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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-25 · 52 (25.12.1896) · p. Seite 861

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
Seite 861 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 52. Allgemeine J-raelitische Wochenschrift. Seite 861. jüdischen Soldaten in der preußischen Armee 1813 15, eine Denkschrift des preußischen Ministers des Innern über die Ausdehnung der Militärpflicht der Juden aus den Jahren 1847 sowie eine Anzahl Miscellen ans den Kriegen von 1866 und 1870 71. Endlich ist Auskunft gegeben über die Militärverhältnisse der Inden in anderen Staaten. Die Blätter des Buches sollen nach der Vorrede sein „ein schlichtes ZeugniZ, daß unsere Glaubensgenossen gegen das deutsche Vaterland als Soldaten im Felde schlecht und recht gedient haben wie jeder Deutsche, der ein gesundes Herz in der Brust hat. Und das Bewußtsein, so in der Vergangenheit gehandelt zu haben, wird auch eine anspornende Bürgschaft für die Zukunft sein. Schreiten wir auf der gleichen Bahn wie frühere Generationen fort, so muß auch der Zeitpunkt kommen, wo jene Schranken satten, die es dem Juden, der sich dazu berufen fühlt, unmöglich machen, bleibend dem Vaterlande als Soldat und Offizier zu dienen, ja, die es verhindern, daß er überhaupt nur Offizier im Frieden werden kann, während man es ihm doch gestattete, in der entscheidenden Stunde der Gefahr seine Landsleute als Offizier gegen den Feind zu führen. Auch solche, Widersprüche werden dann einmal verschwinden." — Die Juden in den Großstädten. Es ist rührend, wie sorgfältig unsere Gegner sich mit der Statistik inbezug auf uns Juden beschäftigen. Hatte ihnen die Thatsache, daß die Juden in Deutschland prozentualiter viel, viel weniger Zuwachs zu verzeichnen haben, als die Christen, Freude bereitet, so verursacht ihnen die Wahrnehmung, daß der Zug der Juden nach den großen Städten im Wachsen sei, Kopfschmerzen. Sie heben die 18 Städte Preußens, die 100 000 und mehr Einwohner zählen, heraus und gewinnen folgendes Bild: Es lebten Juden in: 1890: 1895: Berlin 79 286 86 152 + 6 866 Breslau 17 754 18 449 + 695 Köln a. Rh. 6 859 7 932 1 073 Frankfurt a. M. 17 426 19 488 + 2 062 Magdeburg, 2 090 2 006 — 84 Hannover 3 933 4151 + 218 Düsseldorf 1 401 1 780 + 379 Königsberg i. Pr. 4 008 4 076 -t- : 68 Altona 2 109 2 209 + 100 Stettin 2 582 2 850 + 268 Elberfeld 1 378 1 492 -t- 114 Charlottenburg 1 475 4 687 + 3 212 Barmen 416 500 84 Danzig 2 535 2 474 — 61 Halle n. S. 919 1 046 + 127 Dortmund 1 306 1 566 + 260 Aachen l 334 1 342 + 8 Krefeld 11)92 1 910 — 42 18 preußische Großstädte 148 803 164 110 + 1 35 307 Preußen überhaupt 372 059 379 716 + 7 657 Diese Erscheinung ist nicht auffallend und leicht zu erklären : In den Großstädten sind die Juden in ihrem Erwerbsleben vor Geschäftsantisemiten und im bürgerlichen vor Radauantisemiten mehr geschützt, als an kleinen Plätzen; daher der Zug nach der Großstadt. — Noch etwas vom Zickzackkurs in Rußland. Aus Petersburg erhalten wir eine Reihe von Nachrichten, die die schwankende Haltung der russischen Regierung in Sachen „Judenfrage" am besten kennzeichnen. Die eine Nachricht lautet: Die in der Ansässigkeitssphäre domizilierenden Landbesitzer jüdischer Abstammung sollen zur Vergrößerung ihrer Acker- und Gartenwirtschaften Landanteile erhalten. — Die zweite: Der Senat entschied eine für Handwerker wichtige Frage, indem er die Forderung der Handwerksämter, nach welcher jüdische Handwerker einen Lehrbrief beibringen müssen, als der gesetzlichen Begründung entbehrend umstieß. Die jüdischen Handwerker haben bekanntlich außer den Attestaten von den Handwerksämtern über ihre Meisterschaft bei einer eventuellen llebersiedelung in eine andere Stadt ein Examen in ihrem Fache bei den betreffenden Handwerksämtern abzulegen — die geforderten Lehrbriefe sind mithin überflüssig. — Eine dritte besagt: An den Mittelschulen und Universitäten mit alleiniger Ausnahme der Universität Jurjeff, welche durch die Abnahme der Zahl der deutschen Studenten sehr gelitten hat, dürfen jüdische Schüler und Studenten nur bis zu einem gewissen Prozentsätze ausgenommen werden. Da sich trotzdem in den höheren Lehranstalten noch zu viel jüdische Schüler befanden, muß nach eineni neuerlichen Erlaß des Ministers der Volksausklärung das Prozent-Verhältnis der Zahl jüdischer Schüler, welche in die mittleren Lehranstalten eintreten, nicht nach der Anzahl der neueintretenden Schüler, sondern von der Gesamtzahl der in der betr. Schule befindlichen berechnet werden. Feuilleton. Das große Sterben. Novelle aus dem deutschen Mittelalter von Wilhelm Jensen. (Fortsetzung.) Nachdruck untersagt. Drunten auf dem Flur, der durch das aus der Küche fallende Licht erhellt war, nahm sie den Augenblick wahr, in dem die Mägde sich abgewandt, und schlüpfte hurtig wie ein Schatten in ihrer dunklen Gewandung hinüber; dann erreichte sie die stille Gasse und eilte der Richtung, in der das Thor lag, zu. Es war schon spät, doch aus allen Häusern fiel noch ein matter Schein. Hie und da unterbrach ein verwimmerndes Geschrei die Ruhe. Tamar ging schnell, in wenig Minuten erreichte sie das Ende des Judenquartiers. Das Thor lag schweigsam vor ihr; nur aus dem Häuschen des Wächters schimmerte ein Licht und sie schritt eilig darauf zu. Sie glaubte, das Gitter sei geöffnet; „auch bei Nacht," murmelte sie freudig; doch wie sie hinantrat, war es fest verschlossen unbeweglich wie immer. So hatte 24 Stunden zuvor der, den sie suchte, vor dem Thor gestanden und mit krampfhaften Fingern daran gerüttelt, und die Angst der Verzweiflung stieg ihr zu Haupt wie ihm. Sie wußte, daß es unmöglich war, vor Sonnenaufgang Austritt zu erlangen, sie kannte den alten Marchaboth, dem die Aufsicht anvertraut war, und seine zähe, jüdische Unbeugsamkeit in Ausübung seiner Pflicht. Doch zugleich gedachte sie, daß ihr Bruder hindurch gekommen war, hindurchgekommen, um von ihr das Verderben zu wenden.

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