Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 21 (1960)
- Issue
- 1756 (23.2.1960)
- Date
- 1960-02-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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4 — Martes, 23 d* Febrero de 1960 LA S E M A H A ItBAELITA Ano XXI. Mo. 1756 Portrait eines Antisemiten LITERATUR Durch die Presse geht die Meldung, dass das ägyptische Nasser-Regiane eine verschalle Tätigkeit entfaltet, um ant»jüdisches Heizmaterial politisch gegen Israel einzusetzen. Man druckt, assistiert durch wohlwollend at»fgenommene Nazis, braune Literatur, antisemitische Broschüren, Pamphlete, die Schlammflut wüster Fälschungen, Verleumdungen, faustdicker Lügen ergresst sich von den berücht;gten „Weisen von Zion” bis „Mein Kampf”. Zwar umfasst die Vereinigte Arabische .Republik’ selbst eine Stattliche Anzahl von Semiten, was tut’s? Zwar ist Frankreich zur Zeit dort nicht beliebt, aber Bundesgenossen der antisemitischen Internationalen sind höchst willkommen, selbst wenn sie Frankreich entstammen. So hat man jetzt den „klassischen” Vorkämpfer aus dem abenteuerlichen Lager der französischen Antisemiten- Liga des späten 19. Jahrhunderts ausgegraben und der eigenen fanatischen Hasspropaganda beigesellt: wir meinen Edouard Drumont (1844 bis 19171, Nazi, und Julius Streicher-Vorläufer, Haupt aller französischen Antisemiten einst, Verfasser des zweibändigen Lügenwerks „La Francs juive'’ (1888), das zeitweilig in Frankreich Pogrom - Stimmung mitschuf, über Aktive und Mitläufer Paris zur Zeit der Dreyfus- Affäre in einen Hexenkessel verwandelte. von F. S. GROSSHUT Um Nasser weis*, man sehr wohl, was es mit den Publikationen. dieses wüsten AntwemiteHhäuptETigs. der in der Spannevon 1885 bis 1889 über 30 Werke und zahllose Pamphlete vom Stiepel liess, heute weitgehend vergessen ist. auf sich hat. Drumont predigt eisjej», „rassischen” Antiaemitism y&, alleinigen Herrschafts - Anspruch des Ariers (liess: französische Aristokratie), demzufolge die hamitisch-semitische Allianz des ägyptischen Diktators selbst höchst inferior konsequent erscheinen müsste. Doch dir« grimme Komödie zählt dort nicht, allein zählt, dass Drumont Gemeinheit und Niedertracht gegen die Juden ins System gebracht hat das sich bfILg verwenden lasst, man bedient sich gleicher Spiessgesellen gern.,, seifest wenn i-hr hass-entfesselter Stil in der Anhäufung des Schmutzes immerhin noch eine Nuance von der Primitivität nazistisch-nasserianischer Verleumder abweicht: sie bleiben Fleisch vom Fleisch, auch sie haben sich früherer Gleichgesinnter bedient von Eisenmenger bis Rohling. Und es ist kein Zufall, dass um die Zeit von Drumonts Hetzwerk in Paris drei Ueberstezungen von eben Rohlings „Der Talmudjude” erschienen. Jeder heute weigg um den grossen Anteil des wahren demokratisch-humanistischen Frankreichs an der Entwicklung der Kultur und Zivilisation, niemand, der guten Willens ist, verwechselt diese bedeutende Nation mit jener Minderheit kläglicher Schänder ihres Namens. Es wäre verfehlt, sie nicht beim Namen zu nennen, die Vorläufer jener berüchtigten Action Française wurden, die konsequent im letzten Krieg mit Hitler paktierten, weil dies ihrer Natur entsprach. Ob sie sich ultra-nationalistisch oder „ästhetisch” gebärdet«», eine gerade Linie führt von ihnen zu den Kollaborateuren Vichys: ob sre Léon Daudet heissen, Drumont. Maurice Barres oder Charles Maurras. Beschämend bleibt, dass im Jahre 1931 der Schriftsteller Georges Bemanos in einem Buch eine Ehrenrettung Drumonts versuchte; nicht minder, dass seinerzeit La France juive auf Empfehlung von Alphonse Daudet (!) gedruckt wurde. Wie kam es, dass ein damals kaum bekannter Autor und Journalist wie Edouard Drumont mit einem üblen Machwerk weite Kreise der (französischen Bevölkerung, des Klerus, des Kleinbürgertums; des Adels, der Armee, der Literaturpresse düpieren, korrumpieren konnte? Drumont, nach mannigfachen Versuchen, journalistisch Fuss zu fassen, scheiterte. Er bot seine Aufsätze an. wurde meist zurüekgewiesen. Er suchte vergeblich Kunst- und Literaturkritiker zu werden. Er schrieb mit einem Mitarbeiter ein Stück, das über den jüngeren Dumas (den Drumont später als „Halbjuden” angriff) auf geführt wurde und im jüdischen Verlag Calmann-Lévy maimonides ß*1* 'Z)'- HS * * Mi* HnyC«d«wkbi»dl $ 650.