Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 52 (25.12.1896)
- Date
- 1896-12-25
- Page
- Seite 862 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 862. Sllgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 62. I und sie fühlte, daß sie Kraft und Mut besitze, wie er, um ihn zu retten. Er mußte das Thor erklettert, die zackigen Gitterspitzen überstiegen haben, und sie hob sich an den Eisenstäben empor. Die Haut an ihren zarten Fingern zerschnitt, es kümmerte sie nicht, und sie umklammerte gewandt das kalte Metall und zog den biegsamen Körper nach. Doch ihre langen Kleider hinderten sie; endlich erlahmte ihre Kraft und sie fiel auf den Boden zurück. Ermattet starrte sie auf das Thor, das zwischen ihr und ihrer Hoffnung, der Todesangst ihres Herzens lag, da kamen die gleichmäßigen Fußtritte wieder durch die Judengasse heraus, die sie vorhin aus ihrem Fenster vernommen. Plötzlich schoß es ihr durch den Kopf, „auch in der Nacht", sagte sie, „doch nicht die Lebendigen, nur die Toten kommen hindurch." Mit hastigem Entschluß verbarg sie sich in dem Schatten des massiven, steinernen Thorpfeilers. Die Schritte kamen näher, die Träger setzten ihre Last ab und einer von ihnen pochte an die Thür des Wächters. Der alte Marchaboth kam mit dem klirrenden Schlüsselbund und der Laterne hervor und trat an die Bahre. „Wen bringt ihr fort?" fragte er. Seine Stimme klang müd' und gleichgültig, von der Häufigkeit dieser Frage abgestumpft. „Es ist Abigail, das Weib des Jether," antwortete der Träger, „sie ist gestorben mit dem Kinde unter dem Herzen, da die weise Frau zu ihr kam, um ihr zu helfen in ihrer Stunde." Der Wächter schlug das Bahrtuch zurück und beleuchtete das regungslose Gesicht der toten Mutter. „Es ist gut, daß das Kind ist gestorben mit ihr," sagte er, düster sich gegen das Thor wendend; es ist die siebenundvierzigste Leiche, welche ich heute —" Doch ein Schrei unterbrach ihn und ein weiblicher Körper rollte zu seinen Füßen. Er bückte sich nieder und betastete den Leib, der ohne Bewegung vor ihm am Boden lag, dann leuchtete er hinab. „Es ist die Tochter des alten Kaleb, die schöne Tamar, murmelte er. „Sie ist geflohen aus ihrem reichen Hause in der Todesangst auf die Gasse und hat sich verborgen in der Finsternis, aber es^hat sie gesehen das Auge der Pest und sie ist tot. Nehmt sie mit —" „Ihr Körper ist noch warm," sagte der Träger, der das Mädchen aushob und zu der Leiche der Mutter auf der breiten Bahre legte, „und er zuckt noch, als ob er lebte —" „Es ist die achtundvierzigste Leiche, welcher ich heute offen mache das Thor," setzte Mardechai monoton hinzu, „und es ist keine wiedergekommen, aber ihr werdet mir noch manche bringen, eh' daß die Sonne wiederkommt." Und das Gitter klirrte und öffnete sich vor den hindurchschreitenden Trägern und schloß sich kreischend hinter ihnen zu. Besinnungslos lag die schöne Tamar auf der Bahre. Sie hatte Abigail gekannt, das Weib des Jether, und an ihrem Bett gesessen am Tage zuvor und gehört, wie sie lachte und von dem Kinde sprach, dessen Anblick sie erharrte. Und die Tochter Kalebs schrie auf, ohne es zu wollen, als sie das tote Weib sah, und ein Schauder durchlief ihre Glieder, als sie der Träger faßte und hinwars aus den kalten, hoffnungsvollen Leib der Mutter. Eng zusammengedrückt lag sie an der Leiche, deren eisiger Körper den ihren durchsröstelte, sie war wie betäubt und regte sich nicht; nur ihre Phantasie schweifte irr umher und beschwor furchtbare Gebilde vor - ihren Sinnen heraus. Aus allen blickte Hellems Gesicht und * starrte sie an mit leblosem, gläsernen Blick. Allmählich rief die Bewegung der Träger sie wieder zum Bewußtsein und weckte den Gedanken an den Zweck, den sie verfolgte, dessen Beginn sie fast besinnungslos ausgesührt. ] „Der Tod ist schwer," sagte der vordere von den Trägern, „und der Schweiß fließt mir in die Augen." Der Andere bejahte; „und sie hat doch nichts mitnehmen können von dem Golde ihres Vaters," setzte er hinzu, „es ist . das Kind, das nicht hat Leben bekommen, und hat so schwer im Tode gemacht das Herz des Weibes, das nicht Mutter heißen kann in ihrer Sippe und auf ihrem Grabstein." Sie ließen die Bahre nieder und rasteten. „Sie wird nicht haben einen Grabstein mit ihrem Kinde," i entgegnete der Erstere, „sie wird mit den Anderen geworfen werden in die Grube —" Er brach ab, denn ihm war, als habe sich etwas auf der Bahre, von der sie zurückgetreten, bewegt. Auf der Gasse war es totenfinster. Die Häuser, neben denen sie standen, lagen in schweigsamem Dunkel. Er horchte einen Augenblick, doch das Geräusch war wieder verstummt, nur ein leiser Fußtritt glitt auf der anderen Seite der Straße entlang. „Wir müssen eilen," mahnte sein Gefährte, und sie hoben 5 ihre Last wieder aus. „Mich dünkt, die Bahre ist leichter - geworden," fügte er bei, „haben wir Eine verloren?" i . „Dann können die Christen sie mitnehmen, wenn sie morgen früh ihre Leichen vor den Thüren zusammenkehren," * erwiderte der Andere mit gedämpfter Stimme, „tot ist tot, ob ein Kadosch darüber gesungen, oder Weihwasser gesprengt; und wer findet bei Nacht?" ° Sie verdoppelten ihre Schnelligkeit und wanderten! hallenden Schrittes die Straße hinunter. Doch diejenige, die sie tot und verloren glaubten, war ihnen weit vorausgeeilt und flog noch geschwinder als sie durch die Gassen. Die unheimliche Ruhe aus der Bahre hatte ihre Aufregung vermehrt; der grause Gedanke des Todes, der nie an ihr junges Leben hinangetreten, den sie plötzlich ß in den warmen Gliedern empfunden, verfolgte sie und beflügelte ihre Schritte. Sie wußte deu Weg zum Spital der Christen nicht genau und irrte in der Finsternis ratlos aus einer Gasse in die andere. Dann hörte sie Stimmen hinter sich im Dunkel und bog rasch um eine Ecke. Geblendet fuhr - sie von den Lichtstrahlen zurück, die plötzlich aus der tiefen u Nacht in ihr Auge trafen; sie wollte umwenden, doch auch, hinter ihr ertönten die Schritte näher und sie drückte sich in ' den Schatten einer Vertiefung des Gemäuers, um die heran-- nahenden Nachtwandler vorüberziehen 511 lassen. Es war ein phantastisches Bild, das sich aus sie gu be * wegte und sonderbar grelle Farbentöne durcheinander mischte. Fackelglanz umströmte die bacchantisch ausgelassene Gruppe j uud warf blutrote Lichter auf die berauschten Gesichter derjungen Männer, die um einen von gedungenen Trägern mühsam j