Israelitischer Reichs-Bote
- Journal
- Israelitischer Reichs-Bote
- Volume
- 8 (1882)
- Issue
- I./II. Beilage zum Israelitischen Reichs-Boten Nr. 29 & 30.
- Date
- 1882-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ausdauer, Muth, wenn es für das geliebte Vaterland zu handeln galt, fehlen! Möge ihm daher die Erde des geliebten Landes leicht fein! Petersburg. Das Domänenministerium hat etwa 1820 jüdische Familien, welche durch Bernachläfsigung des Ackerbaues u. s. w. den Gemeinden zur Last fallen, aus den Judencolonien ausgeschieden. Kalifch. In Folge des Refcriptes des ruffischen Ministers des Innern Grafen Tolstoi, daß mit Energie gegen nachlässige Beamte in der Judenfrage verfahren werden solle, kehren viele ausgewanderte Juden aber hier zurück. Odessa. Der Chef des hies. ersten Bank- Hanfes I. Ephrufsi und Comp., Herr Ignaz Ephrufsi, will fein Geschäft hier liquidiren, und nach Wien oder Mainz (oder Bonn?) ziehen, um fein Geschäft dort zu vergrößern. Das Geschäft existirte hier schon feit einem halben Jahrhundert. (Emigration aus Rußland.) Man meldet uns aus Konstantinopel: Das hiesige israelilitifche Comits hat in der vergangenen Woche eine größere Anzahl russischer Juden nach Salonichi,. Smyrna, Brussa und Rodosto transportiren lassen. Die türkischen Behörden der genannten Städte nahmen die Flüchtlinge in humaner Weise auf und sorgten für deren Jnstallirung. Der Bali von Brussa, Achmed Vefik Pascha, betheiligte sich persönlich an der Unterbringung der jüdischen Hand- Werker, ließ sie mit Werkzeugen versehen und verschaffte ihnen Arbeit für mehrere Monate. Pinsk. (Gouvernement Minsk). Kürzlich war der orthodoxe Bischof des Gouvernements Minsk hier, und hielt zwei Predigten in den Kirchen der Stadt, in welchen er den Christen durch gutgefaßte und gefühlte Worte auseinandersetzte, welche schwere Sünde auf Denjenigen fällt, der die Juden Unrecht thut. ״Derjenige," sagt er. ״welcher einen Gewaltakt gegen die Juden begeht, ist nicht des Namens Orthodoxer würdig. Seine Eminenz reiste durch das ganze Gouverncment, überall Mitleid gegen die Juden predigend. Es begaben sich die Repräsentanten der hiesigen jüdischen Elite zu Seiner Eminenz, um ihr für die friedliche Vermittlung zu danken. Seine Eminenz erklärte, daß er stets die Juden vertheidigt. kabe, und sie auch nach Kräften vertheidig-MrveffMW/ bat dre^Getvmmrnm^ihre- Brüder zu beruhigen. Im Namen aller Israeliten der Stadt Pinsk, drücke ich Sr. Eminenz noch einmal unfern aufruijUgeu Dank aus, für die humanen Gesinnungen, welche sie den Juden bewiesen. L o u r i 6. Edelmuth eines Bauern. Von der kleinen Stadt Kryeki schreibt man: Am 6. Juni, genau eine Woche nach der Feuersbrunst, welche so viele Personen eines Daches und der Existenzmittel beraubte, kündete ein rother Schein am Horizonte uns die Feuersbrunst der kleinen, benachbarten Stadt Tedury an; eine Feuersbrunst, welche noch schrecklicher war, als die unsrige. Mehr als hundert Häuser, darunter drei Synagogen wurden der Raub der Flammen. Auch die Gesetzrollen sind verbrannt. Viele aus den Häusern gerettete Gegenstände verbrannten in den Straßen. Nur der kleinste unbedeutendste Stadttheil blieb erhalten. Die Beraubten bivouakirten auf dem Felde. Unsere Gemeinde sandte sofort 60 Pfund Brod und 20 Rubel an