Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1910 (19.9.1961)
- Date
- 1961-09-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Versoehnungstag in dunkler Zeit Nummer 2316 fioh über den schmalen Gang der die lohgezimmerten Holzbarakjken mif. einander verband. Gehen kennte man es nü-nt nennen, alle Nummern, die* hier versammelt waren, Hohen. Sie flohen zum Arbeiten, zum Essen, zum Schlafen. Wie hätten auch Gespenster gehen sollen? Nummerierte Gespenster, ja das war’s. Das Mensehsein hatte in dem Augenlniek aufgehört, als sie zu Nur.:- »lern wurden. Nummer 2316 erreichte die Tür zum Schlafraum, druckte die Klinke herunter und verschwand in dem gähnenden Loch. Die Tür schloss sich hinter dem dunklen bauen. Dann war Schweigen. Die Dielen knarrten nicht. Nurcr'*-''- 2313 floh nic.n. mehr, musste irgendwie au' gehört haben, sich voruiu.sztibcwegm. Meinl’* Ein geilender Aufsch.oi von JOSEF LOEW'EISSTEIN durehschnitt die lautlose Nacht. Nummer 2316 krallte die Finger in das bleiche Gesicht. die Augen starrten entsetzt, auf die Gestalt am Fenster, deren wächsernes Antlitz im Mondschein bläulich schimmerte. „So also sieht der Tod aus, so also . .” keuchte Nummer 2316, dann ging die Stimme in ein glucksendes Röcheln über. „Was ist mit Dir?” fragte das Gespenst am Fenster. Er redet, dachte Nummer 2316. er redet! Er kann doch ga.- nicht mehr reden, Er kann nicht ..! Ich bin seine wahnsinnig. So musste es ie kommen, ich habe es gewusst. immer hab’ ich’s gewusst, dass ich wahnsinnig werde! „Antworte Albert, was hast Du?“ fiagte die Stimme weiter. \ So ruhig und gelassen redet er, genauso wie zu Lebzeiten. dachte 2316, die mit Albert, angesprochene Nummer. Das Gespenst am Fenster erhob sich langsam und kam auf den Fassungslosen zu. „Du lebst? Lebst Du?“ fragte Albert. — Hier hinter der Tür im Gespräch mit Schicksalsgenossen, gab es keine Nummern mehr. h5er war er wieder Albert, und der da, der auf ihn zukam, hiess Jupp. „Warum sollte )0h nicht, leben?“ fragte Jupp erstaunl, „Du .. du! — Ich weiss nicht, wie ich es in Worte fassen soll, damit du begreifst, was du tust was du mir antust! Warum tust du das? Warum sitzt du im Mondiiebl?“ schrie: Albert auf. Verzweiflung, Anklage, Wut und Entsetzen vereinigten sich in dieser Frage. Bas Leo Beeck Institut sucht i folgende Jahrgänge der ZEITSCHRIFT | IM DEUTSCHEN REICH j 4. Jahrgang. 1898 5. Jahrgang. 1899 6. Jahrgang. 1900 18. Jahrgang. 1912 28. Jahrgang. 1922 Wer diese Jahrgänge besitzt oder wer auch nur einen der genannten Bände hat, wird gebeten, der Redaktion der JUEDISCHEN WOCHENSCHAU hiervon Mitteilung zu machen (Buenos Aires, Pueyrredon 2190, Tel.: 83-2613) PUBLIKATIONEN DES LEO BAECK INSTITUTES SCHRIFTENREIHE WISSENSCHAFTLICHER ABHANDLUNGEN DES LEO BAECK INSTITUTES J. C. B. MOHR (PAUL SIEBECK) TÜBBING EN SOEBEN ERSCHIENEN: ¥ear Book I960 — VOM L.B.-INSTITÜT HERAUSGEGEBEN: BY THE EAST AND WEST LIBRARY, LONDON mit einer Fülle hervorragender Beitrage in englischer und deutscher Sprache. (416 Sei ton) --Ar- WERDE AUCH DU 3UTGEIEB des Leo Baeck-Instituts Anmeldungen im Büro der JUEDISCHEN WOCHENSCHAU, Pueyrreddn 2190,!