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Israelitischer Reichs-Bote · 1882-08-25 · 34 (25.8.1882) · p. [Seite]

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Journal
Israelitischer Reichs-Bote
Volume
8 (1882)
Issue
34 (25.8.1882)
Date
1882-08-25
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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minder unerlaubt, bei Wegen von mehrstündiger Länge, zu Fuß, den Heimweg antraten. Es spiegelt sich in diesem traurigen Vorfälle, die allgemeine religiöse Lockerkeit und Lauheit unserer Zeit. Es wäre, in Anbetracht dieses Umstandes, zu wünschen, daß Synagogeneinweihungen auf andere Tage, etwa Mittwoch od. Donnerstag verlegt würden, um nicht durch so nahe Verbindung mit קבלת שבת Anlaß zum חלול zu geben, was auch deshalb zu empfehlen ist, weil manche kleine Gemeinde, dadurch, daß Mitglieder das Fest besuchen, ohne מנין ist. (Schluß folgt.) ^^Vi'r bringen diese Worte, ohne den Sinn und die von derbekannten konservativen resp. Breslauer Biehtung ihr beigelegten Bodentung zu theilen. Ked. FrrNtkfiri't 11+ M. Wir berichteten kürzlich, daß das große Bankhaus Ignaz Ephrussy seine Geschäfte in Odessa zu liquidiren und die Stad: zu verlassen gedenkt. Wir bemerken hierzu nun noch Folgendes. ״Diese Tage" sagt der russische Israelit (Ruski Evrei) nach den: Odeski Listok hat das Bankhaus Ignaz Ephrussy u. Comp, seinen Agenten ein Circular geschickt, dieselben informirend, daß von 1. bis 13. Juli ab es seine Geschäfte in Odessa liquidiren und seinen Geschästssitz in's Ausland verlegen will. Das Bankhaus Ephrussy u. Comp, existirt in Odessa seit 1834; sein Umsatz im Geldgeschäft erhebt sich auf Hunderte Millionen Rubel pro Jahr; dieses Haus erfreut sich einer großen Berühmtheit und der besten Reputation, nicht nur in Rußland sondern überall im Auslande. Man giebt folgende Umstände an, welche die Liquidation veranlaßt haben sollen: Vor einigen Jahren, während der antisemitischen Unruhen in Odessa, verhaftete man viele Juden vor einem israelitischen Bet- Hause, die Einen als Theilhaber an dem Streite mit den Christen, die Anderen als Zeugen des Vorfalles. Unter den letzteren befand sich ein Greis, welcher 10 Stunden lang auf dem Polizeibureau festgehalten ward, ohne ihm die geringste Nahrung zukommen zu lassen. Dieser Greis war der Banquier der Stadt Joachim Ephrussy. Nach diesem unglücklichen Ereignisie begab sich I. Ephrussy in's Ausland, und sein Sohn setzte mit Hülfe seiner Neffen das Geschäft des Vaters fort. Die Unglücksfälle von :Elisabethgrad, Odessa, Kiew, und andren russischen Städte, welche im letzten Jahre statt hatten und welchem diesem Jahre von denjenigen inBalta, Dossbassa-ry,Alexandria und andren, gefolgt wurden haben Ephrussy bestimmt, Odessa zu verlaßen. Die Entfernung dieses angesehenen Bankhauses ist ein wahres Unglück für den russischen Handel. Die Russen sind nicht zufrieden; aber an wem liegt die Schuld? Sie ernten nur, was sie gesät haben. — (Lotterie eigenthümlich er Art.) L. Platschek, bürgerlicher Hausbesitzer in Kolin, vertheilte aus Anlaß seiner Uebersiedlung nach Wien an 60 katholische u. 30 israelitische Arme 90 Loose, welche sämmtlich mit Treffern bedacht waren, und zwar entfielen 1 Haupttreffer mit 50 fl-, 1 Treffer mit 20 fl., 2 Treffer mit I0fl., 8 Treffer mit 5 fl., 10 Treffer mit 2 sl., 32 Treffer mit 1 fl., 36 Treffer mit 50 kr. — Für die bevorstehenden hohen Feiertage ist um Ueberfüllung zu vermeiden, eine Vergrößerung des alten, sowohl wie neuen Tempels in Wien vorgenommen. Im Leopoldstätter Tempel werden zwei Nothstiegen und mehrere