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Jüdische Wochenschau · 1962-06-01 · 1962 (1.6.1962) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
23 (1962)
Issue
1962 (1.6.1962)
Date
1962-06-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German, Spanish
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8 — Viernes, 1* de Junio de 1962 SEMANA ISRAELITA Año XXIII. — No. 1962 v Harzl GesfellSfchafr PUEYRREDON 21901. St. T.E. 83-2613 LEBENDIGE GEDANKENWELT! ZWEI JUBILAEEN Vor kurzem waren vierzig Jahre verflossen, seit A. D. Gordon in seiner geliebten Kwuza Dagania gestorben ist. Es gibt Jugendbewegungen, die sich nach ihm nennen, Schulen und Strassen tragen seinen Namen — wieviel aber lebt wirklich von seinem Geist? Es ist nicht einfach, dies festzustellen. Aeusserlich gesehen hat sich die Entwicklung Israels von seinen Ideen entfernt. Das Dorf hat heute bei weitem nicht mehr die Bedeutung, die er ihm geben wollte. Die Industrialisierung, die er nicht liebte, ist harte Notwendigkeit geworden. Die religiöse Erneuerung, die er erhoffte, lässt auf sich warten. Das Verhältnis zur arabischtn Umwelt ist nicht besser geworden. Aber geistige Umwandlungen lassen sich, zumal bei einem alten Volk wie dem unsrigen, nicht nach Jahresspannen bemessen. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Ideen Gordons hat überhaupt noch nicht stattgefunden und konnte auch nicht stattfinden, so lange die Erinnerung an seine eigenartige Persönlichkeit noch lebendig war und seine Gedankenwelt überschattete. Aber seine Grundgedanken sind heute so aktuell wie je. Ein berufener Beobachter, der junge Dichter Chajim Guri, stellte fest: „Noch nie gab es in diesem Lande so viele Wahrheitssucher wie heute.“ Durch die Ereignisse seit 1948 haben die Leitmotive der vorigen Generation ihre Kraft verloren, die junge Generation sucht nach neuen Ideen, die ihrem Lebensgefühl entsprechen. Wir kön nen durchaus denken, dass die Gedankenwelt Gordons neu „entdeckt“ werden wird. DER KOSMISCHE ZUGANG von Prof. SAMUEL HUGO BERGMANN reicherer Befriedigung seiner Ichtriebe, und all dies erreicht er nur durch immer weitere Entfernung von der Natur. Er fühlt diese Einsamkeit und sucht verzweifelt, die zu überwinden, wieder eins zu werden mit dem Kosmos. So lebt er ständig in wachsender Spannung und Unruhe. QUELLEN DER RELIGION Gordons Weltanschauung wurzelt ia der Ueberzeugung, dass der Kosmos eine organische Einheit ist, der der Mensch zugehört. Die Bezeichnung „kosmisch” ist der Name der zentralen Kategorie seines Denkens. Alle Probleme wollen bei ihm ,.kosmisch“ verstanden und gelöst sein, ob es sich nun um die Stellung der Frau in der Gesellschaft oder um eine politische Frage handelt, um die Beziehung zwischen Juden und Arabern oder um das religiöse Problem. Das heisst, der Mensch ist nicht allein in der Welt. Er ist verbunden mit Weltkraft, die er erlebt und erfährt aber mit seinem Verstände nicht erhellen kann. Verstand und kosmisches Leben stehen hier in einem gewissen polaren Gegensatz. Der Verstand kann sein Licht auf einen Punkt konzentrie ren, er erhält dadurch Helligkeit und Klarheit; er ist deswegen unsere wichtigste Waffe im Kampf ums Dasein. aber die tiefsten Ahnungen und Intuitionen d Menschen stammen aus dem kosmischen Leben. Der Verstand entfernt uns von der Natur, von Gott, entfremdet uns unseren Quellen. Pflanzen und Tiere kennen diese Entfremdung nicht, die Natur sorgt für sie. Der Mensch hat aber vom Baum der Erkenntnis gegessen, öie Folge ist innere Zerrissenheit. Der Mensch