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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-18 · 51 (18.12.1896) · p. Seite 847

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
51 (18.12.1896)
Date
1896-12-18
Page
Seite 847 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 51 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 847. Doch über Tamars Herz war die Unruhe gekommen, daß sie nirgends Rast fand, angstvoll mit der Dunkelheit, die tiefer hereinbrach, ansteigend, und das Mädchen durchwanderte das Haus, in alle Winkel, in alle Stuben hinein. Sie kam in die Küche, wo die Mägde standen und die Neuigkeiten anstauschten, die sie bei den Nachbaren und auf der Gasse vernommen. Sie erzählten von der Pest, welches das Haus des Zadok befallen, daß es ausgestorben, und von der schönen Debora, die im Sterben gelegen, als Baruch, ihr Verlobter, gekommen und sich über ihr Lager geworfen und sein Haar zerrauft. Und wie er die Pest von ihr bekommen und gestorben sei, da sie genesen und wahnsinnig geworden. Und wie das Weib des Machir umgefallen sei in der Synagoge, und der Christenrat in der Stadt habe ein Gebot erlassen, daß die Leichen sofort, auch in der Nacht, sollten herausgeschafft und vors Thor gebracht werden, wo sie zusammen hineingeworfen würden in die Erde. Die schöne Tamar hörte, was die Mägde sprachen, und sah die entsetzten Mienen, mit denen sie die Worte begleiteten, aber die Pest hatte ihre Schrecken für sie verloren, ihr Herz war fest und furchtlos, nur die Unruhe wollte in ihr nicht rasten. Sie trat ans Fenster und blickte zu dem schmalen Himmelsstreisen aus, der über der Judengasse lag. Ein Stern kämpfte mit Wolken, die sich über ihn drängten und zerrissen, es war Nacht, nichts regte sich im Hause, nur aus dem Nebenzimmer tönte leise ein monoton gesungenes Gebet der alten Lea, und drunten aus der Straße kamen schwere, gleichmäßige Tritte durch die Judengasse herauf und zogen vorüber und verhallten in der Ferne. Tamar bückte sich aus dem Fenster und blickte hinunter, doch sie gewahrte nichts in der tiefen Dunkelheit; aus der Synagoge allein fiel ein schwacher Schimmer und warf ein ungewisses Licht aus die männlichen Gestalten, die mit einem schwarzverhüllten Gegenstand zwischen sich vorüber aus das Ghettothor zueilten. Der Vater war fort und die Unruhe ergriff sie immer mehr. Sie wußte, er kam nicht zurück, bevor er den langen Ritus vollendet, und sah ihn stehen, ehrwürdig mit den weißen Bart und den ausgestreckten Händen, — dann drängte sich plötzlich ein anderes Bild mit dem bleichen Antlitz Hellems dazwischen, der in einer feuchten Grube unter qualvoll entstellten Gesichtern verschüttet lag und gleichfalls die Arme nach ihr ausstreckte — Es trieb sie vom Fenster und wieder durch das Haus auf und ab, und sie murmelte gedankenlos ein Wort nach, das sie von den Mägden gehört: „Auch bei Nacht," und horchte wieder in die Finsternis hinaus, und Grausen lief ihr über den Leib und machte sie zittern. Sie sah noch einmal zu dem Stern hinauf, der gerade aus den Wolken hervortrat, und wandte sich entschlossen um. War sie hastig durch das dunkle Haus gegangen, jetzt tastete sie vorsichtig an der Thür und stieg geräuschlos die Treppe hinunter. (Fortsetzung folgt.) * Der jüdische Kalender. Herr Lehrer Strauß in Gelnhausen wandte sich an den Leiter der Sternwarte in Berlin, Prof. Förster, mit einer kalendarischen Frage und erhielt vom Assistenten desselben, Prof. Lehmann, eine Antwort, der wir folgendes entnehmen: Bekanntlich beruht der Kalender der Juden auf dem 19 jährigen Mondcyklus, so daß das jüdische Jahr naturgemäß in seiner Wiederkehr beträchtliche Abweichungen von dem Sonnenlauf zeigt, welche nur durch die zeitweilige Einschaltung eines Monats einigermaßen wieder ausgeglichen werden. Um die Wiederkehr des Zeitpunktes, in welchem die Sonne an einem gegebenen Wochentage in einem bestimmten Punkte ihrer scheinbaren Bahn sich befindet, zu bestimmen, rechnen daher auch die jüdischen Chronologen mit dem Sonnenjahr. Das letztere besteht bekanntlich aus annähernd 365 lU Tagen oder 52 Wochen IV* Tag. Gehen wir zum besseren Verständnis von irgend einem bestimmten Stande der Sonne aus, beispielsweise, wenn dieselbe sich im Frühlingspunkte befindet, so ist leicht einzusehen, daß nach Ablauf eines Jahres die Sonne um 174 Wochentag später als im vohergehenden Jahre den Frühlingspunkt erreicht. Nach Verlauf des zweiten Jahres beginnt der Frühling 2 7,, nach Verlauf des dritten Jahres 3%. nach Verlauf des vierten Jahres 5 volle Wochentage später als Anfangs u. s. f. Nach 6 Jahren beträgt der Unterschied 10, nach 12 Jahren 15 . . . und endlich nach 28 Jahren 35 Wochentage, d. h. zum ersten Male ein Vielfaches einer vollen Woche. Folglich fällt nach 28 Jahren das Datum des Frühlinganfanges wieder aus denselben Wochentag, wie bei Beginn unserer Rechnung. Allerdings ist diese Rechnung nicht vollkommen genau, weil der jährliche scheinbare Umlauf der Sonne 11 Min. 12 Sek. weniger als 365 7^ Tage beträgt, ein Umstand, der bekanntlich durch die gregorianische Schaltrechnung in hinreichendem Maße berücksichtigt wird. Beiläufig bemerkt würde im Kalender der Juden der Frühlingsanfang nach 28 Jahren wohl auch wieder auf denselben Wochentag, aber nicht immer auf denselben Monatstag fallen. Hier und dort. * Berlin, 15. Dezember. („Böhmische Berge.") Unter diesem Stichworte brachten wir in voriger Nr. ein Entrefilet, an dessen Schluß wir Herrn Dr. Stern in Saaz ersuchten, uns seinen auf „Verjüngung des Judentums" re. abzielcnden Plan unseren Lesern zu unterbreiten, damit sie ihn kennen lernen. In dankenswerter Bereitwilligkeit übersandte Herr Dr. Stern uns einen ltmfangreichen Anssatz über sein „Jung-Jsrael". Wir werden ihn aber erst in den ersten Nummern des neuen Jahrganges veröffentlichen, da dieser Arbeit unzweifelhaft eine rege, anregende Polemik über Wesen und Wert eines Reformjudentums' folgen wird, die wir nicht in zwei verschiedenen Jahrgängen des Blattes veröffentlichen möchten. Wir hoffen, daß die Polemik ruhig und sachlich verlausen, läuternd und klärend wirken werde. Berichtigend bemerken wir, daß in dem zitierten Entrefilet gelesen werden muß: Dr. St. hoffe mit den Propheten und Großen Israels, daß das Judentum einst (statt „nicht") von allen Völkern anerkannt werden würde. * Berlin, 15. Dezember. (Ein Protest) gegen die vorgestern vollzogene Vorstandswahl ist, wie wir hören, heute an das Polizeipräsidium abgegangen. Der Protest stützt sich aus

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