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Israelitischer Reichs-Bote · 1882-08-25 · 34 (25.8.1882) · p. [Seite]

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Journal
Israelitischer Reichs-Bote
Volume
8 (1882)
Issue
34 (25.8.1882)
Date
1882-08-25
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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( f t Willst du dich vor diesem Allen zurückhalten, Herr? willst du dich dabei ruhig verhalten, und uns betrüben?" — Ja, ein merkwürdiges Schauspiel! Leset die Blätter der Statistik, leset sie und zählet die Tausenden der zerstreuten Israels in aller Herren Länder! Ein Hauch trieb sie dahin, ein Stzlrmwind sauste, und sie verflogen, die Blätter der Sinnpflanze, in alle Welt! Aber der Stamm, die Religion, sie blieb! Spr. Sal. 18,10. ״Der Name des Herrn ist eine starke Burg! Die Gerechten fliehen zu ihr, und werden gerettet!" ״Vertraut auf den Ewigen für immer: denn in dem Ewigen ist immerwährend Kraft" Jes. 26.4. Gott, die Religion, die heilige Religion Israels ist kein schwaches, vor jedem Hauch zitterndes Blatt — nein, sie hat alle Stürme, alle Kämpfe, auch die schrecklichsten überstanden. Und durch sie, durch diesen festen Stamm wird die schwache Sinnpflanze Israel befestigt und wieder hergestellt werden! Jes. 60,21. Dein Volk, allesammt gerecht, sollen ewig das Land besitzen, eine Pflanzung meiner Pflanzung, ein Werk meiner Hände, daß ich verherrlicht werde! Israel ist ein schwaches Sinngewächs, immerfort aufgeregt, immerfort umstürmt, immerfort ruh- und rastlos! Nur in Gott, in der heiligen Religion findet es Schutz und Frieden! Es naht die heilige Zeit heran, wo die Zerstreuten Israels sich allerorten in einem Punkte versanuneln, wo die zarte Sinnpflanze ihre Blätter zusammenlegt, und in Frieden und Ruhe einige süße kostbare Augenblicke mit ihrem Herrn ganz und gar versöhnt, das Glück des Friedens genießt.!Die Tage der Buße, die עשרת ימי תשובה beginnen in Kurzem und fordern uns auf Frieden mit Gott und unseren Nebenmenschen zu schließen, damit wir ganz, und rein und vollkommen unser Versöhnungswerk begehen können, und vor Gott gerechtfertigt werden! ״ ראש השנהHaupt des Jahres" heißt der heilige kommende Tag nicht nur weil er der erste von allen Tagen des Jahres anfangende ist, sondern weil an ihm das Hauptwerk der Versöhnung und des Friedens mit Gott und der Welt, wahre, offene, aufrichtige Buße erfolgen soll! Spr. Sal. 28. ״Wer seine Vergehungen verheimlicht wird nicht glücklich sein, wer sie bekennt und dann unterläßt, erhält Begnadigung!" Jecheskel?18, ״Werfet von euch alle eure Sünden und schaffet euch ein neues Herz, und einen neuen Sinn. Denn ich habe keinen Wohlgefallen am Tode des schnivrg "Sterbenden, spricht Gott der Herr, so bekehrt euch, und lebet. Ja, lebet! lebet ein wahrhaft, frommes, religiöses, vollkommen glückliches Leben. Sehet dieses glückliche Leben aber nicht in den zeitlichen, von irdischen Glücksgütern gesegnetem Leben, wie es der verblendete Acher that, sondern wie es sein Verwandter der Rabbi Jakob that, ״in dem ewigen Leben," in dem heilverkündeten Leben der Religion! למעויאריכון ימיך damit sich dein ewiges Leben verlängere! Wählet das ה״ם עולת das ewige Leben, und nicht das ה״ם שעה das Leben einer Stunde, das flüchtig vorübergehende Leben der Erde. Und ״eure Wonne sei in der Lehre Gottes, der Religion Israels, damit ihr seid wie ein Baum am Wasserbache gepflanzt, der Früchte bringt zu seiner Zeit, und dessen Blatt nicht verwelkt, und Alles was ihr thut gelingt! Auf, daß ihr nicht seid wie der Frevler, der wie Streu vor dem Winde davonfliegt." Pf. 1. O, möge sich vereint, liebevoll in wahrer Versöhnung Israel vor seinem