Nothausgänge, sowie Ventilations-Vorrichtungen hergestellt und die Ausgänge derart umgestallet, daß sie sich nach Außen öffnen. — Es existirt hier ein, aus mehreren angesehenen Männern bestehender Verein Mr Erforschung jüdischer Alterthümer. Derselbe läßt gegenwärtig die Inschriften sämmtlicher מצבות aufdem alten בית הקבורת am Judenmauer gelegen copiren. Herr Horowitz, ein rühmlichst bekannter Schriftgelehrter früher Herausgeber einer jüdischen Monatsschrift, ist mit dem Abschreiben beauftragt; Anfangs hieß es, es׳ seien nur circa 6000 Grabsteine, wie es sich jetzt herausgestellt hat, sollen es noch über 7000 sein. Dennoch soll es in der Möglichkeit liegen, sämmtliche Inschriften noch vor den hohen Feiertagen abgeschrieben zu erhalten. — 20. August. Die Parole, welche von hoher Seite hinsichtlich der bevorstehenden Abgeordneten- Haus-Wahlen gegeben ist, indem nach Aeußerung des Fürsten Bismarck nicht mehr das sogenannte antifortschrittliche und antisemitische Comitö die Leitung der Wahlen im conserv ativen Sinne übernehmen soll, hat nun auch den berüchteten Dr. Henrici sein längstverdientes Schicksal erreichen lassen. Der von seiner Partei so hoch erhabene Volksredner, den in einer kürzlich abgehaltenen Volksversammlung der Wunsch ausgesprochen ward, daß er als Gegengift vul^o Ratzengift gegen Eugen Richter in's Abgeordnetenhaus gewählt werden möchte, wird nun von dem hochkonservativen und antisemitischen ״Reichsboten" in heftiger Weise angegriffen, und moralisch vernichtet. Es war das vorauszusehen. Eine dauerhafte Freundschaft und Verbindung ist in jenen Regionen unmöglich. Führen wir aus der längeren Polemik des ״ReichsboteiG contra Dr. Henrici Folgendes an: ״Wir haben uns früher schon wiederholt entschieden gegen die leidenschaftliche Art, wie Herr Di׳. Henrici eine so ernste, wichtige Sache, wie die Judenfrage, behandelt, ausgesprochen; nachgerade haben wir es aber hier nicht mehr blos mit einer aus jugendlichem Eifer erklärbaren Leidenschaftlichkeit, sondern mit einem gefährlichen Fanatismus zu thun, der leicht die Volksmassen zu Ausbrüchen sortreißen kann, welche nicht blos die Juden, sondern diese Volksmassen selbst ins Unglück stürzen und eine Blutschuld auf unser Volk wälzen könnten. Dem muß mit aller Euergie entgegengetrcten werden. Wo soll es hinführen, wenn Herr Dr. Henrici in einer solchen Volksversammlung in die durch seine Worte aufgeregte Menge hineinruft: In der Judenfrage giebt es kein zu viel — und die Masse dann unter seiner Billigung schreit: ״Juden raus!" oder wenn er selbst ruft: ״Wir werden nicht eher ruhen, bis der letzte Jude mit seinem Bündel über die deutsche Grenze ist! - Hierauf folgt ein Ausbruch der Entrüstung über die Unverfrorenheit und Blasphemie nüt welcher Dr. H. biblische Persönlichkeiten herabwürdigte. Abraham war schon früher in einer Rede desselben beleidigt, es erfolgte eben auf Vorhalten des "Reichsboten" eine Berichtigung. Nun aber wird Joseph als Kornwucherer hingestellt, Moses ein Wechselbalg genannt! Welche Geschichtsverdrehung. (Als ob Dr. H. auf den Namen eines Historikers Anspruch machen könnte. R.) Der ״Reichsbote" fährt darauf fort: ״Wer bibliche Personen von der Bedeutung eines Moses, des Mittlers des alten Bundes, auch für die christliche Religion in dieser rohen Weise beschimpft, der hat damit das Recht verwirkt, die Judenpresse über ihre Angriffe auf! die Heiligthümer des christlichen Volkes zu tadeln, der ist selbst auf ihre Stufe hinab gestiegen. Josepf ein Korn- Wucherer! Herr Henrici hat, wenn wir nicht irren, selbst in einer Versammlung unsere preußischen