Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 1 (1940)
- Issue
- 29 (8.11.1940)
- Date
- 1940-11-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/9616703-9611124-9611125--0005-9611128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JÜDISCHE WOCHENSCHAU 3 Hamburg Bornplatz, Glogau); es gab aber auch den gotischen (Königsberg), oder einen Mischstil beider (Hannover), oder den Hansastil (Lüneburg, Flatow) oder den Tudorstil (Loebschütz). In dieser Zeit der Assimilation scheute man manchmal sogar vor einem Kreuz als Grundriss nicht zurück; und es prangte als Inschrift über den Synagogenportalen das Profetenwort: “Mein Haus wird ein Bethaus für alle Völker heissen”. Die Zeit hatte selbst keinen Stil, sie war unkünstlerisch; so hatte auch das Judentum nichts Eigenes. Mit dem deutschen Renaissancestil (Bielefeld, Dortmund) endete diese Periode. Seit etwa 1900 wurden mehr weltliche und moderne Formen bevorzugt. Das entsprach dem Wunsche dieser materialistischen Zeit, vor allem das Judentum als nicht veraltet, sondern modern zu erweisen. Doch sprach sich in der Abkehr vom Kirchlichen auch schon das Erwachen eines neuen positiveren Judentums aus. Man verbreiterte zunächst in Berlin (Lindenstrasse und Lützowstrasse) das altherkömmliche Langhaus zu einem Quadratischen Zentralbau, den auch später Essen und Plauen beibehielt. Das gab dem Beter ein ganz neues Gefühl von Freiheit, nicht in Bezug auf Lehrmeinung und Vorschriftgehorsam, sondern ein erhebendes religiöses Freiheitsgefühl. Den Zentralbau gestalteten dann Regensburg, Mainz, Görlitz rund und ohne Säulen für die Frauen-Empore, wodurch allerdings ein innerer Widerspruch gegen die Gebetsrichtung zur Hfiligen Lade eintrat. Die Gesamtstimmung wurde hier ausserdem fast zur Bonhommie eines gesellschaftlichen Festsaals! Dagegen wehrte sich schliesslich die kurze letzte Periode, die des entschieden Jüdischen, die dem Anwachsen des jüdischen Selbstbewusstseins entsprach. Sie schuf in Bamberg und Frankfurt (Friedberger Anlage) neue scharfkantige, wuchtige Formen. Dabei erweckte sie auch die beiden Säulen des Salomonischen Tempels Jachin und Boas wieder, die sie neben die Heilige Lade stellte (wi£ es schon früher manchmal geschehen war, (z. B. Dünsbach 1799). In Frankfurt (Königsteiner Strasse) allerdings geriet sie auf den Abweg der Benutzung altägyptischer und assyrischer, also heidnischer Motive. In Mainz und Wildungen aber wandte sie die palästinische flache Kuppel an. Ihren ersten Höhepunkt erreichte diese Tendenz in dem berühmten Bau von Essen, der schon von aussen eine in sich ruhende Kraft symbolisierte, und im Innern durch einen niedrig gehaltenen Eingang zur Demut stimmte, um dann in dem hohen breiten Hauptraum die ganze befreiende Seligkeit des Frommen in Gott zu wecken. Hier wurden ausserdem durch jüdischen Symbole (Schofar, Becher u. ä.) in den Fenstermalereien zum ersten Male die herkömmlichen Arabesken glückinneres der alten Synagoge in Leipzig I Synagoge Oranienburgerstrasse Berlin ' V ' ■f. ., -v /'Xv <s.\« jfv ■?< ipi ■■■■: v& **'•*'.■ •< lieh überwunden, und zwar in jüdischem Sinne. So trat an die Stelle des halbkabbalistischen Davidsterns die altisraelitische Menora. Essen aber war nicht nur ein Neuanfang, sondern auch ein Ende, nämlich ein End»? der Prachtentfaltung im Synagogenbau, die das ganze 19. Jahrhundert fortschreitend charakterisierte. Sie hatte ihr deutlichstes Zeichen darin, dass die meisten Synagogen eine hohe Kuppel oder einen Kuppelturm trugen, oft mit zwei Minarettartigen Seitentürmchen. Die Kuppel gab oft nicht einmal dem Innenraum Licht und erwies sich so als reiner Zierart, nicht wie früher zur Ehre Gottes sondern um nach aussen Eindruck zu machen. Selbst ein Städtchen wie Eberswalde verzichtete nicht darauf! Auch die Verweisung des Vorbeterpults und der Kanzel auf eine Art Bühne, die oft noch durch eine Estrade die Funktionäre des Gottesdienstes von den Zuhörern vollständig schied, war der religiösen Verinnerlichung abträglich. Die letzten Synagogenbauten kehrten zur Einfachheit zurück, die teils der Armut der Nachkriegszeit entsprach, teils aber der religiösen Verinnerlichung zu gute kam. So in Plauen, Nauheim, Berlin (Prinzregentenstrasse) und dem neuen Tempel in Hamburg, der nur wenige Jahre stehen bleiben sollte. Besonders Plauen hat einen ganz neuen Weg beschritten, indem es in dem Kubus-artigen Innenraum die Ostwand durch zwar bloss einfarbige una andeutende, aber doch bildliche Darstellungen aus der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart in wertvoller Sgraffito-Technik schmückte, v-ie die Offenbarung, eine Tempelzerstörung, die Laubhütte usw. Dieser Abschluss der Geschichte des deutschen Synagogenbaus versöhnt mit manchen Fehlern, welche das Urteil der Geschichte feststellen muss. Er zeigt, nicht bloss für, unsere Zeit, worauf es ankommt; Nicht Pracht, sondern schöne Schlichtheit, nicht Grösse, sondern Innerlichkeit, modern aber * jüdisch, klein genug, um das Bruderschaftsgefühl nicht zu vernichten, und so, dass Ernst und über weltliche Freude sich ergänzen. Hoffentlich gibt die im Entstehen begriffene Kunst des jüdischen Palästina zu solchem erdgeborenen neuen Synagogenstil Anregung! Dann hätte das grosse Unglück vom 10. November 1938 wenigstens eine, wenn auch kleine gute Folge! Wandbemalung der Scheunensynagoge Unterlimpurg 'f;*; * * %: \ miM .foy.v -* MrnM Die alte Synagoge zu Dresden (nach einem Stich) ■y\ A Die Scheunensynagoge in Bechho fen (S. A. links unten) Neue Synagoge in Breslau ■N * ' WM mm* *5^ •"Ä Mauersims über dem Thoraschrein aus der alten Synagoge zu Nürnberg Die Erfurter Synagoge im Jahre 1357 (nach einem Stich in der Chronik des Ratsmeisters Friese)