Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 23 (1962)
- Issue
- 1955 (13.4.1962)
- Date
- 1962-04-13
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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4 — Viernes, J3 de Abril de 1962 L A SEMANA ISRAELITA AB« xxm. — No. 1955 PESSACH-BEILAGE Pessach-Betrachtungzum “Lied der Lieder” von C.VRT WILK Es ist eine sehr alt® Einrichtung innerhalb des religiösen Tradifionsgutes, am Pessachfeste, d. h. an seinem Zwischenschabat und falls es in einem Jahre einen solchen nicht gibt, an demjenigen der beiden Schlussfeierlage, der auf den Schabat fällt, das biblische Buch „Schir-hasehiiim”, „Das Lied der Lieder”, oder, wie man auch sagt, das ,-Hohe Lied” zu lesen. Ursprünglich wurde es aus einer „Megilla”, einer Rolle vorgetragen. Heute tritt es innerhalb des Pessach-Gottesdienstes nicht mehr besonders hervor. Doch seine Bedeutung iiir die religiöse Literatur des jüdischen Volkes und sein Einfluss auf grosse Dichtungen der Weltliteratur bis auf den heutigen Tag sind so gewaltig, dass man sich immer wieder mit diesem Werke beschäftigen sollte, auch ausserhalb des Pessachfestes. Vor allem sollte jüdische Jugend von heute in einer Weise, die ihr eingeht, an diese herrliche und erhabene Dichtung herangeführt werden. Die jüdische Ueberlieferung geht davon aus, und diese Auffassung hat noch kein Bibelkritiker eindeutig widerlegen könen, dass ..Schir hasehirim” von Salomon, dem dritten König auf dem Thron Israels, dem weisen und genialen Staatsmanne, in seinen besten Jahren verfasst worden ist. Während aber alle jüdische Tradition die im „Lied der Lieder” besungene reine Liebe Salomons zu einem Hirtenmädchen auf die hohe Ebene einer Allegorie zwischen Gott und Seinem Volke Israel erhoben hatte, während das Judentum sich die Meinung des grossen Rabbi Akiba zu eigen machte: „Die ganze Welt war nie so würdig wie am Tage, an dem das Lied der Lieder Israel gegeben wurde und hinzufügte: „Sind alle Bücher der Schrift heilig, so ist das Lied der Lieder heiliger denn heilig”, während also das hohe Lied der alles überwindenden Liebe, der ergreifendsten Sehnsucht nach Reinheit und Schönheit, von den grossen Lehrern unseres Volks in die Sphäre des Religiösen emporgehoben wurde, haben bedeutende nichtjüdische Theologen jede „heiisgeschiehtliche” Ausdeutung des Liedes zurückgewiesen, auch diejenige der Kirche. Für dies® Wissenschaftler ist „Schir hasehirim” nichts anderes als eine Sammlung von Perlen weltlicher Poesie von ..altpalästinensischen Hochzeitsliedern”'. Einer dieser Theologen nennt es „das Textbuch einer palästinensisch israelitischen Hochzeit”. Deshalb ist es vielleicht nicht uninteressant, Goethe zu hören, der in seinen „Noten und Abhandlungen zum w'estöstlichen Divan” vom Hohen L.ede sagt: „Wir verweilen sodann einen Augenblick bei dem Hohen Lied, als dem Zartesten und Unnachahmlichsten, was uns vom Ausdruck leidenschaftlicher, anmutiger, Liebe zugekommen ist. Wir beklagen freilich, dass die fragmentarisch durcheinandergeworfenen Gedichte keinen vollen Genuss gewähren, und doch sind wir entzückt, uns in jene Zustände hineinzuahnden, in welchen die Dichtenden gelebt. Mehrmals gedachten wir, aus dieser lieblichen Verwirrung einiges herauszuheben, an einanderzureihen. Aber gerade das Rätselhaft-Unauflösliche gibt den wenigen Blättern Anmut und Eigentümlichkeit.” Es ist erwiesen, dass Goethe weitgehendst vom