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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-25 · 52 (25.12.1896) · p. Seite 855

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
Seite 855 (sequence 3)
Language
German
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dir. 52. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 855. sprochen, die die Kanzel inne hat, sondern von der ... . „Kanzel", Was hat diese Kanzel verbrochen? Sie ist „die Kanzel einer Orgelsynagoge, aus deren Gebetbuch der Gedanke an einen Messias aus dem Davidhause, an „die Wiederherstellung eines jüdischen Staates in Palästina", „den Ausbau eines Tempels in Jerusalem als eines Einigungspunktes für Israel", an „die Sammlung der Zerstreuten", an den „Opserdienst" grundsätzlich ausgemerzt ist" — das ist eine Kanzel „unter deren Aegide ein besonderer Religionsunterricht für die Kinder der im Gegensatz zur „Orthodoxie", der „freisinnigen Richtung im Judentum" angehörigen Kreise, für die der Unterricht in der seit Jahren bestehenden Religionsschule um seiner Tendenz willen nicht'geeignet, sagen wir ganz einfach, zu fromm ist." Man muß Herrn Hirsch zugestehen, daß er dem Wortlaute nach Recht hat. Er hat thatsächlich nur von der Kanzel gesprochen und nicht von der Person, die sie inne hat, und da er sich auf seinen Schein beruft, so muß man eben die Sache nehmen, wie sie ist. Herr Direktor Hirsch hat nur die Kanzel als solche und keinerlei Person bekämpft-wer lacht da? Wenn der berühmte spanische Ritter gegen Windmühlen - Flügel gekämpft hat, warum sollte man nicht auch gegen eine Kanzel kämpfen dürfen? Ebenso läßt es sich nicht leugnen, daß der Kampf gegen eine Kanzel im Verhältnis zum Kampfe gegen eine Person keine geringen Vorteile bietet. Personen, selbst wenn es sich nur um Reformer und Neologen handelt, sind doch gewissermaßen auch Menschen, und wenn man auch vom Standpunkte eines Sohnes des großen S. R. Hirsch es noch sehr in Frage stellt, ob die Vorschriften: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" oder „Du sollst nicht als Verleumder herumgehen in deinem Volke" oder „Ihr sollt nicht lügen einer gegen seinen Nebenmenschen" und dergleichen sich auch auf Nicht-Orthodoxe beziehen, so legt doch die entgegengesetzte Auffassung, die diese Vorschriften auf jeden Menschen ohne Unterschied bezieht, eine gewisse Gene auf. Anders ist es einer Kanzel gegenüber; an eine Kanzel haben doch diese Vorschriften nicht gedacht: einer Kanzel gegenüber ist alles erlaubt. Der Standpunkt des Herrn Direktor Hirsch ist also gegen jeden Angriff sicher gestellt, er weist aus den Buchstaben, auf den Wortlaut seiner Angriffe hin, und da hat er ja so Recht, so Recht wie .... Shylock. Es steht in seinem Artikel nur „Kanzel", und Herr Direktor Hirsch ruft mit Emphase am Schluffe seiner Entschuldigung: „Man sieht, was ich meine, das nenne ich, und was ich nicht nenne, das meine ich nicht. Demgemäß weise ich alle sonstigen Unterstellungen mit aller Entschiedenheit zurück." Ja, wenn der Herr Direktor Hirsch ausdrücklich von der P e r s o n gesprochen hätte, die aus dieser Kanzel predigt, dann hätte man Recht — das giebt Herr Direktor Hirsch zu — seinen Angriff so zu kennzeichnen, wie wir es in unserem letzten Artikel gethan. Aber da er nur von der Kanzel gesprochen hat: hormi soit qui mal y pense! Der geehrte Leser sieht, daß ich ganz objektiv bin, auch wo ich mich selbst ins Unrecht setzen muß. Denn es war, nach den Worten des Herrn Direktor