Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 21 (1960)
- Issue
- 1833 (6.12.1960)
- Date
- 1960-12-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Dichter und Kämpfer Auf dem Riitlihof in Urilion am See in der Schweiz schloss vor zehn Jahren, aiviundsechzigjäht.g, der Bit hier Ernst Wiechert s-me tienrauri-'¿n Augen, die b's in i; den vlruud der Welt gehuckt hatten — um zu viel zu sehen. Was ist das, der Gi und der Weit? Das mensch. liehe Herz, von dem die Schrift so peslmihsch-realistisch sagt, dass ,,se.r. Trachten böse von Anbeginn" ist. Wiechert hat das erlebt. In Sf.rvetn eigenen Leben, das von Verfolgungen gezeichnet Vv _■ t und uu Leben seires, den deutschen Volkes, dessen Leisten Fall er, ein zweiter J nias. vorauesati, warn .ad, beschwörend und scmiesslich klagena ur.d anlti. gond. Auer der Hass und das Böse ringsum Hessen Ernst V, ediert nicht verstummen: e»r war wie eine Glocke, die vom Sturm bewegt, herrlich zu tonen begann, immer geklüterter wurde seine Sprache. immer inniger sein Ton. kis er in seinem letzten Wcike .Missa sine nomine", die namenlose M^sse, eine Art Selbstbekenntnis ablegte. vollendet in der Form ges.tt.gt von Weisheit des Leidenden: Hass kann nur durch lHebe besieg: werden, denn „zu den Lieben en kommt alles zurick, auch d e T oten", wie er irseinem Roman ..Das einfache Leben" sagt. Sein eigenes Leben war nicht einfach. Es war ein Leben der Mühe und der Tränen aber übergoldet vom Gelingen eines grossen Werkes. was bleiben wird: ..den Toten zum Gedächtnis, den Lebenden zur Schande, den Kommenden zur Mahnung". So schloss Wiechert seinen „Bericht” über das KZ-Lager Buchenwald ..Der Totenwaid" ab, in dem er s ne Erlebtnisse als Häftling niederlegte. Ernst Wiechert war wohl der einzige deutsche Dichter, der freiwillig ins Konzentrationslager ging. Die Nazis versuchten mit allen Mitteln, diesen Mann ir ihr Lager der Lüge herüber zu ziehen — aber Wiechert habe Jen Mut. alien Schmeicheleien und später allen Drohungen des Dr Goebbels Widerstand zu leisten und das KZ-Lager Buchenwadi einem Ehrensitz in der deutschen Dichterakademie vorzuziehen. Das bleibe ihm .in vergessen. Wir alle wissen um den von SCHALOM BEN CHORIN tragischen Zwiespalt zwischen Genie und Charakter, nicht in der Seele des deutschen Menschen. Es gab einige wenige aufrechte Künstler. an ihrer Spitze die Brüder Thomas und Heinrich Mann, die mehr oder minder freiwillig in die Emigration gingen. Aber die Mehrzahl, auch der bedeutendsten Männer des Geistes, blieb und schwieg. Nicht ohne Bitterkeit sind Namen wie Gerhart Hauptmann. Hans Carossa. Richard Strauss hier zu nennen. Freilich sie alle hatten ihren Vorbehalt im Heizen und wagten wohl auch zuweilen im Freundeskreis einen leisen Protest, oder vertrauten sogar dem Papier — für kümtige Tage — ein Wort des Aufbegehrens an Wiechert aber, der an sich zu den „Stillen im Lande" gehörte, der seiner ganzen Veranlagung nach kein Demonstrant war, erhob, getrieben von der Macht des Gewisens, seine Stimme. Wiechert war ursprünglich Lehrer und so der Jugend als Erzieher besonders zugetan. So wandte er sich in seinen „Reden an die deutsche Jugend" an die Generation seiner Schüler, um zu mahnen, aufzuriitteln, zu warnen — und endlich, 1945, nachdem der grausige Spuk des „tausendjährigen Reiches" verflogen war, auch um zu trösten. Sem Amt war ganz das des Jeremias, der eingesetzt wurde: „auszureissen, zu zerbrechen, zu verstören und zu verderben — zu bauen und zu