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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-18 · 51 (18.12.1896) · p. Seite 843

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
51 (18.12.1896)
Date
1896-12-18
Page
Seite 843 (sequence 7)
Language
German
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lUr 51 Allgemeine J-raelitische Wochenschrift. Seite 643. Jahren das Judentum sich verhältnismäßig gut erhalten hat, ist dem gerechten^und objektiv wirkenden Vorsteher G. Bloch zu danken, nicht minder dem rührigen, nur für jüdische Interessen sich hingebenden E. Abraham und deren Kollegen. Sie arbeiten in Frieden und mit Toleranz gegen die alten Institutionen zusammen und haben seit einem Jahre den thatkräftigen Rabbiner Dr. Rosenack an ihre Spitze berufen. Er spricht gut und gedankenvoll, und rasch hat er sich die Liebe der „Neuen" und „Alten" errungen durch sein unermüdliches Eintreten für die Bedrückten. Nur einen Fehler hat die dortige freie Organisation, lieber den Kops des Rabbiners hinweg hält ein jeder von auswärts dort Trauungen, ob ein Lehrer, der eben erst das Seminar verlassen, ob ein Schochet, der kaum eine Idee von dieser heiligen Handlung hat — alles traut, und niemand hat das Recht, cs zu verbieten. Momentan sollen Verhandlungen schweben, diesen Zuständen zu steuern. So haben wir in Kürze die religiösen Verhältnisse in Oldenburg und Bremen geschildert. Es erübrigt uns noch, auch dem Landrabbinatsbezirk Emden unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden, was wir indessen für ein anderes Mal Vorbehalten wollen. D. B. in V. lloiil einmal die polnische» Inden. (Von einem deutschen Juden.) I. Zu Nr. 49 d. Bl. bricht Herr Dr. Bernseld eine Lanze für die vielgeschmähten und verspotteten „polnischen Juden" und meint u. a.: „Es ist nämlich in keinem Falle in Abrede zu stellen, daß die norddeutschen Juden*) ihren süddeutschen Glaubens- und Stammesgenossen geistig bei weitem überlegen sind. Diese Kulturfähigkeit haben aber die deutschen Juden in erster Reihe dem polnischen Elemente zu verdanken, welche die Kulturentwickeluna der norddeutschen Juden seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts stark gefördert und beeinflußt haben." Daß dieser polnische Einfluß auch wirklich stattgefnnden hat, sucht dann Herr B. an Thatsachen weitläufig zu beweisen. Ich glaube, es bedurfte hierzu garnicht des großen Apparats, man kann es viel billiger haben, man braucht sich nur ein bischen in der politischen Geschichte der ostelbischen Provinzen zu orientieren, um klipp und klar zu wissen, daß mindestens W) Prozent der norddeutschen Inden — nicht etwa von polnischen Glaubensgenossen blos beeinflußt, sondern überhaupt — polnischer Herkunft sind. Das klingt seltsam, besonders für die schwachen Nerven manches Deutschen jüdischer Konfession etwas unangenehm: es ist aber doch so. Zunächst dies anstatt des Beweises: Neulich sah ich, wie sich mehrere solcher enrangierte Nationaldeutsche jüdischer Konfession lieblos über ihre slavtschen (so lautet jetzt der moderne Ausdruck) Glaubensbrüder lustig machten und ihnen alle möglichen Fehler und Vergehen andichteten. Das that mir schon aus allgemeiner Menschenfreundlichkeit leid. Ich wandte mich an den einen und fragte ihn etwas indiskret: „Sagen Sie mal, lieber Freund, sind Sie Berliner?" „Ei bewahre," war die Antwort, „meine *) Gemeint sind wohl die Juden östlich von der Elbe. Wiege stand in Kurnik!" „Und die anderen Herren, wenn ich fragen darf?" fragte ich weiter. „Herr N. ist aus Kobylin, Herr U. aus Krojanke und Herr A. aus Putzig." „Ah," sagte ich darauf, „das schickt sich ja sehr schön. Kobylin, Kurnik, Krojanke und Putzig, wundervolle Alliteration! Wissen Sie vielleicht auch, wo Ihre berühmten Geburtsstätten liegen? In den Provinzen „Westpreußen und Posen", und wissen Sie, was diese Lande bis zu den letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts waren? Großpolen! Und wissen Sie auch, daß es 1815 ganz der Großherzigkeit und der Friedensliebe des russischen Kaisers Alexander I. zuzuschreiben, wenn Zduny preußisch und Zdunskapolla russisch geworden ist. Gemach also, lieben Freunde, nur keine Ueberhebung! Wenn Sie wollen, danken Sie dem Schöpfer, in dessen Hand das Herz der Fürsten ist, daß Sie unter die erleuchtete Herrschaft Preußens gekommen sind, die Ihnen die Entwickelung und Bethätigung Ihrer Kraft gestattet, und bedauern Sie jene, Ihre russischen Brüder, die unter Bedrückung und Ausschließung verkümmern; sie aber schmähen und verspotten ist undankbar und pietätslos zugleich, denn auch Ihre Großeltern waren polnische Juden!" Westpreußen und Posen waren also ursprünglich großpolnisch und wurden erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts (Westpreußen 1772 und Posen 1792) der preußischen Krone einverleibt. Dieser Anschluß an Preußen erwies sich für die dortige außerordentlich zahlreiche jüdische Bevölkerung, die, wie im übrigen Polen, selbst aus den kleinsten Plätzen starke Gemeinden hatte, materiell von den günstigsten Folgen. Waren sie bis dahin als polnische Juden mangels anderer Ansiedlungsgebiete — in den benachbarten preußischen Provinzen war ihnen als ausländische Juden weder sich niederzulassen, noch dort Handel zu treiben gestattet — gezwungen, in dichten Massen bei den dürftigsten Lebensbedingungen zusammen zu wohnen, so durften sie sich nun, nachdem sie mit den andern preußischen Juden März 1812*) Bürgerrechte und damit Freizügigkeit erhielten, im preußischen Staate nach allen Richtungen hin ausdehnen. Und davon machten sie in der ausgiebigsten Weise Gebrauch. In großen Scharen verließen viele ihre Heimat, um ihr Glück in den angrenzenden altpreußischen Provinzen zu suchen, ließen sich in größeren und kleineren Plätzen nieder und wurden, da sie in den meisten Fällen weder Gemeinden noch einzelne Glaubensgenossen vorsanden, die Schöpfer und Begründer fast aller dortigen kleineren jüdischen Gemeinden. Bei weitem die meisten derselben sind zwischen 1815—1830 entstanden, und es läßt sich in vielen Fällen auch heute noch ganz genau Nachweisen, aus welcher westpreußischen oder posener Stadt die Begründer der einen oder anderen Gemeinde entstammten. Es darf darum bestimmt behauptet werden, daß die weit überwiegende Mehrzahl aller jüdischen Einwohner Ostpreußens, Pommerns, Brandenburgs, Mittel- und Niederschlesiens westpreußischer oder posnischer — also ursprünglich polnischer Herkunft ist. Aber auch diejenigen wenigen Gemeinden dieser Provinzen, die schon weit vor der Einwanderung westpreußischer und posnischer Glaubensgenossen bestanden, wie z. B. mehrere Ge- *) In Provinz Posen wurden die Juden erst später naturalisiert.

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