Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1860 (14.3.1961)
- Date
- 1961-03-14
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Maries, 14 de Marzo de 1961 LA SEMANA ISRAELITA Año XXII. — No. I860 — 7 PUEYRRFDON 21901. St. T. E. 83 - 2613 [IN GROSSER ZIONIST j Nach dem Kongress von Dr. IV. M. GELBER, Jerusalem Dr. Jeehiel Tschlenow gehört zu den hervorragendsten und edelsten Erscheinungen in der zionistischen Bewegung in Russland und in der ganzen Welt. Er hielt der jüdischen nationalen Idee unverbrüchliche Treue, und die Wahrung der zionistischen Einigkeit war f"r ihn eine Gewissenssache. Wenn es notwendig war, verstand er es, elastisch zu sein und sich der Situatic- und ihren Anforderungen anzupassen. In allen Krisen, und derer gab es viele _ war Tschlenow ein fester Punkt, ein Führer, dessen felsenfester flaube an die Wiedergeburt des jüdischen Volkes und Wiederherstellung seines Landes allen Mut einflösste. JUGENDJAHRE Jeehiel Tschlenow wurde 1863 geboren. Im Hause seines Vaters, der einerseits zur Aufklärung neigte, andererseits vom Chassidismus beeinflusst war, und später dann im Hause seines Grossvaters in Sklow, erhielt er eine traditionelle jüdische Erziehung. Nachdem seine Eltern nach Moskau übersiedelt waren, konnte er das Gymnasium besuchen. In Moskau freundete er sich mit Menachem Ussischkin an, dessen Eltern nicht weit von denen Tschlenows wohnten. Während seiner Lehrjahre am Gymnasium wurde Tschlenow stark von der russischen Literatur und besonders von den Schlagworten der russischen demokratischen Bewegung beeinflusst, aber die Pogrome des Jahres 1881 brachten ihn ebenso wie seinen Freund Ussischkin in das Lager der Choveve Zion. Im Jahre 1882 gründete er mit Ussischkin den „Palästina-Verein”. DIE BILUS Tschlenow und Ussischkin wollten mit den Biluim nach Palästina gehen; nachdem aber beschlossen wurde, dass vorerst nur sieben Mitglieder ihre Alija antreten sollten, wurden diese sieben in geheimer Wahl ausgesucht, und weder Tsehlenow noch Ussischkin befanden sich unter ihnen. Im August 1884 war Tschlenow einer der Gründer des moskauer Vereins „Bnej Zion”, der im Laufe von Jahrzehnten die wichtige Rolle in der zionistischen Bewegung Russlands spielte. Er bekleidete auch viele Jahre die Funktion eines Präsidenten dieses Vereins. ZIONISTENKONGRESSE Im Sommer 1896 kam Tschlenow nach Wien. Hier erfuhr er von einigen Freunden vom Erscheinen des „Judenstates”. Der Herzl- Bewegung schloss er sich aber erst nach dem zweiten Kongress an. Am zweiten Zionistenkongress nahm Tschlenow als moskauer Delegierter teil und spielte dort als Mitglied des Präsidiums eine hervorragende Rolle. Er wurde zum Mitglied des Aktions-Comites und auch zu einem seiner Beauftragten in Russland ecwählt- In einer Broschüre „Zion und Afrika” beim sechsten Zionistenkongress gab er seiner Opposition gegen das Uganda-Projekt und den hierdurch ver irsachten Seelenkämpfen — da er doch ein treuer Anhänger und Bewunderer von Herzl war — beredten Ausdruck: Tschlenow -liebte keine melodramatischen Auftritte, und das Schicksal der Bewegung lag ihm mehr am Herzen als oppositionelle Winkelzüge. Aus dieser Haltung heraus ist zu verstehen, dass er versuchte, die Neinsager auf der Charkower Konferenz zu zügeln und auf einer dramatischen AC-Sitzung nach dem sechsten Kongress ein Kompromiss mit Herzl zu erreichen und den Frieden in der Zionistischen Organisation wieder herzustellen. Auf diese Weise erwarb sich Tschlenow das historische Verdienst, die Zionistische Or- - ganisation vor dem Zerfall | bewahrt zu haben. SYNTHETISCHE!