pflanzen”. (Jerem. I, 19.) Dieses Zwiefach^ des Prophetenamtes, das Destruktive und das Aufbauende war das Amt des Dichters in der dunkeln ZeH, in die ihn das Schicksal hineingestellt hat. Wiechert spürte etwas von seiner Schicksalgemeinschaft mit den Propheten des Alten Bundes und immer wieder klingen in seinen grossen Romanen, in den „Jerominkindern” und in der ..Missa”, die ewigen Worte unserer Propheten an. Lehrer und Erzieher war er. Seine Autobiographie „Jahre und Zeiten ' berichtet von dem Wege der ihn schliesslicn aus der Schule heraus, ganz an den Arbeitstisch des Schriftstellers führte. Und hier hat er vom allem seinen jüdischen Schülern ein schönes Denkmal gesetzt: sie haben, so schreibt MAIMONIDCS 1t 04 ftin»C«ä*nfcbucli osü.— VERLAG OMEGA, BUENOS AIRES GUHRUCHAGA 2289 — T. E. 71-6708 Zu beziehen durch alle einschlägigen Buchhandlungen und durch die er, ihn verstanden. Und als der kleinliche Hass eines Provinzstadt-Skandals über ihn zusarnmenbrach, war es wieder ein jüdischer Schüler. der den Lehrer „wie einen Königssohn" aufnahm und beherbergte. Aber nicht nur als Schüler, auch als wegweisender Meister trat der jüdische Mensch auf die Lebensbahn W'iecherts: in dem Schweizer jüdischen Denker Max Picard ist ihn. ein Gefährte erstanden, an dessen Wertung er immer wieder seine eigene Bemühung mass, vor dem er sich immer wieder in brüderlicher Zwiesprache verantwortete. In einen. Briefe an mich vom 17. 4. 1947 schrieb der Dichter über eine schweizer Reise: „Das Kostbarste der Reise waren für mich die fünf Tage bei Max Picard, einem Juden, bei uem ich zuletzt vor 1-0 Jatiren war und der für mich der grösste und weiseste aller Europäer ist.” Die' Treue, die Wiecherts jiidisene Schüler vom Hufen-Gymnasium in Königsberg ihm bewahrt hatten, erwiderte der Dichtei in rührender Weise. Im Jahre 1946 heisst es in einem der Briefe an mich, die ich als kostbares Andenken bewahre: „Ich denke nach diesen grauenvollen Jahren, da die Welt sich wieder für mich öffnet, viel darüber nach, weshalb gerade die wenigen jüdischen Schüler, die ich hatte, mit einer viel grösseren Treue mein Bild bewahrt haben, als die anderen.” Tief schmerzte es den Dichter, dass sein Volk, das deutsche, Treue und Liebe mit Hass und Mord vergolten hatte. Aber noch tiefer war sein Schmerz darüber, dass dieses Volk nicht den "Weg der Selbstbesinnung der grossen Umkehr einschlug, den er ihm anriet. So ging er müde und enttäuscht in die Schweiz, wo er von Freunden umgeben, über den Toten verband Wiechert übrigens mit einem anderen grossen Dichter unserer Zeit, Franz Werfel, der in seinem „Totenpsalter“ (in „Schlaf und Erwachen”, 1938) diesem selben Gefühl dichterischen Ausdruck verlieh. RATUR Historiker des I Heute haben sich tv'de, Wiechert und Werfel, dem „stärkeren Heere" cer Toten angeschlossen. Aber erst jetzt erweisen sie die ganze Kraft ihrer Lebendigkeit, die im unzerstörbaren Dichterwort, dem zartesten und zugleich dauerhaftesten aller Gebilde von Menschenhand fort besteht. Wiechert Vollendeter. Roman wüsste starb als ein Seinem letzten .Missa sine nomine” ich kein anderes Buch unserer Zeit an die Seite zu stellen, das in Weisheit und Schönheit der Sprache diesen Grad von Vollendung erreicht hätte — nach dem es nichts mehr geben kann als das grosse Schweigen, das nur zerrissen wird von der Posaune der Auferstehung. In stolzer Demut zog der Dichter zu seinem sechzigsten Geburtstag in einem Gedicht an seine Freunde ein Fazit seines