Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 21 (1960)
- Issue
- 1837 (20.12.1960)
- Date
- 1960-12-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Ehrung für Nelly Sachs LITERATUR Schwedische Schriftsteller fcaticu die originelle idee. aus eigenen Mitteln einen literarischen Preis zu st ft n. der jedes Jahr einmal — nämlich am Neujahr — einem Kollegen verliehen werden soll. Am Neujahrsabend vor zwei Jahren trafen sich die schwedischen Dichter zur ersten dieser Preisverleihungen, unter ihnen die in der Stockholmer Emigration lebenden Dichterin Nelly Sachs, die von ihren schwedischen Dichterfreunden nur mühsam hatte überredet werden können, doch auch einmal — entgegen ihrer sonstiger. Gewohnheit — „auszugehen“ Nach den iiblichen Festreden wurde endlich der Name des ersteti Preisträgers bekanntg :geben: Nelly Sachs. Mit dieser schönen Geste ehrten die Schweden nicht r>m ein lyrisches Werk von überwältigender Kraft und universaler Bedeutung (das überhaupt nur dank schwedischer Gastfreundschaft entstehen konnte, v eil es in Deutschland nich-. entstehen durfte), sondern diese Ehrung ga't vor aliem auch der aufopfernden Hebe, set- *ei tätigkeit von Ndty Sachs, die (lach dem Kriege in zwei Anthologien („Von Welle und Granit', Aufbau.Verlag Berlin, 11117, -— ..Aber auch d ese Sonne ist heimatlos“, Georg Büchner _ Verlag, D i ifistadt. 1957) die wichtigsten zeitgeoössischen Lyriker Schwedens in deutschen Uebectragungen vorgestellt hatte und de;en Arbeit hsc» — nach den Worten Alfred Anderseits — „das stärkste Verbindungsglied zwischen der schwedischen Dichtung und Deutschland“ darstellt. Nun muss man sich aber, um diese Uebersetzerth g. keit in ihrer ganzen Bedeutung würdigen zu können, vor Augen halten, dass s ch Nchy Sa cf cs „eine Minute nach Mitternacht“, w'e sie es formulierte, nämlich im ers’m Kriegsjshr. 19*). auf der Flucht vor Deutschland befand. Was wäre verständlicher gewesen, als dass die eben virm Tode Errettete und von nun an nur noch „mit dem. Verlernen der Welt Beschäftigte"' zuerst einmal die deutsche Spreche verlernt, ja vergessen hätte? Hatte nicht die Tochter von Elisabeth Langgässer nach ihrer Errettung kein deutsches Wort mehr über die Lippen gebracht und ihr Buch über die deutschen Mordlager in schwedischer Sprache geschrieben; schrieb nicht Erwin Leiser, der Freund Brechts, nur noch schwedisch, und Hilde Rubinstein, eine andere nach Stockholm geflohene deutsche Lyrikerin, desgleichen? Doch Nelly Sachs hatte sich von allem Anfang an für die deutsche Sprache als einziges Fluchtgepäck ent. schieden, und sie machte nicht die Sprache zur Rache, sondern, sie rettete diese Sprache vor den Henkern, indem sie sie in die Sprache der Opfer verwandelte, indem sie sich in das tiefste Wesen dieser Sprache flüchtete, dorthin, wo die Sprache selbst noch den Sinn des Sprachlosen aufdeckte und alle Verfolgung als ein Leuchten des Auserwähltseins in die Weit zurückstrahlte. Die schwedische Lyrik ih. rerseits, einem Flüchtling wie Nelly Sachs musste sie gleich tief vertraut sein, denn ist nicht auch sie —» wenigstens überall da, wo sie gross ist — eine Lyrik von Flüchtlingen, eine Lyrik. die sich nie ganz preisgibt. manchmal flackernd, um sich gleich darauf wieder mit Schatten zu tarnen; „nur wer die weisser Som. mernächte oder die Dunkelheiten eines schwedischen Winters erlebt hat, wo die Gestirne gleich riesigen Früchten herabstrahlen, versteht in dieser Dichtung jenes Geheimnisvolle, das alle Grenzen unsicher macht“ (Nelly Sachs). „Aber auch diese Sonne ist heimatlos“ überschrieb einer der schwedischen Lyriker. Karl Vennberg. eines seiner Gedichte, und nicht von ungefähr setzte Nelly Sachs gerade diesen Titel über ein Buch, das alle von ihr übersetzten schwedischen Dichter vereinigt. 