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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-25 · 52 (25.12.1896) · p. Seite 858

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
Seite 858 (sequence 6)
Language
German
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Seite 858. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 62. rufen, Dein Wesen und Deinen Willen zu künden den Geschlechtern der Erde und durch den Wandel im Lichte Deiner Lehre zur Verherrlichung und Heiligung Deines Namens beizutragen." Die Mission Israels ist hier sehr oberflächlich gefaßt. Schon das gekünstelte „künden" zeigt ein Bestreben, nicht alles zu sagen. Der „Wandel im Lichte der Gotteslehre" ist hier als Mittel zum Zweck degradiert. Und das „beizutragen" verrät dieselbe Angst, sich durch ein entschiedenes Wort die Finger zu verbrennen. Aber hier handelt es sich doch um die Berufung, und da ist zu große Schüchternheit ein Verbrechen gegen das Ideal. Wenigstens durfte Herr Dr. Vogelstein den Mut haben, zu sagen: „und zur Verherrlichung und Heiligung Deines Namens im Lichte Deiner Lehre zu wandeln." Damit wäre der Berus Israels, sich selbst durch die „Lehre" zu erziehen, nicht gar zu sehr gegen die äußere Mission zurückgetreten. Aber freilich, die Selbsterziehung durch die Religion klingt zu schulmeisterlich und eignet sich nicht so zum Vortrage, wie die diplmatisch schillernde äußere Mission. Es geht nichts über einenschönen Vortrag; der Vortrag macht des Redners Glück. Das scheint überhaupt der Grund-Irrtum des Herrn Dr. Vogelstein zu sein: er verwechselt „Predigt" und „Gebet". Er übersieht den ungeheuren Unterschied zwischen Gebet und Predigt. Vieles ist in der Predigt noch gut genug, was im Gebet absolut unzulässig ist. In der Predigt ist noch vieles zulässig, was eben blos „gut genug" ist; im Gebet ist das „Beste" erst gut genug. Was ist der diesbezügliche Unterschied zwischen Gebet und Predigt? Der Unterschied ist ein ähnlicher, wie ihn Lessing zwischen Malerei und Poesie konstatiert hat. Das Gemälde ist ein Konstantes, während die Poesie verhallt; darum ist das Häßliche, und ebenso das Unglaubliche, das Triviale rc. von der Malerei absolut auszuschließen, während es in der Poesie, wo es nur einen Augenblick vor der Phantasie vorbeischwebt, in geeigneter Behandlung Verwendung finden kann. — So ist das Verhältnis zwischen dem Gebet, dem stehenden, liturgischen Gebet, und der Predigt. Die Predigt verträgt auch das Schillernde, die Phrase, die Redensart, die leere Form, das nur relativ Wahre, die dem Zuhörer schmeichelnde diplomatische Ausdrucksweise, und ebenso auch ein gewisses Maß von Trivialität und Geschmacklosigkeit. Hier macht „der Vortrag des Redners Glück", wenn auch freilich hier der „redliche Gewinn" dem „schellenlauten Thor" vorzuziehen ist. Einmal kann man schließlich alles mitanhören. Anders ist es mit dem Gebete: das wird immer und immer wiederholt, das ist gleichsam ein Konstantes, das prägt sich dem Gedächtnis ein, da hat man Zeit, Kritik zu üben: da ist eben nur das Gediegene, das durchaus Wahre, das Natürliche, das Einfache, an sich Wertvolle am Platze. In der Predigt darf man wohl sagen: „zu künden den Geschlechtern der Erde", eine Wiederholung im Gebete verträgt das nicht. Der Prediger darf wohl sagen: wir sind berufen, durch den Wandel im Lichte der Gotteslehre zur Verherrlichung und Heiligung des göttlichen Namens