Lebens: „Es war nicht viel mit meinem Leben, zu unruhvoll war dieses Herz, doch wer von uns hat mehr gegeben als .Rettung aus dem tiefsten Schmerz1!" Auf ein, oft von ihm zitiertes Goethewort anspielend, weist er sich damit selbst die Rolle de-. Trösters zu. der „Rettung aus dem tiefsten Schmerz”. Ist das nicht eigentlich das Höchste, was von einem Menschenleben. von einem Diehterleben ausgesagt, werden ksnn? Ueber dem stillen Grab des Dichters und Kämpfers Ernst Wiechert in Urikon im Schweizer-Land sttht mit Buchstaben des Geistes geschrieben: „Retter aus dem tiefsten Schmerz.” seine letzte Lebenszeit verbrachte, nachdem eine neue Hasswelle in Deutschland über ihm zusammenschlug. Erst heute klart sich für viele das erhabene und ergreifende Bild des Dichters als eines getreuen Eckhard, der den Lebenden, aber auch den Toten, die Treue hielt. Vor allem den Toten. Es * ist merkwürdig, wie häufig allein in den Titeln Wiecherts die Toten figurieren: Der Totenwolf (1924). Der Todeskandidat (1934), Der einfache Tod (1936), Der Totenwald (1945), Totenmesse (1947) usw. Diese Treue gegenüber den Toten den Gewesenen. dehnte er auf den Raum des weiten Geistes aus und so bemerkt er in seiner Autobiographie: „Ich habe immer viel gelesen, ja ich habe mit Leidenschaft gelesen und Bücher gesammelt. Jeder Raum erscheint mir rein, an dessen Wänden sie stehen. Sie sind die grossen Toten, die „stärkeren Heere.” Diese grosse Treue gegen¬ Die jüdische Welt feiert jetzt den hundertsten Geburtstag des jüdischen Historikers Prof. Dr. Simon Dubnow, dessen bahnbrechende Werke über die Geschichte des jüdischen Volkes, Geschichte des Chassidismus, Geschichte des polnischen und russischen Judentums und dessen Lahrbücher die moderne jüdische Geschichtsforschung angebahnt haben. Die „Geschichte des jüdischen Volkes“ wurde vor kurzem vom jüdischen KulturKongress in Buenos Aires in Jiddisch als Standardwerk jüdischer Geschichtsforschung herausgegeben; auch andere Werke erschienen in spanischer Sprache Prof. Dubnow entfaltete ferner eine weitverzweigte journalist,, sehe Tätigkeit über jüd sehe und politische Themen in den bedeutensten jüdischen Publikationen und ebenso in russischen, deutschen und amerikanischen Zeitungen. Dubnow, in Russland geboren, siedelte später nach Berlin über, wo er neben einer umfassenden Tätigkeit als Geschichtsfor-icner auch als Dozent tätig wa>. Seine Werke wurden seinerzeit auch ins Deutsche übersetzt und waren weit verbreitet. Dubnow betrachtete die Geschichte seines Volkes mit den Augen des modernen Forschers und behandelte die vieien Probleme mit tiefem Verständnis von einem neuartigen Gesichtspunkt aus: seine Werke s*nd heute noch tonangebend und Standardwerke jüdischen Wissens und Geistes, Neben dieser regen schriftstellerischen Arbeit lehrte Prof. Dubnow. an Universitäten und Hochschulen für das Judentum und trat als politischer Schriftsteller hervor. Er setzte sich für die WIE LIEGEN DIE FEIERTAGE? Dienstag, den 13. Dezember Erew Chanuka Mittwoch, den 14. Dezember 1. Tag Chanuka Donnerstag, den 15. Dezember 2. Tag Chanuka Dienstag, den 20. Dezember 7. Tag Chanuka Mittwoch, den 21. Dezember 8. Tag Chanuka Mittwoch, den 1. Februar 1961 Chamischa Asar B’Schwat iNeujahrsfest der Bäume) Mittwoch, den 1, März 1961 Fasten Esther Donnerstag, den 2. März Purim Freitag, den 31. März Erew Pessach Sonnabend, den 1. April 1. Tag Peasach Sonntag, den 2. April 2. Tag Pessach Freitag, den 7. April 7. Tag Pessach Sonnabend, den 8. April 8. Tag Pessach Freitag, den 21. April Yom haatzmaut (Unabhängigkeitstag Israels) Donnerstag, den 4. Mai Lag b’Omer Sonnabend, den 20. Mai Erew Schawuot Sonntag, den 21. Mai 1. Tag Schawuot Montag, den 22. Mai 2. Tag Schawuot Sonntag, den 2. Juli Schiwa asar b’tamus Sonnabend, den 22. Juli Erew Tischa b'Aw Sonntag, den 23. Juli Tischa b’Aw Sonntag, den 10. September Erew Rosch I-Iaschana 5722 Israel - Marken JUEDISCHE WOCHENSCHAU PUEYRREDON 2190!