• iiq. (83 2613) Der ander* sagte kein Wort. Sorgenvoll ruhten seine Augen auf dem Freund, den wieder einmal das Entsetzen gepackt und in sinnloses Aufbegehren geschleudert hatte. ■ .p* Behutsam nahm Jupp ihm die Hände vom Gesicht, sah ihn nur an, lange und eindringlich. Dann geschah, wie schon so oft, dass seine Ruhe in den anderen hinüberfloss, ihn entspannte und in se'n Ich zurückkehren iiess. Unverwandt beobachtete Jupp diesen physischen Vorgang, der sich im Psychischen widerspiegelte. Er beobachtete das mit. den Augen eines Menschen. der in all den Jahren gelernt hatte, durch die Materie hindurchzus-- hen. Er selbst und viele andere, die schon Jahrzehnte hier lebten, überhaupt ben“ konnten waren irr. wiiklichen Sinne keine Materie mehr; ein Teil in; es Selbst gehörte der grossen Schar der Körperlosen an. Nur AlbeJ litt noch körperliche Schmerzen, er bcsass die Mr erie noch i vollem Umfang, von man sich nur unter unsäglichen Qualen zu trennen vermag. unter Qualen, die endlich zur Erlösung füh’-o:,. Albert konnte so vieles noch nicht begreifen, er b** gehrte noch auf. Er Vorland die anderen nicht, aber dir* anderen verstanden ihn. Er war erst ein halb;s Jahr unter ihnen. „Nun rede“, sagte Jupp endlich, als Alberts Gesicht wieder glatt und ohne Spannung war. was hat dich so erschreckt?“ „Ich habe dich tot gesehen. Jupp — lor! Verstehst du. was es .or mich bedeutet, dich tot zu sehen? — Ich habe doch niemanden mehr ausser dir .! Was rede ich? Verzeih’ mir, ich wollte nicht soviel reden. Alles ist Unsinn. was ich rede!“ Ganz plötzlich, wie viu einer panischen Angst gepackt klammerte er sich an seinen Freund und beschwor Hin, eindringlich und err°gt: „Jupp versprich mär, dass du dich nicht mehr ins Mondlicht setzt, nie mehr! Du w-eisst nicht, wie du ussiehst. wenn dich der Mond anstrahlt, entsetzlich. Jupp! Ich will das nicht mehr sehen! — Aber was soll das? — Ich kann beinahe garnichts mehr ansehen, ohne dass mich das Entsetzen packt. Wenn ich Rauchschwaden sehe, nehmen sie menschliche Formen an; wenn ich Wald sehe, denke ich an Scheiterhaufen.; Mein Gott, Jupp. wann wird diese Qual ein Endehaben?“ „Das wird an dir liegen!” kam es überzeugt zurück. Albert starrte den Freund verständnislos an. War es möglich, dass einer auf ein solch verzweifeltes Bekenntnis eine derartige Antwort geben konnte? Hatte denn keiner mehr ein Gefühl? War ihm mit der Freiheit jegliches Empfinden verloren gegangen? Unvermittelt fragte Albert: „.Hast du eigentlich heute schon einmal darüber nachgedaeht,. dass morgen unser Versöhnungstag ist?” Mit einer Handbewegung schnitt er seine eigene Rede ab: „Entschuldige, ich habe im Augenblick vergessen, dass du Kommunist bist.“ Jupp lächelte leise vor sich hin. Ein wenig Mitleid und viel Weisheit lagen in diesem Lächeln. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Du weisst es nicht besser. Ueber eines wundere ich mich nur: du hast an den Versöbnungstag gedacht und ausgerechnet bei diesem Gedanken gerätst du in Verzweiflung? Siehst du, ich dachte den ganzen Abend daran. Als ich da drüben im Mondlicht sass, war ich nicht hier, ich war dort, wo unser Geist und unsere Seele hingehüren an diesem Tag. leh war bei den Meinen. Vielleicht kam ich dir LITERATUR Museumsviertel i Im dreizehnten Jahre des Staates Israel scheint der alte Traum eines nationalen Museumsviertels in Jerusalem Wirklichkeit. zu werden. Die Errichtung eigener Gebäude zur würdigen Unterbringung der Kunstsebätze und archäologischen Funde, die im Laufe mehrerer Jahrzehnte gesammelt wurden und so zahlreich sind, dass bisher immer nur wenige gleichzeitig ausgestellt we.rien konnten, bat ''bereits begonnen. Das Museumsvierie) wird auf einem etwa 10 Hektar grossen Grundstück erbaut we.den, mitten im Zentrum des schnell wachsenden Jerusalem, neten dem Universitäts viertel tiod dem neuen F a ri r. ment sgebäude. Die neuen Museen werden cberhalb des malerischen Kreuzklnsiers liegen, das von den Kreuzfahrern im zwölften Jahrhundert errichtet wurde und in einem mit Oelbilumen bestandenen Tal Logt. Das Museumsvieriei wird das Bezalelmiiseum, das Samuel - Bronfman-Archäologische Museum, den Schrein de5 Buches (der die Toten- Mecr-Rollen enthalten wird) und den von Isamu Noguchi für die berühmte Skuipturensammlung von Billy Rose entworfenen Garten umfassen. Der bekannte Produktionsleiter und Imprcsavon ADOLPHIM SCW rio hat seine Sammlung dem ertfe( Nationalmuseum gestiftet Die Vorbereitung des Geländes und die Errichtung elDej der ersten Gebäude wurden m? durch Beiträge der Recirze 1 rungen der Vere®, eatsP, Staaten und Israels finanrerl ziert. Die USA-Regierung ten' machte unter ihrem Kultur- F Programm für Israel ei« H d Schenkung von 850.000 Delneuen lar von Geldern, die durch jjeh. 1 den Verkauf amerikanischer Jahre Bücher in Israel aufgeiaubesitz fen waren. Die Israel-Retel Mi gierung leistete einen entde sprechenden Beitrag durch das r< die Schenkung des iandste Ku schaftlieh grossartigen Ge- Jen 0 ländes und die sich auf bedie gr trüchtliche Summen belau-!Cher fende Abfindung der frühe v,‘e!f. ren Besitzer und Mieter des Manns Bodens und der Häuser. deren Die Baupläne wurden von Professor A. Massfeld von u™ ' der Technischen Hoehschu- UI le in Haifa und von Frau D. Gad aus Tel Aviv entu™ worfen. die Preisträger des °'*fr unter der Leitung von Pro- Bist fessor Franco Minissi aus ein g Italien und von den UNESCO Samm veranstalteten Weitbewerbt dem waren. Eine Besonderheit sehen des preisgekrönten Eniwerde: v. urfs sind die voneinander und ei unabhängigen Gebäude und seums Gebäudeflügel, die den Eia- Profes druck von Geräumigkeit. Jahre: Einfachheit und Intimität das Mi auch deshalb vor, als sei ich kein Irdischer mehr. Ich war es tatsächlich nicht!” Albert sah den Freund an, unverwandt, als könne ihm dieses „Ansehen“ eine Antwort geben. Halte man ihn nicht gelehrt, dass Kommunist und Atheist ein und dasselbe sind? Jupp lächelte wieder. Er wusste, was in dem Freund vorging. „Ich bin Kommunist, Albert; ich bin Kommunist. weil mir vieles an dieser Weltanschauung gefällt. Ich weiss nicht, ob ich immer Kommunist sein werde, denn die Idee ist Menschenhirnen entsprossen. Menschen können irren. Und ich bin Jude, Albert, ich werde immer Jude bleiben, denn unsere Lehre kommt von Gott. Gott kann nicht irren! Verstehst du, was ich meine?