Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 21 (1960)
- Issue
- 1796 (19.7.1960)
- Date
- 1960-07-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Der vergessene Alliierte tou SCHALOM BEN-CHORIN Vor fünfzehn Jahren gab Pierre van Paaswn der hoiländisch - kanadische Zk.nsfreund. in seinem damals Viel gelesenen Buch ,.The Forgnt -n Ally" diese» Kamen dem jüdischen Volke. Heute aber sucht das jüdische Volk iu seinem eigenen Staat, in Israel. Alliierte und Freunde in aller Welt. Wir Israelis blicken auf den schwarzen Erdteil, auf Afrika. und erforschen das ferne Asien auf dieser Suche nach „Alliierten’'. Und doch scheint es. dass wir gerade eine:. Staat übersehen haben. der unser Bruderstaat sein will, dessen Volk sich als unser Brudervolk bezeichnet. Es hat einen Fluss, der Jordan heisst, und einen See Genezaret, wie unser Kineret, und wenn wir die Nachkommen des Stammes Juda sind, so erklären sich die Bewohner jenes fernen und uns doch so nahen Landes als die Nachkommen des Stammes Ephraim. Gerade diese beiden Stämme aber, Juda und Ephraim, sollen ja nach der Prophezeiung Ezechiels (37. 15 ff) wieder ein geeintes Haus Israel werden. Ich traf eine „Botschafterin” des fernen Bruder-Reiches kürzlich in Jerusalem: Maria C. F. Jahn aus Sait Lake City, der Hauptstadt des Staates Utah, am „Jordan”. nahe dem grossen Salzsee. Von den fast 200.000 Bewohnern dieser grünen Garten-Grosstadt sind 65 % Mormonen, und" der ganze Staat Utah im Westen der Vereinigten Staaten mit etwa einer dreiviertel Million Einwohner ist vorwiegend Von Mormonen besiedelt. Utah ist der Staat der Mormonen, die sich selbst die „Heiligen der letzten Tage" nennen. In der Salzseestadt steht ihr zentraler Tempel, den nur die Eingeweihten der Mysterien in weissen Gewändern betreten dürfen, die Angehörigen der Priesterschaft Aharons und Melchisedeks. Daneben steht das allen geöffnete Heiligtum des Tabernakels mit seiner weltberühmten Orgel und dem dreihundertstimmigen Chor. Zwei Millionen Mormonen in Utah, in Kalifornien, aber auch in Europa blicken auf Ihr „Mekka”, die Salzsee- Stadt, aber dort blickt man Wiederum in gläubiger Zuversicht auf das wiedererstandene Israel, auf Jerusalem. in gläubigem Realismus sagt mir Miss Jahn: „Ich wollte mir Jerusalem ansehen, denn es wird nicht mehr lange dauern, dann werden wir ja alte nach Jerusalem her auf ziehen, um anzubeten, wie es beim Propheten Secharja geweissagt ist. Natürlich müssen Sie noch die Altstadt hinz-ubekommen, um dort den wahren Tempel Salomos wieder aufzurichten...” Und sozusagen tröstend fügte sie hinzu: „Es kann nicht mehr lange dauern. Die Errichtung des Staates Israel ist ein klares Zeichen dafür, dass die Endzeit nahe ist.” Triumphierend verweist sie dabei auf unseren jü. dischen Kalender: Wir schreiben ja jetzt das Jahr 5720. Nach dem Offenbarungsbuch Mormon aber wird die Weltenwoche nach sechstausend Jahren (denn tausend Jahre sind, nach dem Psalm 00.4, vor Gott wie ein Tag) abgelaufen sein sein, und dann beginnt das tausendjährige Millennium. das Zwischenreich vor dem Jüngsten Tage. Also noch 280 Jahre, wenn unser Kalender genau geht.. Das Buch Mormon... Vielleicht haben nicht alle Leser schon von dieser sozusagen „dritten Testament” der „Heiligen der letzten Tage” gehört. Es ist die Schöpfung eines ge.rissen Joseph Smith (1805—44) aus Scharon bei... New York, der mittels einer geheimnisvollen Urim- und Tumim-Brille dieses Buch des Engels Mormon von goldenen Platten aus einem .verbesserten Aegyptisch' sozusagen .