Könige, namentlich Friedrich II. gelobt, daß sie Kornmagazine anlegten, um in Zeiten des Bedürfnisses dem Volke Brotfrüchte zu soliden Preisen abgeben zu können, und hat sogar die Wiederherstellung solcher öffentlichen Magazine auch für unsere Zeit gegenüber dem Kornwucher verlangt. Und weil Joseph schon in so früher Zeit, wo bei dem Mangel an Verkehrs- Mitteln, welcher jedes Land auf sich selbst anwies, das Bedürfniß zu solchen Maßregeln viel größer war wie jetzt, dieselbe seinem König anrieth — deshalb soll er ein Korn- Wucherer gewesen sein? Und das soll historische Auffassung sein? Nein, das ist ebenso blinder Fanatismus, als das Geschrei: ״Juden raus!" Gegen diese Art, die Judenfrag e zu behandeln, muß vom christlichen, sittlichen, humanen, wie vom Standtpunkte der nationalen Ehre Deutschlands protestirt werden. Oder sollen wir in Berlin den Juden gegenüber erleben, was man in Rußland den Juden und in Egypten den Christen gegenüber erlebt hat?" — Der Bau der Gemeinde-Synagoge am Judenmarkte geht seiner Vollendung entgegen und dürfte in architektonischer Beziehung den monumentalen Gebäuden unsrer Stadt würdig angereiht werden. — Diese Stätte soll der Liturgie, welche vor etwa 190 0 Jahren von den Männern der großen Synode s. A. ("אנשי כנסת הגדולה") angeordnet und seitdem von dem gesetzestreuen Judenthume bindend angenommen wurde, vollständigst gewidmet bleiben und wäre es, dieser hochheil'gen Bestimmung gemäß, wünschenswerth, daß wie bei dem Baue von Außen, geschehen, auch keinerlei W erkth ätigkeit im Innern (בצנעת) am שבת קדש vorgenommen werden würde: לפי שאדם צריך לצאת ידי הבריות כדרך שצריך לצאת ידי המקום (שקלים פ׳ג, מ׳ב׳) — 22. August. Das Verbesserungswesen in Betreff der hiesigen sowohl der größeren, wie kleineren Synagogen ist im erfreulichen Aufleben, und ein sehr reges. Wir berichten über dasselbe lausend. Die Mitglieder der ״Löb-Reißstiftung," die bisher in einem sehr beschränkten Lokale in einem der Hauptgemeinde angehörigen Raume ihre Gebetversammlung abhielt, hat nun ein anderes Haus Nr. 32, Judenmauer, welches ihr von der Gemeinde zur Verfügung gestellt ward, bezogen. Herr Samuel Strauße (Rentner) ließ dasselbe aus seine eigene Kosten einrichten. Die sich an dem Stifte betheiligenden Mitglieder sind abgesehen davon, daß sich einige frühere Mitglieder an andere Gesellschaften angeschlossen haben, dieselben geblieben. Präcis 5*/2 Uhr begann das הנוך. Herr Landsberger, amtirender חון der Stiftung hielt eine entsprechende,fromm empfundene Ansprache, in welcher er die wohlthätigen Spender Für das Stift gedachte. Hierauf sprach Herr Rabb. Dr. Horovitz, und erging sich besonders in einer Betrachtung über die Wichtigkeit auch der kleineren, besonderen Gebetslokale und Stiftungen, welches er an einem schönen Gleichnisse aus dem Midrasch bewies. I Auf diese erhebende Ansprache wurden einige Psalmen abgelesen, worauf Herr Strauß das מנחה Gebet mit tiefer Andacht verrichtete. Alle Anwesenden beteten inbrünstig, durch diese fromme Empfindüng des als בן תודה bekannten Vorbeters angeregt, mit. —׳Auch an der hiesigen Reformsynagoge sind bedeutende Veränderungen vorgenommen worden, so daß die Besucher desselben bei der Wiedereröffnung zu den hohen Feiertagen über das vielfach veränderte Innere nicht wenig erstaunt sein werden; auch sind zum rascheren u. sicheren Erreichen der Treppen bei ausbrechendem Feuer eine Anzahl Sessel weggenommen — neue Ausgänge aber nicht geschaffen worden. — 22. August. Unlängst wurde in Galizien, in einer der ältesten Gemeinden dieses Landes, ein .