* ZIONISMUS Seit damals wurde Tschlenow in der Weltbewegung als einer der Häupter der zionistischen Bewegung in Russland angesehen. Nach Herzls Tod stand er in der ersten Reihe derer, die praktische Arbeit in Erez Israel befürworteten, wobei er sich aber der Wichtig, keit der politischen Tätigkeit wohl bewusst blieb. Auf diese Art war Tschlenow einer der Gründer des synthetischen Zionismus. Zusätzlich zur Palästinaarbeit schlug er ein umfassendes Programm politischer und wirtschaftlicher Tätigkeit in den Ländern der Diaspora vor, die im Geiste der Helsingforser Konferenz die breiten Massen für den Zionismus gewinnen und aus ihm eine Volksbewegung machen sollte. (wird fortgesetzt) i Vielleicht ist es heute 1 auch noch zu früh, um über die Ergebnisse und Wirkun- : gen des Zionistenkongresses | zu sprechen, der im Dezember vergangenen Jahres in i Jerusalem stattgefunden I hat. Dennoch dürfte e§ ■ möglich sein, einige der; Fragen heute anzuschneiden, die diesem Kongress , ihr Gepräge gaben. Ein zionistischer Kongress! ist immer eine Demonstra- ' tion des jüdischen Volkes, I ein Bekenntnis zu seiner j Existenz und seiner Zukunft, eine Hoffnung für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Judenheiten, die in der Galut unter sehr verschiedenen Verhältnissen ihren W7illen zur Mitarbeit am Aufbau Israels bekunden. Der letzte Kongress hat keine Ausnahme gemacht. Mit Genugtuung konnte man beobachten, dass alles selbstverständlicher geworden ist, die Verbindung zu Israel, das Bekenntnis zur Einheit des Volkes und seines gemein- IIOKKIvV MITTWOCH, DEN 15. MAERZ, UM 21 UHR SPRICHT IM SAAL CONDE 1345 auf der ersten groesseren Veranstaltung des Jahres zu Beginn der Informations- und Kulturabende der THG, Df. HARDI SWARSINSKY über das Thema: VOR GROSSEN EREIGNISSEN und wird im Rahmen seiner Ausfuehrungen über eine ganze Reihe aktueller Fragen berichten und Stellung nehmen, u. a., Regierungskrise in Israel - Der Schwarze Kontinent in Aufruhr - Ein Prozess, der die Welt erschüttern wird - Kennedy: der grosse Unbekannte - Nasser wieder aggressiv - Zwischen Purim und Pessach. Alle Mitglieder unserer Vereinigun g und der Gemeinde BET ISRAEL sowie Gaste aus allen anderen befreundeten Organisationen sind herzlich eingeladen von S. BE1SZION samen Schicksals. Die Kluft.! die einmal Zionisten und! Nichtzionisten voneinander I trennte, ist geringer gei worden. Denr alle Juden haben verstanden, dass Is- | rael auch iniärem Leben : eine entscheidende Rolle zu i spielen berufen ist. i Diese „israeli-zentrische” i Betrachtungsweise des jüdi.; sehen Problems l~t das Eri gebnis einer langen Ent. ‘ wicklung. Wenn man den ' Weg betrachtet, den die ■ Zionistische Bewegung vom 1. Kongress im Jahre 1897 bis heute durchschritten . hat, so wird man sich des Wandels der Lage unseres Volkes recht bewusst wer- ' den. Weltfremd klingen die Worte der einstigen Gegner und Skeptiker, die glaubten, Herzl und die Seinen seien | Illusionisten. Was waren! sie selber, die sich in einer gefährlichen Sicherheit wiegten und der ehrlichen Überzeugung gewesen sind, dass die schwer erkämpften Bürgerechte in den westlichen europäischen Staaten niemals wieder verloren gehen könnten? — Mit dem Weitblick, der den Politiker Nahum Goldmann auszeichnet, hat der wieder gewählte Präsident der Bewegung bereits vor dem Kongress interessante Vorschläge gemacht, um diesem Wandel der Zeit, um diesem Wandel in der Gesinnung und im Bewusstsein der breiten jüdischen Massen einen konkreten und lebendigen Ausdruck gege. ben. Goldmann forderte, dass die grossen jüdischen Gemeinden, vor allem auch in Südamerika, sich kollektiv und geschlossen in die Reihen der Zionistischen Weltorganisation eingliedern sollten. Einige von ihnen sind diesem Ruf nachgekommen, sodass die Zionistische Organisation von sich sagen kann, dass sie die breiten Massen nicht