Geld. Ein mit Retten von jüdischen Häusern beschäftigter Bauer vernahm, daß sein Haus Gefahr liefe, zu verbrennen. ״Wie kann meine Gegenwart es retten?" erwiederte er kaltblütig, sein Rettungswerk fortsetzend. Die ganze Straße brannte ab, nur sein Haus blieb unversehrt! Aus Dankbarkeit für die Vorsehung verkaufte er eines seiner Getreidefelder zum halben Preise an einen der Abgebrannten, und vertheilte das erhaltene Geld unter die Verunglückten. Der Adelsmarschall des Distrikts W. Wirion sandte den abgebrannten Juden von Kryeki 25 Rubel und 50 Pfund Getreide, und die israel. Gemeinde von Kryeki stattete ihm dafür ihren Dank ab. Wien. (Unlieb verspätet.) Ergänzung unseres vor Kurzem ge-brachten Berichtes. Goldene Hochzeit des Ehepaares von Goldschmidt in Wien. Der zu Frankfurt a. M. 1803 geborene Ritter Moritz von Goldschmidt beging verflossene Woche das seltene Fest seiner goldenen Hochzeit. Seit 64 Jahren im Hause Rothschild, zuerst in Frankfurt, später in Wien thätig, schwang er sich bis zum Procuristen desselben empor. Seine vor fünfzig Jahren erfolgte Trauung mit seiner gegenwärtigen Gemahlin, geborenen Landauer, war eine der ersten, die im israelitischen Tembel in der Seitenstettengasse, durch Mann- "״irner und Sulzer vorgenommeu wurde. Herr v. Goldschmidt war auch lange Jahre Vorstands- Mitglied der israelitischen Cultnsgemeinde, bis er vor einigen Jahren aus Altersrücksichten zurücktrat; sein Sohn Julius Ritter v. Goldschmidt, folgte ihm in diesem Amte nach. Als Almosenier des Hauses Rothschild hat Herr v. Goldschmidt seinen Wohlthätigkeitssinn stets glänzend bewährt. Bereits am Abend vor der Hochzeit fand in der Goldschmidtffchen Vila zu Döbling ein Familienfest statt, bei dem, im vom Fr. Stoltze verfaßtes Festspiel zur Aufführung gelangte. Am nächsten Morgen, schon in frühester Stunde erschienen die greisen Gatten, an derselben Stelle des jüdischen Tempels in der Seitenstettengasse, wo sie vor fünfzig Jahren ihren Eheaund geschlossen, Nach Beendigung der religiösen Ceremonien versammelten sich alsdann die Fumilie und zahlreiche Freunde in einem Saale des Tempelgebäudes, wo der Cultusvorstand, die Vorstände der ״Alliance Jsraölite", des Blinden - Institutes und das Comitö des Taubstummen - Institutes, letzteres unter Führung der Baronitt Todesco und der Frau Stern, Gtückwunschadressen überreichten. Prediger Jellinek hielt eine Ansprache an das Jubelpaar und sprach zum Schluß einen Segen über dasselbe. Um 11 Uhr begab sich die Familie wieder in die Döblinger Villa und fand dort die sämmtlichen Räume mit den sinnigsten und duftigsten Geschenken überfüllt. Colossale Blumenspenden in reizendstem Arrangement, die ein glänzendes Zeugniß für unsere Gartenküustler lieferten, waren gesendet worden von Baronin Wiener, Baronin K'önigswarter, dem italienischeu Gesandten, Grafen Robilant, Fraö Friedländer, Herrn Sonnenthal, Banquier Dntschka, General - Director Sochor, Grafen und Gräfin Larisch, Herrn Landauer re. Freiherr Albert von Rothschild sendete eine Schüssel mit Blumenkorb ans massivem Gold mit der Inschrift: ״Meinem lieben Freunde Moritz Ritter v. Goldschmidt in dankbarer Erinnerung"; Freiherr Nathaniel v. Rothschild zwei prachtvolle Vasen mit Blumen; Herr v. Landauer eine große Vase aus Gold, Fanny Eßler eine kunstvoll ausgeführte Statuette, die berühmte Künstlerin selbst darstellend; Tilgner eine meisterhafte Statue der Jugend von seiner Künstlerhand; Frau Haizinger ihr Bild; Herr und Frau Gabillvn ein Album; .