Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 23 (1962)
- Issue
- 1954 (6.4.1962)
- Date
- 1962-04-06
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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In Memoriam S. Groiiemaim l Sammy Gronemann wurö* am Purimtage 5635 (1875) geboren und starb vor zehn Jahren an Purim. So erfolgte gewissermassen schon sein Eintritt in die Welt im Zeichen des Humors. Dieser Humor war ihm ein treuer Begleiter auf seinem ganzen Lebensweg. Er leistete ihm auch wertvolle' Hilfe bei seiner zionistischen Arbeit und verlieh ihm eine stets heiter aufgenommene Ueberlegenheit über seine Gegner. Ich habe über diese Seite seines Wesens, wenn ich mich hier selbst zitieren darf, vor 40 Jahren Folgendes geschrieben: „Er ist einer der lachenden Philosophen, die die Welt stets vom anderen Ende betrachten und sie daher so überaus drollig finden. Er besitzt Verständnis für alle Dinge, er besass es auch für den Krieg. Dieser batte für ihn nur die Bedeutung, dass er ihm Gelegenheit gab, ein jüdisches Theater in Wilna zu protegieren. Sammy ist nämlich ein grosser Liebhaber der Muse Thalia. Aber er sieht nicht so sehr im Theater die Weit, wie in der Welt das Theater. Und des Binokles pflegt ei' sich umgekehrt zu bedienen, sodass ihm die Gegenstände und vor ailem auch die Menschen ausserordentlich klein erscheinen. Daher seine grenzenlose Respektlosigkeit gegen alle „Grössen”. Als Volksversammlungsredner besitzt Sammy die Fähigkeit, seine Gegner schmerzlos zu überwinden. Sie freuen sich gewöhnlich über seinen Witz; aber wenn sie das Lokal verlassen, sehen sie. dass Gronemann sie zum Besten gehalten hat.” MITARBEITER DES „SCHLEMIEL” Als auf Herzls Wunsch eine zionistische Gruppe in Berlin im Jahre 1903 die Gründung der humoristischsatirischen Zeitschrift „Der von MAX JUNGMANN Schlemiel” beschloss und mir die Redakfion des Blattes übertrug, bat ich zunächst natürlich den Referendar Gronemann in Hannover um Hilfe. Mein Wunsch entsprach seinem eigenen Bedürfnis, und er wurde mir ein treuer, nie versagender Mitarbeiter. Er schrieb hie und da eine Erzählung. auch- Gedichte und vor allem Anekdoten, die sich stets durch die geistige Höhe ihres Witzes auszeichneten. Er schoss nicht groben Spott auf Andersdenkende. sondern besass wie ein guter Satiriker Verständnis für die Schwächen der Menschen und zugleich die Fähigkeit, sie scherzend zu zerpflücken. EIN BEISPIEL SEINES HUMORS In der „Galerie d;s Schlemiel" pflegte er prominente zionistische Persönlichkeiten kurz, witzig und treffend dem Publikum vorzuführen. Einmal war es Nordau, ein anderes Mal Ussischkin, dann Achad Haam usw. Hier sei nur die kurze Schilderung von Davis Trietsch wiedergegeben: „Davis Trietsch. geboren 18 .., gestorben 1903, 1905, 1907, 1909. 1911, 1913. 1918, 1919 und so weiter bis 120 Jahre. Er wird auf jeder grösseren zionistischen Tagung umgebracht; er ist daran gewöhnt, und es bekommt ihm ausgezeichnet. Er hat sehr oft recht, aber man merkt’s nicht. Er ist misstrauenerregend geistreich und versteht es, durch seinen nüchternen Fanatismus, seine skeptische Begeisterung und seine zynische Pathetik jede Zuhörerschaft kopfscheu zu machen. Seine Ideen haben bisweilen Erfolg, — er selbst nie. .Ein gescheiter Mann und der sich in hohem Grade dafür hält’, so charakterisierte ihn Herzl treffend. Doch können wir uns freuen, einen solrr OLAMENU rr TEL AVIV POB 3002 ISRAEL Herausgegeben von HUGO GOLD F*rof. Dr. H. Sternberg: NEUERSCHEINUNGEN DES VERLAGES Zur Geschichte der Juden in Czernowitz Reich illustriert Kart. 3.