1 MAIMONIDES nu« ««•* HnjG«öwikb«Kfc . t»u.— VERLAG OMEGA, BUENOS AIRES OURRDCHAGA 228t — T. £. 71-6708 Zu beziehen durch alle einschlägigen Buchhandlungen und durch die schrieb Nelly Sachs über die 1900 geborene und 1941 freiwillig aus dem Leben geschiedene Karin Boye. Näher noch steht Nelly Sachs jene Schülerin Nietzsches und Freundin der Else Lasker. Schüler, Edith Södergrau, die sich in der Schweiz von Sanatorium zu Sanatorium schleppte. Mit welcher Inbrunst sind die folgenden Strophen der Södergran — die aus dem Nachlass der Dichterin stammen — von Nelly Sachs nachempfunden und nacherlebt: UOi Ich sehne mich nach dem Land, welches nicht ist, Denn alles, was ist, bin ich müd zu begehren Der Mond berichtet mir in silbernen Runen Von dem Lande, das nicht ist. Das Land, wo alle unsere Wünsche wunderbar erfüllt werden. Das Land, wo wir unsere zerfleischten Stirnen kühlen Im Tau des Mondes. Mein Leben war ein heisser Irrtum. Aber Eines habe ich gefunden Und Eines habe ich wirklich gewonnen — Den Weg zu dem Lande, das nicht ist. Natürlich hat sich Nelly Sachs, was die lebenden schwedischen Dichter betrifft. vor allem auf das dass diese Uebersef zeitigen keine Gelegenheitsarbeit und noch weniger eini kommarzleite Angelegenheit darstel- Die erste internationale Konferenz der jüdischen Journalisten wird atu 25. De. zember in Jerusalem eröffnet werden. David Ben Gurion und Nachum Goldmann — beide gehören seit Jahrzehnten der Familie der jüdischen Journalisten an — werden Begriissungsansprachen halten. Die Konferenz, die zwei Tage dauern soll, wird wichtige Probleme, vor allem die Schaffung eines yon JOSEF FRAENKÍ und einer reu. tt'ef ist f Journalist? I darf keine m „Weltverbandes jüdischer Journalisten’’ behandeln. Ein Traum wird Wirklichkeit. Im Jahre 1678 erschien die erste jüdische Zeitung in Amsterdam und heute existieren über 1.100 Bläter in 79 Ländern der Diaspora und in Israel. Die sprachliche und geographische Verteilung der 1.144 Zeitungen (Diaspora und Israel) ist folgende: seto imdman ein ’jüdischer der, der ii^r Í legenheiten ' SPRACHLICHE VERTEILUNG für sc linerr Werk ihrer Freunde konzenlen. sondern den Versuch Sprache Zahl der Zeitungen Prozent triert, aber wie könnte es der Verbindung. Hebräisch 384 33,57 % anders sein, als dass ihre Von Edfelt, dem hervorra- Englisch 348 30,42 % Freunde zugleich auch genden Uebersetzer deut- Yiddisah 168 14.68 % Schwedens bedeutende Dichscher Lyrik von Hölderlin Französisch 64 5.59 % ter sind: ob Gunar Ekelöf bis Traki und Krolow über- Spanisch - Portugiesisch 54 4.72 % oder Johannes Edfelt, Erik trug Nelly Sachs einen gan. Deutsch 38 3,32 % Lindegren oder Karl Vennzen Band Gedichte („Der Andere Sprachen 88 7.70 % berg. ob Werner Aspenström oder Ragnar Thoursie, sie Schattenfischer“, Georg Büchner-Verlag, Darmstadt, Zusammen 1144 100,00 % alle haben sich der Sprache auf eine ähnlich bedingungslose Weise ausgeliefert wie 1959), darin ein Gedicht, das die anscheinend so typische Situation „nach der Mensch- GEOGRAPHISCHE VERTEILUNG Zahl der Zeitungen Prozent Nelly Sachs selbst. Man muss heitsdämmerung“ (wie Hol. Europa 161 14.07 % nur die mit einer beispiellolerer sie nannte), die nachex- Afrika 43 3,76 % sen