Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1858 (7.3.1961)
- Date
- 1961-03-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
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(Schluss) IJ*' und seine Ueberwindung von Dr. HERMAN WEYL UTERATUK VII. Dann würden die einzelnen auch in den Stand gesetzt. den Hunderten und Tausenden von ehrlich Fragenden. Juden oder Nicht-Juden aller möglichen Völker and aller Erdteile, und den Angehörigen aller Religionen wo immer in der Welt über das Wesen des Juden, tums. sein Sein und seinen Sinn, angemessene Auskunft tu geben. Zur Zeit sind die meisten dazu nicht in der Lage. Auch über die geschichtliche Kontinuität des jüdischen Daseins, sein unerhörtes Drama in nahezu vier Jahrtausenden, auch über die Existenz des Staates Issael. über seine sozialen, moralischen und religisen Formations-Kräfte müsste bei jedem heutigen Juden genügendes Wissen verbreitet sein, damit er jederzeit ei. ne zumindest sachgemässe. dann aber auch positiv vorwärts weisende Quelle der Information, der Belehrung und Aufklärung bedeuten können würde. Eine grosse Welt-Erziehung ist vonnöten,, auf dem ganzen Erdball, um über Judentum, Jude-sein und Israel die angemessene Orientierung zu geben. Das bisherige Schrifttum darüber, und in allen Sprachen, ist noch ungenügend —. wendet sich vielfach an Fachleute oder schon Eingeweihte —. soöass es oft genug schwer ist. gerade die einführenden Texte und Materialien zu erhalten. Eine nur allzugeringe Anzahl von gründlich geschulten Lehrern und vollwertigen Erziehern ist vorhanden. Auch finden sich unter diesen immer noch manche, die für ihre Mission nicht genügend psychologisch, gewissermassen ,,seelsorgerisch” vorbereitet sind. In einem Zeitalter wie dem heutigen, wo es doch keire eigentlichen Grenzen mehr für Länder, Ideen und Ein. fluss-Sphären gibt, müssen alle Quellen und Informationen über Judentum, Jude-sein und Israel auf eine geradezu universelle Basis gestellt sein. Deren Methoden und Ausdrucksformen sollten den jeweiligen sozialen, politischen und intellektuellen Menschen.Schichten gemäss angepasst werden, an die sie sich dann erfolgreich zu wenden hätten, auf allen Stufenleitern der gesellschaftlichen Welt. — N VIII. Was die lateinamerikanischen Länder betrifft, so sind die an sie gerichteten Informations-Quellen meiner Ansicht nach viel zu viel von ..Lokalismen” erfüllt. Vielfach fehlt der umfassende geistige Schwung, ebenso der ,.gestaffelte” Lehrgehalt. Auch ist keine einheitliche, koordinierte Konzeption vorhanden. Ungewöhnlich hohe Summen werden von den massgebenden hohen Stellen der jüdischen Weltorganisationen verbraucht, meist aber um Reunionen. Festessen, kostspielige Kongresse und ähnliche Treffen durchzuführen. Der wirkliche Erfolg, in die Breite und in die Tiefe zu dringen, musste so ausbleiben. Noch immer fehlen umfassende Perspektiven und eine kiuge volkspsychologisch orientierte Kenntnis und Erfahrung, um das Maximum von wertvollen Menschen aus aller. Berufs, und Gesellschafts-Schichten zu erfassen, sie als Anhänger und Freunde zu gewinnen, die nun ihrerseits wieder für unsere Ideale wirken könnten. — Was in nordischen Lebens-Zonen gilt, kann in südlichen Bereichen sogar deplaziert sein —, und umgekehrt. Zehntausende und Hundertausende von nicht-jüdischen Latein-Amerikanern suchen nach adäquaten Belehrungs. und Kenntnisquellen, um über Judentum, Jude-sein und Israel zum eigenen tiefen Erlebnis zu gelangen. Aber in ihrem ehrlichen Streben werden sie bisher keinen ausreichenden Erfolg haben können —, denn die meisten ihnen bisher zugänglichen Qu.elien sind viel zu einseitig, monoton und manchmal auch richtig ungenügend, und vielfach noch von parteipolitischen Gesichtspunkten verschieden, ster Art beeinflusst. — MAlMONIDES cau tr’fy¡y1’** t»» C?' 113 3 .1304 iiB,Ctö«nkbuch $ 650.