Gotte versammeln, und durch wahre vollkommene Buße seinen Gott verehren, und verherrlichen! Dann wird der Herr schützend seine Arme ausbreiten, und die herrliche Zeit herankommen lassen, von welcher der hochbegeisterte Prophet in der heutigen Haphtoravorlejung so schön singt: In der Fluth -er Wuth verbarg ich mein Angesicht einen Augenblick vor dir, aber mit ewiger Gnade erbarme ich mich dein! spricht der Ewige und dein Erlöser. Denn die Berge mögen weichen und die Hügel wanken; doch meine Gnade wird von dir nicht weichen, und der Bund meines Friedens nicht wanken, spricht dein Erbarmer, der Ewige!" Die Ginweihimg dev Synagoge zu Krühi. (Unlieb verspätet Red.) Als ein Zeichen des guten Einvernehmens, welches in der Stadt Brühl zwischen den verschiedenen Konfessionen herrscht, konnte man es betrachten, wenn man den Fahnenschmuck sah, der allgemein angebracht war zur Feier der Einweihung der Synagoge daselbst. Zwar feierte dieselbe speciell nur die kleine, 165 Seelen zählende israelitische Gemeinde, um so erfreulicher aber war die große Theilnahme der Andersgläubigen, welche in diesem Festschmuck ihren Ausdruck fand. Einfach und schlicht, in maurischem Stil ausgeführt, ringsum frei, erhebt sich das Bet- Haus, durch ein Eisengitter gegen die Straße hin abgeschlossen. Sein Inneres, dem durch farbige Fenstern ein wohlthuend aus die Augen wirkendes Licht zugeführt wird, enthält im Hintergründe die durch einen reichen Vorhang dem Blicke entzogene Bundeslade, vor dieser den Almemor, Bänke für Kinder und Stühle für die Männer; die Frauen haben ihre Sitze auf einem im vorder!: Theile der Synagoge errichteten Aufbau; in diesem ist ein Schulsaal angelegt, in welchem man mit der Zeit d.ie israelitischen Kinder, die jetzt die Gemeindeschule besuchen, unterrichten lassen will. Ein schöner vielarmiger Kronleuchter und Armleuchter an den Wänden dienen dem Betsaale zur Zierde. Während gegen 41/2 Uhr in dem alten Betsaale an der Uhlstraße ein Gottesdienst abgehalten wurde, versammelten sich die Theilnehmer an dem Festzuge auf der Straße und nahmen folgende Aufstellung: Voran Festordner und ein Musikkorps, die Schulkinder, Knaben mit Fähnchen, weißgekleidete Mädchen und Jungfrauen, j Blumen und Guirlanden tragend, die Schlüffelträ- I gerin, den vergoldeten Schlüssel auf weißseidenem Kissen tragend, der Rabbiner Herr I)r. Frank aus Köln, umgeben von den Thora-Trägern, die Ehrengäste, Herr Bürgermeister Martini, Vertreter der Kölner Synagogen-Gemeinde, Mitglieder der katholischen und evangelischen Gemeinde, der Vorstand und die Repräsentanten der Synagogen-Gemeinde, die theilnehmenden Damen und Herren. Um fünf Uhr nach beendigtem Gottesdienste setzte sich der Festzug unter den Klängen der Musik durch die Uhlstraße über den Markt, die Köln- und Schützenstraße nach der neuen Synagoge in Bewegung. Vor dieser wurde Halt gemacht. Nachdem die Musikcapelle einen Choral gespielt, überreichte die Schlüsselträgerin Fräulein Mannes, unter einer poetischen Ansprache den Schlüssel dem Bürgermeister der Stadt. Herr Bürgermeister Martini richtete nun von den Stufen der Synagoge herab eine Ansprache an die Versammelten, ans welcher wir Folgendes hervorheben: Die Brühler israelitische Gemeinde habe bisher ihren kirchlichen Bedürfnissen in einem Betzimmer genügen müssen, in einem Raume, der auch die allerbescheidensten Ansprüche nicht zu befriedigen vermocht habe. Der Wunsch, hierin Wandlung eintreten zu sehen, sei demnach natürlich; er habe zu dem Projekte geführt, ein neues, der Gemeinde würdiges Gotteshaus zu errichten. Bei den geringen Mitteln der Gemeinde, welche aüK nur 28 Familien mit 165 Seelen bestehe, sei die gestellte Aufgabe eine schwierige gewesen. Um