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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-18 · 51 (18.12.1896) · p. Seite 846

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
51 (18.12.1896)
Date
1896-12-18
Page
Seite 846 (sequence 10)
Language
German
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Seite 846. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 61. sie kam. Die Habsucht nach dem Golde der Fremden, die Leidenschaft nach ihren Weibern sprach sie aus, und die Rachsucht des Volkes, rastlos von den Geistlichen geschürt, begann zu toben. Vergebens redeten die Verständigen und suchten die unseligen Opfer der Verleumdung zu schützen. Die mächtigsten Fürsten streckten umsonst ihre schirmende Hand aus; die Bauern auf dem Lande brachen aus und schlossen sich den wachsenden Zügen der Geißler und Brüderschaften an, zogen von Ort zu Ort, die Massen entflammend und anreizend. Sie erbrachen die Thore der Städte, welche sich ihnen nicht öffnen wollten, der unkundige Pöbel hielt Blutgericht und verdammte jeden Beschuldigten, wo er seiner habhaft ward, zum Strange, zum Scheiterhaufen, zum lebendigen Grab. Und wo vor der Gewißheit des letzten furchtbaren Schicksals die rechtlos Verfolgten, von Verzweiflung übermannt, sich zur Wehr setzten, ihre Häuser verrammelten und den Tod, den unvermeidlichen, hinauszuschieben suchten, da warfen die Blinden, ihrer selbst und ihrer Habe nicht achtend, die Brandfackel in die eigene Stadt und jauchzten, wenn das Flammenmeer ausloderte und Tausende in sich verschlang, daß es die Luft von der Pest reinigte, von den Juden, und über die wogende Glut sprach der Bischof den Segen des Christengottes. Und heimlich durch die Finsternis der Gemüter und durch die Nacht schlich in lauernder Gestalt die Arglist und die Bosheit und die Gier; teuflisch lachend kroch sie in der Dunkelheit, von keinem gesehen, an die Brunnen, an die Häuser und Thüren; sie verbarg sich wenn der Tag und die Menge kam, und sonderbare, geheimnisvolle Flecken zeigten sich an den Stellen, die ihre Hand berührt, und der Pöbel brüllte und stürzte wutschnaubend wider das Ghetto. Es dunkelte früh zwischen den hochstöckigen Gebäuden der engen Judcngasse, und das Dämmerlicht lag schon über dem Schlafgemach, als der alte Kaleb nach tiefer Ruhe erwachte. Er fühlte sich kräftig und gesund und wollte aufstehen, doch Lea, die an seinem Bette saß, hielt ihn zurück. Mit klarem Verstände hörte er auf ihre Worte. Die Betäubung, schnell w ie sie gekommen, war von seinen Sinnen abgesallen, nur das Gedächtnis des letzen Tages schien in ihm ausgelöscht, und die Ereignisse tauchten ihm erst aus der Erzählung seines Weibes wieder undeutlich hervor. Allmählich zerfloß die Angst, die bisher in Leäs Gesicht gelegen, bei der eifrigen Mitteilung des Geschehenen; Tamar kam herbei und hörte schweigsam, nur hier und dort ein bedeutungsvolles Wort einschaltend, zu. Die Alte berichtete haarklein jeden Vorfall, jede Aeußerung des Arztes; als sie von dem Bilde sprach, das sie auf sein Geheiß betrachtet, runzelte Kaleb die Stirn und seufzte auf. „Hat Thubal es Euch geheißen?" murmelte er; „es ist gut, daß Ihr cs gesehen, aber cs ist schlimm, daß er es gethan. Was hat er mehr gesagt, der weise Sohn Abias?" Tamar nahm das Wort statt der Mutter und wiederholte den Rat, den der Arzt beim Abschied mit ernster Miene erteckt. Der alte Kaleb richtete den Oberkörper auf und blickte ihr geheimnisvoll nickend ins Gesicht. „Ja er ist gekommen vor fünfundzwanzig Jahren allein aus Mainz, als die schwarzen Blattern waren droben am Rhein," sprach er den letzten Satz der Tochter monoton nach. „Er ist gekommen ganz allein —" die Augen des Alten sahen an den beiden Frauen vorbei in eine weite Ferne hinüber — „ich saß bei der Abendmahlzeit mit Lea, der Tochter Hagars, und war ein junger Mann noch, da ist er hereingekommen ganz allein und hat den Stab aus der Hand gelegt, und sich zu uns gesetzt an den Tisch. Und er hat viel gegessen, denn er war hungrig, und als ich ihn gefragt, wo Mächa wäre, sein Weib und seine Kinder, hat er genommen ein Licht vom Tisch und hat es ausgeblasen mit seinem Munde und ist fortgegangen aus meinem Hause." Der Alte wiegte, träumerisch in Erinnerung versunken, den grauen Kopf. „Es war ein schönes Weib, die Mächa, die Tochter der schönen Abital, die Haare hatte um die Stirn, wie das ungemünzte Gold, das sie in Kisten mitbrachte aus dem Hause ihrer reichen Eltern in Amsterdam," fuhr er vor sich hinsprechend fort, „und schöne Kinder hatten sie miteinander, und es schadeten ihnen nicht die schwarzen Blattern, denn der Sohn des Abia war weiser als die böse Krankheit, mit seiner Jugend. Aber er kam doch allein aus Mainz und sein Haar war geworden eisgrau, als er sich zu uns setzte an den Tisch." Die Frauen schwiegen, auch der Alte verstummte und nickte bedeutungsvoll mit der Stirn. Plötzlich sprang er eilig von dem Lager auf: „Es ist gegangen das Viertel von einem Jahrhundert über die Erde," sagte er gelassen; „was hat gesprochen der einsame Thubal? Hat er gesprochen, es sei Zeit?" Tamar hatte schweigsam zugehört, jetzt antwortete sie. Ihr Wesen schien seit dem Morgen verändert, die sorglose Anmut war daraus verschwunden, es hatte mehr Festigkeit und entschlossene Haltung, als früher. Sie sagte: „Laß uns der Mägde eine hinaussenden in die Stadt und herumhorchen, oder ich selbst will gehen und nach Hellem sehen, daß wir ihn mit uns nehmen, Vater." „Thubal ist bei ihm und wird Sorge tragen für ihn," sagte Kaleb. „Wer weiß, wann Thubal wird zurückkommen," fiel Tamar rasch ein, „und er hat gesagt, daß es Zeit sei —" Aber der Alte hob die Hand und unterbrach sie. „Als der Herr Sodom vertilgen wollte, da sandte er einen Engel zu Lot, dem Sohne Harans, daß er ihn in sein Haus ausnahm und ihm ein Mahl richtete und backte ungesäuerten Kuchen, und aber, da er den Elia, seinen Knecht, wollte retten vor dem Schwerte Isabel, sandte er zum andermal seinen Engel und hieß ihn fliehen zum Berge Horeb — und wenn es sein wird an der Zeit, wird er auch uns senden einen Boten in Menschengestalt und wird uns heißen gehen." Tamar erwiderte nichts. Es lag etwas Unerschütterliches in dem strenggläubigen Wesen des Vaters, das an den Thaten der Vorzeit haftete, und an ihrem Beispiel als unabänderliche Vorschrift für die späten Nachkommen sesthielt, daß jedes mahnende Wort vergeblich erschien. Der Alte stand ruhig auf, ließ sich von seiner Frau ankleidcn in festliches Gewand uud ging auf seinen Stab gestützt mit langsamen Schritten hinab und über die Gasse in die Synagoge, um eine Danksagung für seine Genesung darzubringen.

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