♦ — •*-*$!* Cd grösster Auswahl: u a. VIERERBLOCKS - MARKEN MIT PLATTEN NUM¬ MER — MARKEN MIT BAND — KOMPLETTE BOGEN (planchas) — VOLL. STAENDIGE SAMMLUNGEN - WERTVOLLE AUSGABEN - ERSTE SERIE VORHANDEN - VERTRAUENSWÜRDIGE BERATUNG Alfonso MORITZSON Guanacache 2351, dep. 2 ms. CABILDO modernen Gymnasien gegen den Cheder für moderne Assimilation der jü dischjti Massen in Russland und Polen ein, forderte den Eintritt der Jugend in die Schulen und und kämpfte traditionellen die Gleichberechtigung der Juden in Osteuropa. Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind für den Laien leicht verständlich und in alle Sprachen der Welt übersetzt worden. Dubnow verfasste Lehrbücher über jüdische Geschichte, die heute noch überall in den jüdischen Schulen benutzt werden, und sciirH Kstellei^be liberwi 'achen. All) gegen die J«defl und; i>er‘deSne keß b‘äter l & November19 fehl gabf. abend, de“. * 1941 all« Manne von Jah) Sarawnikow einenden ha Sonnabend früh ¿oft auf dem auch hier neu herausgegeben wurden. Er war im Vorkriegsdeutschland eine der anerkanntesten jüdis-hen Persönlichkeiten und seines freundlichen Wesens halber überall beliebt. Die Machtübernahme überraschte ihn in Berlin, wo er wissenschaftlich arbeitete. Es gelang ihm, später rach Riga zu entkommen, wo er seine Studien fortsetzte. Durch den von den Deutschen entin Reihen von fesselten Weltkrieg wurde sehen gejagt un platz" auch der sor Dubnow, w, in der ärgsten 1 bis zum Abe mussten. Am AI deutsche Soldate Ghetto, unter i Kinder und Fra: Stadt heraus. Di then Juden wur schwerbewaffnet sehen Militärs 1 ^Peliugt. Die J. er in R ga lio.-rraschr und un Alter von 80 Jahrer ins Rigaer Ghetto verschleppt, wo er unter menschenunwürdigen Verhältnissen Zwangsarbeit leister, musste Die Nazis basster die jiidi- :eis at Alle Jud Achten un, *,urto. auf de Putschen Q] D»»PallI irnFilm re ein« grimmii Wb nie. An de ging der “"d hinter -dt die haibverhun, die s'cb kaum , se» halten kon sehe Intelligenz, and Prof, dem Glatteis Dubnow war ihnen deshalb ein Dorn im Auge So wurde er von den Deutschen bei der Strassenarbeit stundenlang' gequält und geschlagen, Trotz dieser körperlichen Qualen bei strengster Winterkälte schrieo Dubnow eine Geschichte des Ghetto, die jedoch trotz alter Vcrsichtsmassnaomen verloren ging. Wir lesen in dem Bericht von Augenzeugen: „.. .Prof. Dubnow wurde am 30. November 1941 m der ersten Massenaktion gegen die Juden im Rigaer Ghetto von den deutschen Mördern erschossen. .. „Nach der Besetzung von Riga durch die Deutschen wurden die Juden in das Ghetto getrieben: unter ihnen befand sich oer greise Geschichtsforscher Dubnow der in einem kleinen Zimmer zusammen mit anderen dahin vegetierte. Die ganze Zeit wurde Dubnow von der Gestapo schwer bewacht und musste sien täglich melden. Der Kommandant des Ghetto Hess ihn ständig beobachten und seine Angeles' Elchntor soi «irns Wf Hwood b( a.Coppi,, «r'Ys» -U Der °t Co, kr j, i I e Adolf iasst- <AWZ) IHR ft “to JU Woche btl»91 ^unjt;