׳drr-Bruder des Gefeierten einen coloffalen Silberbecher, die Namen sämmtlicher Familien - Glieder enthaltend. Zu den sinnigsten Geschenken zählte ein Tisch mit den Photographien sämmtlicher Mitglieder der Familie ans Porzellan, gespendet von zwei Söhnen des Jubelpaares; ein Silbrrteller mit der Ansicht von Frankfurt. Zwei Oelgemälde freuten den Jubilar am meisten. Das eine stellt den Moment dar, in dem der Kurfürst von Hessen dem alten Anselm Meyer v. Rothschild sein Vermögen übergibt, das zweite die Rückgabe des anvertrauten Gutes; die Figuren auf beiden Bildern sind porträtähnlich. Allgemeine Bewunderung fand ein allerliebstes Gemälde, einen Theil der Familie darstellend, von der anmuthigen Enkelin Marie Goldschmidt mit künstlerischem Verständniß ausgeführt; eine niedliche Blumenfregatte, deren Wimpeln die Namen der Söhne, Töchter und Enkel enthielten re. Von Mittag an fuhren die Glückwunsch-Deputationen vor. Zuerst erschien der Bürgermeister von Wien, begleitet von den Gemeinderäthen Hauptmann und Wiener, und überreichte mit einer festlichen Ansprache die große goldene Salvator-Medaille. R. y. Goldschmidt dankte gerührt, er nenne sich mit Stolz einen Bürger von Wien und er übergebe diese Medaille seinen Kindern als theuersten Schatz. Mit Freude wies er auf seine Söhne und unter ihnen auf Denjenigen hin, der die Ehre habe, zu den Vertreteru der Gemeinde za zählen, und dort gewiß seine Pflicht erfüllen werde. Tann folgten Deputationen der Nordbahn, der Südbahn, des Hauses Rothschild. Alle brachten herzliche Wünsche dem glücklichen Paar. Daß das Jubelpaar diesen Anlaß nicht vorübergehen ließ, ohne seine Mildthätigkeit nach allen Seiten zu bewähren, braucht nicht erwähnt zu werden, auch spendete dasselbe unter Anderem für den Tempel in der Seiteustettengasse eine prachtvolle goldgestickte, blausammte Altardecke. Pest, in Wien. Vor einigen Tagen ereignete sich in dem ungarischen Städtchen Szenitz ein merkwürdiger Fall von Scheintod, der nicht verfehlte, in dem kleinen Erte lebhafte Sensation zu erregen. In dem Hause eines dortigen jüdischen Bürgers war eine bejahrte Frau auf den Tod erkrankt, das Eintreten der Katastrophe wurde stündlich erwartet. Die trauernde Familie berief in Erfüllung einer rituellen Pflicht mehrere Männer, welche an dem Lager der Todtkranken die Sterbegebete verrichten sollten. Die Kranke starb; der isr. Leichnam wurde ause in Strohlager gebettet, ihr zu Häupten das ״Seelenlicht" angezündet. Die Männer hatten sich in trauervollem Schweigen entfernt, nur zwei von ihnen blieben bei der Hingeschiedenen zurück, um die Todtenwache zu halten. So brachten sie die ganze Nacht an dem Lager der Todten zu, leise Gebete vor sich hinmurmelnd. Da, am frühen Morgen begann es sich plötzlich unter der schwarzen Decke, die über die Verstorben gebreitet war, erst leise, dann immer stärker zu regen, das Stroh raschelte unheimlich und mit einem Male stand vor den entsetzten Männern die Todtgeglaubte hoch aufgerichtet in den weißen Sterbegewändern, die verglasten Augen starr auf die Männer gerichtet. Ehe diese sich noch von ihrem