Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 51 (18.12.1896)
- Date
- 1896-12-18
- Page
- Seite 844 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 844. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. meinden in Oberschlesien, dann Gr. Glogau, Königsberg i. Pr., Frankfurt a. O., Schlawe, Arnswalde :c., lagen zu nahe an Polen und waren zu sehr nach dem polnischen Zuschnitt eingerichtet, als daß sie sich dessen Einfluß hätten entziehen können, ja wir wären vielleicht zur Annahme berechtigt, daß auch mehrere dieser Gemeinden ursprünglich von polnischen Juden gegründet wurden. Wie käme sonst z. B. Königsberg i. Pr. zum Minhag Litthauen? (Schluß folgt) Du Misch-Ammlmischt itaiieiilionplj. St. New Port, im Dezember. Es war eine eigentümliche Versammlung, dieser Konvent jüdisch-amerikanischer Frauen, welcher eine ganze Woche lang hier tagte und eine ganze Reihe vortrefflicher Reden zu Tage förderte, ohne daß man sagen kann, daß etwas Greifbares erreicht worden wäre. Wenn auch diese Frauen nicht eigentlich dem Genus „New Woman" beigezählt werden können — sie trugen keine Bloomers, auch nicht die Eigentümlichkeiten der „neuen Frau" zur Schau, — bildeten sie doch eine Erscheinung, die dem fin de siede, besonders aber der amerikanischen Frau eigen ist. Zum ersten Male in der langen Geschichte Israels sehen wir die Frauen zusammentreten, mit einer selbstgestellten Aufgabe Anspruch auf einen besonderen Wirkungskreis erheben und dem modernen Rabbinertum vielleicht ein wenig Konkurrenz machen. Sie führten auch ihre Verhandlungen nach echt parlamentarischer Weise, verstanden es, Ordnung und Ruhe aufrecht zu erhalten und ihren Ideen eine gewisse Geltung zu verschaffen. Auch bei der Beamtenwahl konnte man ganz gut merken, daß ihre Führer politisch die Drähte zu ziehen verstanden. Es ist das ein nicht mißzuverstehender Beweis, daß sich die Juden vollständig in das moderne amerikanische Leben einzuspinnen verstanden, und wenn auch bis jetzt erst eine weibliche Kanzelrednerin austrat, so wäre es gar nicht zu verwundern, wenn nach und nach Frauen sich dafür qualifizieren dürften. Die Reden, die da gehalten wurden, waren durchweg gediegen, zeugten von tiefem Studium und ebenso von dem Ernst, der bei diesen Frauen vorwaltet, thatkräftig in das soziale und sozial-religiöse Leben einzugreifen und auf eine Besserung hinzuarbeiten, das ideale Streben zu fördern. Zu Anfang und am Schluß wurde eine Frage behandelt, die eigentlich die Hauptfrage hätte sein, auf welche das Hauptgewicht hätte gelegt werden müssen, eine Frage, in welcher gerade die Frauen der Hauptfaktor sein könnten: die Sabbatsrage. Daß das eigentliche Judentum in unserem Lande an einer Gleichgiltigkeit krankt, welche seinen Lebensnerv zu unterbinden droht, ist außer aller Frage, und diese Krankheit ist thatsächlich der Mißachtung des Sabbat zuzuschreiben. Nachdem der Broterwerb den männlichen Teil der jüdischen Bekenner zwang, am Samstag dem Erwerb nachzugehen, den Arbeiter, seinen Verpflichtungen nachzukommen, den Kaufmann und namentlich den Detaillisten sein Verkaufsmagaziu offen zu halten, hörte der Gewissensschlag auf, der vielleicht am Anfang als strenger Mahner auftrat, und man achtete dann überhaupt nicht mehr auf den Sabbat. Die Frauen Hütten freilich dem Sabbat die Weihe zollen können, im Hause hätte man nach wie vor die Sabbatweihe aufrecht erhalten können, und den Kindern wäre die Sabbatidee nicht entschwunden. Aber nein, die Frau wollte auch recht modern sein. Die Sabbatseier wurde als veraltet in die Rumpelkammer geworfen. Statt der Familienvereinigung am Freitag-Abend, ging man ins Theater, ging auf den Markt am Samstag-Morgen, zur Matinee-Vorstellung am Nachmittag — irgend wohin, nur nicht ins Gotteshaus. Da ist es nicht zu verwundern, daß mit dem Sabbat auch der Religionsgedanke, die religiöse Begeisterung flöten ging, und niemand anders als die jüdische Frau ist schuld daran — hierzulande wie anderswo. Als die Frage austauchte, am Sonntag gottesdienstliche Vorträge zu halten, um den am Samstag zur Arbeit gezwungenen Juden Gelegenheit zu geben, der Erbauung zu pflegen, da bäumte sich das jüdische Sabbatgefühl dagegen auf, und man zog es vor, lieber gar keinem Gottesdienst beizuwohnen, als diese Konzession der Schwester- oder Tochter-Religion zu machen. Frau Rebecca Kohut in ihrer Eröffnungsrede traf den Nagel aus den Kops, als sie sagte: „Sabbat! das ist das Wort, welches wir als Mütter in Israel mutig aussprechen müssen' Unsere Pflicht ist es, die Erlöser Israels zu werden! Unser sei die Pflicht, den Mut zu wecken und die Hoffnung in den Führern Israels, die es seiner Bestimmung entgegenführen! Sie haben unsere Sympathie nötig, unsere Hilfe. Sogar in das verheißene Land ging der Befehl voran: Nehmet die Frauen und Kinder mit, und von Sinais Gebirgshöhen ertönte der Ruf des Herrn in Donnerstimme: Gedenke des Sabbats, und da stimmten auch die Frauen mit ihrer Antwort ein: „Wir wollen thun und horchen! Lasset uns nicht blos horchen, sondern thun!" Ja, wenn die Frauen für die Wiedereroberung des Sabbats ihre ganze Kraft einsetzen wollten, wenn sie dem jüdischen Heim die alte Weihe wieder zu verleihen suchten, mit der Frau als Priesterin des Hausaltars, dann würden sie auch Erfolg haben und gleich den alten Prophetinnen den religiösen Geist des Judentums wieder neu beleben. Der Anfang ist gemacht, und das Ziel ist, die jüdische Frauenwelt aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Dann wird die Bewegung als eine Epoche im amerikanischen Judentum bezeichnet werden dürfen! N)ochen-(Lhronik. — Ein neues jüdisches Lehrerseminar? Verschiedene Tageszeitungen bringen folgenden gleichlautenden Bericht: „Eine Massenpetition um Einführung des obligatorischen Religionsunterrichts für jüdische Schüler haben sechshundert Gemeinden an das Kultusministerium abgesandt. Die Berliner Gemeinde hat sich diesem Vorgehen nicht angeschloffen, da die Mehrheit des hiesigen Repräsentanten-Kollegiums den fakultativen Religionsunterricht beibehalten (?) wissen will. Der Kultusminister ist dem Religionsunterrichtzwang im Sinne i* der Petenten nicht abgeneigt, hat jedoch Bedenken geltend ge-