— VERLAG OMEGA, BUENOS AIRES GURRUCHAGA 2289 — T. E. 71-6706 Zu beziehen durch alle einschlägigen Buch, handlungen und durch die JUEDISCHE WOCHENSCHAU PUEYRREDON 2190 1* — T. E. »3 2613 Mancherlei israelische Kultur-Institute bestehen, die den jeweiligen Ländern und Nationen zugeordnet sind und wertvolle Arbeit leisten. Darüber hinaus müssten noch allgemeiner gehaltene ,,jüdische Kultur-Institute” bestehen (die den israelischen beigeordnet sein könnten), um das gesamte jüdische Gedanken- und Lebensgut ebenfalls im weitesten Sinn zu verbreiten, denn nur so kann verständlich gemacht werden, dass es eine Kontinuität und Einheit der jüdischen Existenz gibt, die nahezu vier Jahr, tausende umfasst. Auf solche-.Weise müsste ein umfassender, umsichtiger erfahrungsreicher und verantwortungsvoller allgemein-jüdischer ..Kultur-Rat” geschaffen werden, der alle Länder und Nationen, und unter ihnen auch Israel, umspannt. Nach den jeweiligen Bedürfnissen der jüdischen und auch nicht-jüdischen Bevölkerung müsste er seine Tätigkeit ausrichten. ebenso deren besonderen Wünschen und Anliegen entgegenzukommen verstehen. Ein darauf allumfassender ..Kultur-Rat” wäre dann imstande, auf geradezu enzyklopaedische Weise das Wissen um Judentum, Jude-sein und Israel zu verbreiten, unter enger Anlehnung an alle Umwelts-Kulturen, und immer damit betraut, das wahrhaft Einigende des Menschendaseins zu erfassen und zu verbreiten. — Ein solches Unternehmen würde natürlich ungewöhnliche Geldbeträge und Energien verlangen —, aber diese müssen gewährt und sinngemäss verausgabt werden, im Dinste der menschlichen Gemeinschaft, zum Nutzen für alle. — Auch ist solche Bemühung dringend genug, und allzu langes Zaudern ist keinesfalls angebracht. Denn so paradox es klingen mag: eines der Hauptprobleme der jüdischen Gegenwart ist noch immer ein besonders gefärbter Judenhass, der wiederum in allen in starker Gärung befindlichen Ländern, auch in den Republiken Lateinamerikas. zwar mit neuen Nuancen zum Durchbruch kommt. Auf dieses sozialpolitische Phänomen wurde ebenfalls in letzter Zeit gerade von den massgeblichen Beobachtern und Leitern der jüdischen Belange in der Welt wiederholt verwiesen. X. Besonders die Lateinamerikaner werden nie verstehen, dass man ihnen nicht genügend Elemente sachlicher, geistiger. emotiver Dokumentation zur ausreichenden Verfügung stellt. Diese mächtig aufstrebenden, sehr weltoffenen, leicht erregbaren, aber auch sehr leicht verwundbaren Menschen und Volksgemeinschaften können nur dann zu echten Freunden gemacht und als solche erhalten werden, wenn man ihnen reichlich und vielfältig vorsetzt, wonach sic ein aufrichtiges, wenn auch bisher nicht genügend befriedigtes Streben, nach Wissen und Erkenntnis, beseelt. Dass sich im allgemeinen die oberen Gesellschaftsschichten viel leichter darum bemühen können, ihre kulturellen und politischen Strebungen zu erreichen, liegt auf der Hand. Wenn dieser Anfang auch vielversprechend ist, so ist er keineswegs ausreichend. In alle menschlichen Bereiche und in alle berufliche Strukturen müssen unsere Ideale getragen werden. — XI. Vor allem die Seelenführer und Erzieher in allen Bevölkerungsschichten müssen mit unserer Wirklichkeit sachgemäss vertraut sein. Hierbei denke ich an die Geistlichkeiten aller Grade der verschiedensten Religionsbekenntnisse. an die Professoren und Lehrer aller Art, der Universitäten, der Schulen, der Kindergärten, an Aerzte, Anwälte, Ingenieure, an alle bildenden Künstler, an Schriftsteller. Musiker und Tänzer, an die Angehörigen der handwerklichen und ackerbaulichen Berufe, kurz an alle die vielverzweigten schöpferischen menschlichen Kräfte, die in ihre Arbeit und ihr Werk so viel menschliche Verantwortung und Tatfreude legen. Sie alle müssen mit den geschichtlichen und moralisch religiösen Werten des Judentums vertraut gemacht werden, mit der historischen, sozialen und kulturellen Wirklichkeit des Staates Israel. Dazu werden die allerverschiedensten Mittel dienen können: Ausstellungn, Bücher, Zeitschriften, Reisen, Freundschaftsverbände, gegenseitige Besuche im allerweitesten Mass, Korrespondenz- Freundschaften auf allen Altersstufen und in gemeinsamen Interessengebieten und Berufszweigen, und vieles ähnliche mehr. Alles