Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 52 (25.12.1896)
- Date
- 1896-12-25
- Page
- Seite 863 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 52. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 863. geschleppten Sarg tanzten und trunkene Bewegungen machten. Ein starker Weindunst zog ihnen vorauf und wogte, fast Uebelkeit erregend, mit ihnen durch die Gasse, die der Zug beinahe in ihrer ganzen Breite einnahm. -Als Anführer desselben fungierte ein noch junger Mann mit häßlichen, durch die Trunkenheit noch widerwärtiger entstellten Zügen. Er ging barhaupt und trug einen Nelkenkranz auf dem fuchsroten Haar; auch sein Körper war mit starkriechenden Blumen bedeckt und sein langer Rausdegen, den er entblößt in der Rechten hielt, wie ein Thyrsusstab mit Epheu und Weinlaub umwunden. Geschrei und Gelächter erfüllte die Gasse; jeder sang oder brüllte aus eigene Hand vor sich hin und führte ab und zu mit dem Schwert einen Streich aus den Sarg, daß es schauerlich, wie dumpfe Akkordbegleitung des Todes, aus der Tiefe heraüfdröhnte. Der Anführer drehte sich jetzt um und rief: „Halt!" „Eine Rede halten, Gras Honsried," schrie es aus der Masse; — „ja. Re — Re — de halten," stammelte eine weinselige Stimme hinterdrein. Der Edelmann reckte die linke Hand aus und faßte den letzten Sprecher am Wamms. „Ja, Ihr sollt reden, Stotterhans," lachte er spöttisch, „und ich will die Pest kriegen, wenn der Wein nicht Eure Zunge ebenso leicht, wie Euren Bauch schwer gemacht hat, daß Ihr zehn Meßpriester mit Eurem Gewicht und Eurer Suade auswiegt." „Der Teufel hol's — le — beu und sau — sausen, so lang's geht," stotterte Hans Stockhard, unter der Hand des Grafen aus der Menge hervortaumelnd, die kreischend Beifall ries. Er schien sich kaum auf den Beinen zu halten und stützte sich gegen den Sarg, auf den er manchmal hinschwankte, doch im nötigen Augenblick von der Faust Honfrieds wieder aufgerissen wurde. Die Träger wollten ihre Bürde niederlassen, doch der letztere herrschte sie an und schrie: „Habt Ihr verfluchten Lohnknechte keine Achtung vor dem Allerheiligsten? Ich will Euch den Rücken mit Blumen geißeln!" Und er hieb ihnen mit der flachen Klinge über die Schultern, daß die Träger schleunigst den Sarg wieder auflüfteten und unter der Last keuchend stehen blieben. „Draus, Stotterhans, anfangen!" schrie er fort, „hat der Teufel Deine Zunge, Kerl?" „Anfängen!" brüllte die Menge, und der Ausgeforderte strich sich mit der einen Hand das lang über die Augen hängende Haar zurück, während die andere seinen Körper an dem Sargrand hin und her balanzierte, und begann mit lallender Zunge: „Da liegt Ku — Kunz Eppstein, — er soff — soff zu viel Wein —" „Er soff zu wenig vom Rest," unterbrach ihn eine Stimme, „und kriegte deshalb die Pest," und ein schallendes Gelächter lief umher, in das sich der Klang aneinander gestoßener Pokale und Weinkannen mischte. „Ihr seid ein schlechter Priester, wenn Ihr nicht ausfindig machen könnt, was man für gute Meßgebühr Rühmliches von dem Defuncten sagen kann," fiel Honfricd ein, „da, trinkt, Junker, vielleicht konnnt ans der Kanne ein Gedanke in Euer nüchternes Gehirn." Er hob ein goldenes Geschirr vom Boden und goß den Inhalt desselben in einen riesigen, ans blinkendem Metall geformten Stiefel, den er dem Patriziersohn bis an den Rand gefüllt an die Lippen nötigte und festhielt, bis dieser den Wein gurgelnd und hustend hinuntergewürgt hatte. „Das macht die Kehle geschmeidig," lachte er, „weiter, Stotterhans!" Der Junker wischte sich den roten Wein, der den Rand Überflossen und wie Blut von seinem Kinn herabträufelte, aus den Mundwinkeln und fuhr mit noch schwererer Zunge als zuvor fort: „Da liegt Ku — Kunz Eppstein, er starb bei — beim Wein, — ka — kann man rüh — rühmlich von ihm sagen, — er starb wie ein Schwein mit vo — vollem Magen, — wir wo — wollen ihn beklagen, — da liegt Ku — Kuuz Eppstein —" „Betrinken wollen wir uns ihm zu Ehren und sein Beispiel nachahmen," rief Graf Honfried, den Stiefel wieder füllend. „Da — da liegt Ku — Kunz Epp — Eppstein," lallte der Stotterhans, mit den Armen um sich greifend. „Wo liegt Kunz Eppstein, Junker?" schrie der Gras, dem ebenfalls der Wein mehr und mehr betäubend zu Kops stieg, „ich sehe ihn nicht. Du siehst mit vier Augen." Er wollte den Patrizier halten, gab ihm aber statt dessen einen Stoß mit der Faust gegen bie. Brust, daß jener das Gleichgewicht verlor und mit voller Kraft taumelnd auf den Sarg niederstürzte, der den Händen der Träger entglitt und auf die Erde fallend polternd auseinanderbrach. Und aus ihm, von den Fackeln blutig überstrahlt, rollte der tote Kuuz Eppstein aus den Leichentüchern hervor und kollerte mit stieren, geöffneten Augen vor die Füße des Edelmannes. Eine Sekunde wurde das wüste Geschrei still und selbst Graf Honsrieds Blick wich ernüchtert vor dem Schreckbild zurück. „Der Kerl glotzt mich an, als ob ich seine Schwester verführt hätte, und ich habe ihm nur seine Trude weggefischt," murmelte er. Dann glitt rvieder ein hämisches Lachen über seine rauschumdunsteten Züge. „Er ist gestraft dafür, daß er mich heute Morgen unter dem Bürgergesindel im Stich gelassen," rief er, „packt den Kadaver wieder ein und kommt. Wir wollen trinken!" Hier und dort. * Berlin, 2:;. Dezember. (Ein Druckfehler) in dem Artikel über die Vorstandswahl, den wir in voriger Nununer veröffentlicht haben, könnte den Anschein erwecken, als sei die Spitze der Glosse gegen Herrn Martin Simon gerichtet. Der Setzer läßt uns da lesen: „Charakteristisch ist eine Wahl wie die des Herrn Simon . . ."; der Verfasser hatte aber geschrieben: „Charakteristisch ist seine (des Dr. Fuchs) Wahl wie die u. s. w." — was hiermit berichtigend nachgetragen sei. * Berlin, 23. Dezember. (Unbefriedigend für alle Teile) ist der letzte Abend des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" verlaufen. Daß und warum wir unzufrieden waren, haben wir in der vorigen Nummer dar-