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Israelitischer Reichs-Bote · 1882-09-08 · 36 (8.9.1882) · p. [Seite]

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Journal
Israelitischer Reichs-Bote
Volume
8 (1882)
Issue
36 (8.9.1882)
Date
1882-09-08
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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der gütige Vater, der das Leben seiner Kinder will, erhalten! Keinen hat er übersehen und unbeschützt gelassen! ״Singet dem Herrn, seine Frommen, huldigt seinem heiligen Andenken. Denn nur ein Augenblick währt sein Zorn — aber seine Gnade das ganze Leben hindurch! Des Abends kehrt Weinen ein, des Morgens Jubel!, 'Ps. 30,5,6.?,לעברך 122׳ damit du hältst den Bund Gottes! (nicht עבר übertreten) durch das Halten, durch das Hindurchschreiten des Bundes werdet ihr vor dem Fluche, (der der Sidrah voransteht), bewahrt und erhalten! Welche Güte, welches Erbarmen Gottes tritt uns aus allem diesem entgegen! Der da bewahrt die Gnade bis in's tausendste Geschlecht ועשה חסד לאלפים aber der Sünde bis in's dritte und vierte Geschlecht ahndet פקד עון א2ות על 2נ\ם על שלשים 2 ־ועל ר2עים. B. M. 20,5. Der dem Sünder den Weg zur Befferung vorbehält, und auf jede Weise ihm den Weg der Besserung, den Pfad des Lebens zeigt! Als sich Israel bei dem goldnen Kalbe versündigt hatte, und von dem zürnenden, strafenden himmlischen Richter mit Ausrottung bestraft werden sollte, da warf sich Moses vor Gott hin und sprach: ״Herr hast du nicht mir ganz allein das Gebot אנכי ד" אלקיך ausgesprochen? Du sagtest: Ich bin der Ewige, Dein Gott! Mir allein ist die Einheit Gottes empfohlen worden, — du hast es ihnen nicht gesagt, um bei Versündigung gegen deine Einheit ihnen den Weg zur Befferung aufzubewahren!" Und dem Volke ward verziehen! Job. 33,14 ff. ״Führwahr einmal offenbart sich Gott und zweimal —man beachtet es nicht!Im Traume ist es im nächtlichen Gesicht, wenn tiefster Schlaf auf Menschen sinkt, im Schlummer auf der Lagerstätte! Da öffnet er des Menschen Ohr, vereitelt thörichtes Beginnen, um böse Thal vom Menschen zu entfernen, und trotziges Sinnen, Menschen noch unbekarlnt! Zu wahren seine Seele vor Verderben, sein Leben in's Geschoß zu laufen! Er wird gezüchtigt durch Schmerzenslager, wenn seine Glieder alle noch so stark, — dem Grabe nähert sich seine Seele, dem Todesengel schon sein Leben — dann wohl erbarmt er sich sein!" Ps. 103,13. ״Wie ein Vater sich der Kinder erbarmt, erbarmt sich der Ewige seiner Flüchtigen!" Und was ist der mächtige Schvpharton, der uns am Feste zur Buße und Rückkehr zu Gott ermahnt, was ist er Anders als ein göttliches Zeichen der Liebe und des Erbarmens! O, mögen wir ihn ganz verstehen: אשרי־ העם יודעי־ תרעה ד״ באר עמך-־יהלכו ן Ps. 89. ״Heil dem Volke, das den Posaunenklang versteht. Ewiger im Lichte deines Angesichtes wandeln sie! Ps. 47,6. עלה אלקים כתרועה ד״ בקול שופר ״Gott steigt auf unter Jubelklang, der Ewige unter Posaunenschall!" Drei Arten von Posaunenklängen giebt es, wie die oben geschilderten drei Wege zur Buße: Mund, Herz, That! Der erste, einfache Ton תקיעה, ruft selbst den Frommen zu: Jes. 58: ״Es verlasse der Frevler seinen Weg, der Sünder seine Gedanken und kehre zurück zu Gott, der sich seiner erbarmen wird!" Der zweite Ton, ist תרועה, Lärmblasen, ruft zur Zerknirschung und Trauer wegen der Sünde: Jerem. 