בד מצוד Knabe nach Vollendung der religiösen Ceremonie zum דב ernannt. Wir haben bis jetzt noch Nichts von dem Wirken, und der religiösen Thätigkeit desselben gehört. — Ein anderer ebenso seltener Fall entnehmen wir der Londoner ״Jew i sh W orld" dieselbe theilt nämlich mit: ״Am vergangenen Sabbath ist ein kleiner Knabe Friedrich Salomon, Sohn des Rev. B. Spiers Dajan, in seinem 7. Lebensjahre zu מפמיד aufgerufen worden, und hat mit lauter Stimme die ,הפמדד sehr correkt vorgetragen. — Die ״ Jewisb World" bringt ferner eine Reihe Nachrichten aus Frankfurt a. M. worunter auch die Affäre Bernstein Bonn, die letztere jedoch in entstellter Weise. Wir rathen dem gesch. Blatte, unsere Notiz in No. 31 — 32 uns. Bl. vom 11 August aufmerksam zu lesen. — Die von einem hies. Tageblatte gebrachte Nachricht, daß die Synagoge der isr. Religionssellschaft, Schützenstraße, eine bauliche Vergrößerung erhalten sollte, beschränkt sich darauf, daß die rituelle Badeanstalt ders. vergrößert wird. — Der hier vor Kurzem hochbetagt verstorbene Herr Jakob Kopp, welcher der Stadt Offenbach a. M. seinem füheren Wohnsitze letzwillig mit einem Legat von 600 Mark Zu wohlthätigen Zwecken bedachte, war nach der Frankfurter Zeitung zugegangener Mittheilung, der erste, der die Erzeugung fertiger Herrenkleider auf Fabrikmäßigem Wege in Deutschland eingeführt hat. Selbst in England und Frankreich befand sich vor der 1827 eröffnete Eonsektwusfabrik.Kopps nochOkeine derartige Industrie. Die Franks. Zeit, knüpft daran die Worte: Das Andenken eines Mannes, der in der deutschen Industrie die Bahn zu einem so bedeutenden Fortschritte gebrochen hat, und der auf ein halbes Jahrhundert ehrenvoller industrieller Thätigkeit zurückblicken konnte, verdient gewiß in der Geschichte der deutschen Gewerbe erwähnt zu werden. Prag, 19. Aug. Der Grundbesitzer Cuba aus einem Dorfe bei Beraun ist wegen Aeußerung, ״ daß die Juden Prügel kriegen müssen wie in Rußland u. s. w. vom Gerichtshof zu 14 Tagen verschärftem Arrest, verurtheilt worden. Kemberg. Der hies. Gemeinderath hat das Gesuch des jüd. Hauseigenthümers Kronik um Verleihung des Bürgerrechtes mit dem Hinweis auf die den Christen allein zukommenden städtischen Stiftungen, abgelehnt. — Aus Szenicz, in Ungarn, wird berichtet, daß die schon vor einiger Zeit ausgebrochenen Unruhen sich verstärkt wieder eingestellt haben. Am letzten Samstag (12. d,) Nachts wurden in Szenicz dem Wirthe Griinstein die Fenster eingeschlagen, und als derselbe vor das Haus eilte, wurde ein Schuß gegen ihn abgefeuert. Aber erst Donnerstag, also fünf Tage später, wurde über den Unfall ein Protocoll ausgenommen, und auch dies wäre nicht geschehen, wenn sich nicht inzwichen ein noch ärgerer Exceß ereignet hätte. In dem benachbarten Marktflecken Szobotiszt nämlich brachen am Marktlage in der Nacht 11 Uhr wie auf Eommando Unruhen aus, die Fenster der Häuser in denen Juden wohnten, wurden eingeschlagen, und als die Bewohner derselben schreckerfüllt hinauseilten, wurden sie thätlich angegriffen. Ein Israelit, Namens Schröter, wurde durch einen Pistolenschuß an der Seite verwundet. Niemand stand den bedrängten Leuten bei, als der Qrtsrichter, ein Mitglied der seit 50 Jahren dort seßhaften aus Hannover eingewanderten sogenannten Habaner-Colonie. Erst um 4 Uhr Morgens erschienen sechs Panduren welche vom Stuhlrichter abgeordnet waren, schlaftrunken in Begleitung des Ortsnotars auf dem Schauplatze der Excesse, nachdem schon die Fenster aller Wohnungen jüdischer Familien eingeschlagen waren. Es ist noch Schlimmeres für die Zukunft zu befürchten.

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