—?rof. Kamilo Landmann: Israel und die Juden der Welt Kart. 2 — SUBSKRIPTIONS-EINLADUNG: GESCHICHTE DER JUDEN IN WIEN Gewidmet dem Andenken von Prof. Dr. Zwi Perez Cha jes Unter Mitarbeit der hervorragendsten Kenner der Geschichte der Wiener Juden. ERMAESSIGTER SUBSKRIPTIONSPREIS: VOR Erscheinen . * * * . . * $ 15.— Nach Erscheinen $ 20.-— Alle Zuschriften u. Anfragen sind ausschliesslich an den Verlag, Tel Aviv, P.O.B. 3002 (Israel zu richten. Die Preise sind in U$A-Dolktr angegeben. ehen Kerl zu haben. — zwei wären zu viel.” GRONEMANN IM ERSTEN WELTKRIEG Während des ersten Weltkrieges glaubte das deutsche Oberkommando, ohne Gronemanns Beteiligung den Krieg nicht gewinnen zu können, und schickte ihn daher als uniformierten Landsturmmann nach dem Osten. Seine Heldentaten dort bestanden jedoch nicht in Blutvergiessen, sondern in einer Blutzufuhr für das jüdische Theater in Wilna und ferner in heiteren Erlebnissen, die er dann als ..Anekdoten aus dem Kriegsgebiet" veröffentlichte. Es ist bewunin Tel Aviv wiederzusehen und eine Plauderstunde in seinem Stammcafe mit ihm zu verbringen. Er war, wie die meisten Menschen seiner Geislesart, im bürgerlichen Alltagsleben im allgemeinen ernst und etwas schwerfällig. Rühmenswert waren neben anderen Vorzügen seine Aufrichtigkeit und Gutmütigkeit. Er hatte als Sohn des Landesrabbiners von Hannover die jüdische Tradition seines Elternhauses pietätvoll übernommen und sie als religiöser Jude gewissenhaft gepflegt. Dabei war er tolerant im reinsten Sinne des Wortes. Ich hörte niemals eine abfällige Aeu- SSerung von ihm über Freunde oder Bekannte, deren Weltanschauung von der seinen abwich. Er besass f ”, „-sfsiÿ* Medizinisches Laboratorium in Israel dernswert, dass ein einzelner Mensch so viel Komisches im Kriegsgebiet erleben konnte, bewundernswerter aber wäre es. wenn er all die lustigen Anekdoten erfunden hätte. GRONEMANNS PERSOENLICHKEIT Sein Humor kam hauptsächlich in literarischen Aeusserungen, in öffentlichen Vorträgen und Diskussionen zur Geltung, zuweilen, aber nicht sehr oft, in privater Unterhaltung. Häufiger noch als in Deutschland hatte ich in Israel Gelegenheit, seine Gesellschaft zu geniessen, und es war mir stets eine Freude, ihn nicht nur Verständnis, sondern auch Respekt vor jeder ehrlichen Ueberzeugung. Gronemanns Beitrag zum Zionismus war nicht auf das Gebiet der Literatur und Journalistik beschränkt. Er war in der ganzen Bewegung als Mitglied und Vorsitzender des Kongressgerichts. des höchsten zionistischen Gerichtshofes, wohlbekannt. Es war sein allgemein anerkanntes Verdienst, dass die „Herrschaft des Gesetzes” in der Zionistischen Weltorganisation fest verankert W'urde. Sein juridischer Scharfsinn, seine grosse Erfahrung und Popularität und nicht zuletzt sein Sinn für Humor halfen LU/ICH — (KALENDER) Freitag, den 6. April 2. Nissan Sonnabend, den 7. April 3. Nissan Parschat TASRl’A 3. B. M. XII. 1 — XIII, 59 Haftara 2. B. Könige IV, 42 — V, 19 Sonntag, den 8. April 4. Nissan Montag, den 9. April 5. Nissan Dienstag, den 10. April 6. Nissan Mittwoch, den 11. April 7. Nissan Donnerstag, den 12. April 8. Nissan Freitag, den 13. April 9. Nissan Sonnabend, den 14, April 10. Nissan Parschat METZORA 