strebt nach mehr Wissen, grösserer Macht, Diese Spannung ist die Quelle des religiösen Bedürfnisses. Aber mit dem Intellekt können wir Gott nicht nahen, doch können wir ihn lebendig erfahren. Für Gordon ist der Ausgangspunkt seiner religiösen Ueberlegungen: Hat die Welt einen Sinn, ein Ziel? Oder ist sie blind, zufällig, sinnlos? Sind unsere logischen und sittlichen Massstäbe blosse Fiktionen, oder offenbart sich ihnen — wenn auch schwach und gebrochen — ein göttliches Licht, das die Welt durchdringt? Warum gibt es so viele Tränen in der Welt? Warum klagen die Tiere herzbrechend in den Nächten? Warum ist der Mensch, die Krone der Schöpfung, doch zugleich ein gewalttätiges Raubtier? Gordon ringt mit diesen Fragen. Wäre das Leben | sinn- und ziellos, so wäre! die Weisheit und Harmonie, die wir doch so vielfach in der Natur finden, völlig unbegreiflich. Wohl können wir Gott nicht mit menschlichen Massen messen, aber doch können wir sagen, dass unser menschliches Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit, so inadäquat es ist, Teil sein muss einer kosmischen Wirklichkeit Hierin hat die Religion ihre Wurzeln. Gordon unterscheidet zwischen Form und Inhalt der Religion. Die Formen der Religion sind Ausdruck der Gruppe und ihrer Geschichte, aber der Inhalt ist mit dem tiefsten Wesen und den Bedürfnissen des einzelnen verknüpft. Formen können erstarren. Wir müssen die religiösen Quellen in unserer Seele wieder entdekken und dazu wird uns das neue Leben in Erez Israel verhelfen wenn es ein Leben der Arbeit ist. Die Revolutionierung unseres Lebens durch die Arbeit, durch die Berührung mit dem Boden des Landes wird die religiösen Quellen unseres Daseins zu neuem Fliessen bringen. statt den Menschen zu ändern. Unsere Gesellschaft wird nicht durch Massenbewegungen gesunden, sondern durch den einzelnen (Hier die grosse Nähe zu dem Dänen Kierkegard, den Gordon nicht gekannt hat!), und durch den Neuaufbau der Gesellschaft von unten her, vom Dorf, von der Kwuza, dem Moschaw Owdim. Gordon hegte keine Sympathie für die Politik, kein Verständnis für den Staat, den er nur als eine grosse Maschinerie und Bürokratie sah, als etwas Mechanisches. Den Judenstaat hat er nicht erlebt. Er dachte auch in seinem Verhältnis zur Politik „kosmisch“. Das Volk, nicht der Staat, ist die kosmische Einheit, die den einzelnen mit dem Weltganzen verbindet. Darum muss eine sittliche Erneuerung von der Erneuerung des Volkes ausgehen. Die Erlösung des Volkes wiederum kann nur durch Chiddusch Ha'adam, die Erneuerung des einzelnen Menschen, erfolgen. Gordon schuf — dies ist seine grösste gedankliche Leistung — den Begriff „Mensch-Volk” (Am Adam), das Volk, das die Menschheit in sich darstellen will. Wie der einzelne Mensch nach jüdischer Lehre in Gottes Ebenbild geschaffen ist, so müssen in der Zukunft die Völker im Ebenbild Gottes geschaffen werden, sich selbst neu zu schaffen. Diese Ebenbildlichkeit muss im Zusammenleben der Völker Ausdruck finden. Es darf keinen „heiligen Egoismus“ im Leben der Völker geben; das Sittengesetz verpflichtet die Völker, wie es die einzelnen bindet. So lange sein Volk kein „Mensch- Volk“ ist, kann der einzelne Mensch nicht Mensch sein. Kein Mensch kann ein sittliches Leben führen, so lan ge unter den Völkern die Moral des Dschungels herrscht, DIE AUFGABE DES ZIONISMUS Hier sah Gordon die Aufgabe des Zionismus. Der Jude ist dazu aufgerufen und durch das Leiden der Jahrtausende dazu vorbereitet, der Menschheit diese Botschaft zu bringen; nicht durch Predigten, nicht durch