieh te von Jaw’uni und fuhr dorthin. Von der herrlichen Landschaft begeistert, kaufte er den Boden von der Safeder Gruppe und schrieb an seine Kameraden, dass sie kommen sollten. Sie kamen noch im selben Jahr. Sie stiegen in Beirut vom Schiff und fuhren über die Landstrasse nach Safed. Die Araber, die nur furchtsame Juden kannten, welche sich nicht ihrer Haut wehren konnten, belästigten sie und versuchten, sie zu berauben. Doch die handfesten rumänischen Juden bewiesen ihren Mut und verprügelten die Angreifer. Kurz nach ihrer Ankunft fuhren sie nach Jaw’uni. Es gefiel ihnen, und sie gaben ihm den Namen „Rosch-Pinna“. Der Name war eine Anspielung darauf, dass sie entschlos sen waren, sich zu bewäh von MALKAH RAYMIST ren, wo andere versagt hatten. Sie bewährten sich wirklich, aber erst, nachdem viele Schwierigkeiten überwunden worden und sie oft der Verzweiflung nahegekommen waren. ‘ IDEALISTISCHE GRUNDSAETZE Die ersten Siedler, dis 30 Familien zählten, begannen mit dem Bau neuer Häuser und der Bearbeitung des Bodens. Sie waren nicht bereit, in den unhygienischen arabischen Wohnungen zu leben und die Fehler der Safeder Siedler zu wiederho len, die mit den Arabern in ihrem Dorf zusammengewohnt hatten- Die Beziehun sich von der Arbeit oder der Pflicht, Wache zu stehen, loskaufen. Witwen und Waisen w'urden von der Gemeinde versorgt, deren Mitglieder abwechselnd ihr Land bestellten. BLUTRACHE VERHUETET Doch die Dinge ändern sich. Zu Ende des ersten Jahres wurde ein Fest veranstaltet, um die erste Ernte und die erste Hochzeit zu feiern. Die Siedler hatten viele arabische Gewohnheiten übernommen, darunter auch ,,Fantasia“-Reiten und das Schiessen bei freudigen Anlässen. Eine verirrte Kugel tötete einen arabischen den Bauleuten verworfene Stein“, war von neuem in Gefahr. Sie sandten einen Hilferuf aus, der von Baron Rothschild beantwortet wur de. Er kaufte zusätzlichen Boden und siedelte weitere Einwanderer an. Die türkischen Behörden beschränkten die jüdische Einwanderung, den Landkauf und die Bautätigkeit. Verhandlungen, Erpressungen und Bestechungen folgten. Schliesslich liess man Rosch-Pinna in Ruhe, und es entwickelte sich friedlich. Doch es war kein vollständiger Frieden, denn es gab immer Streitigkeiten mit den arabischen Nachbarn, Uebergriffe. Zwistigkeiten über Weiderecht und Feldraine. Aber jedes Mal er hielten die Araber eine Lek¬ ,'-s ir\‘\v gen zu den letzteren blieben unbeständig. Es gab Streitigkeiten über den Rain der Felder, plötzliche Angriffe wechselten mit friedlichen Zeiten ab. Die Gemeinde war weder reich noch arm. Alle arbeiteten schwer. Die Notizen und Tagebücher aus den ersten Jahren Rosch-Pinnas mit ihren idealistischen Regeln und Gesetzen über Disziplin klingen heute ganz utopisch. Brüderlichkeit, gegenseitige Hilfe, Gleichheit, Unbestechlichkeit und bürgerliches Verantwortungsgefühl waren die Grundlagen ihres Lebens. Niemand konnte Gast, dessen Bruder behauptete, dies sei kein Zufall gewesen. Er schw'or, sich an den Siedlern zu rächen. Um die drohende Blutrache abzuwenden, wandten sich die Einwohner von Rosch-Pinna an die türkischen Behörden und die Stadtältesten von Safed und Akko, die die Familie des Getöteten überredeten, Blutgeld anzunehmen. Die Fehde war verhütet, aber die Gemeindekasse war so leer, dass sie sich nur gerade noch halten konnten. Dann folgten Diir re. Krankheit, Heuschrekken, Malaria und Verzweiflung. Rosch-Pinna, „der von tion. Die Siedler ritten und schossen wie Araber, trieben ihr Vieh auf die Weide, tanzten die „Debka“ und feierten ihre Feste mit Schiessen und Reiten. Sie wohnten in gutgebauten Häusern, errichteten die erste hebräische Schule in Galiläa und arbeiteten nach damalig modernen landwirtschaftlichen Methoden. Heute gibt es Schulen. Klubs und Kliniken in Rosch-Pinna. Der Ort hat Tausende von Neuainwanderern aufgenommen und weist eine stetige, wenn auch nicht aufsehenerregende Entwicklung auf. ZIONISTEN- P MITGLIEDER.... t Man erwarfel von uns, dass wir die ersten J sind, die ihre Pflicht gegenüber der j Einheitskampagne erfüllen!! Kürzlich beging Pinchas Rosen, unter dem Namen Felix Rosenblueth einst führend im deutschen Zionismus, den 75. Geburtstag. Erst kurz zuvor hatte er bei der Umbildung des israelischen Kabinetts, da seine Partei de^ neuen Regierung nicht angehört, jenes hochbedeutsame Amt verlassen, welches er seit der Staatsgründung Israels mit einer geringen Unterbrechung fast vierzehn Jahre lang bekleidete, nämlich das des Justizministers von Israel; er dürf e der einzige Staatsminister sein, der seinen so schwierigen und verantwortungsvollen Posten durch so viele Jahre behaupten konnte. Pinchas Rosen stammt aus einer sehr guten, im jüdisch-religiösen Leben verankerten