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Jüdische Wochenschau · 1960-08-16 · 1804 (16.8.1960) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
21 (1960)
Issue
1804 (16.8.1960)
Date
1960-08-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German, Spanish
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Vier Generationen in Israel Vor kurzem wurde in Je. rusalem der Industrielle Chajim Salomon unter Teilnahme des Staatspräsidenten u'. J vieler Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zur letzten Ruhe geleitet. Presseberichte kündeten von der Bedeutung des Heimgegangenen und von der Geschichte seiner Familie, die seit 150 Jahren im Lande lebt und entscheidenden Anteil an der Entwicklung Jerusalems und des Jischuv genommen hat. DER SOHN Chajim Salomon verbrachte seine Kindheit in dem Dorf Jahud, wohin die ersten Siedler Petach-Tikwas um das Jahr 1880 flüchteten, als die Malaria manches Opfer forderte, weil ihre Behausungen zu nahe am Jarkon standen. Erst nach zwei Jahren konnten sie auf gesünderem Gelände von neuem Fuss fassen, und es entstand die eigentliche Kolonie Petach-Tikwa mit ihrem Kern am Gan Hamejassdiam unserer Tage. Als die Familie in späterer Zeit nach Jerusalem zurückkehrte, begann für die Kinder das damals übliche Leben in Cheder, Talmud-Tora und Jeschiwa. Als Chajim zum Manne herangewachsen war, begann er, eine rege öffentliche Tätigkeit zu entfalten. Der Gouverneur Jerusalems Sir Ronald Storrs berief ihn in den Stadtrat, dem er eine Weile auch als Vizebürgermeister Vorstand. Ab 1929 gehörte er dem Waad Leumi an. 1930 begleitete Chajim Salomon dessen Präsidenten Pinchas Kuthenberg nach London, fim gegen das Passfield- Weissbuch Protest zu erheben. Während der Unruhen fitn Jahre 1929 führte er das schwere Amt des Vorstehers der Kehilla zu Jerusalem. Chajim Salomon gehört zu den Gründern Rechawias und der Jeschurun-Synagoge DER VATER Wie kam Chajim Salomon nach Jahud? Sein Vater Joel Mosche (1838—1912) gehörte mit einigen anderen Bürgern Jerusalems, unter ihnen Jehoschua Stampfer, l3avid Gutman und Rabbi Ä. J. Schlesinger, zu den Gründern Petach - Tikwas. Sie nahmen das Wagnis auf von Dr. S. BRAUN sich, die Stadt mit ihren 1000 jüdischen Einwohnern und einer festgegründeten alten Tradition zu verlassen, um als Bauern von der Hände Arbeit zu leben. Der revolutionäre Schritt erfolgte keineswegs aufgrund einer plötzlichen Eingebung. Vielmehr wirkten eine Reihe von Faktoren mit. Mehrere europäische Länder begannen, sich für das Gebiet am Ostufer des Mittelländischen Meeres zu interessieren und entsandten Konsuln nach Syrien-Palästina. Die Philanthropen Rothschild und Montefiore starteten ihre ersten Versuche zur Ueberfiihrung jüdischer Menschen in produktive Berufe. Christliche Missionsgesellschaften, unter ihnen besonders eifrig die englische, fingen an, ihren Einfluss durch Einrichtung gewerblicher und landwirtschaftlicher Betriebe geltend zu machen. Nicht zuletzt waren es jüdische Persönlichkeiten in der Gola, welche in Wort und Schrift zum Wiederaufbau des Landes der Väter aufriefen und dadurch zur Erweckung der Gemüter im Jischuw beitrugen. Zu den jungen Menschen, die dem Ruf nach Taten folgen wollten, gehörte auch Joel Mosche. Er machte sich auf den Weg nach Russland, ging in die Zentren jüdischer Gelehrsamkeit und jüdischer Tradition dann aber weiter nach Deutschland, um das Drukkerhandwerk zu erlernen. Die Lehrzeit verbrachte er in Königsberg. Von dort nahm er alles Material mit nach Hause, das zur Einrichtung einer Druckerei gehörte. Mit zwei anderen Fachleuten eröffnete Joel Mosche im Jahre 1863 den Betrieb. Zugleich begann er mit seinem Teilhaber Jechiel M. Brill die Monatsschrift: “Levanon” herauszugeben; sie sollte „Neuigkeiten aus dem Heiligen Lande, Syrien, Aegypten, Jemen und Indien“ bringen, dazu dann auch „gelehrte Abhandlungen über Tora und Talmud“. Religiöse Fanatiker erblickten in der MAIMONIDtS Hyir¡y*'** i»» O1 11*5 110* HnjG«d«nkbucfc $ 65Ü.