Hohen Liede inspiriert worden ist, dass es Anklänge hieran im „Faust” gibt (Gretchens Liebesfreude und Liebesschmerz), dass der Dichter, der selbst eine freie Wiedergabe des Gedichtes geschaffen hatte, das Hohe Lied ausserordentlich schätzte. Im Jahre 1932 hat Rabb. Dr. Joseph Carlebaeh. damals Altona, der hervorragende Gelehrte, dessen 20. Jahrzeit in diesen Tagen begangen wird, in einer Schrift „Das Lied der Lieder” von neuem die Frage aufgeworfen: Allegorie oder Liebeslied? Selbstverständlich war für ihn, wie für alle vorangegangenen Jahrhunderte der jüdischen Schriftforschung, Schir Haschirim religiöse Dichtung, und so konnte er schreiben: „Ist aber die Allegorie einmal zugesfanden, dann ist das ganze Liebesmärchen von hinreissender Deutlichkeit; dann ist dis vermummte Braut, die im Sonnenbrand ihrer Schönheit verlustig geht, die an fremdem Gute Dienste tut. Israel in Aegypten. Dann ist es klar, dass der Geliebte von der Wüste heraufkommt, von den Helden Israels begleitet, dass endlich erst viel später, lange nach der endgültigen Erwählung Israels als Gottesvolk, der Einzug in den Garten Palästinas erfolgte.” Nach Joseph Carlebaeh muss der Sänger von „Schir hasehirim” einer Zeit angehört haben, da die Teilung des Reiches noch nicht das Land in zwei feindliche Gebiete zerrissen hatte, also der Zeit König Salomons. Der weise Rabbi gibt zu, dass diese Lieder aus HochzePsliedern geboren sein können, das aber, angeregt durch sol che Volksklänge, über den Dichter der Geist Gottes kam. Deshalb fügt Carlebaeh hinzu: „Diese Liebesmär von Israels VolksEchicksal wird Symbol der Einzelliebe.” So steht vor uns eines der herrlichsten aller althebräischen Gedichte. Im „Lied der Lieder”, so sagt ein anderer Deuter, . atmen Bäume und Blumen. Berge und Tiere den gleichen Atem mit dem Menschen; sie lieben und trauern gemeinsam.” In der Tat wird der Frühling wach, wenn die Liebe sich selber weckt. So gehen die bezaubernde Pracht des Frühlings im Lande Israels, das sich offenbarende Wunder der aus dem Winterschlafe erwachten Natur, dem Liede Rahmen und Untermalung: .Denn sieh, der Winter ist fort, de Regen vorüber, vergangen; Die Blumen zeigen sich im Grunde. die Zeit des Rebtriebs ist da, der Turtel Ruf schallt uns im Lande, die Feige treibt ihre Köpfchen, die Reben, sie blühen, duftspendend.” So dürfte „Schir-Hasehirim”, diese tragische Liebe zweier Naturkinder, das sein, was ein anderer Sachkundiger von diesem Gedieht sagt: „Urwüchsig und leidenschaftlich, glühend heiss wie der Orient, aber auch keusch und heilig wie die Bibel selbst. „Das Heilige, das zwei junge Menschen durch Liebe bindet, die „stark wie der Tod ist”, überstrahlt so sehr die für unser Empfinden vielleicht allzu erotisch anmutenden Stellen der Dichtung, dass unser alten Lehrer schlechthin in ihr die Ver- '• sinnbildlichung der Liebe Gottes zu Seinem Volke erblik i ken mussten. Der Hirle wird zum Symbol „des Heiligen. I gepriesen sei Er” und die Sulamith zur „Gemeinde Israels”. So wob sich im Laufe der Jahrhunderte ein wunj dersamer hystischer Schleier um das Hohelied, um es zu dem werden zu lassen, was der Hirt von seiner Sulamith singt: „Ein verschlossener Garten bist du, o Schwe i stsr-Braut mein. Ein verschlossener Garten, eine | versiegelte Quelle.” j Doch durch diesen Schleier hindurch leuchtet die i Wirklichkeit einer irdischen aber nicht weniger heiligen Liebe: „Ein Paradies voller Granatäpfel