Israelitischer Reichs-Bote
- Journal
- Israelitischer Reichs-Bote
- Volume
- 8 (1882)
- Issue
- I./II. Beilage zum Israelitischen Reichs-Boten Nr. 29 & 30.
- Date
- 1882-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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\ II. Beilage!um Israelin scheu Reichs-Boten Nr. 29 K 30. Der dieswöchentlichen Ausgabe des ״Israelitischen Neichs-Boten" liegen 2 Beilagen bei, da wir in Folge einer schon längeren Zeit anhaltenden Kränklichkeit auf Anrathen des Arztes einige Zeit die Landlust aufzusuchen benöthigt sind, und uns während dieser Zeit jeder Thätigkeit enthalten müssen. Die nächste Nr. des Bl. wird am 11. k. Mts. erscheinen. Die ausfallenden Nummern sollen durch spätere Doppelnummern ersetzt werden. Unsere geneigten Leser wollen unsere Entschuldigung günstig ausnehmen. Hochachtungsvoll Der Herausgeber. Frankfurt a. M., im Juli. Das reiche Amerikanische Judenthum sieht sich genöthigt, einen Aufruf um Unterstützung an die Bewohner dieses Landes ohne Unterschied der Confeffion zu erlassen. Man veranschlagt, daß zur Unterbringung der 8000 Flüchtlinge, welche soweit schon hier eingetroffen sind, etwa eine Viertel Million Dollars nöthig sein werde. Eine Anzahl russischer Jsraeliten, die sich hier zu keiner Arbeit bequemen wollten, siud bereits nach Europa zurückgeschickt worden und man beabsichtigt in Zukunft bei ähnlichen Fällen in gleicher Weise aufs Entschiedenste vorzugehen. - Die ״Magd. Ztg." berichtet: ״Das hiesige Centralcomits für jüdische Auswanderer aus Rußland hat nach Eydtkuhnen (der russischen Grenze) das Ersuchen gerichtet, keine russischen Auswanderer nach Deutschland weiter zu befördern, sondern mit allen zulässigen Mitteln nach Rußland zurückzusenden. Dieses Ersuchen ruht auf Nachrichten aus England und Amerika. In amerikanischen Handelsstädten sollen Tausende von Auswanderern existenzlos liegen und von allen Mitteln zur Rückkehr entblößt sein. Auch in Hamburg beginnt bereits die Rücksendung dortiger Ankömmlinge. Das Comitb in Eydtkuhnen bleibt nach wie vor thätig, obschon es Denen, welche Mittel zur Reise haben, nur abrathen kann. In Rußland waltet ohnehin ...1) ivgttüfff's Abgang ein etwas milderes Regiiite." — Vor Kurzem berichtete die unter Leitung des Herrn v. Sacher-Masoch in Leipzig erscheinende Zeitschrift ״Auf der Höhe" darüber, daß ein in Berlin gewesener Chinese sein Befremden darüber aussprach, daß es noch Antisemiten giebt in Deutschland, da in China die Juden jede Duldung genössen. Nun berichtet man auch vom Cape Town, Südspitze Afrikas, daß der Major von Cape Town, Wm. Flenning, in Abwesenheit der Geistlichen der verschiedenen Confessionen dem aus seinem Amte scheidenden Rabbiner Joel Rabinowitz im Namen der Stadt eine Adresse überreichte, in der es heißt: ״Hochwürdiger und verehrter Herr! Ihr bevorstehender Abgang aus Cape Town, nachdem Sie länger als 23 Jahre unter uns geweilt, bietet Ihren Mitbürgern aller Confessionen die Gelegenheit, den Eifer und die Wirksamkeit, die Sie im Dienste des Gemeinwohls der Stadt und der Humanität bewiesen haben, in das Gedächtniß zurückzurufen. Ihr Herz war stets offen dem Nothruf des Armen, des Leidenden und Gebeugten, und mit Aufopferung waren Sie bemüht, überall Trost und Hülfe zu spenden. Sie haben