persönlichen Anteilnahpressionistische Situation al- Asien (Israel) 534 46,68 % me verfassten biographischen so. auf schwedisc widerspie. Australien - Neuseeland 16 1,40 % Notizen lesen, die Nelly Sachs gelt, der Ton ist jetzt, wieder Kanada 19 1.6G- % ihren Uebertragungen beige. gedämpft, aus Schrei wurde Nordamerika 247 24.59 % geben hat, um zu wissen, Zeichen und Parlando: Mittel- und Südamerika 124 10.34 % Wir. die wir die Asche von vielen Gebäuden Zusammen 1144 100,00 % Zwei Frauen waren es, die die skandinavische Moderne eröffneten, Edith Södergran und Karin Boye, und von ihnen fühlte sich Nelly Sachs erklärlicherweise besonders angezogen. „Eine leidenschaftliche Verschwenderin ihrer Seelenkräfte die sieh gab, ohne zu rechnen, eine Sucherin, die im Ge. dicht eine kurze Rast auf ihrer ständigen Flucht fand“, Fortwirbeln sahen an Abenden, von Angst versengten, Wir, die wir Todessymptome bemerkten und spürten SüssUchen Stank von der Häfen Abladeplätzen, Eiskalten Hauch von Kirchhofsmauertt und Gräbern, Haben fortzusetzen die Fahrt, haben zu segeln Weiter mit unserer Kontrabande belastet — Graue Kaskaden werden sich türmen: es gilt Beiden. Kurs und Schute, — War es vergebens Da wir gepeinigt in Nächten uns selber sagten — Noch ehe des Lichtes Klinge Morast des Raumes Und des Wassers ägyptisches Dunkel durchbohrte. Eines ist notwendig zum Schluss: zu segeln, Segeln mit gelöschten Laternen, surrendem Steuer, Ohne Betäubung aushalten Schüttelfröste, Fieber und Skorbutqual... aber hier wo das Wasser Begegnet Granit auf flammigen Wänden Seine'Fingerabdrücke lässt und der Sommer Hochebenen mit dem kühlen Diadem der Blumen schmückt — Des Urberges Fuss mit Brokat aus Laichkraut und Algen, Grüssea wir d-ss Leben nahe dem Wasser und jene Die auf Inseln wohnen und kennen Sturm und Stille. Seit etwa 65 Jahren strebte man, um jüdische Männer und Frauen der Feder aus aller Welt zusammenzubringen, um gemeinsame Fragen die für die jüdische Presse und für Journalisten von Bedeutung sind, zu erörtern Sprache auch schreibt. Auch sten, die Zeitungen Raum in e jüdischer Jou1 ¡m Falle sie t sehe Journalist Em Mitarbeite jüdischen Zeit die UN. A Araber oder Di schceibt - we meiden, dass d tel oder Serie! rzu jüdischen len - gehören? che Bestimmt mit der Zeit i den. Pnofessioi sten werden (H glieder, andei allein vom Jot Haupttinkomn werden als a; glieder aufgei den. Ein akt band könnte einige Tauser und sssoziiei haben. Eine d msation wiiri JUXDiaCHE WOCHENSCHAU PÜEYSIREDO« tim 1* — T. &. «S-96IS Sturm und Stille sind auch die Pole, zwischen denen Artur Lundfcvists Lyrik ausgespannt ist. „Seine Metaphern scheinen“, um Nelly Sachs selbst sprechen zu lassen. „eher mit den Lianen feuchtheisser tropischer Urwälder verwandt zu sein als mit dem Klima seiner nordischen Heimat... Viele Rei. sen in die Länder seiner Sehnsucht haben seiner Dichtung nicht nur den Traum, sondern die Wirklichkeit des Erlebens, die Temperatur des Südens gegeben. Dazu kommt nach dem düsteren Weltgeschehen seine Hinwendung zu den sozialen Problemen unserer Zeit, sein glühendes Sicheinsetzen für die Unterdrückten. Lorca und Majakowski können in vieler Hinsicht als seine nächsten Dichterbrüder angesehen werden.” Ih letzter Zeit hat Nelly Sachs sich besonders hingebungsvoll dem Werk Gunar Ekelöfs gewidmet, mit Lundkvist Schwedens bedeutsamster Modernist. Wieder liest sich das, was Nelly Sachs über Ekelöf sagt, fast wie eine autobiographische Skizze: „Dieser Dichter zweifelt an allem