— VERLAG OMEGA, BUENOS AIRES GURRUCHAGA 2289 — T. E. 71-670* Zu beziehan durch «Oe einschlägigen Buchhandlungen und durch die JUEDISCHE WOCHENSCHAU PUETRRBDON 2IM 1* — T. E. *3-2*1* erschien. Er blieb — eine gewisse Parallele zum jungen Goebbels ist erkennbar — der erfolglose Journalist. 1878 kam sein Buch über das alte Paris heraus, das völlig in mittelalterlichen Gedankengängen wurzelt. Früh wandte er sich vom katholischen Glauben ab, fand später zurück (um zuletzt den Papst anzugreifen). Arg?blich machte ihn das Verbot des Jesuitenordens (das keineswegs strikt durchgeführt wurde) zum — Antisemiten. Politische Entscheidungen waren für ihn Satanskämpfe. Natürlich fehlt nicht eine Schrift von ihm, die dem Antisemiten Richard Wagner huldigt, dessen VerhaPen bei der Belagerung von Paris selbst Drumonts nationalistische Verbündete in Weissglut versetzte. Drumont ist ein Bewunderer von Bismarck, zeitweilig auch später von Wilhelm II„ er findet das Mittelalter in den in Paris einziebenden deutschen Truppen wieder, er empfindet „Zärtlichkeit für das Germanentum”, er liebt das Zeitalter des Eisens, das Reich der Gewalt: „man muss gerecht sein, auch gegen den Gegner”, heisst es bei ihm, der Hass und Hölle gegen die Juden speit, sie für alles verantwortlich zu machen sucht, von der Kreuzigung Jesu über die französische Revolution, die Niederlage von 1871, die Existenz der Dritten Republik. Er fälscht Zahlen, aus den 89.900 Juden in Frankrtieh um 1871 werden 500.000, nach ihm wimmelt es von jüdischen Rothschilds, indes die Statistiken sagen, dass im 19. Jahrhundert nicht weniger als 60 Prozent der Juden in Frankreich arm gestorben sind. Schmerzlich empfindet er. dass er nicht gelesen wird. Man hasse die, die Bücher schreiben... meinte er. „Es gibt mehr geistige Energie, mehr Willenskraft, mehr Zähigkeit bej dem letzten Juden aus Galizien als im. ganzen Jockeyklub ” Das Jahr 1886. als das zweibändige La France juive erschien, leitet eine der stürmisch-grotesksten Zwischenperioden französischer Geschichte ein: das boulangistische Abenteuer. Die Dritte Republik ist von zahlreichen Feinden und Gegnern bedroht, heterogenen Elementen, die zeitweilig mit-, zeitweilig gegeneinander agieren: da ist die Macht der Armee, des Klerus, die diversen Thronprätendemter des Adels; die Arbeiterschaft organisiert sieh langsam, sozialistisch, pseudosozialistisch, zersplittert unter d?m Gedankengut der Saint-Simon, Marx, Louis Blanc, Proudhon bis Sorel; da ist Clemenceau, Führer der Radikalen, der verhängnisvoll Boulanger als Kriegsminister im Kabinett durchsetzt, da ist nicht zuletzt wirtschaftliche Depression und Labilität. Da sind kurz vorher Pogrome im zaristischen Russland, in Polen, in Rumänien, die Tiszl Eszla-Affäre in Ungarn, der pangermanistische Antisemitismus in Deutschland und Oesterreich, die Internationale der Judenhetze organisiert s:ch im Kongress der Alliance anti-israelite universelle in Bukarest, und Drumont wird ihr Präsident. Da ist auch jenes Kleinbfu> gertum, bereit zur Verführung, zu Dolchstoss-Legende, dem „Retter”, zur triebhaften Entladung der Instinkte gegen die Juden als Punkt des geringsten Widerstandes. Revanchepolitiker erklären zu „inneren Preussen” (!) die Juden und die Protestanten. Eine tolle Front erhebt sich gegen die Dritte Republik: vertreten sind in ihr Royalisten mit starkem Anhang in der Armee, ein beträchtlicher Teil des (niederen, mei-.t ländlichen) Klerus, Christlich- Konservative, die nationalistische Liga der Patrioten des Revanchepolitikers Paul Déroulede, politische Landsknechte und Abenteurer. Auf Seiten dieser bunt zusammengewürfelten Rechten stehen auch einige getaufte Juden wie der royaiisti che Herausgeber des „Gaulo s”, Arthur Meyer, der konvertierte Pater Joseph Lemann; später. 