so eifriger sei aber die Ansammlung eines Vaufonds in die Hand genommen worden; :freiwillige Beiträge hätten den Baufond wesentlich verstärkt; hervorzuheben sei, daß der durch seine humanen Bestrebungen bekannte Kölner Männer -Gesang -Verein dem Fonds eine ansehnliche Summe als Ertrag eines zu diesem Zwecke am 11. September 1871 in Brühl veranstalteten Konzertes zugewendet und daß die Zivilgemeinde das Unternehinen ihrer israelitischen Bürger seit einer Reihe von Jahren mit einem wesentlichen jährlichen Beitrage unterstützt habe. Nachdem unter dem 10. Juli 1875 die israelitische Gemeinde, Dank dem Wohlwollen der königlichen Behörden, die Rechte einer juristischen Person erhalten habe, fei dieselbe im Jahre 1876 zur Erwerbung des Baugrundstückes übergegangen Der von Herrn Kommunalbaumeister Müller von Deutz entworfene Bauplan habe die Zustimmung der Gemeinde gefunden. Endlich im vergangenen Jahre sei es möglich geworden, mit dem Van zu beginnen; am 14. September sei der Grundstein gelegt worden. Dank dem anerkennenswerthen Eifer des Synagogenvorstandes, sowie der umsichtigen Bauleitung und der rüstigen Thätigkeit des Bauunternehmers und der mit ihm verbundenen Bauhandtverker, sei der Bau heute soweit gediehen, daß er seiner erhabenen Bestimmung übergeben werden könne. Ohne Festklänge habe der Tag der Einweihung, der sich für die israelitische Gemeinde zu einem Ehrentage gestalte, nicht vorübergehen können. Die Stadt habe heute ihr Festgewand angezogen, Freunde seien von Nah und Fern herbeigeeilt, den Ehrentag mitzubegehen; Protestanten und Katholiken hätten sich mit Israeliten vereint, dieses Haus Gott, dem Gott der Juden und Christen, zu weihen. Mit erhobener Stimme schloß der Redner sodann mit den Worten: ״Geehrte israelitische Mitbürger! Als Vertreter der Stadt Brühl beglückwünsche ich Sie von Herzen zur Vollendung Ihres neuen Gotteshauses; möge es Ihnen reichen Segen bringen, reichen Segen für Familie und Gemeinde!" Herr Bürgermeister Martini übergab hieraus den Schlüssel an den Herrn Rabbiner, welcher die Thüre öffnete, und den Theilnehmenden voran in die Synagoge trat. Bei dem großen Andrange von Festtheilnehmern und Schaulustigen dauerte es lange, bis die Menge in dem Gotteshause Platz genommen. Bald war dasselbe bis auf das letzte Plätzchen besetzt und mancher, der aus der Umgegend gekommen war, um der gottesdienstlichen Handlung anzuwohnen, mußte draußen bleiben. Der feierliche Weihe-Act nahm nun seinen Anfang. Nachdem die Thora-Rollen dreimal um den Almemor getragen worden, übergab der Rabbiner dieselben der Bundeslade. Dann hielt I)r. Frank die Festpredigt, es. war eine auf die wichtige Feier bezügliche meisterhafte Rede, welche jeden Anwesenden tief ergreifen mußte. Der Predigt schloß sich ein Gebet für den Kaiser und das kaiserliche Haus an. Der Gesang-Chor stimmte die mächtig auf die Zuhörer wirkenden schönen hebräischen :nehrstimmigen Gesänge an. Darauf nahm die Feier mit einem Schlußgesang ihr Ende. Auf den Bau der neuen Synagoge und deren Ein- Achtung wurden wurden 20 000 M. verwandt, die Baustelle kostet 1703 M. Der Grundstein zu der Synagoge wurde am 13. September 1881 gelegt. Leider gestattet es uns der Raum nicht, näherauf diese Rede einzugehen (wahrscheinlich wird dieselbe im Druck erscheinen), aber mächtig bewegt und angezogen waren Alle, darunter auch die zahlreichen Nicht-Jsraeliten, von den erhebenden Worten. Es gebe Augenblicke in: menschlichen Leben, — so begann der Rabbiner — welche so mächtig auf das Seelenleben des Menschen einwirkten, daß wir uns der ir-׳ difchen Gegenwart gleichsam entrückt, daß wir die ׳ Nähe des allmächtigen Gottes zu verspüren glaubten. Ein solcher Moment sei der