3. B. M. XIV, 1 — XV, 33 Haftara Malachi III. 4 — 24 Schabbat HAGADOL Sonntag, den 15. April 11. Nissan Montag, den 16. April 12. Nissan Dienstag, den 17. April 13. Nissan Bedikat - Charneta am Abend Mittwoch, den 18. April 14. Nissan Cha me tz-Ver bot ah 10 Uhr 16 LITERATO a* Antike Der berühmte jüdische Historiker Divad Kaufmann schrieb vor etwa siebzig Jahren dass die christlichen Theologen und Bibelforscher nicht berufen seien die jüdischen historischen Denkmäler auszugraben. Wie recht er hatte, beweist der peinliche Strei.t der in Italien um die im vergangenen Sommer ausgegrabene herrliche antike Synagoge von Ostia ausgebrochen ist. Es sei gleich vorausgeschickt. dass Ostia, etwa 25 Kilometer von Rom entfernt, vom Ende des vierten Jahrhunderts v.d.g.Z. bis zum zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung ein Militär- und Handelshafen von grosser Bedeutung war und für dlfe Verproviantierung von Rom zu sorgen hatte. Es war eine richtige grosse Stadt der Antike mit etwa 100.000 Einwohnern. Im Zug der Ausgrabungen ergab es sich erst, dass eine Synagoge freigelegt wurde. Dies bewies vor allem der aus weissem Marmor gehauene, auf Kapitellköpfen ruhende Querbalken, in der die jüdischen Symbole: Menora, Eulaw. Schofar und Ethrog eingemeisselt waren, ferner ein anstossendes Häuschen, in dem die Mikwa untergebracht war. und schliesslich ein Mazzot-Backofen. Als erster hatte Oberrabbiner Dr. Elio Toaff in der römischen Synagoge der Öffentlichkeit von dem bedeutenden Fund Mitteilung gemacht. welche grosse Sensation hervorrief, weil hierdurch nach dem heutiihm. Lösungen verwickelter Rechtsfragen zu finden, zu versöhnen und Zwistigkeiten auf gütlichem Wege zu begleichen. Wenn es nötig war, mangelte es ihm nicht an der erforderlichen Festigkeit, und mehr als einmal erklärte das Kongressgericht unter seinem Vorsitz Kongresswahlen für null und nichtig, wenn Grundprinzipien des zionistischen Rechts und Billigkeit verletzt worden waren. Der Zionistenkongress nahm im Jahre 1946 den Rückiritt, Gronemann aus Alters- und Gesundheitsgründen erklärt hatte, nur. mit grösstem Bedauern an. LEBENSABEND Sammy Gronemann ist vom Schicksal nicht immer mit Handschuhen angefasst worden. Am schwersten hatte ihn der frühe Tod seiner Gattin getroffen. Er ertrug sein grosses Leid mit stoischer Abgeklärtheit und lebte in Einsamkeit, bis er in die Familie seiner Schwester aufgenommen wurde, wo er für den Rest seiner Tage versorgt war. Er hatte schliesslich in vorgerücktem Alter die Freude, in*"Israel zwei günstig aufgenommene Werke publizieren zu können, nämlich seine hebriäsch erschienenen Memoiren (Sichronot schel Jecke) und eine Salomon- Komödie. die in Tel Aviv erfolgreich aufgeführt wurde. Ich möchte mit einem an mich gerichteten Ausspruch Gronemanns schliessen, der durchaus der Gronemann’ sehen Denkart entspricht und der letzte war, den ich von ihm vernahm. Als ich ihm zu seinem 75. Geburtstag gratuliert hatte, schrieb er mir dankend: „Man müsste seinen siebzigsten oder fünfundsiebzigsten Geburtstag feiern, wenn man vierzig Jahre alt wird. Dann hätte man was davon.” Synagoge von Dr. YOMTOrLlW10 8 gen Stand der archäologischen Wissenschaft feststand, dass mit der Synagoge in Ostia die älteste Synagoge in Europa ausgegraben wurde. Nun meldeten sich die nichtjiidischen Sachverständigen u. zw. vor allem der Superintendent der staatlichen