1892, als Drumont das berüchtigte antserrrtische Hetzblatt „Libre Parole” herausbringt, bedient er sich des getauften Juden Gaston Wiellard als Kommanditär des Blattes. Auf seiten Boulangers, d~s „would be”-Diktstors, sieben nebep Arthur Meyer der jüdische Jurist Naquet, der Publizist Eugene Mayer und der Bankier Herz. Man hängt zusammen intriguiert, agiert gegen, springt ab, beschuldigt einander, bis das Boulanger-Abenteuer kläglich endet (Boulanger selbst erklärte sieh öfter gegen die antisemitische Linie der Mit- Verbünde‘en zur Wut Drumonts und dessen Gefolgschaft'. Im Jahre 1882 brach unter den wilden Spekulationen des katholischen Drrktors Bontoux die Bank Union Générale zusammen, viele kleine Sparer aus bürgerlichen Kreisen verloren alles, was sie besassen. Bontoux floh nach Spanien, machte im Bunde mit Antisemiten Juden für das Fallieren verantwortlich. Eine spätere gerichtliche Untersuchung stellte einwandfrei Bontoux als wahren Schuldigen fest und erklärte die antijüdisehe Verleumdung für absurd. Dennoch blühte nach bekanntem Muster 6en Antisemiten aus dieser Affäre für lange Zeit der Weizen. Man lenkte ab. man hielt die Betrogenen im lügnerischen Glauben. Vier Jahre später erschien Drumonts Hetzrwerk. Zunächst wurde es kaum beachtet. Ja. selbst die Annahme des Werks durch den Verlag Marpon-Flammarion war eine grimme Komödie. Man zögerte, wollte nicht. Herr Marpon versag'e sich die Lektüre und schloss schliesslich — als Alphonse Daudet sich erneut dafür einsetzte — mit Drumont einea Vertrag, demzufolge dieser ihm die Druckkosten zurückzuzahlen hatte, wenn das Werk nicht reüssierte. Es wurden zunächst wenige Exemplare verkauft. Da kam Drumont unerwartet Hilfe: jener Arthur Meyer vom „Gaulois” fand sich im Werk gespiegelt und forderte Drumont zum Duell. Dabei hielt Meyer, verwirrt, Azriel Carlebach: „Sefer Hadmujot” (Piofile), mit einer Einleitung von Dr. David Lazar. Nachwort von Dr. Josef Nedava. Tel Aviv, Ed. „Maariw”, 1958. von Z F FI>t°T ihrer Zeitepo.'-ie»“W°und Dieses posthume Werk eines allzu früh dahingerafften Zeitungsmenschen stempelt den Verfasser zu einem prägnanten Schrittmacher der modernen hebräischen Journalistik. Dieser Journalistik in Israel, der er durch sein universelles Wissen, seinen messerscharfen Intellekt und eine, geradezu seismographische Deutung flüchtiger Begebenheiten unter historischem Aspekt neue Wege eines Masenerfolgas und auch Weltgeltung eröffnete. Eire heissprühende Aktualität, gepaart mit der Ueberlegenheit eines kühlen Analytikers, kennzeichnet auch diese Bilderreihe von Persönlichkeiten („Ischim”), deren Lebensspanne Carle-, bach blitzlichtartig und mit stupender Prä zis on fes zuhatten versuchte. An die 40 Profile) die an der Grenze von Literatur und Reportage oszillieren, erstehen hier in kunterbunter Reihenfolge, Künstler und Politiker, Staatslenker und Diplomaten, Gelehrte und Dichter und dazwischen auch Eintagsfliegen der Prominenz werden hier durch Laune oder Interesse aus dem Alltag herausgeholt und im Blickfang che gedeutet und gewettet. Ein wahres Pantheon von Persönlichkeiten, in denen, der Pulsschlag höherer Menschlichkeit zu hämmern scheint. Von Spinoza bis Freud, von Masaryk bis Eins e:n, von Roosevelt und Churchill^ zu Ossietzky und Thomas Mann, von Herzl bis Bialik zieht sich dieser rote Faden einer hehren Humanität Einzelne Handlungen sind es,- Begegnungen, Aussprüche oder Entgleisungen, die Carlebach mit spähendem Blick erfasst und durch hellsichtige Analyse der geheit»um. gen su» lTl Ka-^.