sich stets zur rechten Zeit und mit tiefem Verständniß der menschlichen Natur an die Wohlhabenden und Wohlwollenden gewendet und ihnen gezeigt, wie sie von dem Ueberfluß, mit dem sie Gott gesegnet, den Dürftigen helfen können. Der Segen Gottes ist Ihnen, hochwürdiger und verehrter Herr Rabbiner — dessen sind wir gewiß — hinlängliche Belohnung für alle Ihre Mühen. Jndeß als Ihre Mitbürger beanspruchen wir das Vorrecht, Ihnen nebst dieser Adresse eine Börse überreichen zu dürfen, aus deren Inhalt Sie sich ein geeignetes Andenken kaufen mögen, das Ihnen zum Andenken unserer Hochachtung vor Ihnen und Ihres langen und ehrenvollen Weckens unter uns dienen soll." Die mit kalligraphischer Kunst ausgefertigte Adresse war von allen Notabilitäten Cape Towns unterzeichnet. Mainz, 18. Juli. Trotzdem die Verhältniste in Rußland sich günstiger gestalten, wird auch die Colonisation Palästinas nicht vermachlässigt. Von den bereits in Palästina, resp. Türkei sich befindlichen Auswandern soll via. Konstantinopel eine mit ca. 700 Unterschriften versehene Zuschrift an Herrn Dr. Lehmann in Mainz eingegangen sein, worin derselbe gebeten wird, er möge sobald als thunlich veranlassen, daß eine Anzahl zuverlässiger Rabbiner und Volkslehrer sich an die Spitze der Auswanderer stelle. Schreiber dieses theilt mit, daß Herr Rabbiner Dr. Lehmann selbst die Absicht habe, sich in Palästina ansässig zu machen. (Wir halten das für ganz natürlich, da die Einwanderer nach Palästina gewiß fromme Führer bedürfen. Wenn wir in der Gelegenheit wären, ein ähnliches Anerbieten annehmen zu könneu, so würden wir nicht unterlassen, es zu thun. Redaction). Aus WestPhaLen. Dem Jahresbericht des Vereins' israelitischer Elementarlehrer für Westphalen und Rheinprovinz, entnehmen wir folgende Mittheilungen. Der Verein hielt eine General- Versammlung in Münster und feierte unter allgemeinen Kundgebungen von Theilnahme und Sympathie sein 25jähriges Bestehen. Nach § 3 der Statuten wurden mehrere Ehrenmitglieder ernannt, wie die Eheleute N. Simons in Neuß, welche gelegentlich ihrer goldenen Hochzeit dem Verein 300 Mark spendeten. Ehrenmitglieder zählt der Verein 9, ordentliche 53. Die Einnahme von 1881 beläuft sich auf 5534,18 Mark, die Ausgabe 2927 Mark, außer den Unterstützungen, welche dem Ergebnisse von 1880 entnommen wurden. Der Rest beträgt 4491,73 Mark. Laut § 13 der Statuten kommt hiervon die Hälfte zur Vertheilung. Der Verein unterstützt gegenwärtig 9' Familien. Das Gesammtvermögen betrug den 1. Januar 1882 44,401 Mark. ' Aus Iserlohn wird uns die allen israel. Gemeinden empfehlenswerthe Handlungsweise der dortigen Gemeinde!berichtigt, die ihrem nach langen Jahren treuer Wirksamkeit in den Privatstand zurückgetretenen Lehrer Herrn Ohlenberg eine jährliche Pension von 900 Mark bewilligt hat, d. h. über die Hälfte seines bezogenen Lehrergehaltes, während sie gesetzmäßig nur zu einer Pension von 1/s des früheren Gehaltes verpflichtet war. Leider werden oft Lehrer nach treuer, langjähriger Dienstleistung ohne irgendwelche Pension Seitens rücksichtsloser Gemeinden entlassen, weil das Gesetz nur jene Lehrer schützt, die an öffentlichen Schulen wirken. Es ist daher jüdischen Lehrern, die nicht an öffentlichen Schulen wirken, zu rathen, zu Zeiten einem Unterstützungsvereine