Erreichten, durchbricht dynamisch alle Sicherungen wie die Linien des Malers Klee, immer auf Ferneres, Weiteres taindcutend. auf ein Versteck, das seine Geheimnisse nicht preiszugeben scheint... In seinem suggestiven, meerhaften Rythmus deutet er über den Surrealismus schon hinweg in eine neue, von innen erlebte klassische W'ledergehurt ...” Diese Wiedergeburt bringt nichts mehr ein, legitimiert zu nichts mehr, wede bei Ekelöf noch bei Nelly Sachs, der anthropozentrische Standpunkt des 18. und 19 Jahrhunderts ist endgültig aufgegeben Glück heisst jetzt Identität von nichts und allem: Es war einmal da glaubte ich an Märchen: es war einmal. die Gesichte, begann seit je die Mystik, auch die chassidisehe. aus der Leben und Werk der Neily Sachs stamme«, diese ostjüdische gewaltige Mystik, die alle Widersprüche in sich vereinigt, weit es für sie nur Lebe« gibt. Leben aus Inbrunst. „Das Gesicht des Alltags so lange und schmerzhaft betrachten, bis sich des Mystikers meerhaftet' Ausblick einstellt“, so heisst es jetzt, und dies schrieb Nelly Sachs riieht nur als Anmerkung zu Ekelöf, »andern dies ist die Definition ihrer Rettung. Der mystische Ausblick verleiht auch den Opfern — und gerade den Opfern — Flügel, rettet sie, aber treibt sie auch immer weiter, inbrünstig weiter ins Unbehauste; „auf dass unser einziges Nest unsere Flügel seien“, so übersetzt es Nelly Sachs aus einem Gedicht Erik Lindegrers. dem Schweden originale surrealistische Dichtung verdankt, gestellt unter den bezeichnenden Titel ..Der Mann ohne Weg“. Der Mann ohne Weg ist nicht etwa kopflos, kann sich das gar n cht leisten, ist vielmeh - den Wegen der andern immer um eine Kopflänge voraus. im Unwegsamen der Zukunft. Lindegren und Karl Vennberg, man muss sie eigentlich zusammen nennen, gründeten sie doch zusammen die Gruppe 1940 (die die wesentlichsten Talente der schwedischen Lyrik in sich vereinigt), gleichen sie sieh doch wie Feuer dem Feuer gleicht, obwohl ent-' zündet aus verschiedenen Gründen und mit verscaiedener Nahrung, sind beide doch Mystiker in dem Sinne, dass „eine heilige Nüchternheit, darin Kafkas seelenreinem StiL verwandt, sie den Schmetterling im Namen des Geheimnisses zerlegen lässt” (Nelly Sachs). Kein blosser Glaube hält mehr stand, wo man die Wege hinter sich liess, weder Christentum noch Marxismus (von denen Lindegren und Vennberg ausgingen), „der Künstler ist vor die Wahl zwischen dem Gieichgültigtvi und dem Unmöglichen gestellt“, konstatiert Vennberg und fragt: „Wo gehört der Dichter denn hin in dieser Welt von eingestürzten Rechtsvorstellungen und verwitterten Gefiihlsruinen? Nirgendwohin, denn er ist machtlos, jetzt wie früher Randmenscb, gleichsam Mischblut und Em'grant, Jude und Flüchtling.“ Nelty Sachs übersetzte: Fæ war einmal da glaubte ich an nichts ss war einmal. Es war einmal da glaubte ich an Märchen aus nichts: , es war einmal. Aber pflege Mensch, du Vermessener, Blume aus Glaube und Unglaube... .. .o einsam seinen Brennpunkt erreichen und dort verbrannt werden, o heimatlos heimkehren zur ewigen Heimatlosigkeit... Die märchenhaften Gesichter sind zerfallen, nicht nwr in den Lagern, wo sie zu Asche wurden. Aber wo die Gesichter zerfallen, beginnen „Das Unterwegs ist ihre Unterkunft’, sagte Werner Weber von Nelly Sachs; das Unterwegs ist auch die Zukunft, und es verbindet' Nelly Sachs mit diesen zwei Ge. nerationen jüngeren unter den schwedischen Dichtern, mit Vennberg und Lindegren, Her ald Forss und Eisa Grave, Birgdta Tiotzig und