Ausgrabungsarbeiten Pietrogrande und nachher die Leute des Vatikans und gaben Erklärungen ab. die zeitlich und inhaltlich so ziemlich übereinstimmten, wobei beide betonten, dass der Ausgrabung der Synagoge von Ostia eine grosse archäologische und historische Bedeutung innewohne. Der Osservatore Romano, das Organ des Vatikans, fügte jedoch gleich hinzu, dass noch nicht mit Sicherheit festgestelit werden könvon Ost wann die Synagoge erbaut worden sei. In Erwartung weiterer Forschungsergebnisse müsse jedoch die Entstehungszeit der jüdischen Betstätte auf das dritte oder vierte Jahrhundert unserer Zeitrechnung verlegt werden. Inzwischen sei jedoch bereits ermittelt worden, dass die Synagoge auf den Ruinen eines älteren Hauses aufgebaut wurde, das auf das erste Jahrhundert zurückdatiert werden konnte. Pietrogrande erklärte folgendes: „Die Struktur der VTauern der Synagoge konne nicht vor dem ersten lahrhundert entstehen, wäh- -end die neueren Teile der Synagoge aus dem dritten >der vierten Jahrhundert stammen. Jeder Vergleich •riit den antiken Synagogen ler griechisch-orientalischen (Veit und mit anderen Basiika-ähniiehen Gebäuden wä- •e daher voreilig.” Die jüdischen Gelehrten ind führenden Persönlichkeiten waren jedoch mit len offiziellen Zeitsehätzungen durchaus nicht einver-;tanden, da diese bewusst ider unbewusst von der alen christlichen Idee beeinlusst sind, wonach die Zerstreuung der Juden über die ganze Welt eine Strafe Gotes sei dafür, dass sie Jesus Ihristus gekreuzigt haben, iun aber widerspricht die ratsache, dass blühende jülische Gemeinden ausserial!b Palästinas und namentich in Rom und Ostia schon ange vor diesem Gesehehis bestanden haben, auf das entschiedenste dieser Konzeption, die jedoch von vieen katholischen Kreisen geeilt wird, wiewohl der jetzige Papst diese Auffassung iblehnt. Ein führender italieni- ¡cher Protestant erklärte lern Korrespondenten der .Jewish Chronicle”, mit lern er die Frage der Synagoge von Ostia besprach, lass die katholische Kirche mraer schon bestrebt gewesen sei. Rom als eine par äxcellence christliche Stadt zu präsentieren, und stets in Abrede stellte, dass man ien Juden während der ganzen christlichen Aera gestattet hätte, dort zu leben, es sei denn in vollständiger Isolierung und unter demütigenden Verhältnissen. Die Existenz von blühenden jüdischen Gemeinden in Rom und Ostia vor der christlichen Aera stimmt jedoch mit dieser Darstellung nicht überein. Nur so ist die Tendenz der vatikanischen Kreise zu erklären, die sich bemühten, die Bedeutung des Fundes dadurch zu bagatellisieren. dass sie den Zeitpunkt der Erricht«»! 6« STfc*S irl»«"' * verlegten. Was nun trifft, khnten d. KrejsC seine der Entstehungsze agoge mit folgend düng ah; 1, Einige MW Superintendenz i chen Ausgrabuni _ also Leute v< grande - hielten Meinung durchau rückdass der Ba peis sicherlich dem zweiten von und dem ersten J unserer Zeitrechn sein müsse. 2.i Die .Juden ¿er damaligen Z feningsgemäss i ien in der Nähe sem. also Fluss oder dem Meeri sächlich wurdet der Ausgrabung 1 sondern Sand ui schein unter den funden. Dies b viel, dass die S; der Nähe des 1 standen ist, das von Ostia enth auch der Tiber, bei Ostia ins Me te. seinen Laut är Ostia gewann \ und Handelshafei ten vorchristliche dort an eine stet: de Bedeutung, at bes Jahrtausend vom zweiten J d.g.Z. an begant stieg. Es ist dabi wahrscheinlich, sehe Kaufhute in