Worte, sondern durch die Tat, durch die Art, wie Juden und Araber in Palästina zusammen leben werden. Es ist bitter, sich heute Gordons Lehren in Erinnerung zu rufen und sie mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Aber Gordons Ideen sind nicht widerlegt und sind nicht besiegt worden. Sie bedeuten heute — und heute mehr als je! — für uns Juden eine Herausforderung; sie müssen der Massstab werden, mit dem wir uns selbst, unser Wrerk in Israel und in der Welt, unsere Erfolge und Misserfolge messen. NACHRICHTEN AUS ISRAEL ORANGENERNTE Mitte Dezember begann in allen Teilen des Landes die Orangenernte, die 80 Tage dauert und 9000 ganztägig beschäftigte Arbeitskräfte — die Packerarbeiterinnen nicht eingerechnet — erfordert. EXPORT VON WEINEN Vor kurzem sind grosse Sendungen von Wein aus den Kellereien von Rischon Lezion und Sichron Jaakow ins Ausland abgegangen. Sie gehören zu den grössten, die dieses Jahr vorgenommen wurden und sind hauptsächlich zur Deckung des Pessachbedarfes an Wein bestimmt. Nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika werden 420.000 Flaschen exportiert, nach England 120 grosse Fässer, nach Italien 0,5 Tonnen und von Deutschland ist ein Auftrag im Werte von 15.000 Dollar eingegangen. LANDWIRTSCHAFTLICHE PRODUKTION Die gesamte Produktion der israelischen Landwirtschaft ist von 750 Millionen IL im Jahre 5720 auf 850 Millionen IL im Jahre 1962 gestiegen. Das Reineinkommen der Landwirte ist im selben Zeitraum von 270 Millionen auf 300 Millionen IL gestiegen — also eine Zunahme von 11 Prozent. Die österreichischen Einwanderer in Israel begingen kürzlich die Jubiläen zweier alter Zionisten, die überden Rahmen ihres engeren Kreises hinaus Beachtung verdienen; Dr. Dr. Paul Diamant, aus der Familie der Mutter Herzls Jeanette Diamant stammend, war Zionist von Jugend auf, bereits im Jahre 1899 Mitglied der Gesell- «V^ewi-ah", im April 1903 Mitbegründer der zionistischen Studenten-Verbindung „Giskalah“, und im gleichen Jahr führte er die Schekelzahlerliste in Wien I. erschienen seine Beiträge im zionistischen Organ „Die Welt“. Später nahm er initiativ an der Gründung des Jüdischen Juristen- und Philosophenvereins teil, da er sowohl Jus wie auch Philosophie studierte und an beiden Fakultäten zum Doktor promoviert wurde. Eine Zeitlang war'er auch Obmann der Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler. An den Ziooisten-Kongres sen der Jahre 1911 und 1913 nahm er als Delegierter teil 1919 war er Wahlleiter der Jüdischen Partei, an deren I Spitze Oberbaurat Ing. Ro-' bert Stricker stand, der damals zum Abgeordneten gewählt wurde. Zusammen mit Dr. Stein und Dr. Zweig arbeitete Dr. Diamant im wiener Palästina-Amt mit, besuchte Erez Israel 1920,21 und dann jedes zweite Jahr zu Pessach. Nach den Unruhen im August 1929 organisierte er Schiess Übungen Uir Chaluzitn und einen Waffen-Mcistcrkurs in Wien. Später, als er wieder einmal in Erez Israel war, besuchte er auch Damaskus, wo er für die Zionistische Organisation. Jewish Agency, Informationen für den Textilhandel einhoite. 1932 veranstaltete er die Gedächtnisausstellung für Oberrabbiner Prof. Dr. Zwi Perez Chajes s. A. in Wien. Nach seiner Einwanderung wurde er am 27. 4. 