“ „Ich beginne zu verstehen!“ „Das ist sehr viel. Albert” An jenem Abend wurde nicht mehr viel gesprochen. Jupp zog es vor, den Freund sich selbst zu überlassen. Er fühlte, dass jener am Scheideweg angekommen war. Hier konnten Worte nicht weiter helfen, hier begann das Unaussprechliche, hier zeigte sich, auf welchen Boden die göttliche Frucht gefallen war. Jaum kippurim hasé! — Der Tag der Versöhnung brach an. Wie auf einen geheimen Befehl öffneten sich überall die Barackentüren, unzählige dunkle Gestalten fluteten in den nachtsehwarzen Morgen, Jupp und Albert unter ihnen. Albert betrachtet eine Weile das eigenartige Bild, das sich vor seinen Augen auftat. Wie oft hatte er es schon gesehen, aber er erinnerte sieh nicht, da-ss es jemals mehr Eindruck auf ihn gemacht hatte, als heute. „Jaum kippurim basé! formten seine Lippen. Versöhnung? Mit wem? Obwohl er tat, was die anderen taten, stumm und ergeben, schemengleich einem Punkt zuzustreben, stellte er sich innerlich neben das Geschehen, lies« es vorüberziehen. als habe er nichts dadürfe mit zu tun. bert z Bei Anblick der Kamerabegrif den. die nun wieder Nun:- gewes mern. Maschinen, Roboter Unbeh oder wie man es nennen Aufm: wollte, waren, erlebte er auf d plötzlich eine eigenartig.- Kran! Wandlung an sich selbst. Er nur sah nicht mehr Körper. Ein K nicht mehr Gesichter, nur ferges bewegliche Punkte, die zui erst in wirrer Unordnung hatte um ihn kreisten, dann, wie gen. von magischer Hand gelei- Djess< tet, einer einzigen Richtung Arbeit folgten. Dann standen sie teilnal stiti. Dunkel. da ein Das alles gleicht einem terdrü wogenden Auf und Ab eines Tag dunklen Traumes, der sich Der aus tausend Zusammenhang beend: losen Bildern in den ver- Arbei steektesten Winkeln des Un- Frong bewussten geboren, zusamvom $ mensetzte, die Wirklichkeit etvas mit Ahnungen, die Fragen beiispl heraufbesehworen, Fragen Steine die kein Menschenmund zu dies n beantworten vermag. Nicht schritt einmal das jäh aufgeflammter un te tausendkerzige Licht der beitssi Scheinwerfer weckte ihn tuf. Albs Eine markante Stimme drang an sein Ohr. Ein Be- *UVev fehl! Er hatte nicht verna% standen, was die Stimme sa"aff sagte; das war auch gleichoiesen gültig. W7as diese Stimmen auch sagten, es war doch c“en immer das gleiche... Aibert?acbi< wurde wach, nahm Haltung lrSeoc an. sah sich in Reih und Glied mit allen denen, die ‘°onti heute ihren höchsten Feier- . Der tag in Fronarbeit im Stein-; bruch begingen. Die G-edanv ken, die ihn nun wieder jäh “eüss überfielen, waren genauso a^>. 1 wenig feiertäglich wie der - Marsch der Gefangenen. Er ^n<ie haderte mit Gott und der pabc Welt und gleich darauf noch jea- < mit dem Kameraden, über ltrk, dessen Absätze er nun schon?Jusst zum dritten Mal gestolpert Jlan; war. "er „Schläfst du denn noch?“ Sse-aa zischte er kaum hörbar. v 1 Da traf ihn ein Blick aus j-®11 tiefverschatteten Augenhöh- Sc len. keine Anklage, kein Un- _ s wille, verzweifeltes Flehen 8 war das, eine kniefällige Bitte um Nachsicht. ve™, Jupp stiess Albert mit dem Ellenbogen an und flüsterte (¡erJ ihm zu, dass sein Vorder- 5^ . mann auf den Tod erkrankt stjj sei. Um alles in der Welt