Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 23 (1962)
- Issue
- 1959 (11.5.1962)
- Date
- 1962-05-11
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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— Viernes, H d- Mar» Je 1962 ■SEMANA ISRAELITA A»o XXIII. — N». 195» Das Schicksal der deutschen Jugendbewegung Die deutsche Jugendbewegung ist als soziologisches Phänomen -einzigartig gewesen und hat als , Revolution der Jugend” in ihrer spezifischen Art nirgendwo anders Schule gemacht Es hat auch zu ihrer Blütezeit zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Welt krieg in anderen Ländern, insbesondere in der anglosächsischen Welt, Gebilde organisiBrter Jugend gegeben, die zahlenmässig wahrscheinlich die deutsche Jugendbewegung bei weitem überflügelten, aber inhaltlich sich von ihr schieden wie Tag und Nacht. Warum dieses Phänomen so einzigartig war. warum es als eines der vielen Opfer der Katastrophe der nationalsozialistischen Aera spurlos und auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist — darüber werden sich noch lange Soziologen und Erzieher die Köpfe zerbrechen. Es ist in den letzten Jahren eine grosse Literatur rings um diese Bewegung entstanden, die immer mehr im Nebel der Vergangenheit zu entschwinden scheint. Die einstigen Jugendführer aus der Blütezeit des Wandervogels, der Freideutschen Jugend und der zahllosen anderen Bünde sind, wenn sie nicht zu den Opfern zweier Weltkriege zählten oder unter das Rad der den beiden Kriegen folgenden Wirren gerieten, heute Männer, die mit einem Gemisch von Wehmut, Kritik und Stau nen auf jene Zeit zurüekblicken. Wenn sie die Feder zur Hand nehmen, um ihr Jugenderlebnis zu Papier zu bringen, kommen nicht immer literarische Leistungen zum Vorschein, die ein erhellendes Licht auf jene Epoche und ihre Jugend werfen. Aber in dem Wust dieser Erinnerungs - Literatur sind auch handfeste Bausteine aufzufinden die einen ernsteren Historiker dereinst als Hilfsmaterial für ein noch zu schreibendes Werk über Geschichte und Wesen der deutschen Jugendbewegung werden dienen können. Wenn hier zwei jener vielen Bücher herausgegriftea werden, so geschieht oies vor allem, um zwei Aspekte zu unterstreichen, die dem jüdischen Les-er bei ihrer Lektüre beachtenswert erscheinen: Werner Helwig: Die Blaue Blume des Wandervogels (Sigbert Wohn Verlag, Gütersloh) und Karl O. Paetel: Jugendbewegung und- Politik (Vogenreiter Verlag, Bad Godesberg). Karl O. Paetel wirft die Frage auf, warum die deutsche Jugendbewegung in der Stunde ihrer eigentlichen menschlichen Bewährung nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im Jahre 1933 so sehr versagte, und Werner Helwig kann nicht umhin in einer Reihe von Gesprächen mit Menschen, die einst in der deutschen Jugendbewegung eine zum Teil zentrale Rolle gespielt haben, auch diese Frage anzudeuten. Er gibt auf sie keine Antwort. Er ist zu sehr in die „goldenen Tage ’ des Wandervogels und in den jugendbewegten Menschen als Typus verliebt, als dass er zugeben könnte, dass das grosse und entscheidende Problem nicht an ihrem Beginn, sondern eigentlich erst an ihrem Ende in Erscheinung trat .Alles hat seine Zeit auf Erden”, tröstet er sich und seine Leser, „Die Behauptung, dass er (der Wandervogel) dem Nazismus Vorreiterdieiste geleistet hat, muss jedoch Eingeweihten als töricht erscheinen. Das einzig Bestimmte an der politischen Generallinie der Jugendbewegung war immer die Unbestimmtheit.” Paetel ist vorsichtiger in seinem Urteil: „Man spricht heute oft vom politischen Versagen der Jugendbewegung. Wenn man tiefer schaut ist das nur bedingt wahr: sie ist als Kollektiv nie zum Zug gekommen, aber sie hat — abgesehen von einigen Opportunisten — Menschen hervorgebracht, die sich entscheiden konnten und dabei ihr ganzes Ethos nicht verleugneten: rechts und links, für und gegen Hitler.’ Er gibt später jedoch zu, dass viele von ihnen „zeitweise in ihren Formulierungen un willentlich dazu beigetragen haben. das Feld für den Nationalsozialismus zu bereiten.” Das ist es auch was einem als erstes auffällt, wenn man all die Feuerreden, Bundesprogramme, Lagerberichte und Tagebuchblätter aus allen Sparten der deutschen Jugendbewegung heute liest, die von Paetel so ausgiebig zitiert werden: Der gleiche Schwulst und die gleiche Fhraseologie, die dann später aus dem Munde Hitlers und seiner Satansjünger erklangen, von diesen allerdings bluternst genommen wurden und den ideologischen Unterbau für eine schauderhafte Realität abgaben. Da finden wir Bekenntnisse der .hündischen Jugend aus deutschem Blut” zum ..Heiligen Reich”, zu „Brüderschaft, Führertum und Ehrfurcht”, ,für Jugend und Reich”, „nordisches Ethos” und vieles mehr. Diese Phraseologie die bei vielen Jugendlichen und Jugendführern in der Zeit des | steilen Aufstiegs des Nationalsozialismus vielleicht gar nicht mehr aus so naivem Herzen kam, wie es Paetel auszulegen versucht, der für sich selbst einen einwandfreien radikalen Weg als Gegner des Nationalsozia’ismus mit all den damit verbundenen Schwierigkeiten und Leiden ging, haben die Bünde .in eine missverständliche und verwirrende Nachbarschaft zur nationalsozialistischen Massenbewegung gebracht.” An einer Stelle bei Werner Helwig kommt auch eine Art Verwandtschaft jugendbewegter Kreise von einst mit einem unheimlichen V/esenszug des Nationalsozialismus. nämlich seiner grenzenlosen Rohheit, ungeschminkt an die Oberfläche. Es ist die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg Auch der Wandervogel-Bund war zerbrochen und in Umbildung begriffen. Neue Bestrebungen traten auf. U. awollten die Mädchen einen eigenen Bund bilden. Berlin hatte noch nicht in dieser Frage entschieden. Die berliner Alt-Wandervögel treffen sich zu einer Tagung an der Nuthe. In der Nacht überfallen die Steglitzer, die „Männerbündler”, das Lager der Mädchen: , Aus dem Mädel- quartier kommt die Kunde. . dass die beiden Mädelführer I mit Gewalt aus der Scheune entführt wurden und noch immer nicht zurück sind. Hilde Eiehner ist immer noch nicht da. Gegen Mittag trifft sie ein und berichtet. Man hat sie etwa 12 km weit bis in die Gegend von Fräsdorf verschleppt, an einen Baum gebunden und allein gelassen .. Der ande ren Führerin war es ähnlich ergangen.” Man rächte sich dann an den Steglitzern in der gleichen Manier. Klingt hier nicht eine Aehnlichkeit an jene Methoden an, die später in der SA und SS so schaurige Orgien feierten, zwar noch in einem embryonalen Zustand, aber doch bevon Dr. URI NAOR reits in der Anlage vorhanden? Ist wirklich alles was der sprachlosen Welt später von den Nazis auf diesem Felde vorexerziert urde, so beziehungslos vom Himmel gefallen? Man soll sich auch hier vor allzu simpler Veral.gemeinerung hüten. Es gab ebenso wie die verschiedenartigen Typen und Charaktere auch verschiedenartige Reaktionen der Menschen der deutschen Jugendbewegung auf das. was ihrer später harrte. Paetel verfolgte ihre Spuren bis in die Kreise. die sieh gegen die braune Lawine zu stemmen versuchten. Aber „dass der Nationalsozialismus die grosse Versuchung der Jugendbewegung wurde — und zumindest, was ihre Führung anlangt, Anlass eines beschämenden Versagens, war nicht zufällig.” Die Lektüre der beiden Bücher ist auch dort, wo sie sich auf die Schilderung der idyllischen, der romantischen, der sozusagen harmlosen Seite dieses Phänomens beschränken, für jeden, der heute die grossen Zusammenhänge zu überschauen vermag, ein einziger Beweis fiir diese Feststellung Paetels. Ein zweiter Aspekt, der den jüdischen Leser interessiert bleibt in den beiden Büchern fast völlig unbeachtet: die Stellung jener Jugendbewegungen zu den Juden, ihre Haltung zum Antisemitismus. Helwig streift diese Frage nur an einer Stelle und schiebt sie mit leichter Geste beiseite: „Ihr (der Jugendbewegung) bisschen Deutschtümelei, ihr rein idealistischer, von Wagner und Germanenschwärmerei her gespeister und auch nur ganz gelegentlich auftretender Antisemitismus war eine Reaktion gegen Weltkommerzialismus, der sieh lediglich eines missverständlichen Begriffes bediente und Menschen jüdischen Blutes nicht an der Bundesteihabe hinderte. Es gab deren in den meisten Bünden.” Gewiss, der Wandervogel war durch die längste Zeit hindurch offiziell nicht antisemitisch wenn auch auf einer Tagung des Alt-Wan dervogels im Jahre 1912 in Frankfurt alle Juden