— VERLAG OMEGA, BUENOS AIRES GURRUCHAGA *38* — T. E. 71-8708 Zw bMiaban durch alle einschlägigen Buchhandlungen und durch die JUEDISCHE WOCHENSCHAU K7ETRREDOK 11*8 1* — T. E. 8* 881* redaktionellen Tätigkeit eine unstatthafte Neuerung, welche die Gesetzestreue gefährdete. Sie brachten es zuwege, dass die türkischen Behörden die Schliessung der Druckerei anordneten. Erst durch Vermittlung des österreichischen Konsuls in Konstantinopel wurde die Wiedereröffnung erlaubt, nicht aber das Weitererscheinen des „Levanon”. J. M. Brill ging dann ins Ausland und das Blatt wurde als hebräische Beilage dem in Mainz erscheinenden „Israelit“ beigelegt. Joel Mosche kaufte den beiden Teilhabern ihre Anteile ab und führte die Druckerei allein weiter. Sie blieb im Besitz der Familie bis in unsere Tage. 1877 begann der nimmer ruhende Mann die Herausgabe einer weiteren Zeitschrift „Jehuda und Jerusalem“. Ihr w'ar die Aufgabe zugedacht, Menschen für produktive Berufe zu gewinnen. Das Blatt bestand freilich nur knapp ein Jahr. In der letzten Nummer teilte der Herausgeber den Lesern mit, er habe nunmehr lange genug die Feder geführt, es sei die Zeit gekommen, sie mit der Pflugschar zu vertauschen. Er verliess Jerusalem, um Petach-Tikwa aufbauen zu helfen. Als er dann nach einer Reihe von Jahren sein Besitztum den Söhnen zur weiteren Bearbeitung übergeben hatte, kehrte er nach Jerusalem zurück und widmete seine Kräfte der Arbeit im Dienst der Stadt und des gesamten Jischuw. Bemerkenswert für seine Bestrebungen, eine Aenderung der Lebensweise der Juden herbeizuführen, war' seine Verbindung mit einigen gleichgesinnten Freunden, die 1869 ein Gelände ausserhalb der Stadtmauer erwarben und auf ihm die Sch’chunah Nachlat- Schiwa errichteten. Sehen wrir von der Häuserreihe Mischkenot Schaananim, die Montefiore 1860 erstellen liess, ab, so war Nachlat-Schiwa die erste Wohnsiedlung, die nicht im Bereich der Altstadt lag. Hierhin zogen neben Salomon auch andere führende Familien, wie die Jellins und Rivlins. Joel Mosche Salomon durfte von hier aus seine vielseitige Tätigkeit noch vier Jahrzehnte fortsetzen. Er war Gabei mehrerer Institutionen, insbesondere des Krankenhauses Bikur Cholim, bemühte sich, Ländereien für jüdische Siedler zu erwerben und ging in den 90er Jahren nach Europa, um Gelder für die Gemeinde der Aschkenasim zu sammeln. Es war ihm noch vergönnt, das Entstehen von beinahe 20 landwirtschaftlichen Punkten zu sehen, und er hatte die Genugtuung zu wissen, dass seine Kinder und Enkel das Bauerngut in Petach-Tikwa mit ihrer eigenen Hände Fleiss zur Blüte brachten. Ungeschwächt an Körper und Geist ist er im Jahre 1912 heimgegangen, DER GROSSVATER Sein Vater Mordechai, der als erster in der Familie den Zunamen Salomon annahm, war noch in Litauen zur Welt gekommen und wohnte nach der Alija zuerst in Safed. Erst 1812 übersiedelte die Familie nach Jerusalem. Hier lernte Mordechai in der traditio, nellen Weise in Cheder und Jeschiwa. Zum jungen Manne herangewachsen, kam ihm zum Bewusstsein, in welch trauriger Verfassung die Menschen im Ghetto der Altstadt dahinlebten. Wenn er auch, den Spuren seines Vaters folgend, bis zu seinem Tode um den Wiederaufbau der Churba bemüht blieb, so lockte ihn doch der Weg ins Freie und die Aufgabe, die Chaluka-Empfänger produktiven Berufen zuzuführen. Als Montefiore im Jahre 1839 seine zweite Reise nach Palästina unternahm überreichte ihm Mordechai ein umfangreiches Memorandum welches genaue Pläne zur Gründung einer jüdischbäuerlichen Kolonie unweit Ekron enthielt. Die Denkschrift — von Montefiores Begleiter Dr. Louis Locwe aus Zuelz in Schlesien ins Englische übertragen — fand reges Interesse bei dem Philanthropen. Indes die Zeit war