dies klug koordiniert und verwirklicht. unter besonderer Betonung alles dessen, was die heutige menschliche Kultur bedeutet und zusammenschliesst, durch Erfassung des Gemeinamen, das zu einigen vermag, und nicht des anderen, das während Jahrhunderten und Jahrtausenden die Menschen getrennt hat, und vielfach auch heute noch als hindernde Schranken errichtet ist. — So wird der kulturelle und individual-menschliche Austausch in viel weiterem Sinn als bisher erforderlich —, eine ganz weitgespannte Kultur- und Belehrungsaktion, die alle Erdteile umfassen muss, die von den gleichen Fragen und Bedrängnissen der heutigen Menschheit getragen sind, in allen nu: irgendwie zugänglichen Nationen und Sozialgemeinschaften der Erde. Die hohe Politik und die wertvollen Erfahrungen der bisherigen Führer könnten auf solche W'eise durch die immer engere Fühlungnahme mit den breitesten Volksmassen und deren Vertretern wertvoll ergänzt und unterbaut werden. Mit der Zeit könnte auch so eine neue politische und kulturelle Führerschaft heranwachsen, die mehr den allgemeinen Volksinteressen und den allermodernsten Notwendigkeiten verhaftet wäre, was einer noch lebensnaheren Wirklichkeit des Heute und des Morgen zu sehr grossem Nutzen gereichen könnte. XII. Eines ist evident: alle diese hier vorgcsehlagenen, ins Universale gerichteten Anstrengungen gegen den modernen Judenhass werden nur dann erfolgreich sein können, wenn auch alle anderen Formen von Mensehenhass und Verfolgung der Menschen durch die Menschen auf weitester Ebene sinngemäss bekämpft werden. Ein aufbauendes Konzept von Menschentum und von SRAEL UND DAS Die europäische (und amerikanische) Bühnenliteratur befand sich immer auf dem Abstieg. Schon der Franzose Voltaire sagte in der Mitte des 18. Jahrhunderts, dass es keine guten Stücke gäbe. Beim Aufkommen des Rundfunks, des Films und erst recht des Fernsehens, glaubten die Neunmalklugen an das Ende der dramatischen Literatur. Zur Zeit des Expressionismus vor 40 Jahren sprach man auch von der Auflösung aller Theater-Gesetze, so wie man an den Untergang einer disziplinierten Handlung dachte, als die klassischen Regeln der drei Einheiten (Ort, Zeit und Geschehen) durchbrochen wurden. Heute geht die Tendenz einerseits nach strengen Vorschriften (meistens aus... finanziellen Gründen), mit wenig Personen, einem Schauplatz und gedrängter Begebenheit, andererseits nach phantastischen Dekorationen, zahlreichen Mitwirken, den und ineinandergreifenden Aktionen. Für die erste Form plädieren der Engländer Eliot, der in das reale Komödiantenhafte hintergründige, meist religiöse Symbolik hineingeheimnisst, und der Franzose Henri de Montherlant mit glaubensgebundenen Tragödien; der zweiten sind etwa der Franko _ Oesterreicher Frank Zwillinger verpflichtet (dessen ,.Galilei”-Drama von Personen überbordet) und der Deutsche Bert Brecht. Es stehen sich also, wie stets, romanische und germanische Theater-Kunst gegenüber., — die sich manchmal überschneiden, aber im Tiefsten völlig verschieden sind. — Was haben aber solche Werke dem Israeli zu sagen? Besitzen sie eine Daseinsberechtigung vor jungen Zuschauern, denen die Zweifel und kreatürlichen Aengste des Abendländers fernliegen? Fast dünkt es mich eine Antwort, dass bei der ..Was ihr wollt”-Vorsteilung des Cameri-Theaters die T5—18jährigen Schüler, die hinter mir sassen, die erste halbe Stunde zwar aufmerksam, aber ungepackt zuhörten und dann erst (aber nicht über den Text, sondern die mimischen Spässe der Darsteller) lachten. Ist ihnen Shakespeares Welt fremd? In seinen Lustspielen vielleicht, und das ist kaum verwunderlich; der Europäer ist nur an ,.Wie es euch gefällt“ oder ..Viel Lärm um Nichts“ gewöhnt. Einzig der „Sommernachtstraum“ ist ihm on ericM^ direkt verbunden; und der'M und da* berechtigt hat wohl auch den Israelis J?unrtoll afu;4n TM p n renn T_ ^ia noch etwas zu sagen. In- -'die des bin ich der Ansicht, dass es andere ..Klassiker“ gibt, die man zeigen sollte: z. B. jene Cyrano de Bergerac-Tragödie ..Den Tod der Agrippina“, eben in Paris