ausgeschlossen wurden und in der Zeitschrift des Alt-Wandervogels, besonders von deren beiden Schriftleitern Fulda und Grothoff, offen antisemitische Propaganda getrieben wurde. Die erste zionistische Jugendbewegung in Deutschland, der „Blau- Weiss”, ist nicht, wie zuweilen irrtümlich vermutet wird als Reaktion gegen den Antisemitismus im Wandervogel ins Leben getreten, sondern in erster Linie als bewusster Anschluss jüdischer Jugendlicher an die moderne Renaissance-Bewegung ihres Volkes. Aber es besteht keine Zweifel darüber. dass er auch einen merklichen Zulauf von jüdischen Jungen und Mädchen erhielt, die sich im Wandervogel wegen des dort herrschenden ausgesprochenen oder noch unausgesprochenen Antisemitismus nicht mehr wohl fühlen konnten. In den „Blau-Weiss-Blättern”, Januar 1914, wird von einem Elternabend des breslauer Blau-Weiss berichtet an ¿ein der Gründer des Bundes, Josef Markus, — er ist kürzlich . in Israel gestorben — diesen Punkt ausführlich behandelte: „Den Wandervogel hält er an sich nicht für antisemitisch. Es gibt nur so viel antisemitische Führer und Wandervögel. dass schon deshalb jüdische Eitern ihre Kinder nicht dorthin schicken diirfen. Aber auch die nicht-antisemitischen Führer wüssten nicht, was sie mit den jüdischen Kindern, die eine von der ihren so himmelweit verschiedene häusliche Er Ziehung mit sich brächten anfangen sollten. Darum hätten die schlesischen Wandervögel, die zum grössten Teil nicht antisemitisch seien, dennoch den im Wandervogel aufgetauchten Antisemitismus nicht bekämpft. Sie hätten nur eine Erklärung gegen den unanständigen Stil der Antisemiten abgegeben, nicht aber gegen die sachliche Stellung dieser Wandervögel protestiert.” Was die jüdische Jugend bewegung jedoch so sehr von der gesamten deutschen Jugendbewegung schied, war ihre von Anbeginn an realietische Zielsetzung. Auch sie hatte ihr menschliches Idealbild, auch sie träumte von Jugendkultur und Leben-sreform — aber das alles spielte sich nicht im luftleeren Raum ab und erschöpfte sieh nicht in unverindlichem Pathos und romantischer Schwärmerei. Ihr menschliches Ideal war der schwerarbeitende Chaluz, der Pionier im Aufbauwerk Palästinas, ihre gesellschaftskritische Haltung wollte sie in eigenen neuen Leistungen in einer auch von ihr mitzuschaffenden neuen Gesellschaft in Palä. stina erproben. Das führte sie viel früher aus der so leicht zu Eigenbrödelei und Weltfremdheit führenden Sphäre der Flucht in die Natur, Heimabende, Landheime und Bundestage, die auch bei ihr in enger Anlehnung an die Formen der deutschen Jugendbewegung der Schwerpunkt des Bundeslebens bildeten, auf dem nüchternen Boden der Realität zurück und verlieh ihr gerade in dem Augenblick Kraft und Vitalität, in dem die Träume der Wandervögel und anderer deutschen Jugendbewegungen unaufhaltsam zerflatterten. ■Paetel stösst bis nahe an den Kern des Problems vor, wenn er der deutschen Jugendbewegung ein mangelndes Gefühl für die Realität und darum auch den Mangel eines konkreten im Alltag anwendbaren Programms vorwirft. Die deutsche hündische Jugend bewegte sich bestenfalls „im Vorzimmer der Politik” und nahm deswegen „eine völlige Neutralität gegen alle Parteien ein, und deswegen auch den Nazis gegenüber.” Aber es war schliesslich mehr als Neutralität. In dem Kapitel „Der Marsch ins Dritte Reich” gibt es Paetel zu: „Man beantwortete sehr allgemein in den Jugendbünden die Frage: Wo steht die junge Generation? mit der Kapitulation vor der Realität.” Das war das Ende Und gewiss kein rühmliches. Bas Leo Baeck Institut sucht DOKUMENTE-URKUNDEN CHRONIKEN-LILDER über die Geschichte des ehemaligen deutschen Judentums sammelt das LEO BAECK-INSTITUT t PUBLIKATIONEN DES I.EO BAECK INSTITUTES SCHRIFTENREIHE WISSENSCHAFTLICHER ABHANDLUNGEN DES LEO BAECK INSTITUTES J. C. B. MOHR (PAUL SIEBECK) TUEBINGEN Ycai* Book V I960 — VOM L.B.-INSTITUT HERAUSGEGEBEN: BY THE EAST AND WEST LIBRARY. LONDON mit einer Fülle hervorragender Beitrage in englischer und deutscher Sprache. (416 Seiten) WERDE AUCH DU MtTGLiEO des Leo Baeck-Instituts Anmeldungen bei Kenn CURT WILK, Moreno 2256, und un Büro der JUEDISCHEN WOCHENSCHAU. Pueyrredon 2190. 1. izq. (83/2613)