berliner Familie. In Berlin und Freiburg i. Br. studierte er die Rechte und w'urde schon als Student — gleich seinem etwa anderthalb Jahre älteren Bruder Dr. Martin Rosenblüth in New York — Zionist. Er gehört zu den Mitbegründern des „Blau-Weis“ und, wie sein um einige Jahre älterer Freund Kurt Blumenfeld, zu jenen jüdischnationalen jungen Akademikern, aus dere Gruppen später das „Kartell Jüdischer Verbindungen“ (KJV) entstand. Auf Grund der religiös-konservativen (nicht streng orthodoxen) Erziehung. die er genossen hatte, wurde ihm der Zionismus nicht nur ein rein politisches sondern ein „religiös-nationales“ Glaubensbekenntnis. Hierzu kommt der grosse Bildungsreichtum, der ihm durch die damalige westeuropäische Umw'’1 und ihren kulturellen Einfluss vermittelt wurde. Das gut fundierte jüdische Wissen, das Rosen besitzt, hat ihm in jener Frühepoche der zionistischen Bewegung einen erhöhten Platz zugewiesen. Als der Erste Weltkrieg zuende ging, v.ar der junge Jurist erst wenig über 30 Jahre alt, aber schon einer derjenigen, auf die man im Weltzionismus aufmerksam geworden war. Im Jahre 1920, nachdem Dr. Arthur Hant’ke den Vorsitz der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ niederlegte, um in die londoner Weltexekutive einzutreten, übernahm er gemeinsam mit Dr. Alfred Klee das Doppelpräsidium; bald war er alleiniger Vorsitzender, da Dr. Klee sich ganz der Gemeindearbeit zuwandte. Auf den | Delegiertentagen von Han- | nover (1921) und Kassel | <1922» wiedergewählt, leitete! Rosen die zionistische Ar-! beit in Deutschland bis 1923. Hieran schloss sich ein j längerer, erster Aufenthalt I in Erez Israel, nach dessen I Beendigung er in di’ zionii stische Weltleitung aufstieg. um vier Jahre lang (1927 bis I 1931) die Organisations-Ab- \ teilung in Lond n in enger i Zusammenarbeit mit dem damaligen Präsidenten der Bewegung, Prof. Chaim Weizmann, zu führen. Anfang der dreissiger Jahre siedelte Rosen ganz nach Palästina über Auch dort arbeitete er sich sehr rasch empor Er war Stadtrat von Tel Aviv, bald Mitglied der „Assefat Haniwcharim“, der damaligen parlamentarischen Repräsentanz vor der MopdatarmacIR. und war schliesslich in der grossen Stunde zugegen, ¿.ls der Staat Israel proklamiert wurde, bereit, ein verantwortungsvolles Amt zu übernehmwi. Das Justizministerium Israels wurde seine eigentliche Domäne; nichts, was im Aufbau einer neuen staatlichen Rechtsordnung geschah. entging seiner Beobachtung und Kontrolle. Pinchas Rosen hat einen Rechtsstaat aufgebaut, dessen Instanzen und Funktionäre fähig und sich dessen bewusst sind, was es heisst. Recht zu sprechen und der Nation das Gefühl zu geben, dass in ihrem Namen Recht gesprochen wird und ist als ihr Justizminister zum Symbol wahren Rechtsbewusstseins und wahrer Rechtssprechung geworden. Sein demokratisches Empfinden, dis hohe Lauterkeit seines Wesens, die umfassende Kenntnis der Rechtswissenschaften und der politischen Zusammenhänge machten ihn zu einer der angesehensten Persönlichkeiten des Landes. Der Politiker in ihm der aufrichtige Demokrat und Liberale, verstand immer, dass über die Parteierwägungen der Blick auf das Grosse und Ganze gerichtet werden, dass das Staatsinteresse allen anderen Wünschen vorangehen muss- Aus der von ihm zum Schutz der Interessen zentraleuropäischer Einwanderer nach Erez Israel mitgeschaffenen „Hitachduth Olej Germania“ ist später die Repräsentanz der neuen „Fünften Alija“, der “Alija Chadasha”, die “Progressive Partei’’ geworden, die Pinchas Rosen erfolgreich geführt hat; im vergangenen Jahr ist ihr Zusammenschluss oder ihre Wiedervereinigung mit den „Allgemeinen Zionisten’’ erfolgt, ihr Aufgehen in der grossen ..Liberalen Partei“ Israels, der Partei der “Bürgerlichen Linken’’. In bewundernswerter körperlicher und geistiger Frische, geehrt vom gesamten Jischuw Israels geachtet und bewundert von Zionisten und Nichtzionisten in aller Welt, beging Pinchas Rosen den 75. Geburtstag, zurückschauend auf ein Lebenswerk, auf das er stolz sein darf. Ist es doch durch seine Leistung allein in Israel, wenn man so sagen darf, ein Geschenk des ehemaligen deutschen Judentums an den Staat Israel und damit an die jüdische Welt. Und nicht zuletzt ist es die Generation. deren Lehrer er vor 40 und 45 Jahren in Deutschland gewesen ist, die ihm dankt für das Vorbild der Treue und restlosen Pflichterfüllung, der unbeirrbaren Gradheit des Weges, den er gewiesen hat. Er war und ist einer der glücklichsten Vermittler zwischen Ost und West im Judentum, einer der Wegbereiter des Volkes in Israel und ausserhalb des Landes für eine bessere Zukunft. Pinchas Rosen wird in die Geschichte seines jüdischen Volkes eingehen. Curt Wilk Werbt und werdet Mitglieder der T. H. G. 159954844^