und edelster Früchte; ein Brunnen lebendiger Wasser, vom Libanon fliessend” Die Heiligkeit, mit der das Lied umgeben worden war, sorgte dafür, dass der Text erhalten blieb, und man ist sich darin einig, dass das Hohelied zu den textlich besterhaltenen Büchern der Heiligen Schrift gehört. Es bleibt daher beklagenswert, dass wir Heutigen in unseren Reihen so oft der Unkenntnis und dem Unverstandnis für eine der erhabensten Dichtungen der Weltliteratur gegenüberstehen. Dagegen können wir rrlit Genugtuung feststellen, dass in Israel, wo das Pessachfest mit neuem Enthusiasmus und einem tieferen Begreifen der historischen Zusammenhänge begangen wird, auch das „Lied der Lieder” in die jüdische Renaissance einbezogen ist. Die Schönheit der im Schmuck des Frühlings prangenden Natur, in „Schir-haschirim” gefeiert, bildet auch den äusseren Rahmen für die nationale Ergriffenheit des Jischuw von Israel, wenn man sich dort anschickt,' Pes¬ Eingang zum Davids Grab irf Jerusalem sach zu begehen. Die wunderbare Dichtung erscheint den im Lande der Bibel Lebenden wie aus einem Gusse, Sinnbild einer heiligen Kraft, die der Menschen Seelen aneinander bindet: „Starke Fluten vermögen die Liebe nicht zu löschen, Wasserströme überwältigen sie nicht; gäbe einer alle Güter seines Hauses für die Liebe, man würde ihn verschmähen.” Pessach und das Gebet um Tau von Rabb. E. 1. LOEWENSTEIN, Santiago de Chile Das Pessachfest ist voller Erinnerungen an die „Sfernstunde der Menschheit", in der Israel als Volk unter die Völker der Erde trat. Es ist voller Erinnerungen an die Knechtschaft in Aegypten und voller Hymnen des Dankes für die Freiheit. Aber unter den Gebeten und Gesängen des Festes finden . ir ein Motiv, das auf den ersten Augenblick keinen Zusammenhang mit diesen Festgedanken hat: das Gebet um Tau am 1. Tag Pessach. Vom achten Tag Sukkot an bis Pessach wird Gott in unseren Gebeten als Spender des Windes und des Regens gerpriesen. In den zweiten Segensspruch des Hauptgebetes (Schemone Essre) werden die Worte eingeschaltet: „Maschiw haruach umorid hagasc-hem — der den Wind wehen und den Regen herabkommen lässt.” Der Regen -wird als eine wohltuende Spende des Himmels angesehen, durch die der tote Erdkörper zu neuem kraftvollem Leben erwacht und aufblüht. Aber das Gebet um Tau schliesst an Pessach die Bitte ein. dass nunmehr der Regen aufhöre. Wenn die Gerstenernte beginnt, ist Regen kein Segen mehr. An seine Stelle soll während der Sommermonate der Tau treten. In diesem Zusammenhang ist es interessant, auf einen Unterschied im Brauchtum der Aschkenasim und Sefardim hinzuweisen. Die Sefardim pflegen im Sommer die bereits im Talmud von R. Jochanan vorgesehene Huldigung: ..Maschiw haruach umorid hatal — der den Wind wehen und den Tau herabkommen lässt” zu sprechen. Wir kennen diesen Brauch nicht. Aber auch unser Tal - Gebet scheint aus dem Brauch der Sefardim hervorgegangen zu sein, da dieser Text auch in unserem Gebet um Tau vorausgesetzt wird. In der Bitte um Regen und Tau kommt das Vertrauen des Juden in die Allmacht Gottes zum Ausdruck. Die vergleichende Religions- , geschichte hat festgestellt,! dass die Gebete und das! Brauchtum vieler primitiver , Völker als Reaktionseri scheinungen auf die Angst , vor den Phänomenen der | Natur zu erklären ist. Den Juden erschrecken die Pro zesse der Natur nicht. Sei- , ne Gebete sind keine magi- | sehen Formeln, seine Bräuche keine