nur hinter sich hat. sondern mit ihnen als Mitglieder der Weltbewegung rechnen darf. Das ist ein wichtiger, politischer Faktor, der in einer Zeit doppelt bedeutsam ist, in der nur die Massen eine Geltung besitzen. Nicht immer war es leicht, die Funktionen voneinander scharf zu trennen, die vom Staat Israel und die von der Zionistischen Bewegung er. füllt werden müssen. Man konnte beobachten, dass alle führenden Persönlichkeiten des Staates die Bedeutung unterstrichen, die auch heute noch der Zionistischen Organisation beizumessen ist. Die Zusammenarbeit, die durch Anfangsschwierigkeiten erschwert war, ist heute eine zufriedenstellende. Man erkennt, dass manche Diskussionen, die mit Leidenschaft geführt worden sind, an praktischer Bedeutungverloren haben. Man sieht den Willen zu einer konstruktiven Zusammenarbeit, aus der alle Teile unseres Volkes ihren Nutzen ziehen werden. Im Rahmen der Zionistischen Organisation haben die nordamerikanischen Zioni. sten nicht nur aus numerischen Gründen ein besonderes Gewicht. Ihr Einfluss, der nicht .immer vorteilhaft war, hat ein wenig nachge-! lassen. Leider hat der nord- : amerikanische Zionismus in 1 de« letzten Jahren besonders schw-r unter „Persön- | liehkeits”-Differenzen, die sich ideologisch auswirkten, gelitten. Auch dieser Koni gress erlebte gerade in die. 1 ser Beziehung mancheun- I erfreuliche Schauspiel. Den-! noch bestehen gute Aussichten, dass diese bcdauerli-! ehen Meinungsverschieden. 1 heiten überwunden werden |können, unter denen ohne 1 Zweifel die Schlagkraft der Zionistischen Organisation leiden muss. Man war sich in Jerusai lern darüber im klaren, dass die Erziehung der her. anwachsenden Jugend das | eine der beiden zentralen : Probleme des Augenblicks i ist. Die Weltprospcrität hat i dazu beigetragen, dass der! Assimiiierungsprozcss gerai de in den USA besonders 1 stark ist. Die Gemeinden in i den Vereinigten Staaten : versuchen auf allen Wegen, diesem Uebel zu steuern. Sie können sogar erhebliche : Erfolge aufweisen. Dennoch ■ wird es nur gelingen, die Einheit des jüdischen Volkes zu wahren, wenn man für eine gründliche jüdi- : sehe und hebräische Erziehung unserer Jugend die er. i forderlichen Massnahmen 'ergreift. Hier muss «die Z.O.! mit allen anderen Organisationen aufs engste Zusammenarbeiten, um dieses Ziel auch sichern zu können. — 1 Die zweite kardinale Fra- . ge ist die Alijah, die Ein- ' Wanderung nach Israel. Vor einigen Jahren hätten Juden noch ihr gesamtes Vermögen hergegeben, um nach Palästina oder Israel aus. wandern zu können. Mit der Stabilisierung der .jüdischen Verhältnisse” in vielen Ländern ist die Einwanderung nach Israel viel geringer geworden, obwohl Israel bei seinem heutigen wirtschaftlichen Aufblühen noch viele tausende Einwanderer gebrauchen und | leicht absorbieren könnte. Wir erleben einen parado- | xen Prozess: als die Juden : in Massen kamen, war Isj rael kaum imstande, sie! aufzunehmen; in dem Au. | genblick aber, in dem Israel auf Einwanderer wartet, kommen sie nicht. Die Juden wandern nur,, wenn sie müssen, wenn sie gezwun. gen sind. Jetzt haben sie die grosse Chance, in Freiheit und im eigenen Staat zu leben, aber sie bleiben „bei den Fleischtöpfen Aegyptens” ... Hier liegt die zweite grosse Aufgabe der Zionisti. sehen Weltorganisation. Nicht Gefahren heraufzube. schwören oder an die Wand zu kreiden, sondern die Juden an ihre Galut.Schicksal zu erinnern, das ist eine wichtige Funktion, die von der Z.O. und nur von ihr, erfüllt werden muss. Denn die Gesetze deT Galut haben sich nicht geändert, auch heute nicht. In diesem Sinne hat auch der Zionistenkongress seine Stimme erhoben. Ob das jüdische Volk diesen Ruf verstehen wird, muss abgewar. tet werde«.