noch nicht reif, um praktische Konsequenzen zu ziehen. Doch Mordechai liess die Dinge nicht auf sich beruhen. Er stellte die Frage, ob nicht im Bereich der Stadt selber Unternehmen entstehen könnten die es den jüdischen Männern ermöglichten, sich und ihre Familien auf honorige Weise zu ernähren. Er reiste mit zwei gleichgesinnten Freunden nach England, um sich in der Spinnerei und Weberei ausbilden zu lassen. Wie es ihm in der fremden Welt zumute war, welche Gedanken ihn während der Arbeit bewegten, das erfahren wir aus einem Brief, der er an seinen Vater richtete und der sich ini Familienarchiv befindet. Er schildert darin nicht nur die persönlichen Schwierigkeiten, welcher er Herr zu werden versucht, sondern legt in nüchterner und wohlüberlegter Weise dar, wie er sich die Einführung der Textilindustrie im Lande vorstellt. Er ist sich klar darüber, dass des Philanthropen Hilfe in Anspruch genommen werden müsse, und so regt Mordechai an, Montefiore möge in Jaffa eine Fabrik errichten lassen. Die Anregung wurde Montefiore unterbreitet, und er liess wirklich ein bescheidenes Werk erbauen, freilich nicht in Jaffa, sondern in Jerusalem (nahe bei der historischen Windmühle, unweit des Hotels König David). Aus England kamen 10 Webslühle, ein grösseres Quantum Rohbaumwolle und alle erforderlichen Maschinen. Als Leiter entsandte Montefiore einen Fachmann aus England nach Jerusalem. Das Unternehmen ging nicht vorwärts, vermutlich infolge fortgesetzter Reibereien zwischen der Belegschaft und dem Leiter. Auch dessen Nachfolger, ein jüdischer Weber aus Hamburg, bewährte sich nicht, und bald musste der Versuch, an dessen Misslingen gewiss auch die der Arbeit ungewohnten Bachurim Schuld hatten, aufgegeben werden. Mordechai Salomon gehörte, wie vermutet wird, nicht zur Belegschaft der Textilfabrik, obgleich er als einziger unter den zur Ue. bersiedlunj» nach Mischke- LITERATUR» Aufgeklärter Ch Zu Chol Hamoed-Pessach hatte die Historische Gesellschaft an der Hebräischen Universität in Jerusalem ihre Tagung im Zeichen des zweihundertsten Todestages des Rabbi Israel Ben-Elieser Baal Sehern Tow, des Be. griinders des Chassidismus, abgehalten. Professoren und andere Historiker hielten Referate über den Baal- Schem und seine Lehre, aber auch über andere verwandte Begegnungen der Religionsgeschichte, so vor allem den Pietismus des Zeitgenossen des Baal-Scnem, des Grafen Zinzendorf. Natürlich gefiel diese Einordnung des Chassidismus in die allgemeine Religionsgeschichte den orthodoxen Kreisen weniger, und so beschloss der Mossad Haraw Hook seinerseits eine Chassidismus-Tagung abzuhalten, die am 6. Juni in Jerusalem unter kantoralen Darbietungen ehassidischc-r Weisen erfolgreich schloss. An tausend Menschen wiegten sich in den Niggunim von Beiz und Wischnitz, von Sadagora und Hussiatin, von Karlin und Ladi ... Dieses Singen und Summen war wohl das Chassidischste an der ganzen Tagung, wenn man von der ergreifenden, nur von den taktlosen Photographen entsetzlich gestörten, Rezitationdes 149. Psalms „Bikhal Chassidim” durch den sich wild schaukelnden Rebbe von Sadagora absieht. Ja, da spürte man schon noch etwas von „Chassides” ... aber-wenig bei den Referaten. Ausgenommen vielleicht die Erzählungen des greisen Raw Maimón, des Hausvaters des Mossad Haraw Kook. Natürlich war Raw Maimón schwer zu verstehen, da er ein Gemisch von von SCHALOMBEN-CI Sephardiseh, Aschkenasisch s#e ihm 1 und Jiddisch redet, das nur kus nach den Eingeweihten verstand- ,J)as lieh ist. Zu diesen aber ge- Narr 3esc hörten Staatspräsident Ben schrien Zwi und Ministerpräsident nagü»'Di Ben Gurion, die sich bei den Jeschiwa-i „Moscheiach” des alten Raw Watt des köstlich amüsierten. Raw das als Ve Maimón entstammt selbst eijim von 1 ner Mitnagdim.Familie, also den Grüne dem Kreise der Gegner des raiMi3iistia Chassidismus, aber das