gegenwärtige, wo die Gemeinde u!:d eine überaus zahlreiche. Festverfammlung bereit sei, der Einweihung eines neuen Gotteshaufes beizmvohnen. Ob man dem allgegenwärtigen Gott wohl ein Haus bauen könne 4 dem Gott, den man in der ganzen Natur jeden Augenblick anzubeten Gelegenheit habe? Ja, es muffe ein Gott geweihtes Verfammlungshaus geben, wohin sich bie Andächtigen begeben, alle menschlichen Gedanken zurücklassend und nur dem Schöpfer sich widmend. Zur Weihe eines solchen neuen Verfammlungshauses sei er berufen. Die rituale Handlung wolle er vollziehen, aber die eigentliche Weihe könne er dem Hause nicht geben; die Weihe müsse es durch die Gemeindeglieder selbst erhalten, nämlich durch den Gott wohlgefälligen Wandel derselben. Er verglich sodann die Synagoge u:it der im Traume von dem Patriarchen Jakob gesehenen Himmelsleiter, auf deren obersten Sprosse Gott sta!:d, auf der untersten der Mensch und Engel den Verkehr mit dem Allmächtigen vermittelten. Im weiteren Verlauf der trefflichen Rede, deren hebräische Eitate von dem Redner auch jedesmal in's Deutsche übersetzt wurden, wies derselbe daraus hin, daß wie um den Tempel in Jerusalem sich die Priester, die Leviten und Israeliten versammelten, so auch in der Jetztzeit das jüdische Volk in Parteien geschieden fei. ~ Die Ultraorlhodoxen, ^welche ohne RiMicht^M1fT)L!n.fort^ schreicmden "Zeitgeist an dem Alten festhielten, welche mehr an dem Worte wie an dem Wesen der Religion hingen, die dieselbe auf den Lippen aber nicht ünmer im Herzen trügen, in denen daher auch kein warmreligiöses Leben pulsire — die Reformirten, welche als die Kinder der Jetztzeit alles Althergebrachte verwürfen, die, wie man in früherer Zeit das Gebilde von Menschenhand als Götter angsbetet, nun die glänzenden Geistesgaben der Menschen mehr verehrten wie Gott, die die Geschöpfe priesen ohne an de!: Schöpfer zu denken, die die Natur und ihre Kräfte über Alles stellten und den Schöpfer der Natur darüber vergäßen! Zwischen beiden aber stehe, das Gute hier erhaltend, das Belebende und Erhebende dorthin tragend — zu denen, die doch nicht in der Lage seien, eine zustimmende Antwort geben zu können, ivenn man sie früge ob sie, zurückkehrend aus den glänzenden Gesellschaften und gelehrten Versammlu!:gen, auch die in!:ere Genugthuung, die man nur im Gotteshause finde, in sich trügen — zwischen diesen stehe die konservative Par- Lei in versöhnender Weise. * Alle aber bildeten, trotz der Gegensätze, die Gemeinde, die in ihrer Gesammtheit im Versammlungshause Gott verehre und um Erhörung ihrer Gebete anflehe. Denselben Gott, den alle Kultur - Geschöpfe anbeten, denn in allen Religionen würden dieselben herrlichen jüdischen Psalmen, wie sie zu Zeiten der Könige entstanden, auch heute noch gesungen rc. rc. Mit herzlichen Dankes- Worten an Alle, welche zur Vollendung des schönen Gotteshauses beigetragen, besonders an den Herrn Bürgermeister, der keine Mühe und Opfer gescheut, das Werk zu fördern, schloß der Redner. Dieser die Einweihungsfeierlichkeit schildernde Bericht giebt ein den Hergang derselben getreu darstellendes Bild derselben, welches von dem Herausgeber d. Bl., welcher der Feierlichkeit, wie schon in voriger N. d. Bl. berichteten, beiwohnte, un d auch auf Wunsch des Vorstehers als Vorbeter in der alten Synagoge, das מנתה Gebet vortrug durch, einige interessante Einzelheiten illuftrirt werden soll. Schon in der vorigen N. d. Bl. wiesen wir darauf hin, welche Sabbathverletzung sich viele der am Feste Theilnehmenden zu Schulden kommen ließen, indem sie gleich nach Beendigung der Festrede theils vermittels Fuhrwerk, theils auch, was nicht ׳־׳^ 4'=■ I ■

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