31. ״Nachdem ich zurückgekehrt bin, ward ich getröstet!" Und der dritte, תקיעה, soll den Vorsatz befestigen, daß man nicht mehr sündigt und spricht, Hos. 14,4. ״Wir wollen nicht mehr unser Händewerk unfern Gott nennen!" Der erste Ton entspricht dem Munde, der Aufforderung zur Buße, der zweite, der Reue, der Zerknirschung, und der dritte der Ausübung der That! ,Ln deinem Munde und in deinem Herzen, es auszuführen!" O, möge fortwährend eine solche Buße in uns ihre Früchte tragen. Mögen wir fortwährend auf Mund, Herz und That gewiffenhaft achten. Fortwährende Achtsamkeit aus unfern Lebensweg, fortwährend mit Gebet und Reue und gutes Wirken unfern Gott um Gnade und Verzeihung angefleht, das ist Israel dein Schutz! Wie auch die heutige Haphtora sagt: Ueber deine Mauern, Jeruschalajim habe ich Wächter bestellt, den ganzenjTag und die ganze Nacht sollen sie nimmer schweigen; die ihr den Ewigen erinnert, keine Ruhe sei euch! Und lasset auch ihm keine Ruhe, bis er gegründet und macht Jeruschalijim zum Ruhme auf Erden! Ziehet, ziehet durch die Thore, räumet den Weg des Volkes, bahnet die Bahn, reinigt sie von Steinen, erhöhet ein Panier für die Völker! Siehe der Ewige verkündet bis an das Ende! Sprechet zur Tochter Zions: Siehe deine Hülfe kommt, siehe, sein Lohn ist mit ihm, und seine Vergeltung vor ihm. Und man wird sie nennen: Heiliges Volk, Erlöste des Ewigen, und dich wird man nennen Gesuchte, die nicht verlassene Stadt. אמרו לבת-ציון־ הנה ישעך בא הנה שכרו אתו ופעלתו לפניו: Fnmkfirrt a. M. Wir bringen hiermit den Auszug aus der umfangreichen Eingabe des Anwaltes Dr. Carl Eötvös an den Minister des Innern, in Betreff des 14 jährigen Moritz Scharff, welcher sich noch in Zeugenhaft befindet. Wir wiesen in der vorigen Nummer uns. Bl. auf dieses Protokoll hin, können aber nur den Inhalt desselben kurz reseriren. Die Eingabe schildert, daß am 19. Mai 1882, als das Ehepaar Scharff verhaftet wurde auch der 14 jährige Moriz, obgleich er über das Verschwinden der Esther Solymossy nichts zu wissen erklärte, dennoch, trotzdem gegen ihn — ein noch nicht 14 Jahre altes schwächliches Kind — keinerlei Verdachtsgründe obwalteten, in Haft genommen wurde. Darauf werden die verschiedenen Thatsachen angeführt, aus denen sich ergiebt, daß man einen Gerichtsschreiber mitschickte, welcher' die angebliche Ordre hatte, den Knaben vorMißhandlungen zu schützen. Die Eingabe erinnert daran, daß die Comitats-Sicherheits - Commissäre, wie zahlreiche Strafprocesse aus jüngster Zeit beweisen, wenn sie Häftlinge zum Geständniß bringen wollen, zu foltern pflegen. So hat jüngst ein Sicherheits- Comissar einen achtzehnjährigen jungen Menschen, zum Verhör bei den Füßen aufgehängt. Der Gefolterte starb während dieses Verhörs. Ein zweiter Sicherheits-Commissär hatte eine Frau die sich später als unschuldig erwies, mit zusammengebundenen Füßen über ein Feuer gestellt. Darauf werden die Thatsachen aufgestellt, die ein ähnliches an Moritz Scharff ausgeführtes Verfahren durchblicken lassen. Das ermüdete Kind übernachtete am Tage der Inhaftnahme seiner Eltern in dem Hause des Sicherheitscommissars. Um zwei Uhr Nachts wurde das geängstete Kind verhört. Ungesetzliche Mittel sind vom Untersuchungsgericht angewendet um das Kind von jedem Fremden abzuschließen. Abscheu gegen Eltern, Religion, Glaubensgenossen werden auf jede Weise in ihm erweckt. Der Bericht setzt weiter auseinander, auf welche Weife das Untersuchungsgericht die Verhaftung des Knaben mit dem angeblichen Haß seiner Glaubensgenossen motivirte, und seine Aktenstücke in judenfeindlichen Journalen