Entsetzen erholen konnten, stieß die vom Tode Erwachte einen markerschütternden Schrei aus und sank ohnmächtig wieder auf das Lager zurück. Indessen erlangte sie bald wieder ihre volle Besinnung und die zu dem Begräbniß der Mutter telegraphisch herbeigerufenen Kinder fanden zu ihrer Freude die alte Frau bei bestem Wohlsein wieder. Dem Verein zur Hülfe der Auchtenden Juden. Seid'gegrüßt, Ihr edlen Freunde, Jud' und Christ, gesinnt zu Gott, Bilden eine Christgemeinde, Bruderhaß ist ihnen Spott. Dort in jenem finstern Norden, Wo man mordet, haßt und brennt, Da, wo Hausen wilde Horden, Wo der Mensch sich selbst verkennt: Dort verjagt man arme Juden, Raubt und brennt in ihren Buden; Doch bei uns, da lebt der Mann, Der den Menschen lieben kann. Eurer Namen großer Ruhm Sei für uns ein Heiligthum! Viel Vereine lieb' ich nicht, Doch der Eure strahlt in Licht. Lebet hoch! Ihr habt gefunden, Was in unfern Herzen glüht. Euch an Gottes Wort gebunden. Das im Leid den Menschen sieht! Hoch den edlen Männern allen, Werden Mensch und Gott gefallen, Der Verein, er spricht es laut, Wie man Lieb' und Tilgend baut-EM^^^ Breslau, 1^82. Steinmaim. Pest. (Ovation für Wahrmann.) Eine Deputation des Leopoldstädter Clubs überreichte dem Abgeordneten Wahrmann eine Beglückwünschnngs- Adresse, in welcher ihm der Club für sein Vorgehen Dank und Anerkennung ausspricht. Im Club-Locale liegt eine besondere Adresse auf, welche von den Leopoldstädter Wählern Wahrmann demnächst überreicht werden soll. Von der Einberufung einer Wählerversammlung wurde Umgang genommen. ,,Seit der Jstoczy-Wahrmann-Affaire im Ungarnischen P.n'lamentshause wurde Ersterer telegraphisch von mehreren Israeliten gefordert!" — Sind dieselben etwa Gläubiger? Allgemeines Bedauern fand Wahrmann, weil er, der halb blind ist, sich mit Jstoczy chlagen mußte. Warum hatte die Welt nicht eher Mitgefühl für Jstoczy, dem der Staar gestochen werden muß? Anfrage an Herrn Wahrmann. Wären Sie nicht etwa geneigt, ein Heirathsvermittlungs- Bureau zu errichten, um auch uns gleich der neugebackenen Frau Jstoczy durch ein Duell un- 1er die Haube zu bringen. (Jstoczy hatte sich eine Stunde vyr dem Duell noch rasch trauen lassen, um seine Kinder legitim zu machen. Die alten Jungfrauen von Budapest. Anm. d. R.) August, 4. Sabbath-Anfang 6 Uhr 20 Min. 5 ״. Sidra Ekew 1) (Psalmen 92, 75,) 5. Sabbath-Ausgang 8 Uhr 25 Min. 1) enthält: Die Verfolgung der göttlichen Lehre trägt Lohn in und mit sich. Der Rückblick auf die früheren Wohlthaten Gottes soll Muth und Vertrauen einflöesen für alle folgenden Zeiten. Warnungen gegen Uebermuth im Wohlstände, denn Gott allein ist der Urhoher alles Guten. Auch die Besitznahme des gelobten Landes hat Israel nicht der eigenen Gerechtigkeit — denn diese ist noch sehr unvollkommen — zuzuscbreiben; die verjagten Völkerschaften sind durch ihre eigenen Laster gefallen. — Frühere Begebenheiten werden, ins Gedächtniss zurückgerufen und die Hauptpflichten gegen Gott, Ehrfurcht und Liebe, die sich durch Befolgung seiner Lehren und durch ein liebevolles Verfahren gegen alle Menschen kund geben sollen,, werden daran geknüpft, aufs Neue eingeschärft und. ans Herz gelegt. Enthält 6 Gebote und 2 Verbote. Wir wünschen den 9 Ab gut zn fasten. Redaktion. Druck von Fr. Honsack. Frankfurt a. M.