übersetzt’ hat. Das Buch Mormon, das 1842 erstmalig erschien und seitdem in Millionen Exemplaren von den freiwilligen Aposteln und Missionaren des ermordeten Verfassers verbreitet wird, berichtet, dass bereits im Jahre 600 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung Angehörige des Stammes Ephraim vom Roten Meer aus, vermutlich wohl von unserem Hafen Elat, nach Amerika übersetzten und dort ein Bruderreich Judas gründeten, dessen Erben die heutigen Mormonen in Utah sind. Die Geschichte von Kain und Abel wiederholte sich in Amerika: ein Bruder erschlug den anderen. Die Nachkommen des Brudermörders aber wurden vom unschuldig vergossenen Blute des Bruders immerdar rot gefärbt. Das sind (Sie haben es schon erraten?) die Indianer. So einfach tut sich hier die Völkerkunde dar. Allerdings waren die Ephraimiten die zweiten Einwanderer in Amerika. Die ersten kamen direkt nach nach dem Turmbau zu Babel, als der Herr alles Erdenvolk weithin verstreute. Damals wurde übrigens, bereits das erste ... Unterseeboot gebaut, erklärt mir M ss Jahn, denn die Mormonen haben eine genaue Tradition darüber, dass Gott den er. sten Auswanderern gebot, ein Schiff zu bauen, mit dem sie auf und ebenso auch unter dem Meere fahren konnten. Also: .Alles ist schon dagewesen’ ... wenigstens bei den Mormonen. Der letzte Ephraimite erhielt von seinem Vater Mormon die goldenen Offenbarungstafeln und vergrub sie im Jahre 420 n. d. g. Z., bis der zum Engel avancierte Mormon sie dann in den dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts dem Joseph Smith zum Zweck der „Uebertragung” aushändigte. Es ist nicht leicht, das alles zu glauben; aber zwei Millionen Menschen auf der Welt, darunter der Landwirtschaftsminister der Vereinigten Staaten Esra Benson und eine Direktorin der Amerikanischen Bundesbank, deren Unterschrift die Dollars signiert, schwören auf das Buch Mormon nicht minder als auf die Bibel. Nicht die Tafeln Mormons aber lösten die Verfolgungen der Mormonen aus, sondern ihre Vielweiberei. Als sich nämlich die Gattin des Propheten Smith über Seitensprünge des Heiligen beklagte, proklamierte er einfach die Polygamie als göttliches Gebot; so behaupten die Gegner. Die Mormonen wissen es besser: es gibt so viele präexistente Seelen im Himmel, die sich nach Verkörperung in der Gemeinde der Heiligen der letzten Tage sehnen, und deshalb offenbarte der Herr dem Joseph Smith, dass es in Gottes Augen wohlgefällig ist, mehrere Frauen zu nehmen und mit ihnen möglichst viele Kinder zu zeugen, Priester Ahrons und Melchisedeks. Der rüstige Nachfolger Smiths, Brigham Young. welcher der „Moses der Mormonen” genannt wird, und der sie in das gelobte Land Utah geführt hat, erfüllte das Gebot gewissenhaft und hatte 25 Frauen... Zwei unserer Erzväter, Abraham und Jakob, hatten ja bekanntlich auch mehrere Frauen: Sara und Hagar, Rahel, Lea; Bila und Silpa. Salomo hatte sogar tausend Frauen, aber auch sein Vater David verfügte über einen umfangreichen Harem. Es Ist sicher gut biblisch gedacht, mit mehreren Frauen im Mormonen-Tempel eine unauflösliche Ehe zu schliessen, aber mit der Verfassung der USA lässt sich das eben nicht vereinbaren. Miss Jahn schildert schwärmerisch, wie hübsch die kleinen Häuschen der diversen Frauen rings um das grosse Vaterhaus in Utah gruppiert waren. Ein tüchtiger Mormonenvater kaufte gleich en gros dieselben Anzüge für die Söhne und dieselben Kleider für die Frauen und Töchter ein. Aber das war m der guten alten Zeit. Miss Jahn stammt nicht aus dem Reich Gottes am Salzsee, sondern ist gebürtige Stettinerin, die ihre Jugendjahre in Hamburg verlebte. Schon vor dem ersten Weltkrieg bekehrte sie sich zur Gemeinschatt der Heiligen -er letzten Tage, und 1926 wunderte-si nach Utah aus, wo sie als Verkäuferin in einem Warenhaus ihren Lebensunterhalt verdient. Und sie spart eisern, um alle paar