für Lehrer sich anzuschließen/ Wien. In der Stimmung der zu Brody angesammelten israelitischen Flüchtlinge ist insofern ein radikaler Umschwung eingetreten, als früher Alle nur zur Auswanderung nach Amerika drängten; jetzt aber dies Amerikasieber fast ganz erloschen ist, weil die Briefe der dorthin Beförderten nur von dem verzweiflungsvollsten Elende zu melden wissen und den Zurückgebliebenen dringend rathen, sich um jeden Preis den Rückweg nach Rußland offen zu halten. ״Ich schreibe auch nicht mit Tinte, sondern mit Thränen, und schreibe auch blos einen kleinen Theil dessen, was ich leide, um auch nicht allzutraurig zu stimmen — heißt es in einer solchen Correspondenz - Land kriegen wir nicht einmal sür Geld, wir werden nach dem äußersten Westen geschafft, um dort für ein paar Dollars Schweine zu hüten und Kühe zu melken." Pest. Aus Papa wird gemeldet: Vicegespan Vaghelyi wurde in der Nacht vom 6. auf den 7. d. mit Steinen beworfen. Gestern sind zwei Rädelsführer verhaftet worden, nachdem abermals, trotz starker Patrouillen, in mehreren Häusern die Fenster eingeschlagen wurden. Man hofft, daß die Regierung Militär nach der Stadt beordern werde. Ein Israelit, Herr Toch, der durch das Bombardement einen großen Schaden erlitt, hat am 3. d. sämmtliche Arbeiter, ohne Unterschied der Confession, 60 an der Zahl, an den Bürgermeister gewiesen, damit jener ihnen Arbeit gebe. Erst als ihm der Bürgermeister eine specielle Patrouille vor seiner Fabrik zusagte, entschloß er sich, die 60 Arbeiter, wovon die Hälfte Juden und Familienväter sind, wieder aufzunehmen. VicegespanVaghelyi, ein sehr energischer Mann, hat nunmehr umfassende Vorkehrungen getroffen. Budapest. Eine neue Erfindung Judenfeindlicher Blätter, daß der reformirte Geistliche Tatag von polnischen Juden ermordet sei, reducirt sich auf den Umstand, daß derselbe von zwei Wanderburschen, Christen, nach dem Wege, welcher nach Agram führt, gefragt worden ist. Zur Zudenhetze Ln Ungarn. Ueber die Wühlereien in Tyrnau entnehmen wir der Preßburger Zeitung, daß dieselben im Anfänge zumeist von durchgefallenen Gymnasiasten ausgingen, welche an jüdische Wohnungen Galgen und Dolche malten oder Aufschriften anbrachten, deren Tenor auf die humane Einladung hinauslief: ״Schlagt die Juden todt!" Wohnungen wurden demolirt. Das energische Auftreten des Gymnasialdirectors trug viel dazu bei, daß die jungen Leute wieder Ruhe hielten. Nun übernahmen die Rolle der Studenten mehrere in Tyrnau ansässige Gewerbetreibende, namentlich aber ihre Gesellen und Lehrbuben. Wie bei allen solchen Gelegen- Hecken, schloß sich ihnen das Proletariat willig an, das bei einer Judenhetze nichts zu verlieren und nur zu gewinnen hätte. Es wurden in slovakischer Sprache verfaßte Placate vorgefunden, die unorthographisch und auf schmutziges Papier geschrieben waren. Als Titel stand auf diesen Placaten mit dicken Buchstaben ״Ohlas“ (Kundmachung) geschrieben. Darunter standen die Sätze: ״Auf, Freunde, Christen, gegen die Inden! Duldet nicht weiter das Joch. Greift zum Beile, zur Sense und kommt uns zu Hilfe!" Als Unterfchrift findet sich ein unleserliches Gekritzel vor. Durch Panduren-Garnison, Aufsicht des bei Tyrnau manövrirenden Militärs ist dergleichen Fällen nun vorgebeugt worden, auch Borsorge dafür