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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-18 · 51 (18.12.1896) · p. Seite 840

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
51 (18.12.1896)
Date
1896-12-18
Page
Seite 840 (sequence 4)
Language
German
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1 Seite 840. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. sjjr 51 t müsse aber erhoben werden zu einer Armenpflege des Herzens, zn einer wirklich jüdischen Armenpflege. Dazu sei eine gesunde Dezentralisierung nötig, kleinere Kommissionen, aus Bewohnern der betreffenden Stadtteile zusammengesetzt, die besser die eingegangenen Bitten und die Personen der Bittsteller zu prüfen und zu beurteilen imstande seien. An diese trefflichen Ausführungen schloß sich ein allgemeines Bravo, was sonst in diesen Räumen nicht allzuhäuflg der Fall zu sein pflegt. Herr I. E. Isaak als Vertreter des Vorstandes und Vorsitzender der Armenkommission war in seiner Entgegnung recht schal und matt. Er meinte, es ließe sich im Falle einer Dezentralisation nicht über die Geldmittel verfügen, auch würde es schwierig sein, für die so gebildete Unterkommission die Mitglieder zu bekommen. Herr Martin Simon erklärte sich im Prinzip für die Sache, in der Entscheidung für den Vorstand. Herr Löwenberg, der in der Armenkommission in Ehren alt und grau geworden ist, vermochte sich begreiflicherweise für solche Neuerungen nicht zu begeistern. Interessant und lehrreich war seine Klage über die oft so spärliche Beteiligung der Mitglieder an den Sitzungen der* Kommission. Warum dem so ist, das wäre leicht zu beantworten. Solche Uebelstände werden hervorgerufen ^durch die in unserer Gemeinde zur Unsitte, zu einem Privilegium Weniger ausgeartete Usance, alle Gemeindeämter nur an die Mitglieder der ohnehin schon mit Geschäften, Aemtern und Würden überbürdeten Geldaristokratie des Westens zu übertragen. Das sprach auch in seinem sehr kräftig gehaltenen Schlußwort Herr Louis Sachs mit markigen Worten aus. Man könne zwanzig Leute an einem Finger haben, meinte er, wenn man nur an Stelle der Herren aus dem Tiergartenviertel Leute aus den betreffenden Stadtgegenden setzen würde, Männer aus dem Mittelstände, Lehrer und kleine Beamte, die sicherlich in ihrem Revier besser Bescheid wüßten als die Herren aus dem fernen Westen. Und hierzu rufen wir: „Bravo!" — Eine Entscheidung erfolgte am Sonntag noch nicht. Die Sache wurde einer neuen Kommission überwiesen, in welche aus der Versammlung hineingewählt wurden die Herren Dr. Apolant, Louis Sachs, DDr. Tiktin und Weigert.' Damit war die Tagesordnung der öffentlichen Sitzung, vermutlich der letzten der Repräsentanten im alten bürgerlichen Jahre unter dem alten jüdischen Gemeindevorstande erledigt. Was wird das neue Jahr, was der neue Vorstand uns bringen? Wo bleibt der Glaube? Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat am Montag Abend im Prunksaale der „Gesellschaft der Freunde" seine diesjährige Generalversammlung abgehalten. Die Ausbreitung, die der Verein im Reiche gefunden, und der Verlaus, den die Versammlung genommen, geben uns Veranlassung, das Referat über die Verhandlungen des Abends in das Gewand eines selbständigen Artikels zu kleiden. Die Verhandlungen begannen mit einer Vorlesung des Herrn Gustav Levinstein aus Groß-Lichterfelde über den „Glauben Israels". In warmen Worten legte der Redner dar, daß und warum wir Juden bleiben wollen, daß und warum wir eine andere Religion nicht annehmen können. Der hierauf vom Schatzmeister Dr. Ginsberg verlesene Geschäftsbericht besagte, daß dem Vereine 6400 Mitglieder, ' außerdem 78 Gemeinden korporativ angehören; daß die Einnahmen des Vereins sich aus 32,713, die Ausgaben aus 31,246 Mark belaufen, während das Gesamtvermögen 11,500 Mark - beträgt. Wie der Vortrag des Herrn Levinstein, der zeigen sollte, daß der intellektuelle Besitz Israels intakt sei, so wurde auch der Bericht des Herrn Ginsberg, der die materielle Lage , des Vereins als wohlgeordnet bezeichnet, von der Versamm- _ lung mit Beifall und Befriedigung ausgenommen. In bef rückendem Blau sahen die Zuhörer sich den Himmel über ihrem Haupte wölben, in rosigem Rot die Zukunft ihres Volkes und die Gegenwart ihres Vereins. Doch gar bald umdüsterte sich der Horizont, verfinsterte sich das Firmament und entlud orkanartig ein Donnergetöse, daß allen, die es vernommen, die Ohren gellen mußten. Zu dem Punkte Vorstandswahlen erbat und erhielt Apotheker Löwenstein das Wort. Ohne unser Gesinnungsgenosse zu sein, beantragte er im Sinne eines hier ausgesprochenen Wunsches, $ der Verein möge doch auch der zweiten Hälfte seines langen Namens Rechnung tragen und in den vielgliedrigen Vorstand wenigstens einen Mann wählen, der sich treu zum jüdischen Glauben bekenne, der sein Bekenntnis auch zu motivieren verstehe, der nicht blos „auch", sondern vornehmlich Jude sei. Und als solchen Mann bezetchnete Herr Löwenstein unseren verehrten Mitarbeiter, den Schriftsteller M. A. Klausner. Daß die Mehrzahl der Anwesenden, die Herrn Klausner als . gefürchteten Opponenten kannten, diese Nominierung mit lautem Widerspruch aufnahmen, ist begreiflich; wir Juden zeichnen uns durch die Tugend der Dankbarkeit aus, wir " halten treu zu denen, die uns versichern, daß sie zu uns halten, wir wollen nicht schwach sehen, die wir stark wissen möchten. Unbegreiflich, weil ungehörig aber ist die Thatsache, daß an der durch jene Nominierung hervorgerufenen Debatte. sich zwei Vorstandsmitglieder, die beiden Vorsitzenden, DDr. Fuchs und Horwitz, — von denen Letztgenannter zur Wahl stand! — sich beteiligt, die Kandidatur Klausner mit aller Schärfe bekämpft und, um Stimmung zu machen, Thatsachen — sagen wir — korrigiert haben. Es ist ein schwerer Vorwurf, den wir soeben ausgesprochen, wir wissen es; wir wollen ihn darum durch Belege erhärten: Weil Apotheker Löwenstein den wiederholten Miß- ■ erfolg in Sachen des berüchtigten Fleischbesudelungs-Prozeffes zur Sprache gebracht hatte, suchte Rechtsanwalt Fuchs diesen Mißerfolg als einen großen Erfolg, den größten, den der Verein erzielt habe, hinzustellen. Und dieweil die Zuhörer darob die Köpfe schüttelten, mußte der Redner sich näher erklären. Er erzählte, daß in der am 21. November vor der. Berufungsinstanz stattgehabten Verhandlung gegen den Be-: sudler des Judentums und seiner Bekenner, Karl Sedlatzek, j dnrch Gerichtserkenntnis sestgestellt wurden, die Behauptung - von einer — wenn die Bildung eines neuen Wortes gestattet ist — Ritualbcsudelung sei unsinnig, sei eine Fabel. JaZ der Vorsitzende Richter habe mit Entschiedenheit die An e nähme, das Judentum gebiete oder gestatte die Besudelung des an Nichtjuden verkauften Fleisches, weit von sich ge

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