magischen Hand lungen, durch die der Wille! eines höheren Wesens be 1 einflusst werden soll. Für ' den Juden ist Gott der Lenker der Geschicke der Naj tionen. Er offenbart sich in! Ereignissen wie denen des j Auszuges aus Aegypten. Er ist auch der Gott der Na j tur. der sie sich ständig er-! neuern lässt. In dem Geden-! ken an den Auszug aus Aegypten und der Bitte um i Tau symbolisiert sich der ' Glaube an die Einheit des Universums in Natur und i Geschichte durch eine höhere Waltung. | Darüber hinaus waren die Gebete um Regen und Tau [jahrhundertelang Ausdruck I einer tiefen Sehnsucht nach I dem Land seiner Väter, ln welchen Regionen der Erde | wir auch wohnen mögen, 1s-; rael lebt unabhängig vom Rhythmus der uns umgeben-! den Natur. Unser religiöses j Leben wird durch das Land i seines Ursprungs bestimmt. ■ Unsere Verbannung kann j nicht ewig dauern. Einmal kehren wir zurück. Dann i setzen wir unser Leben auf unserer Erde fort mit dem Regen Erez Israels im Win- I ter und seinem Tau im Som- ■ mer.; So ist das Gebet um Tau j j in gleicher Weise Ausdruck j! der Sehnsucht Israels nach j; Befreiung aus der Verbanj : nung wie die Mazza. das ungesäuerte Brot der Tage des i Festes. „! Aber der Tau ist für unsere Weisen ein weitergehendes Symbol. Der Prophet Hosea. der um 750 vor cnserer Zeitrechnung im Nordreich Israel wirkt, ruft seinen Zeitgenossen zu: „Ich will wie der Tau für Israel sein, es blühe wie die Lilie und schlage Wurzeln gleich dem Libanon.” In diesem Prophetenwort sehen unsere Weisen ein Bild für das ideale Israel. Wenn Israel schön ist wie eine Lilie und aufrecht wie die Zedern des Libanon, dann wird Gott für Israel wie der Tau des Himmels sein. Mit kühnem Schwung erhalten sogar die Phänomene der Natur einen idealen und ethischen Charakter. Das Vertrauen in Gott wird zu einer belebenden Naturkraft, die Israel Kraft und Schönheit verleiht. Der Tau des Himmels wird zum Symbol der Stellung Israels unter den Nationen der Erde. Auch der spätere Midrasch sieht in dem Tau die symbolische Einheit zwischen der sich erneuernden Natur und der Erneuerung der geistigen Kraft. Als die Pessachnacht kam, rief Isaak seinen ältesten Sohn Esau und sprach zu ihm: Mein Sohn, in dieser Nacht sagen alle Hallel und es öffnen sich die Schatzkammern des Taus. Gehe hin und bereite mir ein Wohlschmekkendes, damit ich Dich segne, solange ich noch am Leben bin... in gleichem Sinn sprach alsdann Rebekka zu Jakob. Als dieser später mit dem Segen heraustrat, war er frisch geschmückt gleich einem Bräutigam und es fiel auf ihn der frische und belebende Tau des Himmels. sodass er sich stark fühlte und zum Helden wuchs”. Dieser Midrasch deutet den harmonischen. Gleichklang an, der zwischen der an Pessach im Frühling sich erneuernden Natur und dem sich zu neuer Kraft erhebenden Volke Israel besteht. In Natur und Geschichte, im Frühling und in Israel werden die Kräfte der Erneuerung sichtbar. Am 1. Tag Pessach proklamiert Israel sein Vertrauen in die Kraft seiner Wiedergeburt. Belgische Jugendleiter zu Besuch Tel Aviv. — 56 belgische Jugendleiter und Erzieher besuchten zwei Wochen lang Israel, um sich über das israelische Erziehungswesen zu informieren. (ITA) Jüdische Wochenschau in Montevideo/Uruguay Einzelnummer SO Centésimos Jahresabono 45.— $ urug. ABONOS — AVISOS — COBRANZA Sra. L Löblowitz Paraguay 1164, piso 2, apt, 9 Distribuidor: KIOSK TUREK Constituyentes 1757 Tel. 42-640