fahre auf Missionsfahrt nach Europa, nach Deutschland und in die Schweiz fahren zu können. Die Mormonen haben keine bezahlten Missionare, ihre „Schlichim” müssen sich die Fahrten selbst bezahlen. Nur die Heimreise nach zweijähriger Tätigkeit in ihrer Diaspora wird von der Kirche vergütet. In Deutschland verfügen die Mormonen heute über Missions-Stationen in Berlin, Frankfurt und Stuttgart. Ueberall in der westlichen Welt sind sie tätig, ausser in Spanien, Italien und ...Israel. -.ber das hat sehr verschiedene Gründe. In Spanien und Italien lässt die alleinseeligmachende katholi- . sehe Kirche die Apostel des Joseph Smith nicht aktiv werden. In Israel aber haben sie eigentlich gar keine Aufgabe, denn sie halten uns ja ohnedies für ihr Brudervolk, das wahre Israel, während alle anderen, nach dem Buch Mormon. es entlieh Heiden sind. Ein jüdischer Jünger des Joseph Smith reiste übrigens um 1840 nach Jerusalem und deklarierte auf dem Oelberg das. Recht der Juden auf das heilige j-and. „Hier bin ich nur privat, nicht als Missionarin”, versichert Miss Jahn. Sie hat jüdische Freunde in Amerika und erzählt lächelnd, dass diese oft von ihr behaupten, si: habe einen „gojischen Kopf", wenn sie aus der Bibel Dinge herausliest, die keinem jüdischen Kinde je eingefallen sind, z. B. die massive Körperlichkeit Gottes. Aber sie verwahrt sich gegen einen ,.goj:schen Kopf” und fühlt sich als Wahl-Ephraimitin nicht weniger hebräisch als unsere Kanaaniter. Schwester Jahn hat ia Deutschland ihr Mormonen. Evangelium zwei Jahre lang gepredigt und dabei oft nur von Kartoffel suppe gelebt, um sich die Reise nach Israel vom Munde abzusparen. Und nun erzählt sie uns am Freitag-Abend - Tisch, beim Schein der SchabbatKerzen. von ihren Reisen und Abenteuern und ist glücklich, beim Brudervolk Juda in den Mauern Jerusalems zu sein. Alles teilt sie an diesem Abend mit uns, nur nicht den Wein. Denn auch die Mormonen haben ihre „Kaschrut”, die ihnen Wein, Kaffee und Tee und das Rauchen verbietet. (Man sieht, sie sind garnicht so „ausschweifend”, wie ihnen ihre puritanischen Gegner nachgesagt haben). Den grössten Eindruck machten auf Schwester Jahn in Jerusalem: der Berg Zion, wo sie von einem alten Rabbi am Grabe Davids gesegnet wurde und die Rollen vom Toten Meere, im Keller der Hebräischen Universität. Insbesondere die von Prof. Jigal Jadin entdeckte Lamech-Rolle. ist für die Mormonen von spezieller Bedeutung, erzählt sie doch Begebenheiten aus dem Leben Abrahams, die nicht in MAIMONIOCS V. W' i I 1-S4* Clj^CtdCRfcbwh -f> 650.— VERLAG OMEGA, BUENOS AIRES •UBRUCMAGA tU9 — T. Z. 71-678* Zu biiehso durch »Ile einschlägigen Buch, handlangen und durch die JUXDISCHZ WOCHENSCHAU PVKTItItZDOH UM 17 - T. E, M IHI LITERATUR ■ Ein feslsaal in. Die Einweihung des grossen Menachom Ussiscl.kin- Saales des „National Conventions Centre” in Jerusalem, bedeutet e nen weiteren Schritt zur Vollendung dieses weit und br.it diskutierten und dringend benötigten Baus. Lie Fertigstellung der von HANNAH PeT0! deckt; die Sitze haben dunkclgruue Polsterung. Hier können 3.000 Personen Platz finden; es können notfalls weitere 300 Plätze geschaffen werden. Die Bühne selbst kann 300 Personen ¿«st.ll. W Ass?