wieder gefunden; nachdem sie 300 Jahre (zuerst verboten) verschollen war. Die hier gegen den Tyrannen Verschworenen verraten sich gegenseitig: und so kann man keine Despotie bekämpfen. Unfreiwillig wird dieses Stück brennendaktuell, — wie es absichtlich Claude Spaaks, des Belgiers „Saubere Hände“ sind, wo die Machenschaften einer tetalitären Regierung gegenüber zweifelnden Mitbürgern enthüllt werden. Pflichten kenn; ches ii»den V Svatsekreta. paffiilieflsinu' einer menschhc zwischen zurückgesiellt v Bei diesen Werken ist es los, ob Ihr ein angeisoch. lateinisches ist. mir denn auch d»rbar scheint, 1i der Schweiz zer Dramatikei oder bei ande nach ihren e: in der Schweiz schlich aussei und Max Friscl oenschriftstette Das Vergangene, Beschau- Stiver Art. ItnVtcx A7nrft*ötimfn vnn * .l l-nima liehe, Verträumte, von Menschheitsidealen und „Humanismus“ Sprechende. ist auf dem alten Kontinent noch recht „lebendig“ — einem neuen (wenn auch uralten) Staate, aber schwerlich konform. Das „Gesunde” oder das Aufschlussgebende ist am Platz wie des Schweizers Dürrenmatt „Besuch der alten Dame“. Ich sah die Pariser und die Zürcher Aufführung un,d hätte sehr gerne die in Tel-Aviv besucht, schon um die Reaktion des Publikums zu studieren: wie der Dichter die sich immer erneuernde Schuld weitergibt, ist eine erschütternde Warnung. Nicht nur der erste Fehlende ist strafbar, — strafbar werden auch die, die sich anmassen, ihn um des Vorteils wegen zu strafen. In der Tragödie Cyranos ist des Kaisers Günstling Se. janus der erste Existentialist der (über Sartge hinausgehend >, bis zur Todesstunde Gottes Vorhandensein bestreitet. „Wesen, die wir machten“, sagt er: er meint die „antiken“ Götter, denn zur Zeit Ludwigs des Vierzehnten war es lebensgefährlich, dies auf „einen“ Gott zu münzen. Derartige Themen sind von allgemeiner Gültigkeit, gleich des Italieners Diego Fabbris „Familienprozess“: die Adoptiveltern und die mit anderen Partnern neu verbundenen wirklichen Eltern des kleinen Abel, also drei Paare, streiten sich um das Kind, das sich zu dem einzigen hingezogen fühlt, der unter den ß dem Buben gegenüber gleichgültig bleibt. Am Ende stürzt der Knabe in den Liftschacht.' — wohl nicht ganz unfreiwillig. Dies sagt uns, dass auch das Kind sein Eigenleben auch keine Dass es also ii falls noch kei oder Sophokh noch viel wenig wo sollten sie schnell herkor sehen den Klassikern ui sehen 'wie PI Jahrhunderte . an dauerte es i ein Jahrtause; englische Hoch' te. Die stürmt einen Aussensl ein Wunder an Entwicklung ja nicht äugen allen Gebieten len, wozu and hundertmal brauchten. Betrachten ■ lien, das erst i vor 35 Jahren internationaler gelangte - o< wo nach den I Calderon und noch viele gut aber nicht me erschien. W nichtchristlieh eine Calder ziemlich und« nigstens von s werken, wie tätige Magus' Posse Welttl viel besser sti live allem Hem Berit menschlicher Gemeinschaft, wie es in den Heiligen Schriften und Weisheitslehren aller Völker und Religionen niedergelegt ist, muss überall als Grundlage genommen werden. Nur so kann es möglich sein, den allenthalben auf der Erde wuchernden Hass und den Verfolgungsirrsinn allmählich einzudämmen und schliesslich gar zum Verschwinden zu bringen: eine Vision des Menschengeschlechts in esehatoiogiseher Schau! Um dieses grossen und umfassenden Zieles willen leben und streiten die Besten unter den Menschen von heute, ebenso wie sie es in der Vergangenheit getan haben. und auch in der Zukunft werden handhaben müssen. — _ , Die Erfassung der breiten Völkermassen und cer modernen Nationen, und hier besonders auch der.lateinamerikanischen, kann nur dann erfolgreich vor sich gehen. wenn Anregungen, wie in diesen kurzen Zeilen niedergelegt, einigermassen Rechnung getragen würde. Noch vieles mehr wäre darüber zu sagen und zu schreiben. Nur kurzgefasste Suggestionen wurden liier gebracht. Ihre sachgemässe Ausführung und allmähliche \ envirklichung erfordern viel Wissen und Geduld, viele •Menschenkenntnis und grossen politischen Takt. — i 6 Mn$efco tinier u Í IC«P. h