Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-25 · 52 (25.12.1896) · p. Seite 857

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
Seite 857 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610628--1957-9610633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 52. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 857. sie anklagen, wird verkündigt werden können. Von Zeit zu Zeit gefällt es indes der Natur, eine jener Bildungen ins Leben zu werfen, deren Anblick jene Versöhnung vermittelt, die die Moralisten, wenn auch nicht immer persönlich anstreben, so doch wenigstens predigen. Paris besaß eine dieser Bildungen, die aus dem Gesichtskreise der Lebenden zwar persönlich verschwunden ist, deren Andenken aber nicht vergehen kann. Aus dem Schlosse Roquencourt hat man am 18. d. Mts. Frau Furtado-Heine begraben, die in dem ehrwürdigen Alter der Siebziger heimgegangen ist, nach einem Leben, das gesegnet war für Andere, ihr selbst aber Trübseligkeiten und Kummer nicht erspart hat. In ihr ist eine jener Wohlthäterinnen der Menschheit, eine jener Personen abberufen, deren Glück einzig darin bestaüd, das Glück Anderer zu begründen, eine Frau, deren Herz um so bewunderungswürdiger ist, als es ihr an Schlägen, die es hätten verhärten können, nicht fehlte. Frau Furtado-Heine besaß ein Vermögen von etwa zweihundert Millionen, ein Vermögen, das sie dem Neide, der Mißgunst, dem Hasse besonders aussetzte. Die Wut gegen den Besitz hat sich vor ihrem Namen nicht gekühlt, und die harten Worte, die man gegen die Reichen schleuderte, überflogen die hohen, epheuumrankten Gitter, die den mächtigen Garten ihres Palastes in der Rue Moncreau von der Straße abschlossen. Frau Furtado-Heine hatte schweren Familienkummer, ihr Gatte starb früh, eine Tochter endete ihr Leben durch Selbstmord, indem sie sich ertränkte. Frau Furtado- Heine war überdies Jüdin. Das Letzte ist das Schlimmste von den dreien.Die Hetzereien einer weniger durch verschwiegene Moral, als durch geräuschvolle Skandalsucht sich auszeichnende Gesellschaft, die Niederträchtigkeiten der Drumont und Morös sind an ihr nicht vorübergegangen. Sie hat ihrer Abstammung den Zoll gezahlt, und die Frau, vor deren Güte und Seelengröße sich jeder, dem Menschlichkeit und Wohlthun noch nicht allen Sinnes bare Worte geworden sind, bis an die Erde verneigte, sie durfte zu den ihr beschiedenen reichen Ehren als die höchsten die Schmähungen rechnen, mit denen sie seiner Zeit von den Antisemiten beworfen wurde. Angesichts der großen, imposanten Kundgebungen der letzten Tage scheint man in den sogenannten nationalen Kreisen einen Begriff von der Schande bekommen zu haben, mit der man sich bedeckte dadurch, daß man eines der edelsten Herzen kränkte, die je geschlagen haben. Die blöden Hassesrufe sind verschollen, und einmütig steigt die Klage aus um diejenige, die die Stätte ihrer gesegneten Thätigkeit hat verlassen müssen. Die Trauergedanken der achttausend Menschen, die dem Sarge der Frau Furtado-Heine folgten, wurden durch keinen Mißton gestört, und alle Parteien senkten ihre Fahne auf Halbmast zum Zeichen, daß man Großes zu beweinen habe. Die Verstorbene hat endlich die alten Voruttetle besiegt, und gerade ihr Patriotismus ist es, der den Ausgangspunkt für die Erwägungen bildet, die ihr Scheiden hervorruft. Französin geworden, hat sie ihrem Vaterlande die Pflichten überreich erfüllt, die es von ihr verlangen konnte, und eine Reihe großartigster, gemeinnütziger Stiftungen wird ihren Nanren als den einer der größten Bürgerinnen ihres Staates erhalten. Sie konnte sie beim besten Willen nicht verbergen. Es hat nicht an ihr gelegen, daß man von ihnen erfuhr. Und wenn man ihr das Offizierkreuz der Ehrenlegion verlieh, so hat jener Orden hierdurch nur sich selbst geehrt. Man gab ihr die Auszeichnung für das, was man sah, weil es sich durchaus nicht verheimlichen ließ. Für das, was man nicht sah, begnügte sie sich mit dem stillen Bewußtsein der guten That. Ihre öffentlichen Stiftungen waren gewissermaßen die Tropfen, die das Maß ihres Wohlthuns überlaufen ließen. Die ganze große Masse, mit der es bis dahin angesüllt war, kannten nur die, die als Empfänger einen Einblick hatten. Und wenn die höchsten Behörden des Staates teils persönlich, teils vertretungsweise sich an dem Leichenbegängnisse beteiligten, so hatten sie in den Tausenden, die der Verstorbenen den letzten Dank Nachrufen wollten, ein Geleit, dessen Erhabenheit noch größer erscheint, weil keine einzige Einladung ergangen, weil eine große Feierlichkeit nicht zu erwarten war. Auf den gespendeten Kränzen von Riesengröße sah man mehr als einen liegen, der vielleicht mit den letzten Groschen des dankbaren Gebers erstanden war. Die Bauern der Umgegend von Roquencourt und die Arbeiter und Arbeiterinnen von Paris warfen gemeinsam die letzten Blumen des späten Jahres auf das Grab der Frau, deren milde Hand stets offen war für die Mühseligen und Beladenen. Die Armen und Bedrängten gaben den Ton der Trauer an, und tausendfache Thränen spiegelten die Strahlen der Wintersonne wieder, die der Toten die letzten Scheidegrüße nachsandte. Keine Trauerrede! Die Verstorbene hat es so gewollt, und sie hatte Recht. Denn schwungvoller als es irgend eine menschliche Zunge könnte, wurde ihr Lob gesungen von dem dankbaren Trauergeleite, und keine Worte können wiedergeben, was in den stillen Seufzern der Enterbten lag, die ihre Fürsorgerin verloren haben. Großrabbiner Z. Kahn sprach die rituellen Gebete, daß der Mensch wächst wie die Blume auf dem Felde, über die der Wind geht, und sie ist nicht mehr, daß der Herr gegeben, und daß der Herr genommen. Die Umgebung der Heimgegangenen, die sie im Leben mit Liebe getragen, litt keine fremde Hand am Sarge und trug sie auch nach dem Tode — zum Grabe, in dem Frau Furtado- Heine an der Seite ihres Gatten den ewigen Schlaf schläft. 6. C. Das „mobrrnfle“ Kebktbiich. V. M. Frankfurt a. M., im Dezember. Wir dürfen noch lange nicht ungeduldig werden, noch ist ein weiter Weg vor uns. Sind wir ja noch nicht einmal mit den fünf „auserwählten" Stücken zu Ende, die „zum Vortrag in deutscher Sprache besonders geeignet" sein sollen. Das fünfte dieser auserwählten Stücke ist „an Festtagen der auf die Keduschah in Schacharith folgende Teil des Siebengebetes". Prüfen wir vor allem dieses Stück für die drei Feste- Die Uebersetzung von atto bechartonu lautet bei Dr. Vogelstein folgendermaßen: „Deine Vaterliebe hat einst Israel be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.