Hirsch, wirklich sehr Unrecht von mir, daß ich mich zum Sprachrohr derer machte, die da glaubten, der Herr Direktor meine eine Person, während er doch nur eine „Kanzel" genannt hatte. Damit mich aber der geehrte Leser nicht gar zu sehr wegen meines Unrechts ab kanzle, möchte ich doch einige mildernde Umstände anführen, die meinen Irrtum (?) verzeihlich machen. Ter Herr Direktor Hirsch sagte allerdings nur: „Die Kanzel der Hauptsynagoge stehe ausgesprochen im Dienste des entschiedensten Abfalls vom Gottesgesetze, jetzt wie damals." Das ist allerdings wahr. Aber das „ausgesprochen" legte da den Gedanken nahe, daß hier auch eine Person gemeint sei, die nicht genannt ist. Doch Herr Direktor Hirsch sagt, daß er trotzdem nur die Kanzel, die er nannte, gemeint habe, und Herr Direktor Hirsch ist, wie Brutus, ein ehrenwerter Mann. Ferner führe ich zur mildern Beurteilung unseres Irrtums die Worte an: „im Dienste des entschiedensten Abfalls vom Gottesgesetze". Unter „Abfall vom Gottesgesetze" versteht man gewöhnlich, wenn keine andere Interpretation vorliegt, ein Lossagen vom Judentum, den Abfall von der Religion der Väter und den Uebertritt zu einer andern Religion. Dieser Sinn ist dann umsomehr anzunehmen, wenn dieser „Abfall" als ein „entschiedenster" charakterisiert ist. „Im Dienste des entschiedensten Abfalls vom Gottesgesetze stehen", darunter versteht man gewöhnlich, wenn keine andere Interpretation vorliegt, so viel wie: ein Missionar sein, Propaganda machen für den Austritt aus dem Judentum, für die Lossagung vom Gottesgesetze. Da aber von der „Kanzel" als solcher eine solche Behauptung absurd erschien, so ließen wir uns, durch unsre gewöhnliche, nicht genug auf Buchstäblichkeit eingeschulte Logik verführen, hier einen Seitenhieb auf Personen zu vermuten und die Kanzel nur als Metonymie zu nehmen. Es ist das nach wie vor unverzeihlich, eine „Unterstellung", wie Herr Direktor Hirsch mit moralischer Entrüstung sagt, denn er hatte ja nur die Kanzel genannt, und wie durften wir denken, er habe eine Person gemeint? Nun da die Erklärung des Herrn Direktor Hirsch vorliegt, ist es klar, daß er unter dem „Gottesgesetz" nur die „Orthodoxie" gemeint hat; daß der „Abfall" darin besteht, daß diese „Kanzel" erlaubt, daß unter ihrer Aegide ein besonderer Religionsunterricht für Kinder der freisinnigen Kreise besteht, für die die Schule des Herrn Direktor Hirsch „sagen wir es ganz einfach", zu fromm ist. Ja, sagen wir es ganz einfach, wie Herr Direktor in köstlicher Naivetät sagt: Die „Orthodoxie" ist das Gottesgesetz; seine Kinder nicht in die Hirsch'sche Schule schicken ist „Abfall vom Gottesgesetz" und „ausgesprochen"! Nun, „wer nicht für mich ist, der ist gegen mich", die „Kanzel" ist keine „Person". Wie gesagt: Wir wußten das nicht, aber Herr Direktor Hirsch sagt, es ist so, und Herr Direktor Hirsch ist ein ehrenwerter Mann. Nur eine Bitte; Nächstens möge Herr Direktor Hirsch die Güte haben und seine Interpretation gleich beifügen; er kennt ja auch den Sinn von: „Vor einen Blinden sollst du keinen Stein legen." Und wie leicht wäre dieser „Stein" sogar liegen geblieben, wenn wir geschwiegen, oder wenn dem Herrn Direktor Hirsch nicht durch Zufall (?) „ein Korrespondenzartikel in Nr. 48 der „Jsr. Wochenschrift" zu Gesicht gekommen wäre!" Er sagt es ja selbst in der von dem Korrespondenten der vorigen Nummer weggelassenen Einleitung seiner Verteidigung: dieser Korrespondenzartikel sei ihm „zu /

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