Stad- Die Ar^ tele seiner Jugend wurde ein BlMic] von den Chassidim bene, längst ’ herrscht. Er hörte schon als tigkeiten. A Knabe die Melodien der Baal Auditorium Schem-Jünger und lebte sich dass es w£ später in ihre Welt ein. schichte vo Dann aber bezog er die noch an die Jeschiwa von Woloschvn, Wilna wirkt und dort herrschten die „litauch hier ¡ wakischen” Rationalisten, geklärte Fre die den chassidischen Enessenten de gels- und Dämonenglauben als wirklich verlachten. Da3 Bei einer Rabbinerkonferenten wie renz ir_ Woloschyn machte hi. den V< man sich darüber lustig, Zionistischen dass die Chassidim erzähl- Mapai-Führei ten, um Mitternacht seien Schrot und arme Seelen zum Baal Folklore lieb Sehern Tow gekommen und „ThikkiKim" hätten ihn um einen „Thikglaubt. Und kun”, eine Erlösungstat ge- und Tenor ( beten. Der junge Maimón, geordneten J damals noch Fischmann ge- Erb-Prinz im nannt, verliess den Raum Kook, atmete der Sp ötter, die meinten, sides", So | dass er sich verletzt fühlte, und Pejot, sc Er aber holte nur ein Buch gen Kock un aus der Bibliothek der Jenenwiruns schiwa und bat die Rabbi- Chassidim n ner, ihnen zwei Zeilen vorsagte mir ein lesen zu dürfen. Ur.d er las: der ostentatii „Um Mitternacht kamen arwar, Ja. die me Seelen zum Gaon von Gerer Chasi Wilna und baten ihn um eigrossen Höfe nen Thikkun...”. Grosse Bein Jerusalem stiirzung herrschte im Kreites durch At se der Mithnagdim. Der Ga- Wir aber on Elijahu von Wilna war wohl im Rah ja der grosse Gegenspieler riehen G& des Chassidismus, und nun auch im Mosi not Schaananim ermunter. ten Familienvätern gewagt hatte, aus der Altstadt herauszugthen und in einem der neuen Häuser Wohnung zu nehmen. Seiner wartete noch eine weitere Aufgabe: der Bau des grossen Bet Knesset und der Jeschiwa auf dem Gelände der Churbah. Mordechai ging nach Europa, besuchte viele Gemeinden in Deutschland und England, und es gelang seiner Beredsamkeit, die zur Weiterführung der Bauarbeiten erforderlichen Gelder heimzubringen. Durch Vermittlung des österreichischen Konsuls erhielt er dann auch diu Erlaubnis der türkischen Regierung, die Baupläne durchzuführen. Ein Jahr vor seinem Tode — er starb an der Cholera — wurden das Bet Knesset „Bet Jaakow“ JeschiwTa und die “Ez Chajim” feierlich eingeweiht, DER URAHN Mit seinem Vater Salomon Zoref (der Gold, und Silberschmied) beginnt die Geschichte dieser Familie in Erez Israel. Er war mit den Seinen im Jahre 1785 aus Litauen zur Alija gegangen. In Jerusalem durften sich zu jener Zeit keine aschkenasiscaen Juden sehen lassen, da die Moslem ihnen nachstellten und ihr Leben gefährdeten,. So liess sich Salmai vorerst in Safed nieder und übte dort sein Handwerk aus. Die Geschichte des Streites zwischen den Aschkenasim und den Arabern kann hier nicht erzählt werden. Sie hatte ihren Anfang bereits um die Mitte des 13. Jahrhunderts, als Rabbi Mosche ben Nachman (Ramban) aus Spanien ins Land kam, erreichte einen neuen Höhepunkt mit dem Erscheinen des Rabbi Jehuda Hechassid aus Polen zu Beginn des 18. Jahrhunderts, dessen unter dem Einfluss der Sabbatai Zwi- Bewegung stehende Anhänger auf dem Platz der Churba Wohnung nahmen und zu Hausbesitzern wurden. Die Aschkenasim wollten in der Folgezeit wieder in den Besitz des Areals kommen, und der treibende Geist wurde Salman Zoref. In sefardische Gewänder gehüllt erschien er häufiger in Jerusalem, um die Möglichkeiten zur Verwirklichung der Wünsche seiner Anhänger zu prüfen. Es fügte sich, dass er nach Aegypten reiste und auf Grund von Empfehlungen des österreichischen und preussischen Konsuls zu einer Audienz bei Muhamed Ali, dem von der Türkei unabhängig gewordenen Beherrscher Syriens und Palästinas, zugelassen wurde. Die Aschkenasim erhielten das Recht, skk in Jerus ten und d zubauen: den de untersagt. 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