Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 51 (18.12.1896)
- Date
- 1896-12-18
- Page
- Seite 845 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51. «llgemeiue J-raelttische Wochenschrift. Seite 845. macht, da es an einer genügenden Anzahl staatlich vorgebildeter, I hierzu qualifizierter Lehrkräfte mangelt. Um diesen berechtigten I Einwand zu begegnen, sind in den jüdischen Kreisen Geldj sammlungen etngeleitet worden, um die Errichtung eines j jüdischen Lehrerseminars zu ermöglichen. Das Seminar, j dessen Gründung, wie wir erfahren, bereits gesichert ist, soll 7 in Berlin seinen Sitz haben." — Trotzdem uns von absolut j zuverlässiger Seite versichert wird, daß inderthat in einer! Gruppensitzung des Zentralvereins d. St. j. Gl. eine aus das I neuzugründende Seminar bezügliche Mitteilung seitens des Herrn Kommerzienrat Julius Isaak gemacht worden sei, i erscheint uns das Ganze unglaublich. Denn ist es möglich, j daß einem jüdischen Wortführer die Existenz von mehr als einem s halben Dutzend jüd. Lehrerbildungsanstalten in Deutschland! unbekannt sein fotl 8 — Konkursstatistik. In einer der letzten Reichstagssitzungen verlangte der antisemitische Abgeordnete Zimmermann Fortsetzung der Konkursstatistik auch bezüglich der Religion der Konkursmacher. Vielleicht interessiert den verehrten Herrn Abgeordneten einstweilen die Konkursstatistik seines engeren Heimatlandes, des „judenreinen" Königreich Sachsen, damit können wir dienen: Nach dem XIV. Jahrgang (1893) des statistischen Jahrbuches für das deutsche Reich wurden in diesem gesegneten Ländchen im Jahre zuvor 1098 Konkurse eröffnet, das heißt, es kommen auf 100,000 Einwohner 30,4 Konkurse, während das Verhältnis im übrigen, mehr oder minder verjudeten deutschen Varerlande sich wie folgt stellte: im Königreich Preußen 12,3, in Batern 14,7 und im ganzen deutschen Reiche 15,3 Konkurse auf 100,000 Einwohner. Das judenreine Sachsen hat also im Verhältnis noch mal so viel Konkurse als das deutsche Reich! Facta loquuntur! — Dank vom Hause Antisem. Theodor Fritsch, einst ein Führer und bis vor wenigen Jahren sogar „Klassiker" der Antisemitenpartei, sinkt in der Achtung seiner Gesinnungsgenossen immer tiefer. Der antisemitische „Moderne Völkergeist" spricht von dem „erbärmlichen Jux" seines „Antis. Katechismus", und der gefallene Antisemitenführer muß sich bittend an „Freideutschland" wenden, um seinen Artikel „Der Zins ist der Jude" gedruckt zu sehen. Das Berliner Blatt nimmt auch am 4. Dez. den Artikel auf, ist aber boshaft genug, hinzuzufügen: „Wer von dem Verfasser eine günstige Meinung hatte, wird sie durch das zum Abdruck Gebrachte weiter bestätigt finden." — Weiter weiß das Blatt nichts von dem Führer der Leipziger Antisemiten zu sagen! Wenn es sich nicht um Fritsch handelte, würden wir hier ein Wort hergesetzt haben: Nebbich. — Aus den Fingern „geleckcrt" — so lautet jetzt ein termivus technicus — haben sich wieder einmal unsere Gegner eine Schauergeschichte. Die Ehefrau eines Mäntelfabrikanten Sally Cohn soll in Abwesenheit ihres Gatten eine Direktrice engagiert, dieser nach seiner Heimkehr sie ohne Kündigung und ohne Lohn sogleich entlassen haben, weil sie Katholikin war. Das Gewerbegricht soll nun den Herrn Cohn zu einem Schadenersatz von so und soviel Mark verurteilt haben. Man forschte hier bei allen möglichen Männern, die Sally Cohn heißen, nach dem Thatbestand, allein jeder erklärte mit Entschiedenheit von der Sache nichts zu wissen. Man wandte sich schließlich an das Gewerbegericht, und dieses erklärte rund und nett, daß an der ganzen Geschichte kein Wort wahr sei. So wird es gemacht! — Und sie bewegt sich doch! Das Amtsblatt der „Wiener Zeitung" veröffentlicht eine von den Herren Bürgermeister Joses Strobach und Gustav Simon als Präses-Stellvertreter der israelitischen Kultusgemeinde gemeinsam Unterzeichnete Kundmachung, worin angezeigt wird, daß wie alljährlich auch heuer aus den Interessen der Freiherrn Anselm v. Rothschildschen Waisenstiftung von 150000 fl. Oe. W. zweiundvierzig Waisenkinder christlicher und einundzwanzig Waisen jüdischer Konfession mit je 100 Gulden beteilt worden sind. — Naive Gemüter haben vermutet, der teutsche Bürgermeister von Wien werde im Namen der arischen Armen das Judengeld ablehnen. — Jehuda ha - Levi — bühnensähig. Der unvergleichliche Verfasser der unvergleichlichen Zionslieder, Jehuda ha - Levi ist aus die Bühne gebracht worden. Lemberger Zeitungen berichten nämlich, daß im dortigen jüdischen Theater eine sünfaktige „Oper" ausgeführt und beifällig ausgenommen wurde, die „Jehuda ha - Levi" oder „Die Sehnsucht nach Zion" betitelt ist. Der Librettist heißt Auerbach, der Komponist Wolfsthal. Die Künstler bringen auch mehrere Kouplets zum Vortrage, die alle mit dem Refrain enden: „Nach Zion zurück!" Feuilleton. Das sraße Zierde». Novelle aus dem deutschen Mittelalter von Wilhelm Jensen. (Fortsetzung.) Nachdruck untersagt. Und in diesen Zündstoff wüst durch einander genrengter Vorstellungen und Empfindungen fiel der schwarze Tod. Er kam mit allen seinen Schrecken, wie die Geschichte sich ihrer nicht entsann. Er entvölkerte Städte und Länder, er riß die Menschheit, aus deren Mitte Gedanken einer neuen Zeit aufzublühen begannen, um Jahrhunderte zurück, lähmte den Aufschwung des Handels, des Gewerbes, ertötete alle feineren Gefühle, alle Triebe, die den Menschen von dem Tier, dem er im barbarischen Zeitalter der Vergangenheit ähnlich gewesen, zu unterscheiden angesangen. Und dies unglaubliche, bittere, unerbittliche Verderben, das seine Hand von der Hütte bis an den Palast, bis an die Krone reckte, verschonte das elende, ausgestoßene Pariavolk in ihrer Mitte, in dessen Brust die Rache wohnen mußte, — oder schien es mit gemilderter Furchtbarkeit zu treffen. Denn das erschien gleich. Eine Stimme aus der erregten Menge rief: „Die Juden bleiben von der Pest verschont," und vom Ozean bis an die Karpathen gellte die Antwort zurück: „Die Juden haben die Pest erzeugt, um sich an der Christenheit zu räche», — tötet die Juden!" Es war die Angst des Gewissens, die in stürmischer Aufwallung das Herz Europas durchbebte. Und nun waren die Brunnen vor: Juden vergiftet, die Luft von Juden verpestet. Der Gedanke flog wie unsichtbarer Same über alle Länder, die Pest brachte ihn mit sich, wohin