beizutragen; im Gebet wird bei entsprechender Wiederholung sich das Bewußtsein geltend machen, daß diese Phrase eine Kokette ist, die die unangenehme Wahrheit zu verhüllen sucht und den lüsternen Blicken nur . . . Schminke zeigt. So ist es auch mit den Relativ-Sätz en, von denen wir schon oben sagten, daß sie fürs Gebet gar nicht geeignet sind, während man in der Predigt nichts dagegen einwenden kann. Deß scheint Herr Dr. Vogelstein sich nicht bewußt gewesen zu sein: er scheint einfach Stücke aus seinen Predigten in das Gebetbuch versetzt zu haben, sehr zum Schaden des Gebetbuches, wie wir noch häufig anzumerken Gelegenheit haben werden?) Im besonderen sei noch zu unsrer Stelle bemerkt: „im Lichte der Lehre" ist nach den entsprechenden Bibelstellen so viel wie: „im Lichte des Lichts". Die entsprechenden Bibelstellen sind: „Haus Jakob, wir wollen wandeln im Lichte des Ewigen" (Jesaj. 2,5) und „Die Lehre ist ein Licht" (Prov. 6,23). Ist aber das Jesajanische '„Licht des Ewigen" auch „die Lehre", so ist, wie gesagt: „Licht der Lehre" eine Tautologie. — Das folgende tonn lautet in der Vogelsteinschen Bearbeitung: „Und zur Weihe unseres Gemütes, zur Erinnerung an die wunderbare Hilfe, die Du zu allen Zeiten uns erwiesen, hast Du hehre Festzeiten angeordnet, an denen wir, der alltäglichen Sorgen und Mühen vergessend, einer feierlichen Seelenstimmung teilhaftig werden und unseres höheren Berufes eingedenk sein sollen." Auch hier ist die Hauptsache die eigentliche Thatsache: die Einsetzung der Feste, sehr in den Hintergrund gestellt durch das Raisonnement des Bearbeiters über den Zweck dieser Einsetzung. Und wie gefühlsduselig ist dieses Raisonnement: „zur Weihe unseres Gemütes", „zur Erinnerung an die wunderbare Hilfe . . . zu allen Zeiten", „einer feierlichen Seelenstimmung teilhaftig, unseres höheren Berufes eingedenk"! Das macht sich ja in der Predigt, wenn man ein rationalistisches Publikum vor sich hat, vielleicht ganz gut, aber im Gebet wird dieser Wortschwall ganz unerträglich. Und besonders, wenn der Wortschwall so in den Vordergrund gestellt wird. Man kann ja wohl eine Betrachtung etwa derart anstellen: „Du hast Festeszeiten angeordnet, an welchen unser Gemüt einer höheren Weihe sich öffnet" und dgl. In dieser Form ist es dem Leser klar, daß *) An dieser Stelle sei angemerkt, was eigentlich selbstverständlich ist, daß unsere Polemik sich an Herrn Dr. Vogelstein adressiert, nicht weil er der Einzige ist, der von ihr betroffen wird, sondern weil er der Lebende ist. Die Gebetbücher von Stein, Geiger und Joel stehen auch nicht auf der Höhe der Forderung, die wir hier im Namen des modernen Menschen an das Vogelsteinsche Gebetbuch zu stellen für unsere Pflicht halten. Und so ist es auch mit dem Vorwalten des Predigt-Tones, von dem keines der bisherigen Gebetbücher frei ist. Warum wir das Vogelsteinsche Gebetbuch zum Ausgangspunkte unserer Darlegungen genommen? Weil, wie gesagt, Dr. Vogelstein der „Lebende" ist, der erwidern, der mich widerlegen kann. Wir werden später auch auf die Gebetbücher von Stein, Geiger und Joel zurückkommen. Sie sind alle nicht frei von den Fehlern, die hier an dem Vogelsteinschen gerügt werden. Namentlich steht das Geigersche, was sprachliche Richtigkeit betrifft, noch weit unter dem Vogelsteinschen. Kein Wunder: es ist ja auch um ein Vierteljahrhundert älter!

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