veröffenlichte. Moritz Scharff sei nach ungarischem Gesetze wegen seines Alters noch nicht zur Zeugenaussage fähig, und war überdies berechtigt, in einer gegen seine Eltern gesuchte Rechtssache sich jedes Zeugnisses zu enthalten. Bon dem Allen nahm das Untersuchnngsgericht keine Notiz, und hat durch sein Maßnehmen eine unhaltbare Situation zwischen den Eltern und dem Kinde geschaffen. Im Namen der Humanität protestirt der Vertheidiaer gegen das unmenschliche Verfahren dem Knaben gegenüber, der gegenwärtig im Comitats- Hause ebenso als Häftling anzusehen ist, wie während der drei im Gefängnisse zugebrachten Monate. Um dem Vorwände zu begegnen, daß diese Eingabe etwa eine Beeinflussung des jungen Moriz Scharff zum Endziele habe, wird der Minister des Innern gebeten, einen Beamten seines Ressorts zu ernennen, welcher den Knaben von der Szaboleser Comitatsbehörde übernehmen, denselben in irgend einem Waisenhause oder dem Kinderasyl der Hauptstadt unterbringen soll. Erst nach Abschluß des gegenwärtigen Untersuchungsverfahrens gegen die beschuldigten Eltern, eventuell nach beendeter Schluß-Verhandlung, beanspruchen die Eltern wieder das gesetzlich ihnen zustehende Verfügungsrecht über ihr Kind. (Der brave Vertheidiger Dr. Eötvos mag wohl eiu Verwandter des hochherzigen, auch für die Juden so freundlich gesinnten ungarischen Patrioten und Ministers Eötvos sein? R.) — Auch die Solymossy hat sich bereits die Dramatisirung!gefallen lassen müssen. Im Budapester Sommertheater im Stadtwäldchen gelangte vor Kurzem zum ersten Male die Gelegenheitsposse mit Gesang: "Wo ist die Esther?" (״Wo ist die Katzd") zur Aufführung. Red. — In Elbe-Kosteletz sind Placate judenfeindlichen Inhalts entdeckt worden. Gegen den dortigen Schneider Anton Lasek, der am 8. Mai gedroht hatte, sämmtliche Juden todtzuschlagen, fand beim Strafgerichte die Verhandlung wegen öffentlicher Gewaltthätigkeit statt. Der Gerichtshof verurtheilte ihn zu drei Monaten schweren Kerkers. — Csernatony führt im ״Ellenör" aus, daß die ehemaligen Emigriten heute beschämt vor dem Auslande da stehen, welchem sie die Freiheitsliebe und religiöse Toleranz der ungarischen Nation gepriesen haben. Das Ausland sieht nun verwundert, wie in Ungarn eine ganze Confession wegen eines Verbrech ens angeklagt wird, bei welchem keineswegs die Möglichkeit ausgeschlossen ist, daß Andere als die ursprünglich Beschuldigten auf die Anklagebank kommen. — Wir bringen zu der Tisza-Eszlarer Affaire noch eine Nachschrift, aus der hervorgeht, daß endlich das Mitgefühl für die armen unschuldigen Eszlaer Juden erwacht ist, unb ihnen Recht widerfahren wird, wenn auch spät. Graf Palffy hat in Folge der Schilderung der traurigen Verhältnisse in welchen sich die verhafteten Israeliten in Tisza-Eszlar befinden, 1 0 00 Fl. dem Ober-Staats- Anwalt Kozma zu dem Behufe übersendet, die Nothlage der Häftlinge nach Thunlichkeit zu verbessern. — Der Knabe Moritz Scharff wird in Folge Entscheidung des Ministeriums des Innern nach Pest gebracht, um bis zur Beendigung der Verhandlung in der Tisza-Eszlaer Affaire 'in einem hauptstädtischen Humanitäts-Institut untergebracht zu werden. — In der Tisza-Eszlaer Affaire ist Ober-Staatsanwalt Kozma nach Nyiregyhaza abgereist. An Stelle des zurückgetretenen Staatsanwalts Egressy-Nagy wird Emerich Havas als Staatsanwalt im Budapester Comitat eingesetzt werden. — Der Sedanstag ward auch hier jüdischerseits nicht ohne Feierlichkeit vorübergehen gelassen. Die Synago