getroffen, daß sich in die Stadt kein überflüssiges Proletariat einschleiche. Notorische Landstreicher werden für die Dauer der Märkte vorsichtshalber hinter Schloß und Riegel gesetzt. Das Stuhlrichteramt hat den Bewohnern der nächst Tyrnau gelegenen Dörfer die Eröffnung gemacht, daß im Falle von Störungen der öffentlichen Ordnung die betreffende Gemeinde mit strafweisen Militär-Einquartierungen bestraft wird, und gegen die Aufwiegler specielle strenge Untersuchungen eingeleitet werden. Man berichtet aus Brody: Der hier weilende Herr Veneziani, ist von Früh bis Abends beschäftigt und bemüht, Unterstützungen zu vertheilen. Das Comitv läßt in seinem Aufträge und für seine Rechnung wöchentlich ein halbes Pfund Fleisch per Kopf an alle Flüchtlinge vertheilen. Er' hat sich rasch zu einer großen Actiou entschlossen, indem er eine hier seit lange leerstehende Flachsspinnerei um den Preis von 11,500 st. aus eigenen Mitteln ankaufte und mit einem Kostenaufwand von weiteren 10.000 fl.^derart, Herrichten läßtH daß darin mehr aH3(X)0' Persvt^n'ein gutes Asyl finden werden. Herr Veneziani wußcr sich in kurzer Zeit die wärmsten Sympathien aller Bewohner Brodys und die Verehrung aller unglücklichen Emigranten zu gewinnen. Paris, 30. Juni. Das Pariser Consistorium hat mit den Gemeindedelegirten, Herrn Lambert, Picart, Cohen und Frank über die Nachfolge des verstorbenen Rabbinatsassessors Lazard berathen, und ist nunmehr David Hagenau, Rabbiner von Lüneville, zum Rabbinatsassessor von Paris ernannt worden, in zweiter Linie Israel Levy, (graduirter Ober-Rabbiner). Die Funktion des Letzteren wird wohl die Vertretung des Ober- Rabbiners und die Oberleitung des jüdischen Religionsunterrichts sein. (Der jüdische Religions- Unterricht soll nach dem neuen Gesetze aus den Schulen verbannt werden). Aus Rußland. Abgesehen von einigen Nachwehen der früheren Verfolgung, ist für die Juden mit dem neuen Ministerium des Innern ein günstiger Umschwung eiugetreten. Ausgewanderte kehren zurück, und die Grenzbehörde ist angehalten, ihnen keine Schwierigkeit entgegen zu stellen. Auch können fortan Beschädigte und Verletzte binnen 2 Monaten sich um Schadenersatz an die Ortsbehörde wenden. Verhaftungen und Bestrafung der Excedenten in der Judenverfolgung werden fortwährend noch vorgenommen und zeigt sich hier auch die Eigenthünckichkeit des russischen Charakters aus jeder Gelegenheit einen Gelderwerb zn machen. Ein reicher russischer Gutsbesitzer soll für Straflosigkeit in dieser Angelegenheit 10,000 Rubel angeboten haben. Zwei Anstifter von Verfolgungen sind vor Kurzem in Balta zum Tode verurtheilt worden. Seit Beginn der Verfolgung sind übersichtlicher Beurtheilung zufolge 160,000 Personen aus Rußland ausgewandert, dieselben können nun aus Brody und anderwärts in Sicherheit nach der verlassenen Heimath zurückkehren.׳ Petersburg. Am 19. Juni zog ein Leichenzug gefolgt von außerordentlichem Gefolge durch unsere Straßen. Moritz Brandys, Israelit, Veamter am Handelstribunal, wurde im Alter von 26 Jahren zur Gruft getragen. Von außergewöhnlicher Intelligenz und großer Bildung, nahm Brandys großen Antheil an unserer Journalistik, ohne irgendwie Ruhm zu suchen. Seine Bürgerpflichten gingen ihm über Alles. Jede edle Idee förderte er, und ließ es nie an gutem Willen,