1939 in Jaffa gefangengesetzt — er wurde beschuldigt, tausende illegale Einwanderer ins Land gebracht zu haben — und nachdem er aus dem Gefängnis entlassen war. musste er sich bis 1946 drei mal täglich bei der Polizei melden. Ueber Österreich hinaus wurde er durch seine publi- ERNEUERUNG DES I INDIVIDUUMS! Goron lehrte durch sein Leben. Er war fast 50 Jah- 1 re alt als er seine Existenz j als Verwaltungsbeamter in Russland aufgab um als einfacher Arbeiter in Palästina zu leben. Das bedeutete eine innere und äussere Revolution eine Neuschaffung des Menschen. Das Ziel der Arbeiterbewegung darf nichts Geringeres sein als dies; die Neuschaffung des Menschen. Gordon bekämpfte den Marxismus denn er war in seinen Augen ein Produkt des Verstandes war nicht „kosmisch“, war ein Erzeugnis der Stadt, der Fabrik, der Technik, des Kapitalismus. Der Marxismus will Institutionen ändern, ZIONISTEN¬ MITGLIEDER DER THG •5 Man erwartet von uns, dass wir die ersten sind, die ihre Pflicht gegenüber der Einheilskampagne erfüllen! zistische Arbeit bekannt. Er hat u. a. acht Studien über H-erzl und seine Vorfahren und auch sonst viele historische Arbeiten veröffentlicht, z. B. die Biographie des Paulus Weidner von Billerburg aus dem 16. Jahrhundert. Sein Spezialgebiet, auf dem er sich auch heute noch betätigt, ist jüdische Wappen- und Siegelkunde (Heraldik und Sphragistik). Die wiener Judenheit erinnert sich besonders daran, dass er alljährlich am 20. Tammus den Grabgang zu Herzls Grab auf den Döblinger Friedhof zu organisieren pflegte, den er hoch zu Ross anführte. Sein nicht unbeträchtliches Vermögen hat Dr. Diamant im Laufe der Jahre für zionistische organisatorische und publizistische Zwecke ausgegeben.Dieser Tage feierte er in Jerusalem seinen 75. Geburtstag. In Moza, im jerusalemer Bergland, bewirtschaftet er einen „Meschek“, aber er nimmt am geistigen Leben der Hauptstadt auch weiterhin regen Anteil, wo er auch Mitglieder der Bne-Brit-Loge „David Jellin“ ist. Die wesent- | lichsten seiner zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten werden in einem Sammelbande erscheinen, zu welchem Zweck seine Freunde einen Publikationsfonds ge- ' gründet haben, zu dem Beiträge oder Vorbestellungen auf das Buch erwünscht sind. Dr. Israel Isidor Klaber, beging kürzlich seinen 70. Geburtstag. Klaber wuchs in einer traditionellen, religiösen Familie auf, besuchte die Talmud-Thora-Schule und war Mitbegründer der Blau-Weiss -Jugendorganisation, die jetzt ihr 50jährigea Jubiläum feiert. Er redigier- " te einige Jahre Jang die Zeitschrift „Die jüdische Jugend.“ Da er gleichzeitig Zionist und traditionstreu war, befasste er sich besonders , auch mit der Arbeit der „Eroberung der Kultusgemeinde“ und widmete sich speziell der Wohlfahrtsabteilung, die er bis 1938 leitete. Unter den Nazis wurde er zum Mitglied des Judenrates ernannt, konnte aber bald auswandern und sich als Arzt in Tel Aviv niederlassen. Hier half er Rabbiner Dr. Weiner, das „Wiener Miajan“ zu organisieren, das dann mit dem grösseren Synagogenverband Ichdud Schiwat Zion zusammengelegt wurde. Im Ichdud Schiwat Zion leitete Dr. Klaber jahrelang die Kulturabteilung; seit zwei Jahren steht er der Sozialhilfsarbeit des ISZ vor. Auch ln der Bne- Brit-Loge „Theodor Herzl“, ' der er angehört, widmete sich Dr. Klaber einige Jahre vornehmlich der sozialen Hilfe.Neben seiner politischzionistischen Einstellung war für ihn stets die Fürsorge für unbemittelte und leidende Mitmenschen die Hauptsorge seiner Tätigkeit, und viele Hunderte sind ihm für den hingebungsvollen und opferbereiten Beistand dankbar, den er ihnen im Lauf der Jahrzehnte seiner Aktivität geleistet hat. Beiden Jubilaren wünschen ihre vielen Freunde noch weitere Jahrzehnte segensreichen Wirkens in voller geistiger und körperlicher Frische. __ __ 9939999

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