^ï 1- BUltk nad0s’ wiee. HaaHi- - W1C -eigenes»«* f Perspektive lens mi*a* '. ebenden Mikn je. Einmal# schichtlichen & Nnrbe“ i Stal« renburg «*»”. liierte Human« men Schächte einer geschil-" lebach t‘bera11 derten Persönlichkeit enthüllt. Wenn Theodor Hera! als somnambule^ Wunder bezeichnet wird, Masaryk als Priester der Wahrheit Roosevelt als Sklave und Churchill als Antipode der öffentlichen Meinung, so werden durch solch lapidare Bezeichnungen blitzartig Sinngebung und Sendung solcher Einzelwesen beleuchet. So heisst es auch über Thomas Mann, dass er im Schatten untergehender Weben versucht zu v< wegen ihrer G dem wegen im Aiiwg “ malig Zorn t Verfassers au bezeichnet I Teufel des Bö durch Hass nichtung se'.i gehalten v-*'s renburg him Aoostel der stellt, da er i ken und a” krampfhaft als letzter Humanist dahin-- „seine jüdisch; schritt; über Schalom Asch, dass er in dem Labyrinth se:nes Nazarenertums s:ch verlor; über Karl von Ossietzki, dass er mit seineffi Blut eine Eisenwand überbirgen. Aber kennt man scharf poin'i ten, die in df kund: eines sehen hingt beim Zusammenstoss den Degen Drumonts fest, während er selbst Drumont verwundete. Infolge des Duells wurde die Auflage von France juive plötzlich sensationell abgesetzt, zahlreiche weitere folgten schleunigt. Drumont wurde mit einem Schlag „populär”. La France juive wurde ein Riesengeschäft. Es wurde zur „Bibel” der französischen Antisemiten. Zwei Wochen nach dem Erscheinen des Werks würde das Hetzblatt „Le Pilori” gegründet. Die Woge des Boulanghmus brandete über Paris und Frankreich, der Antisemitismus breitete sich grimmig aus. Im Aufs'ieg und Sturz des Boulangismus spielte der Antisemitenhäuptling eine bedeutende Rolle. Er erlebte zahlreiche Enttäuschungen, die deutlich sich in seinen Werken spiegeln. Die Gesellschaft um ihn spricht Bände: da war ein gewisser Jacques de Biez, der Jesus als Kelten verkündete; der berüchtigte Marquis Antoine de Mores, der für ..national social” (!) eintrat und Anschluss bei den Anarchisten suchte (man beachte später den Versuch von Moeller van den Bruck, ähnlich eine 9og. proletarisch-nationale Revolution zu fordern sowie ähn- „kommenden liehe Versuche der Landsder als dire knechte vom Schlage von der Ideen Dn Ernst v. Salomon etc.) Drumont gründete zus: mmen mit Biez und Mores 1889 die Antisemitische Liga, die in jener denkwürdigen Kundgebung von Neuilly (18. Januar 1890) vor 70 Jahren ihr völkisches Programm verkündete. Die ergreifende Protestaktion des Grandrabbi Zadoc-Kahn in der Presse fand Unterstützung aller Anständigen. Die Antisemitische Liga endste bald kläglich, doch der Antisemitismus, unter Anfiih- ’ rung des Marquis, zog die Hefe der Strasse heran und tobte sich in Rollkommandos und Ueberfällen aus. Dieser Marquis de Mores, Liebling von Drumont, rüder Landsknecht, grössenwahnsinnig. wurde auf einer Expedition, die seinem Plan, gegen England kriegerisch in der Sahara vorzugehen, diente 1896 in der Wüste von ihn begleitenden Tuaregs ermordet. Und hier bricht die Ironie der Geschichte, die die Propaganda der Nasser-Helfershelfer ins Lächerliche zieht, grimmig durch: jener Mores, in dem Drumont nach dem Versagen Boulangers den Israel - Marken (■ grösster Auswahl: u. a. VIERERBLOCKS — MARKEN MIT PLATTEN-NUM- MER — MARKEN MIT BAND — KOMPLETTE BOGEN (planchas) — VOLL. STAENDIGE SAMMLUNGEN - WERTVOLLE AUSGABEN - ERSTE SERIE VORHANDEN — VERTRAUENSWÜRDIGE BERATUNG Alfonso MORITZSON Guanaeache 2351, dep. 2 •m. CABILDO Doonersi Sonntag, Dienstag Mittwoci Dienstag Montag. Sonntag. Dietstag Mittwoci Donners, Dienstag “tfcïag Diem Mittwoci