^ Es ist ¡nter® posent der jjade Lræ1 h Der Saal [-fertigam St« Iteatei'- und ■tt ebenso dä Philharnn Binyanei Ha’ooma (National Convention Centre) setzt dem dringenden Mangel eines repräsentativen Zentrums für allerlei Veranstaltungen. Ausstellungen, Konzerte und Konferenzen in der Hauptstadt von Israel ein Ende. Es ist auch symbolisch für Jerusalems Kulturanspruch, dass dieses prächtige Gebäude auf der Spitze eines Hügels steht, an den sich viele historische Ereignisse knüpfen. Bei -etreten des Gebäudes hat man den Einciri ck von Weiträumigkeit, wieselten in Israel, die uns an amerikanische oder europäische Proportionen erinnert. Geht man durch das grosse Foyer und die Korridore, die breite Treppe hinauf — sämtlich in verschiedenen Stadien der Fertigstellung so betritt man den Hauptsaal. Er ist nun vollständig fertiggestellt, und alle kulturellen Veranstaltungen Jerusalems können dort abgehalten werden, doch wird die Vollendung des ganzen Gebäudes noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Dafür ist eine zusätzliche Ausgabe von ungefähr zwei Millionen IL notwendig. Der Raum, wie wir ihn heute sehen, ist geschmackvoll in ruhigen Farben ausgestattet, und seine Masse — 55 x 16,5 m — vermitteln den Eindruck vollkommener Harmonie. Die Wände sind mit hellem Buchenholz beder Bibel stehen, aber ähnlich in der „Köstlichen Per. le” des Joseph Smith vorweggenommen wurden. Wieder eine Bestätigung! Die Mormonen empfinden in Israel ganz wie wir; die Rollen vom Toten Meere sind für sie mehr als ein Stück interessanter Archäologie, sie sind weitere Offenbarungen einer fernen Vergangenheit, die in die sich heute und hier entfaltende Zukunft weisen. Die Mormonen - Presse ist voll von Artikeln über diese Rollen. Seltsam mutet das alles an, aber es ist Wahrheit. Alljährlich kommen Studenten der Mormonen-Hoohschule, der Brigham Young- Universität, nach Israel, um das Bruderland zu besuchen. Sie wissen viel von uiis Israelis. Und wir' wissen viel nt wenie von ihnen. tragen. Die Decke über der der Bühne ist beweglich und kenn für Theatervorstellungen durch einen Vorhang ersetzt werden, der in silbergrauen Farben gshaHen ist. Ein Raum von solchen Dimensionen hat in Israel d'e verschiedensten Zwecke zu erfüllen. Der Bauplan sieht die Installierung eines eisernen Vorhangs vor, der einen Teil des Saales für kleinere Theaterauffiihrrgm abte’len kam. Der Raum hat eine Kühlungsanlage, ebenfalls Vorrichtungen für Simultanübersetzungen; 'die Akuslikanlage ist hier besonders gelungen. Es existiert ein besonderer Projektionsraum für Kinovorführungen. Zwei Fahrstühle sind im Bau, ebenso ein besonders konstruierter Lift, der alte und gebrechliche Personen zu den Veranstaltungen brin- Saal kiinft setzt ist i lurgskostet wird, Die te nächst sen regeln te israeli« nischen 0n hum '; AUF DEM FRi Am Ende einer Sackgas- { se der unzähligen Strassen ungang ” st und Gassen dieses pariser tieiner°Hiij Viertels liegt der Eingang )iarmoriocl; zum Montmartre-Friedhof. Unter einer brückenarti- Sehnauzbari gen Ueberführung, über die Tag und Nacht der Verkehr dieser rastlosen Stadt hinht geofftKt wegbraust, wie Vogelnnester Autächr« an Felsen geklebt, so ruhen ' hier die Toten, Männer und j 1 Frauen einer längst vergan- genen Epoche. t di^ v Der Friedhor liegt vereinfach steckt, und er ist auch nicht ^nuueatar belebt wie die italienischen “iia. der hi( Campos Santos oder voller * Sofandc Besucher wie stidamerikanii,irr.e sehe Begräbnisstätten. Auch ** tin besitzt er nichts von der «auch erl schmerzlichen Klarheit und in demutsvollen Schlichtheit |gr) des neuen Jüdischen Friedhofs in Berlin. Seine Grä- für ¿¡e ber wirken gespenstisch ver- “ dam eh lassen. Kein Besucher stört über I die umherstreifenden Katzen Nur ein Polizist am Eingang wacht, und einige Verbotsschilder zeigen an, dass ,efden j,- hier kein Ort für lichtscheues Gesindel sei, Auf diesem Friedhof der Lichterstadt ruhen Männer, *eg ¿A” deren Andenken wenigstens doftw bei uns nicht vergessen sein * dürfte. Unser Besuch soll SeQ^01* eine stumme Ehrung für Sj/pf sie sein, uns selbst eine Vu? Quelle neuer Kraft und ei* 4das*® ae Stunde tiefer Besinnuofi % > ■ i ► > * \ I