genwaren alle gedrängt voll, die Predigten recht begeisternd. Herr Rabbiner Hirsch sprach eine volle Stunde; man wünschte allgemein, daß Herr Rabbiner Hirsch die Rede im Druck erscheinen lasten möge. In den jüd. Lehranstalten wurde ebenfalls das Sedansest gefeiert. Im isr. Waisenhause für Knaben fand schon am Freitag Nachmittag eine Feier des Tage statt, bei welcher Herr Dr. Speier, der Leiter der Anstalt, eine erhebende Ansprache hielt. Die anwesenden Knaben schauten gar munter und im heiteren Lebensfrohsinn darein, und schenkten der Rede ungetheilte Aufmerksamkeit. — Der Synagogenrath zu Rotterdam hat beschloffen, nachdem die Herren Dr. Rahmer, Dr. Kroner und Dr. Grün Probepredigten gehalten, die Rabbinerstelle nochmals auszuschreiben. Hierdurch ist die Rabbinerwahl, die schon am 9 Juli stattsinden sollte, aufgeschoben. Herr Dr. Rahmer hat, nachdem die Wahl nicht zur bestimmten Frist stattgefunden hatte, kurz nachher bereits seine Candidatur zurückgezogen. — In Altengronau wurde ^vergangene Woche eine Jüdin von Mittelsinn beerdigt, die das seltene Alter von 105 Jahren erreichte. - Die ultramontane ״Nassovia" in Wiesbaden erläßt die Einladung zu einer Versammlung ״chr istlicher Handwerker" mit der Bemerkung ״Juden und Advocaten sind ausgeschlossen!" Die Versammlung wird indeß nicht zu Stande kommen, da die Socialdemokraten mit Ausschluß ^er chrfftlichen Reformawren, eine Versammlung abhielten, unter dem Vorsitz der christlich-socialen Aposteln Schneider und Schuhmachermeister Kaiser. Diese Versammlung schloß mit der überaus wichtigen Resolution: ״Da uns durch Gesetz nicht gestattet ist, die hier in Frage kommenden Punkte der Tagesordnung von unserem (socialdemokratischen) Standpunkte aus zu discutiren, zo sehenwir von einer weiteren Behandlung derselben ab." — (Das Grab der Wittwe des Philoophen Mendelssohn.) In auswärtigen Blätlern las man in letzterer Zeit, daß die Wittwe des Philosophen Mendelssohn an der Seite ihres Gatten auf einem der israelitischen Friedhöfe Berlins ruhen olle. Diese Mittheilung ist eine irrthümliche. Die Ueberreste der Großmutter des bedeutenden Komponisten Mendelssohn - Bartholdy ruhen in Altona auf dem Friedhofe der hochdeutschen Jsraeliten-Gemeinde. Bor einigen Jahren wurde das einfache Grab auf Veranlassung der Familie Mendelssohn- Bartholdy mit einer Einfriedigung versehen; seitdem ist wenig für die Ruhestätte geschehen, auf welcher Gras und Unkraut wuchert. Der Grabstein trägt die Nummer 584, und befindet sich fast am nordwestlichen Winkel des nahezu 300 Jahre alten umfangreichen Friedhofes. Während auf der Vorderseite sich hebräische Worte befinden, trägt die Rückseite folgende erst in neuerer Zeit eingefügte Inschrift: ״Hier ruht Frau Fromet geb. Gugenheim, Wittwe Moses Mendelsfohn's geb. am 2. Oktober 5498 (1738), gest. am 15. März 5572 (1808). München. Von Rußland kommend, trafen vor einigen Tagen ca. 800 Personen (Israeliten), meist junge Burschen und Mädchen mit Kindern, hier ein, die Abends die Reise nach Paris sortsetzten. Die Reisenden beabsichtigen sich in Frankreich niederzulaffen. — Man schreibt aus Stuttgart, daß eine große Anzahl Rußischer Israeliten dort eingetroffen, welche alle auf Kosten des Baron von Rothschild nach Paris befördert werden. Äayreirth. Herr Kapellmeister Levi ist hier, wie verlautet zum Christenthum übergetreten. (Wenn wir nicht irren, ist der betreffendeHerr aus Gießen. Redaktton.)

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